Der Versammlungsraum war nur spärlich gefüllt. Ein paar einsame Zuhörer hatten sich auf die vielen Stühle verteilt und wirkten völlig verloren. Vorne im Raum gab es ein Rednerpult, hinter dem sich ein Mitglied der Selbsthilfegruppe bemühte ihre Zuhörer zu faszinieren. An der Wand hingen ein großes Holzkreuz und daneben eine Uhr. Carol verzog das Gesicht: der Zeiger bewegte sich wie in Zeitlupe.
"Ich heiße Nancy und bin eine ESPerin", begann die pummelige Frau ihren Vortrag.
"Hi, Nancy", erwiderten die anderen Mitglieder der Selbsthilfegruppe für telekinetisch begabte ESPer. Allerdings klang keiner davon sonderlich begeistert. Wie auch. Die meisten Leute, die in einer solchen Gruppe landeten, waren zu unbegabt, um an einer der Universitäten der Foundation zu studieren, aber fühlten sich selbst zu fähig, als dass sie sich mit ihren kümmerlichen Fähigkeiten begnügen konnten. Eigentlich erhoffte man sich irgendeinen wertvollen Tipp von den anderen ESPern, irgendetwas, das einen zu einem starken ESPer machen konnte. Aber spätestens nach der zweiten Sitzung musste man erkennen, dass hier das absolute Ende gefunden war. Der Durchbruch würde ihr hier sicherlich nicht gelingen. Die meisten Leute, die sich hier ansammelten, waren irgendwie einsam, fühlten sich auf die eine oder andere Art missverstanden, und hofften darauf, Gleichgesinnte Menschen oder wenigstens etwas Mitleid zu finden.
"... mit sechs Jahren habe ich das erste Mal willentlich meine Begabung eingesetzt. Es war im Sandkasten, bei uns auf dem Spielplatz. Wir spielten gerade Bäckerei, als diese groben Kerle ankamen ..."
Carol ließ den Blick von der Uhr hin zum Fenster gleiten. Oh Nancy, du wirst ganz schnell merken, dass sich hier niemand für deine Geschichte interessiert. Spar dir deine Worte, setzt dich und lass den nächsten erzählen. In einer Stunde sind wir hier dann endlich fertig.
Anfangs hatte sie ebenfalls ziemlich häufig vom Rednerpult gesprochen. Stundenlang hatte sie Reden geschrieben und vor dem Spiegel eingeübt. Hatte ihre Erfahrungen hervorgehoben und gehofft, damit etwas Besonderes zu sein. Fehlanzeige. Sie war hier so normal wie die meisten. Alle waren sie ESPer, niemand besonders gut, und ihre wunderbaren Erfahrungen und Ideen hatten die anderen schon gehabt. Immerhin war der Sitzungsraum im alten Gemeindehaus damals voll gewesen. Das war jedoch im Winter, wo sich die Leute abends langweilten und zu einer solchen Selbsthilfegruppe gingen, um der Einsamkeit zu entfliehen.
Jetzt war Sommer, und sie war immer noch hier. Kam jeden Donnerstag von sechs bis acht, mit einer halben Stunde Pause dazwischen, in der man sich unterhalten und austauschen konnte. Der einzige Grund dafür war, dass sie donnerstags ihren freien Tag hatte. Zwar würde sie lieber Arbeiten, aber die PizzaFlitzer, oder eher Papa Luciano, ihr Chef, nahm es mit den Gesetzen sehr genau, und demnach musste jeder Angestellte einen Tag frei haben. Also schlief sie lange, vertrödelte den Nachmittag und kam dann hier her. Wenn sie Glück hatte, war irgendein netter Kerl oder mal ein nettes Mädchen unter den Leuten hier, mit denen sie dann ausging und die Nacht verbrachte. Aber meistens war sie danach wieder alleine.
Diese ESPer-Beziehungen hielten niemals sonderlich lange. Sie war mal mit einem Kerl zusammen gewesen, der konnte durch Willenskraft Feuer entfachen. Pyrokinese und es hatte ihn ziemlich angemacht, wenn sie ihn mit Kerzenwachs bekleckerte, das er zum Schmelzen gebracht hatte. Einmal hatte er ihr allerdings die Haare versengt, so dass sie zwei Wochen nur mit Mütze Pizzas ausliefern konnte, was den Trinkgeldern nicht gut getan hatte. Also hatte sie den Kerl an die Luft gesetzt.
"... es war eine ganz wunderbare Erfahrung. Wie es Phönix gesagt hat: Ich habe an mich selbst geglaubt! Und dann waren meine Kräfte da."
Carol lächelte gequält; dieses Mädchen war genau wie sie. Kaum mit der Schule fertig, vielleicht einen Job oder einen Ehemann in Aussicht, und von dieser ganzen ESP-Scheiße und Phönix so angetan, dass es fast an religiösen Wahn grenzte. Mädchen, wach auf. Diese Welt ist nicht cool oder gerecht. Dein Prinz in der schwarzen Karre wird nicht kommen, Phönix ist tot oder lacht über all das.
Sie war damals ziemlich abgestürzt. Nach der Schule hatte sie eine Anstellung bei einer Bank - ein echter Schnieke-Job - und sogar einen festen Freund, mit dem sie verlobt war. Er arbeitete in einem Voodoo-Gebrauchswarenladen, und hatte ein paar abgefahrene Sachen im Bett drauf. Ihre Eltern waren stolz auf sie. Aber irgendwie war sie nicht sonderlich glücklich. Da musste es noch mehr geben, dachte sie sich. Nach vier Monaten schmiss sie ihren Job hin, verbrachte noch eine Nacht mit ihrem Verlobten und schlich sich dann aus der Stadt. Immerhin hatte sie überlebt, das konnten nicht alle Ausreißer behaupten. Die Zeiten waren jedoch ziemlich übel gewesen. Sie hatte versucht ein Stipendium an einer Uni zu bekommen, war aber abgelehnt worden. In ihrem Frust folgte sie einigen ESPern, die durch Drogenkonsum hofften, ihre Fähigkeiten zu verbessern. Fehlanzeige. Das einzige, was sie sich holte, war ein absolutes Down, ein paar Tage im Gefängnis und auf dem Straßenstrich und irgendeine beschissene Geschlechtskrankheit, die sie fast umgebracht hätte. Sie lebte in einem Kellerloch in Chicago und wäre da vermutlich krepiert, wäre nicht ein Kerl namens Birdy aufgetaucht, der sie mit in seinen großen Van nahm und nach New Orleans brachte.
Birdy war der einzige Mensch, den sie wirklich geliebt hatte. Er war ein echter Spinner, ein Outcast, der nichts mit ESP am Hut hatte. Er benutzte es nicht, auch wenn sein Leben davon abhing, verstand aber eine ganze Menge davon. Er pflegte sie gesund, sie wurden so etwas wie ein Paar, und er brachte ihr bei, wie sie mit ihren Fähigkeiten umgehen konnte. Richtig umgehen konnte, so wie es ein echter Lehrer zeigen würde, nicht dieser Selbsthilfequatsch. Sie hatten nicht sonderlich viel Geld, weil Birdy als Outcast selten Arbeit bekam, und Carol zu schwach zum Arbeiten war, lebten und liebten sie sich im Van, zogen durch die Straßen und verbrachten sogar eine Woche in den Sümpfen vor der Stadt, da wo sich Schamanen und unheimliche Voodoopriester versteckten. Carol fing wieder an zu leben und Gefallen daran zu finden.
Aber schließlich musste Birdy weiter. Er erzählte immer was von einer Mission, die er habe, und dass es noch andere hilfsbedürftige Menschen wie Carol gebe, auch wenn keiner wie sie sein würde.
Sein Abschied tat ihr überraschender Weise nicht sehr weh. Sie liebte ihn und vermisste ihn anfangs sehr stark, aber sie wusste, dass er nur glücklich war, wenn er frei wie ein Vogel war. Manchmal bekam sie Post von ihm, eine Karte oder mal einen längeren Brief zu Weihnachten.
Sie bewarb sich bei den PizzaFlitzern und wurde genommen, und begann ihr Leben ganz in den Dienst von Salami, 15-Minuten-Lieferungen und Trinkgeld zu stellen. Pizzas für die Flitzer zu fahren, war schon etwas Besonderes. Nur echt gute Leute wurden länger angestellt und hatten Aufstiegschancen. Und irgendwie war sie Lucianos Lieblingslieferantin. Das brachte ihr die besten Aufträge und höchsten Trinkgelder. Nicht dass sie mit dem alten Sack geschlafen hätte, nein, er war eher so etwas wie ein liebenswürdiger Onkel.
Birdy pflegte immer zu sagen: Mädchen, dieser ganze ESP-Kram lenkt die Leute nur von ihrem wirklichen Leben ab. Irgendwo hatte er Recht. ESP war manchmal wie eine Droge, auf die man sich so stark konzentrieren konnte, dass man alles andere vergaß, und wenn man Erfolg hat, war es ein geiles Gefühl.
Nancy beendete ihren kleinen Vortrag, lauschte andächtig dem trockenen Klatschen und stolperte dann vom Rednerpult fort.
Draußen machte sich die Sonne gerade daran, am Horizont zu verschwinden. Die Wohngegend um das Gemeindehaus war zwar nicht besonders gut, aber einigermaßen bewohnbar. Es gab so etwas wie Nachbarschaft und eine Freundlichkeit unter den Anwohnern. Nichts auf das man sich verlassen konnte, aber mehr als in vielen anderen Gegenden sonst.
Pause. Carol zog ihre Jacke vom Stuhl und schlenderte nach draußen. Nancy unterhielt sich mit einem Typen namens Pete, der scheinbar ziemlich interessiert an ihrer Geschichte war, sie aber am Ende nur ins Bett zerren wollte. Carol war ebenfalls auf ihn hereingefallen. Gehörte wohl zu diesen Selbsthilfegruppen dazu.
Der Flur roch nach Reinigungsmittel und Zigarettenqualm. In einem kleinen Regal lagen eine bunte Unzahl Flyer. Sie stellte sich davor und las die Titel, während sie in ihrer zu großen Lederjacke nach Zigaretten fischte. Kirche der ESPer, Treffen Paranormaler Mütter, Stipendiumsförderung der Phönix Foundation und anderer Unsinn. Die Zigaretten waren gequetscht und die Schachtel fast leer - ein langweiliger Tag ging zu Ende. Sie steckte den Glimmstängel in den Mund, bildete davor eine Schale mit ihrer Handfläche und konzentrierte sich. Es dauerte einen Moment, dann züngelte aus dem Nichts eine kleine schwache Flamme hervor. Schnell hielt sie das Ende der Zigarette daran und sog kräftig. Der Tabak fing an zu glimmen, gerade als sie die Konzentration verlor. Frustriert nahm sie einen tiefen Lungenzug, hustet geräuschvoll und wanderte durch den Flur.
Ihre Fähigkeiten in diesem Bereich waren lächerlich, wie die der meisten Menschen. Fast jeder konnte sich eine Zigarette anzünden, aber weiter kamen sie nicht. Nur etwas mehr, und sie hätte Karriere bei irgendeiner Armee machen können. Pyrokinetiker waren ein ziemlich gefragtes Völkchen, von wegen Kriegsführung und so. Aber es reichte eben nur für eine dämliche Zigarette. Ihre telekinetische Begabung war zwar recht ausgeprägt, aber aus irgendeinem beschissenen Grund gab es zu viele Mover, wie man diese ESPer nannte. Also hätte sie mit ihren Fähigkeiten gerade mal als Kofferträger oder Barkeeper arbeiten können. Nicht unbedingt eine Erfüllung. Da war der Job bei den PizzaFlitzern schon besser. Sie lächelte Nancy und Pete zu, als die beiden an ihr vorübergingen. Für manche Macker war es leicht sich eine neue Braut an Land zu ziehen.
Sie zuckte die Schultern.
Sie liebte den Geruch in Papa Lucianos kleinem Restaurant. Das Ambiente entsprach ganz dem dieser typischen italienischen Läden, wie man sie aus dem Fernsehen kannte. Nicht unbedingt etwas für Arme.
Bevor ihre Schicht begann, durfte sie sich im Speiseraum aufhalten und bekam eine Cola auf Kosten des Hauses. Der Duft von Pizza und Pasta hing in der Luft, untermalt von romantischer Musik und Kerzenschein. Sie lehnte sich zurück und beobachtete die Gäste, meistens Paare, die ein paar romantische Stunden miteinander verbringen wollten, ehe sie im Bett landeten. Sie nahm die ordentliche, weiße Serviette zur Hand, faltete sie auseinander und wieder zusammen, nippte an ihrer Coke und war zufrieden.
Neben ihr räusperte sich ein junger Kellner, ein entfernte Verwandter von Luciano, mit hübschen südländischen Gesichtszügen und einem schüchternen Lächeln. "Papa Luciano würde Sie gerne sehen", sagte er verlegen.
Carol lächelte ihn an und schob sich an ihm vorbei in die Küche. Das romantische Bild des kleinen Restaurants zerbrach unter dem Lärm und dem Anblick der Großküche. Dampf stieg aus Töpfen auf, eine ganze Wand voller Schnellbacköfen verbreitete eine unerträgliche Hitze, dazwischen hämmerten weißgekleidete Köche mit Löffeln und Schneebesen auf blitzende Schalen und Pfannen ein. Der Abend hatte begonnen und New Orleans Heißhunger auf Pizza.
Carol wich einigen Köchen und Kellnern aus und schlüpfte in den Besprechungsraum. Die meisten der PizzaFlitzer waren schon da und lümmelten sich auf den vielen Stühlen. Sie grüßte den ein oder anderen und setzte sich in die erste Reihe. Wie sie selbst trugen die Angestellten der Flitzer eine schwarz-neonorange Uniform, einen Motorradanzug mit einer Unzahl von Taschen. Zur Grundausrüstung gehörten weiterhin: ein Handy, Stadtpläne und ein kleiner Navigationscomputer, ein Kreditkartenablesegerät, Wechselgeld, falls mal ein Spinner mit Bargeld bezahlte, und ein schneller, wendiger Roller, mit dem man hervorragend durch New Orleans kam. Außerdem trugen die meisten einen Elektroschocker, CS-Gas und andere Tricks zur Selbstverteidigung bei sich. Kein scharfen Waffen oder so was, das war verboten.
Zwar brauchte man das Zeug selten, weil die Leute wussten, dass einen kein Pizzadienst mehr belieferte, wenn man versucht hatte eine Angestellte anzugrapschen, aber ab und an überlegte sich jemand, einen Flitzer zu überfallen. Eine doppelt unsinnige Angelegenheit, da die Einnahmen beinahe ausschließlich Computerdaten waren, und die meisten Pizzalieferanten die eine oder andere Kampfsportart beherrschten.
Papa Luciano kam durch eine Seitentür herein, gefolgt von einem weiteren Verwandten, einem schleimigen Rechtsanwalt, der Papa auf jedem Schritt begleitete. Der Chef der PizzaFlitzer, Distrikt West-New Orleans, war ein großväterlicher Kerl, mit schwindendem schwarzem Haar, einem freundlichem Gesicht und beleibtem Körper. Er trug wie immer einen makellosen Nadelstreifenanzug und eine gewagte bunte Krawatte mit einer Diamantnadel daran. Als er hinter das Rednerpult trat, kehrte sofort Ruhe im Raum ein. Papa schnippte an das Mikrofon, räusperte sich und lächelte dann in die Runde. "Ich begrüße Sie zur heutigen Abendschicht, meine Herrschaften. Wie immer liegt eine anstrengende Nacht vor uns. Die Spiele der NBA stehen heute auf dem Programm und wir können davon ausgehen, dass der Drang nach leckerer Pizza besonders groß ist. Denken Sie daran: Eine Pizza von den Flitzern bringen Sie in 15 Minuten. Falls nicht, erhält der Besteller einen Monat jeden Abend eine Pizza kostenlos - was wir natürlich von Ihrem Gehalt abziehen." Das wussten zwar alle, aber Papa konnte die Geschäftspolitik nicht oft genug verbreiten.
Carol selbst war es nur einmal passiert, dass sie eine Pizza nicht pünktlich gebracht hatte. Der Abend war ohnehin schon beschissen gewesen, weil ihr ein Lover ein paar Sachen aus ihrer Wohnung gestohlen hatte, und als sie dann diese Pizza ausliefern wollte, hatte sie eine Oma auf dem Bürgersteig umgesemmelt. Dummerweise hatte sie der Alten wieder auf die Beine geholfen, die sie daraufhin mit ihrer Handtasche verprügelt hat, in der sie vermutlich Backsteine spazieren führte. Daraufhin war sie zu spät bei der genannten Adresse angekommen. Der Kunde, ein feister Mechaniker, hat sich gefreut wie ein Schneekönig, während sie ihm mit blutender Nase eine Monatsgutschrift ausgestellt hatte.
Als sie am Morgen von ihrer letzten Fahrt zurück ins Restaurant kam, erwartete sie bereits Papa Luciano und sie hatte sich schon auf dicken Ärger eingestellt. Aber Papa hatte sie in seinem Büro verarztet und sie in den Arm genommen, als sie anfing zu weinen. Er hatte ihr erklärt, dass Hilfsbereitschaft eine gute Sache, aber in diesem Job unnütz wäre. Wenn so etwas passierte, hatte der Kunde immer noch Vorrang. Das Opfer konnte sich binnen einer Woche bei den PizzaFlitzern melden und Schadensansprüche geltend machen. Die Firma war gegen so was versichert, obwohl die meisten Klagen ohnehin abgewiesen wurden. Die Monatsgutschrift wurde ihr nicht vom Gehalt abgezogen.
Papa Luciano beendete die Besprechung mit einem Nicken und die Lieferanten verließen lärmend den Raum. Bevor er ging schenkte er Carol noch ein tiefes Lächeln. Sie wusste, dass sie wieder die lukrativsten Aufträge bekommen würde. Sie warf ihm eine Kusshand zu und folgte den anderen in den Auslieferungsraum. Von den Leuten hier kannte sie nur wenige, die meisten mieden sie, weil es ein offenes Geheimnis war, dass sie Papas Liebling war. Zudem wechselte die Besetzung recht häufig, so dass man in den Pausen selten ein bekanntes Gesicht sah.
Der Raum war durch einen breiten Durchgang mit der Küche verbunden. Hier standen die Roller der Flitzer, einer neben dem anderen, frisch gewaschen und poliert - Image ist alles. Carol kramte den Schlüssel aus ihrem Anzug und machte einen Routinecheck des Zweirades. Dann koppelte sie den Navigationscomputer an das Computergehirn des Fahrzeugs, woraufhin ein kleines Display zum Leben erwachte. Jetzt brauchte sie nur noch die Zielorte einzugeben, und der Computer suchte ihr die beste und schnellste Verbindung heraus. Das System war so einfach, dass selbst Anfänger schnell eine heiße Pizza ausliefern konnten. Der Trick bestand darin, sich nicht nur auf den NavComputer zu verlassen, sondern die Stadt zu kennen, Abkürzungen zu benutzen, die das Elektronengehirn nicht ausspuckte. Ansonsten wurde es ziemlich eng mit den 15-Minutenlieferungen. Man konnte auch eine langsamere, preiswertere Pizza bestellen, aber die wenigsten taten das, weil jeder die Hoffnung auf eine Gutschrift hegte.
Ein halbe Stunde vor Beginn der Basketballspiele brach im Auslieferungsraum Unruhe aus. Die ersten Bestellungen trudelten ein, und die Lieferanten holten sich eiligst ihre Aufträge ab. Unter lautem Knattern verschwanden die ersten bereits in die Nacht, die Pizza in einem wärmenden, stoßsicheren Kasten hinter dem Fahrer. Es war selten, dass man mehr als eine Pizza an unterschiedliche Orte brachte. Das war in einer Viertelstunde nicht möglich. Daher gab es für jeden Auftrag einen Lieferanten. Es war ein ständiges Kommen und Gehen, und nur in den seltensten Fällen reichte das Personal nicht aus. Dann wurden Leute von der Bereitschaft angerufen, um die Flitzer zu verstärken.
Erst als es etwas leerer geworden war, bemühte Carol sich um einen Auftrag, wohl wissend, dass die besten für sie zurückgehalten wurden. Die 15 Minuten galten erst, sobald die Pizza im Wärmekasten auf dem Roller lag.
Ihr erster Job war einfach - eine Pizza Inferno mit extra Käse an eine Adresse unweit der Zentrale. Sie quittierte den Empfang der Pizza und stiefelte zu ihrem Roller, legte den warmen Pappkarton (Echte Pizza schmeckt nur aus dem Karton, sagte Papa Luciano immer) in die Box und startete den Roller. Dann tippte sie die Adresse in den Computer und zog sich den Sturzhelm über. Mit einem Satz war sie draußen auf der Straße, ließ den Motor aufheulen und fädelte sich in den Verkehr ein. Der Roller beschleunigte weiter, und wie ein Surfer auf den Wellen schlängelte sie sich durch die zähe Masse der Autos. Kurierdienste waren etwas ganz alltägliches in der Stadt, und niemand scherte sich um die bunten Freaks auf Rollern, Fahrrädern und Skateboards.
Sie liebte dieses Gefühl. Die Stadt pulsierte nur so vor Leben, alles war voller Lichter und Bewegung, und sie mittendrin. Carol machte einen engen Schlenker um einen dahinkriechenden LKW, pendelte sich auf der linken Spur ein und gab Vollgas. Die Avenue war lang und gerade, und so voller Autos, dass man mit einem solchen Ewigkeiten brauchte, um an sein Ende zu gelangen. Mit einem Roller jedoch konnte sie sich wie ein kleines, emsiges Insekt durch die Lücken winden. Das Display leuchtete in roten Lettern: 12:23:21. Noch eine kleine Unendlichkeit Zeit. Sie verlangsamte etwas und hielt sogar an einer roten Ampel an. Normalerweise konnte man sich das als Kurier kaum leisten. So etwas wie Verkehrsdelikte gab es für die Angestellten der meisten etablierten Dienste nicht (weil diese die Stadtverwaltung mit ausreichend Schmiergeld versorgten), der einzige Grund an einer roten Ampel zu halten war der, dass man an seiner Gesundheit hing. Neben ihr hielt ein Fahrradkurier von SendIt! in seiner rotweißen Uniform. Der Anzug war hauteng, so dass sie den muskulösen Körper darunter sehen konnte. Grüßend hob sie eine Hand, aber schon beim ersten Anzeichen des gelben Lichts trat er in die Pedale und schoss über die Kreuzung. Sie drehte am Gas, setzte den Blinker und bog nach links ab. Hier war der Verkehr etwas weniger dicht, und sie machte die verbummelte Zeit wieder wett. 09:12:34. Der Zeiger hüpfte auf dem Kartendisplay umher. Am Ende der Straße verlagerte sie ihr Gewicht nach links und legte sich ganz in die steile Kurve. Dann gab sie nochmals ordentlich Gas, ehe sie an einer weiteren Kreuzung langsamer wurde. Der Cursor leuchtete hektisch.
Die Anschrift gehörte zu einem schäbigen Mehrfamilienhaus, wie es sie häufig in New Orleans gab. Im Erdgeschoß befand sich ein schmieriger Laden, darüber die Wohnungen. An der linken Außenwand befand sich eine rostige Feuerleiter mit einem Müllcontainer darunter. Sie stoppte auf dem Bürgersteig, nahm die Pizza aus der Box und suchte die passende Klingel.
Es knisterte in der Gegensprechanlage: "Was ist?"
"PizzaFlitzer mit einer Inferno für Hutton. Machen Sie bitte ein Fenster auf", erklärte sie, und trat dann zurück auf den Bürgersteig. Es dauerte einige Augenblicke, dann öffnete sich quietschend ein Fenster im dritten Stock. Ein Mittvierziger mit fettigem Haar und speckigem Unterhemd lehnte sich heraus.
"Ihre Pizza, Mister", sagte Carol und warf den Karton und den Kreditkartenableser in seine Richtung. Der Mann zuckte zusammen und streckte die Hände aus, aber der Karton flog nicht hoch genug. Gerade als Pizza und Scanner die Reise nach unten antraten, konzentrierte Carol sich. Birdy hatte ihr ein paar Tricks beigebracht, mit denen sie ihre ESP-Kräfte effektiver nutzen konnte. Einer davon war diese Fokus-Geschichte. Sie musste sich nur etwas Fliegendes vorstellen und diesen Gedanken mit der Pizza und dem Lesegerät verbinden, dann war es um einiges leichter. Ihr Lieblingsfokus waren UFOs. Sie dachte an eine Fliegende Untertasse aus grauem Metall mit hell erleuchteten Bullaugen, die Pizza und Lesegerät nach oben schob. Anfangs hatte es nicht funktioniert, weil sie das Bild ziemlich komisch fand, aber als sie sich erst einmal daran gewöhnt hatte, war es tatsächlich einfacher geworden.
Sie zog mit dem Blick den Weg nach, den die beiden Gegenstände nehmen sollten und fixierte ihn vor dem Bauch des Kunden. Abrupt endete der Fall der beiden Dinge und sie begannen ihren Aufstieg. Telekinese konnte Dinge zwar bewegen, aber man konnte sie nur schwer beschleunigen. Daher war Telekinese auch nicht sonderlich als Waffe zu gebrauchen, sah man von ein paar Tricks ab. Dafür war es eine praktische Sache beim Aufräumen oder Cocktail-Mixen.
Der Kunde griff widerwillig nach den beiden fliegenden Objekten, stellte die Pizza neben sich ab und zog seine Karte durch den Ableser. Dann warf er ihr das Gerät mit mürrischem Gesichtsausdruck nach unten. Einen Moment dachte sie daran, es mit ESP aufzufangen, entschied sich dann aber anders und schnappte es mit beiden Händen. Ein Blick auf die Statusanzeige sagt ihr, dass er ziemlich wenig Trinkgeld gegeben hatte. Dafür war es ein stressfreier Job gewesen.
Sie studierte die Straßenkarte und verglich sie mit dem Blinken des Navigationscomputers.
Eine Luciano Special an einen Kunden im Villenviertel. Es war ziemlich selten, dass sich solche Leute Pizza oder Pasta bestellten, aber wenn, dann versprach eine solche Tour auch ordentlich Trinkgeld. Nur mit der Zeit war es etwas knapp, weil die Villen alle am westlichen Stadtrand lagen und nicht zu den Ballungszentren von Pizzakonsumenten gehörten. Aber dieser kleine Kitzel machte es eigentlich aus. Ansonsten hätte sie auch bei einem anderen Dienst arbeiten können.
Schließlich warf sie die Pizza in die Box und startete durch. Dieses Mal fuhr sie einen Bogen um die Hauptstraße, und nahm einen parallel dazu verlaufenden Drive, der weniger stark befahren war. Als sie eine lange gerade Strecke vor sich hatte, drehte sie voll auf, überholte waghalsig ein paar Wagen, ehe sie sich nach rechts wandte, um die kleineren Straßen zu nutzen. Nach drei Minuten tauchte vor ihr das Campusgelände der Phönix University of New Orleans auf, ein beunruhigendes, großes Gebäude, das der Architekt direkt aus einem Gruselfilm genommen haben musste. Das Hauptgebäude war aus rotem Backstein und völlig mit dichtem Efeu überwuchert. Auf dem Schindeldach kauerten schaurige Gargyle nebeneinander, die den Campus mit ihren steinernen Blicken beobachteten. Sie hielt vor dem schmiedeeisernen Tor, von dem ein Flügel offen stand. Die Uni war allen zugänglich, Arme und Bedürftige durften sich in der Mensa etwas zu Essen abholen oder manchmal auch auf dem Campus übernachten. Der Wachdienst war da sehr liberal. Nur die magiewissenschaftlichen Abteilungen waren für Nicht-Mitglieder gesperrt. Aber es war ziemlich selten, dass jemand eine Nacht hier verbrachte. Unter einigen Kids war es eine Art Mutprobe hier ab Mitternacht auszuhalten, wie in irgendeinem alten Märchen, das sie als Kind einmal gehört hatte.
Carol warf dem steinernen Phönix, der auf einem Sockel neben dem Eingangsportal thronte einen kritischen Blick zu. Er war sehr groß, fast zwei Meter, und erinnerte irgendwie an eine Mischung aus Adler und Pfau. Der Schnabel war gekrümmt, der Kopf aufmerksam gehoben, die Flügel ausgebreitet, während sich die langen Schwanzfedern um den Sockel wanden. Die Krallen bohrten sich in ein Meer aus züngelnden Flammen, die zu Stein erstarrt waren. Wie ein Phönix aus der Asche.
Sie mochte die Figur nicht. Aus irgendeinem Grund hatte sie das Gefühl, als würde sie das Vieh beobachten. Sie schauderte, schluckte ihre Bedenken aber runter. Wenn sie denn Weg quer über das Universitätsgelände nahm, würde sie eine Menge Zeit sparen. Es half nichts, wenn sie sich hier vor Angst in die Uniform machte.
Entschlossen stieß sie sich und den Roller ab und gab Gas. Das Röhren des Motors zerriss die Stille auf dem Campus, als sie eiligst darüber hinwegbrauste. Sie fuhr diesen Weg nur sehr selten. Tagsüber war es nicht so schlimm, weil dann eine Menge Menschen hier waren, aber nachts hatte sie dass Gefühl, als würden die Gargyle und der scheußliche Feuervogel zu unheimlichem Leben erwachen. Sie vermied es nach oben auf die Dächer zu schauen, aber in ihren Gedanken stiegen Bilder von lachenden Fratzen auf, die so dämonisch waren, wie die jener Kreaturen, die sie eigentlich vertreiben sollten. Fast konnte sie ihr gackerndes Lachen hören.
Vor einer Woche war eine der Grotesken vom Dach eines wissenschaftlichen Gebäudes verschwunden. Das Fernsehen hatte darüber berichtet. Es gab keine Anzeichen davon, dass sie jemand gestohlen hätte, oder dass sie heruntergefallen sein könnte. Eine verrückte Geschichte. Ein paar Leute hatten dann sogar behauptet, dass die Groteske nachts auf dem Campus herumschlich und Obdachlose verschleppte. Die ganzen magischen Energien hätten ihr Leben eingehaucht. Lächerlich.
Als sie mitten auf dem Campus war, wo man eine kleine Kapelle nachgebaut hatte, bereute Carol ihre Entscheidung. Das ganze Gelände war wie ausgestorben, die altmodischen Straßenlaternen boten nur ungenügendes Licht und mit dem Lärm, den ihr Roller verursachte, konnte sie ohne Probleme ein paar der steinernen Wächter aufwecken.
Sie gab Gas und zog eine tiefe Furche durch den Kiesweg, der sich in ein Gewirr aus weißen Linien in die Parkanlage verlor. Langsam wurde sie unruhig, denn eigentlich hätte sie vor ein paar Metern an einem Verwaltungsgebäude mit einem Säulengang davor vorbeikommen sollen, aber jetzt fuhr sie auf einem schmalen Kiesweg dahin. Die Laternen wurden nun weniger, und links zeichnete sich ein kleines Waldstück ab. Innerlich verfluchte sie die Foundation mit ihrem vielen Geld und ihrer Neigung, die Universitäten wie märchenhafte Gruselhäuser aussehen zu lassen. Es war stockdunkel, und der Scheinwerfer ihres Rollers war nicht übermäßig hell. Sie wurde langsamer und versuchte in der Dunkelheit vor sich etwas zu erkennen.
Wie aus dem Nichts tauchte eine hoch gewachsene Gestalt mitten auf dem Weg auf, ein nachtschwarzes Wesen, dessen Haut im Licht funkelte. Carol unterdrückte einen Schrei und trat auf die Bremse. Der Roller schlingerte, als die Räder keinen Halt auf dem Kiesweg fanden, und rutschte unter ihr weg. Instinktiv rollte sie sich vom Sitz, als die Maschine geradewegs auf die Gestalt zuschleuderte. Carol überschlug sich einmal, prallte hart auf dem Boden auf, so dass ihr die Luft aus den Lungen gepresst wurde und rutschte ein schmerzhaftes Stück über den Kies. Mit lautem Krachen knallte der Roller gegen das Etwas.
Benommen blieb sie einige Augenblicke liegen, ehe die Sterne vor ihren Augen verschwanden. Der Anzug war gut gepolstert, aber trotzdem hatte sie sich Prellungen zugezogen. Ihr schwirrte der Kopf und sie zog den Helm ab um frische Nachtluft zu atmen.
Die kleinen Steine knirschten unter ihr, als sie sich mühsam aufrappelte. Die rechte Seite ihrer Hose war zerrissen, und im schwachen Licht konnte sie ihre blasse Haut und einige tiefe Schürfwunden mit glitzerndem Blut erkennen. Der Schmerz ließ nicht lange auf sich warten und Carol bis die Zähne zusammen. Reiß- und sturzfest, hatte die Verkäuferin geschworen.
Vorsichtig humpelte sie auf ihren Roller zu, der leise gurgelnd am Fuß der Statue lag. Die Räder drehten sich noch, und der Scheinwerfer gab ein pulsierendes Leuchten von sich.
Nah großartig, die FlitzerZentrale würde begeistert sein. Wütend blickte sie zu der metallenen Statue auf. Es war ein Bildnis des jungen Phönix, der den rechten Arm gehoben hatte und in die Sterne deutete oder in Richtung Himmel oder wohin sonst. Sein Gesicht war nachdenklich, seine Kleidung bestand aus einer altmodischen Robe und modernem Pullover und Hose. Über seiner linken, ausgestreckten Hand schwebte eine kleine Weltkugel. Phönix war hauptsächlich ein Mover gewesen, aber der Künstler hatte mit seinen Fähigkeiten wohl etwas übertrieben, wenn er Phönix die Welt schweben lassen ließ. Andererseits umspannt seine Foundation heute die ganze Welt, und irgendwie hatte er damit wohl doch recht.
Carol war versucht, der Statue einen Tritt zu versetzen, aber ihr taten schon genügend Körperteile weh. Ächzend zog sie ihren Roller wieder auf die Räder. Am Sockel der Figur war eine glänzende Metallplatte eingelegt, auf der Glaube an dich selbst stand. Wie Carol fand, war es eine der abgedroschensten Phrasen der Foundation.
Sie kontrollierte die Statusanzeige: 06:43:43, es würde verdammt knapp werden, aber die Lieferung konnte sie noch pünktlich zustellen. Danach würde sie dann keinen Job mehr machen, sondern sich verarzten lassen und sich zu Hause in ihrem Bett verkriechen.
Gerade als sie aufsitzen wollte, hörte sie ein lautes Knacken aus dem Waldstückchen. Der Waldrand war nur ein paar Meter entfernt, aber es war so dunkel, dass sie nichts erkennen konnte. Vermutlich ein Penner, der den Lärm gehört hatte.
Eilig kletterte sie auf den Sattel und nestelte nervös am Starter herum. Das Knacken und Rascheln ertönte erneut, dieses Mal jedoch sehr nah. Es klang viel zu grob für einen Penner, als würde sich etwas Großes zwischen den Bäumen durchschieben.
Gerade als der Roller ansprang, warf Carol einen Blick zurück. Ihr Herz machte einen Satz, als sie eine unförmige Gestalt zwischen den Büschen hervorkommen sah. Das Ding war klobig und verfügte über große Schwingen, und im Mondlicht konnte sie eine teuflische Fratze erkennen, deren Augen rot leuchteten. Die Groteske, schoss es ihr durch den Kopf. Es war, als würden diese beschissenen Kindergeschichten vom Candyman und seinen Freunden direkte Formen annehmen. Das Ding war ungeheuer hässlich, hässlicher noch als seine Brüder auf den Dächern, vielleicht, weil es kein steinernes Gesicht mehr war. Es lebte und verzog in bestialischer Gier das Maul.
Carol schrie und gab Gas. Die Reifen schleuderten Kies hoch, einen Augenblick fassten die Räder nicht, dann schoss sie mit einem Satz nach vorne. Der Roller schlingerte, aber sie brachte ihn unter Kontrolle. Im Rückspiegel beobachtete sie, wie das Wesen in plumpen, langsamen Bewegungen hinter ihr her hüpfte. Pech gehabt, Arschloch.
Einen Augenblick später war das Ding aus dem Blickfeld des Spiegels verschwunden. Sie schluckte schwer und verlangsamte etwas, um aufmerksamer in den Spiegel zu schauen, ohne vom Weg abzukommen. Die Groteske war weg, einfach weg.
Dann sah sie zwei rot leuchtende Punkte, die etwa drei Meter in der Luft schwebten, und erkannte den massigen Körper, der von zwei gewaltigen Schwingen in der Luft gehalten wurde. Carol fluchte innerlich, versuchte noch mehr Saft aus der Maschine zu quälen, aber das Augenpaar kam unaufhaltsam näher. Das Ding hatte sich entschieden zu viele Horrorfilme reingezogen. Sie fuhr etwas nach links, spannte sich an, und gerade als die Groteske auf Klauenlänge heran war, warf sie sich zur Seite. Da sie wusste, was kam, konnte sie den Sturz auf dem weichen Rasen abfangen, drehte sich ein paar Mal um die eigene Achse und blieb dann schwer atmend liegen. Der Roller krachte in ein nahes Gebüsch, während die Groteske mit einem bestialischen Schrei ins Leere griff, und neben dem Roller in dichte Sträucher einschlug.
Carol blieb keine Zeit, sich um ihren schmerzenden Körper zu kümmern. Sie rappelte sich auf, warf einen kurzen Blick in Richtung des Rollers und der Kreatur. In der Dunkelheit konnte sie den massigen Schatten erkennen. Das genügte, und sie begann zu laufen. Ihr Bein tat bei jedem Schritt weh, aber sie bis die Zähne aufeinander und bewegte sich so schnell sie konnte. In einiger Entfernung sah sie die kleine Kapelle und dahinter die erleuchteten Ausläufer der Universitätsgebäude. Wenn sie nur jemand sehen würde.
Die Lichter rückten immer ein kleines Stückchen näher und verzogen sich zu einem hellen Schimmern, als Carol Tränen in die Augen stiegen. Der Kies knirschte unter jedem ihrer Schritte, während sie mit rasselndem Atem weiterhumpelte. Völlig erschöpft erreichte sie die Kapelle und nestelte mit schweißnassen Händen am Türgriff herum. Die schweren Schritte der Kreatur kamen immer näher, als das Schloss mit einem protestierenden Knarren aufsprang und sie in die Dunkelheit stolperte. Sie rutschte auf einer Stufe ab und landete auf dem kalten Boden. Der Stein brannte auf ihren heißen Wangen. Mühsam gab sie der Tür hinter sich einen Tritt und klammerte sich dann an eine der hölzernen Bänke. Es war jetzt ganz ruhig um sie herum, nur das Hämmern ihres Herzens schien schwer auf der Stille zu lasten.
Müde und ausgelaugt torkelte sie vorwärts. Es gab nur ein schmales Fenster über dem Altar, durch das schwaches Licht hereinfiel. Die Kapelle war ganz einem alten, europäischen Vorbild nachempfunden, und man hatte aus ästhetischen Gründen auf sämtliche Modernisierungen verzichtet. Es gab nicht einmal elektrisches Licht. Am Altar hielt Carol inne und lauschte. Draußen war es beinahe genauso still, wie hier drinnen, aber dann konnte sie schwere Schritte hören, die um die Kapelle schlichen. Ab und an mischte sich ein animalisches Knurren darunter.
Warum kam das Ding nicht herein? Alt Geschichten von Vampiren, die Angst vor heiligen Orten und Kreuzen hatten, sprangen in ihre Gedanken und entzündeten eine kleine Flamme der Hoffnung. Dann verstummten die schleifenden Schritte draußen, und sie konnte das schwere Schlagen von Schwingen hören, das sich kreisend um die Kapelle zog. Nervös und verängstigt lauschte sie und drehte dabei den Kopf hin und her.
Carol begann zu zittern und nach und nach meldete ihr Körper eine Unzahl von schmerzenden Stellen. Langsam glitt sie an den Altar gelehnt zu Boden, streckte das verletzte Bein aus und lehnte sich zurück. Die Wunden pulsierten, und für einen Moment war sie versucht, diese mit ESP zu behandeln. Aber ihre Fähigkeiten waren dazu nicht ausreichend, es langte gerade mal für Kopfschmerzen oder eine kleine Schürfwunde. Wenn sie das jetzt versuchen würde, wären ihre letzten Kraftreserven aufgebraucht.
Leider lag ihr Handy irgendwo in den Trümmern des Rollers, ansonsten hätte sie Hilfe rufen können. So aber war sie in dieser Kapelle gefangen, während das Ding draußen seine Kreise zog. Sie wendete mühsam den Kopf und versuchte durch das kleine Fenster etwas zu erkennen.
Einige Zeit sah sie nur den sanft wiegenden Schatten eines Baumes, dann plötzlich wuchs er immer weiter an, bis er das ganze Fenster ausfüllte. Im nächsten Moment explodierte das Glas, als sich die Groteske mit voller Wucht gegen die Öffnung warf. Carol schrie, als Glassplitter und Wandstücke auf sie niederregneten. Sie sah die leuchtenden Augen und den massigen Körper, der in einer trudelnden Bewegung auf den Altar zuraste. In panischer Angst krabbelte sie weg, gerade als das Wesen mit lautem Krachen darauf landete. Dann war sie an der Treppe und stolperte hinauf, hämmerte gegen die Türe, und schlug auf die Klinke ein, während sie hörte, wie die Groteske sich aufrichtete und dabei die letzten Reste des Altars platt walzte.
Die Schritte kratzten über den steinernen Fußboden, gingen dann aber in einem schrillen Kreischen unter. Schließlich riss Carol die Tür auf und stolperte in die Dunkelheit. Wie von Sinnen hastete sie nach links und umrundete die Kapelle, rutschte auf dem Kiesweg aus und schlug schwer auf dem Boden auf. Die kleinen Steine bohrten sich in ihr Fleisch, aber sie achtete nicht darauf sondern stolperte vorwärts. Dann hatte sie die Deckung der steinernen Wand hinter sich gelassen und stand vor einer breiten Wiese, hinter der sich ein erleuchtetes Gebäude befand. Die Lichter waren nur schimmernde Striemen in Carols Tränen verschmiertem Blick. Sie hörte die schweren Schritte ihres Verfolgers, die noch lauter waren als das rasende Hämmern ihres Herzens.
Sie sog die Luft ein, versuchte nicht auf die Schmerzen zu achten und rannte los, so gut es ging. Sie wusste nicht, ob sie schrie, als sie über die Wiese auf die rettenden Lichter zulief, wusste nicht, wie wenige Meter sie vor der Groteske Vorsprung hatte, als sich plötzlich etwas scharfes in ihre Schultern bohrte. Die Wuchte hätte sie vermutlich zu Boden gerissen, doch mit einem Ruck wurde sie in die Höhe gehoben. Der Schmerz war unerträglich, ihre Füße verloren den Kontakt mit dem Rasen.
Sie blickte nach oben und ihr panisches Schreien steigerte sich noch um eine Oktave. Die hässliche Fratze der Groteske war direkt über ihr. Ein dämonisches Gesicht mit einer Fledermausnase, zuckenden, spitzen Ohren und mehreren verdrehten Hörnern, die aus dem Schädel wuchsen. Die Augen leuchteten rot, während sich das breite Maul gierig öffnete. Darin tanzte eine lange, ledrige Zunge über Reihen nadelspitzer Zähne.
Carol spürte, wie ihr warmes Blut den Rücken hinabrann, als sie so durch die Luft segelten. Sie versuchte ihre Arme zu bewegen, aber sie fühlte sie nicht mehr. Ihr ganzer Körper war taub, während sie an den Krallen baumelte. Der Flug war holprig, als hätte die Groteske Mühe ihre Last zu tragen. Sie rasten an der Kapelle vorbei auf das Waldstück zu.
Carol konzentrierte sich in einem letzten verzweifelten Versuch ihr Leben zu retten. Das UFO tauchte in ihrer Vorstellung auf und begann sich gegen die Augen der Groteske zu drücken. Fester und fester, so viel Kraft Carol aufbringen konnte. Sie hörte einen quiekenden Schrei, als der telekinetische Druck real wurde und dem Vieh die Augen nach innen drückte. Sie spürte, wie der Griff der Klauen etwas lockerer wurde, und konzentrierte sich noch mehr. Sie verloren schlingernd an Höhe, das Flügelschlagen verwandelte sich in ein hektisches Flattern. Carols Kopf dröhnte. Schweiß rann ihr in dichten Bächen die Schläfen hinab und brannte auf ihrer Haut.
Dann beschrieb die Groteske einen Bogen und raste auf die kleine Kreuzung zu, an der Carol gegen die Statue geprallt war. Mit einem Ruck zerbrach Carols Konzentration, als sie die Statue des Foundation Gründers auf sich zukommen sah. Die Groteske kreischte triumphierend und beschleunigte mit schweren Schlägen.
Carol schrie nicht, sondern starrte fasziniert in das Gesicht des jungen Phönix, das auf sie zuraste. Den Arm ausgestreckt, eine kleine Weltkugel schweben lassend, war dieser Mann ihr beschissenes Schicksal. Ein ziemlich lächerlicher Tod, wie sie fand.
Der Aufprall war hart, der Schmerz, den sie empfand, als sich der Arm durch ihren Brustkorb bohrte, war kurz und in der darauf folgenden Dunkelheit schnell verloren.




