Gestohlene Träume

Das Licht hinter dem Fenster erlosch und das Haus versank in tiefen Schlummer. Die Straße war leer, irgendwo kläffte ein Hund, aber ansonsten war es still. Nur der Wind raschelte in den Bäumen am Straßenrand und trug den Geruch nahenden Regens mit sich.

Er trat aus dem Schatten eines Baumes und ging langsam über die Straße, vorbei an parkenden Autos hin zum Eingang. Im Glas der Tür spiegelten sich seine dunkel gekleidete Gestalt, sein blasses Gesicht und die fahlen Hände, die sich geschickt am Schloss zu schaffen machten. Mit einem leisen Klicken gab es nach und er betrat den Hausflur. Seine Schritte halten leise in der Dunkelheit, als er langsam den Stufen nach oben folgte, vorbei an Türen, vor denen ein Kinderwagen und kleine dreckige Schuhe standen. Hier schien alles gleich zu sein, nur in den glänzenden Namensschildern an den Türen verloren sich die Bewohner in ihrer Anonymität. Er blieb stehen und betrachtete das glatte Holz vor sich, strich mit seinen kalten Fingern beinahe liebevoll darüber, fuhr die Schrift auf dem glänzenden Schild nach und ließ seine Hand zum Türgriff wandern. Die Leichtigkeit, mit der sich das vermeintliche Sicherheitsschloss öffnen ließ, brachte ein Lächeln auf sein Gesicht. Nichts konnte einen gegen die Dunkelheit schützen. Lautlos trat er in den kleinen Flur und Schloss die Türe hinter sich. Es war dunkel, aber das störte ihn kaum. Mit seinen Sinnen fand er sich mühelos zurecht, als er das Wohnzimmer betrat. Sein Blick wanderte einmal durch den Raum, er nahm jede Einzelheit in sich auf und verdrängte sie wieder. Nichts davon hatte Bedeutung. Familienphotos auf einem kleinen Tischchen, ein paar Urkunden an den Wänden, persönliche Erinnerungsstücke. Für einen Moment betrachtete er den Strauß frischer Rosen, der auf dem Esstisch stand; zusammen mit einer handgeschriebenen Karte wartete er darauf, am nächsten Morgen verschenkt zu werden. Seine Gedanken kreisten um die mögliche Inschrift des Kärtchens und er war versucht es zu lesen, schüttelte dann aber den Kopf. Schon oft hatte er sich bemüht, die Gefühle der Menschen zu verstehen - egal ob Liebe, Hass, Hoffnung oder Sehnsucht, Angst oder Zweifel. Nichts davon hatte Bestand, alles war irreal oder falsch, und wenn es doch eine Wahrheit oder Realität hatte, verstanden sie die Menschen nicht. Er kannte keine Gefühle; in seinem Inneren war nur tiefe Leere. Ein Nichts, das er füllen musste. Das stimmte ihn weder traurig noch nachdenklich. Es war sein Wesen, seine Natur.

Der Jäger streifte die Gedanken ab und ging zum Schlafzimmer hinüber. Die Tür war nur angelehnt und dahinter vernahm er das stetige Atmen des schlafenden Mannes. Leise schlüpfte er in den Raum, der erfüllt war mit dem Duft des Menschen, mit seiner Wärme. In der Mitte stand ein großes Bett aus einem metallenen Gestell, dunkle Laken umhüllten die schlafende Gestalt. Das einzige Licht kam von der LCD-Anzeige eines Weckers. Es füllte den Raum mit sanftem Rot, als läge Blut in der Luft. Lautlos trat er heran und betrachtete den Schläfer. Sein Schlummer war unruhig, die Decke war verrutscht und er konnte seinen schwitzenden Oberkörper sehen, der in ein T-Shirt gekleidet war. I love Chicago stand in roter Schrift darauf, wobei das Wort liebe symbolisch durch ein Herz dargestellt war. Verwundert hob er eine Braue und dachte darüber nach, welche unsinnigen Dinge die Menschen lieben konnten. Ein Stöhnen des Mannes brach seine Gedanken und er konzentrierte sich auf die schlafende Gestalt. Sie war erfüllt von Emotionen, von Angst, Sehnsucht und Liebe. Sie pulsierten in seinem Inneren, tränkten die Atmosphäre um ihn herum, wie der Schweiß sein Bett. Das Gesicht war nicht entspannt sondern zuckte gelegentlich, die Lippen waren zu einer dünnen Linie zusammengepresst.

Er hatte den Mann längere Zeit beobachtet, seit die Liebe das erste Mal in dessen Herz gedrungen war. Er hatte gefühlt, wie sie dort wuchs, wie sie in Hoffnung keimte und in Angst schwand. Es hatte lange gedauert, bis der Mann sie sich eingestand, bis er sich seiner Liebe sicher war, und noch länger, bis er bereit war, sie mitzuteilen. Dies war der Augenblick, auf den der Besucher gewartet hatte. In dem träumenden Mann stand der Entschluss fest, seiner Angebeteten am nächsten Tag seine Liebe zu gestehen, ihr die Rosen und das Kärtchen zu geben. Und daher war diese Nacht erfüllt mit Hoffnung und Angst, die sich in seinen Träumen vermischten und ihm den Schweiß auf die Stirn trieben. Gelegentlich flackerten die Lieder des Schlafenden und seine Augen huschten unruhig umher, als suchten sie etwas im Traum. Er hob eine Hand über die schlummernde Gestalt und öffnete den Mund ein kleines Stückchen. In seinen Augen zeichnete sich Konzentration ab, als er unbemerkt nach dem Traum seines Opfers griff. Erst zog er sich ganz sanft an den äußeren Rändern heran, ergötzte sich an der Intensität der Gefühle, die ihm wie stürmische Wellen entgegenschlugen. Ein paar einzelne Tropfen lösten sich daraus und fielen in seine immerwährende Leere, entfachten seinen Hunger und zwangen ihn, das feine Gewebe des Traumes einzureißen, sich darin festzuklammern und die fetten Stränge in sich hineinzuziehen. Der Traum brach aus dem schlafenden Körper heraus, quoll als wispernde Schwärze zwischen seinen Augenlidern und Lippen hervor, wie ein undurchdringlicher, sich windender Nebel, hinein in seinen leicht geöffneten Mund. Die Stränge verschwanden in seinem Innersten, als die Traummasse seinen Mund ausfüllte, seine Kehle wie kochendes Blut hinab rann und ihn erfüllte. Die Leere verbrannte unter der Hitze der Emotionen, ließ Lichtblitze hinter seinen Augenlidern explodieren und ekstatische Schauder seiner Körper durchfahren. Er trank in gierigen Zügen, bemüht zu empfinden, zu fühlen und zu verstehen. Aber da waren nur der Hunger und die Leere, die er niemals gänzlich ausfüllen konnte, die immer wieder zurückkehrten. Es waren nicht seine Gefühle, nur ein gestohlener Traum, der ihn für einige Zeit stillen würde. Und so intensiv sie auch waren, so wenig berührten sie ihn wirklich, denn da war nichts, was sie hätten berühren können.


Ich erwache mit diesem Gefühl des Schreckens, als wäre in der Dunkelheit jemand an meinem Bett gewesen, aber so sehr ich mich auch anstrenge etwas zu hören oder zu sehen, da ist niemand. Und trotzdem habe ich Angst das Licht anzuschalten. Mein Herz rast und mein T-Shirt klebt kalt und feucht an mir. Ich fühle mich elend und zerschlagen. Am ganzen Körper zitternd raffe ich die Decke, die ich im Traum weggeschoben habe, wieder an mich und versuche die Kälte zu vertreiben. Traum? Ja, vermutlich habe ich geträumt, aber ich kann mich nicht daran erinnern. Nur schwache Fetzen in meinem dumpfen Kopf, als wäre der Traum in dem Moment aus meinen Gedanken gerissen worden, als ich aus dem Schlaf geschreckt bin. Eine beklemmende Leere, als hätte man mir etwas genommen, das doch nur mir ganz alleine gehört. Für einen Augenblick verspüre ich die ganze Härte dieses Verlustes, die Schmerzen an den zerrissenen Stellen, irgendwo in mir drinnen. Vermutlich ein schlechter Traum. Ich streife das T-Shirt ab und lasse den nassen Klumpen neben das Bett fallen. Mit verquollenen Augen blicke ich auf die Uhr, das künstliche Rot der LCD-Anzeige versucht mir klar zu machen, dass ich noch ein paar Stunden schlafen kann. Dann verkrieche ich mich wieder unter die Decke, rolle mich zusammen und versuche dem Nachhall der Leere zu entgehen.

Es war nur ein Traum ...

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