Gottverdammt, man könnte glauben, Toten wäre das Wetter scheißegal. Aber wenn du einmal tot bist, musst du erkennen, dass es dir dennoch auf die Nerven schlägt. Ziemlich auf die Nerven schlägt, sogar.
Draußen am Nachthimmel wimmelte es nur so vor schweren Regenwolken, die unablässig damit beschäftigt waren, ihren nassen Inhalt auf die Erde zu kippen. Regentropfen prasselten monoton auf das Dach des rostigen Fords, tanzten in dichten Schleiern, so dass die Lichter der vorbeirasenden Autos geisterhaft und unwirklich erschienen.
Aus den billigen Boxen des Radios drang laute, verzerrte Musik, erfüllte den ganzen Innenraum und hämmerte auf sein Gehirn ein. Nicht, dass er die Musik nicht mochte. Aber heute Nacht schlug sie ihm ebenso auf die Nerven wie dieser verdammte Dauerregen.
Er rutschte unruhig auf dem abgewetzten Polster herum. Eigentlich sollte es ihm ebenso egal wie das Wetter sein, ob er gemütlich saß oder nicht, aber er versuchte sich dennoch in eine angenehme Position zu bringen, die Knie gegen das Lenkrad gepresst, den rechten Arm um die Kopfstütze des Beifahrersitzes geschlungen, als wollte er sich daran festklammern. Wie er diese kleinen Nickerchen und Tagträumereien vermisste. Du kannst einfach nicht abschalten, wenn du tot bist. Außer natürlich tagsüber, aber dann bist du total tot und verschwendest darauf auch keine Gedanken mehr. Er betrachtete sein Gesicht im Rückspiegel. Eingefallen und bleich, mit hervorstehenden Wangenknochen und dunkelbraunen Augen, die jetzt fast schwarz aussahen. Im linken Nasenflügel glitzerte ein gepiercter Ring, ebenso im rechten Ohr. Er war noch nie hübsch gewesen, aber seit seinem Tod vor ein paar Jahren hatte er das Gefühl, langsam zu verfallen und immer abstoßender zu werden. Im fehlte eine gesunde Gesichtsfarbe und das liebenswerte Lächeln, das sein Freundin gemocht hatte. Aber das war ihm ziemlich schnell im Hals stecken geblieben, als er den Tod kennen gelernt hatte.
Wenn er heute lachte, war es gequält oder zynisch, kaum mehr liebenswert.
Die Beifahrertür wurde aufgerissen und das entstandene Loch ließ einen Schwall Regentropfen herein, der ihn aus seinen Gedanken riss. Er lächelte gequält.
"Na, rück ein Stück zur Seite", wies sie ihn schroff an und drängte sich ins Auto. Widerwillig machte er Platz. Es hätte nichts genützt, sie im Regen stehen zu lassen, das hätte er schon vor Jahren tun müssen. Jetzt war es zu spät - viel zu spät. "Was für ein Sauwetter." Sie schüttelte ihre nassen Haare aus. Ein paar widerspenstige Löckchen fielen ihr in die Stirn und Regentropfen glitzerten auf ihrer bleichen Haut. Sie war so verdammt niedlich, dass es einem das Herz zerriss, wenn man sie ansah. Ein hübsches Gesicht, ein feiner Mund und traumhafte blaue Augen. So wunderbar, dass es über alles hinwegtäuschte, was in ihrem Inneren lauerte.
Sie lächelte ihn mit diesem Glitzern in den Augen an: "Na, komm schon. In ein paar Stunden sind wir in Chicago, da kannst du abschalten oder dich in Selbstmitleid suhlen. Oder wir machen einen drauf, reißen ein hübsches Pärchen auf und sehen zu, wie sie verbluten." Letzteres war kein Scherz, dass wusste er, aber er hatte keine Lust darauf einzugehen. Sie hatten schon hundertmal darüber debattiert und gestritten, immer hatte er den Kürzeren gezogen.
"Der Regen ist heute besonders stark, man kann nicht einmal den Mond sehen. Kein gutes Zeichen", flüsterte er, um seinem Unbehagen Luft zu machen.
Sie lachte und zuckte mit den Schultern: "Deinen Aberglauben kannst du dir sonst wo hinschieben, der ist was für Menschen. Und falls du es noch nicht bemerkt haben solltest - du bist keiner mehr. Du bist tot. Mausetot. Kalt." Das letzte Wort hauchte sie und klimperte mit den Augenlidern.
"Dir ist das völlig egal. Du kannst dich nicht einmal erinnern, wie es war, lebendig zu sein. Oder an die Sonne. Du kannst dich nicht mal an die Sonne er..."
Aber sie schnitt ihm das Wort ab: "Ach, halt die Schnauze. Mann, da bist du schon ein paar Jahre tot, und denkst immer noch an den ganzen Scheiß. Für dich gibt es keine Sonne mehr, nur Dunkelheit." Sie schlug ihm mit der flachen Hand gegen die Stirn, als hoffte sie damit seine Erinnerungen zerbrechen zu können. "Und wenn, dann bin ich die einzige Sonne, um die du dich drehst." Damit hatte sie allerdings Recht.
"Nun komm schon. Das ist gar nicht so schlimm. Du wirst schon sehen. In ein paar Jahren lachst du über deine Gedanken", erzählte sie. Nicht um ihn zu trösten oder ihr Gewissen zu beruhigen, sondern um ihn nicht all zu sehr zu verärgern. Sie brauchte ihn noch. Dann nickte sie in Richtung aus dem Fenster. "Ist nicht viel los und nur ein fetter Kassierer. Sollte ein Kinderspiel sein."
Er folgte ihrem Blick. Im Grau der Regenschleier leuchtete das Gelb der Tankstelle wie eine erlösende, warme Oase, wie ein Versprechen. "Wir haben doch genug."
"Und? Man kann nie genug haben. Außerdem habe ich mich schon den ganzen Abend darauf gefreut. Das willst du mir doch nicht verderben", sagte sie mit unschuldiger Stimme, als wäre nichts Böses an ihren Gedanken. Dabei blickte sie ihn verführerisch über ihre entblößte Schulter an, auf die eine schwarze Rose mit Stacheldraht darum tätowiert war.
"Wir tun ihm aber nichts, okay? Vermutlich hat er Familie und ist eh" ein armes Schwein. Ich habe keine Lust heute jemandem weh zu tun."
Sie zog einen Schmollmund: "Oh je, welcher Gott der Nächstenliebe hat dir den heute ins Hirn geschissen? Na gut, ich werde ihm nichts tun."
Er schaute grimmig, um ihr nicht zu zeigen, dass er insgeheim dankbar darüber war. Aus dem Handschuhfach kramte er eine 38er hervor. Das kühle, schwere Metall beruhigte ihn kaum, machte ihn eher noch unruhiger. Was kann mir schon passieren? sagte er sich immer wieder vor, als er die Waffe im Hosenbund verstaute. Aber es ging nicht so sehr um ihn. Hoffentlich macht der Kassierer keinen Ärger.
"Okay, los geht es!", bellte sie und stieß die Türe auf. Ihr Gesicht wirkte kein bisschen angespannt, sondern nur freudig erregt. Er fluchte innerlich und stieg aus dem Auto. Sofort empfing ihn der Wind mit einer Böe. Dicke Regentropfen platschten in sein Gesicht, durchnässten sein Haar, sein T-Shirt und seine Jeans, als er auf die Tankstelle zueilte. Das gelbe Neonlicht wirkte jetzt nicht mehr wie eine rettende Oase, sondern wie ein Höllenfeuer, auf das er auch noch freiwillig zu rannte. Sie war ein paar Schritte vor ihm, eine zierlich Gestalt im Regen, in enger Jeans und einer viel zu großen Lederjacke. Sie hastete nicht wie er dahin, sondern schien auf die Tankstelle zuzutänzeln. Hätte sein Herz noch geschlagen, hätte es einen erleichterten Hüpfer gemacht, als sie die Zapfsäulen erreichten. Keine wartenden Autos, kein Mensch, der vor dem Regen Schutz gesucht hatte. Nur der Kassierer, der im Inneren des kleinen Ladens hinter der Verkaufstheke stand. Vielleicht geht ja alles glatt.
Die Schiebetür öffnete sich, und sie betraten den Verkaufsraum. Klimatisierte, kühle Luft, der Geruch nach Frischebäumchen, Sandwichs und dem billigen Aftershave des Kassierers. Helles Licht, frisch geputzter Fliesenboden, Regale voller Snacks, Getränke und Ersatzteile. Das Surren der Klimaanlage, das Rauschen des Regens.
Beinahe automatisch zog er die Waffe aus dem Gürtel und fuchtelte damit vor dem überraschten Mann herum, brüllte etwas von Überfall und Geld her. Es war beinahe wie ein Film, der ohne sein Zutun ablief. Er versuchte sich vorzustellen, dass nicht er es war, der hier einen Menschen bedrohte, sondern eine andere Person, die nur zufällig seinen Körper hatte. Sie stand dicht vor dem Tresen, lächelte den zitternden Mann an und stopfte sich Schokoriegel in die Taschen ihrer Lederjacke. Dem Kassierer brach der Schweiß aus, dicke Tropfen glitzerten auf seiner Stirn, dunkle Flecken breiteten sich unter seinem T-Shirt mit dem Logo der Tankstelle aus. Mit zittrigen Fingern nestelte er an der Kasse herum und zog Bündel grüner Geldscheine hervor. "Bitte tun sie mir nichts, ich habe Familie", flehte er, als er das Geld auf den Tresen warf. Er schaute dem Mann in die Augen und sah neben der Angst diesen unbändigen Hass, der Menschen manchmal befiel, wenn sie so völlig hilflos ihrem Schicksal ausgeliefert waren. Er hatte diesen Blick oft genug in seinen eigenen Augen gespürt.
"Okay, wir haben alles, lass uns abhauen", presste er hervor und wollte sich zur Tür zurückziehen.
Sie schüttelte den Kopf: "Die Sonnenbrillen, ich möchte die Sonnenbrillen. Hol" sie mir."
Ungläubig schaute er sie an, seine Augen drohten aus den Höhlen zu quellen. "Was?", fauchte er und hielt inne.
"Na, mach schon. Die stehen da drüben im Regal."
Perplex schaute er sich um und fand die Auslage mit billigen Sonnenbrillen. Seine Gedanken rasten, die Situation glitt eine Stufe in Richtung Unwirklichkeit ab. Seine Hände hielten die Waffe noch immer auf den Kassierer gerichtet, dessen Herzschlag sich bei der entstandenen Spannung noch weiter beschleunigte. "Was soll der Unsinn, wir machen die Fliege."
Sie stand da, ganz ruhig, mit ausgebeulten Taschen voller Schokoriegel und Geldscheinen in den Händen. Sie lächelte, als wäre das kein Überfall, sondern ein netter Weihnachtseinkauf. Ein unschuldiges, wunderhübsches Gesicht.
"Du spinnst völlig!", schrie er. Wäre er jetzt noch lebendig, wären seine Hände schweißnass und zittrig.
"Nun mach schon, je schneller du einsammelst, desto eher bist du hier raus."
Für einen Augenblick spielte er mit dem Gedanken, die Waffe auf sie zu richten und solange abzudrücken, bis keine Patrone mehr im Magazin war. Sie wirkte so wenig menschlich, so wenig von dieser Welt. Ihre süße Art war so falsch und so durchzogen von Bösartigkeit, dass er am liebsten geschrien oder geweint hätte.
Aber er konnte es nicht, wusste, dass er es nicht konnte. Sie lächelte, und er tanzte verdammt noch mal nach ihrer Pfeife. "Halt ihn in Schach", maulte er. Sie grinste und wedelte mit dem Geld. Zwar hatte sie keine Waffe, aber die brauchte sie auch nicht. Er warf dem Kassierer einen bedrohlichen Blick zu und ging zu den Sonnenbrillen. Es waren alles billige Modelle und sie zu klauen war so unsinnig, wie sich die Taschen mit Schokoriegeln voll zu stopfen. Trotzdem griff er sich ein paar davon und verstaute sie in seiner Jacke.
"Alle, ich will alle", rief sie ihm zu.
Ein Flamme heißer Wut loderte in ihm auf und er fuhr herum um sie mit seinen Blicken zu durchbohren: "Was soll denn das verdammt noch mal!" Draußen durchschnitten Scheinwerfer die regnerische Dunkelheit und peilten die Tankstelle an. "Scheiße man, da kommt jemand!" Panik wallte in ihm auf. Aus den Augenwinkeln sah er, wie der Kassierer überraschend flink für seine Fülle unter den Tresen griff. Er fuhr halb herum, um ihn mit der Pistole zu bedrohen, aber da er die Sonnenbrillen eingesammelt hatte, hielt er die Waffe nicht richtig fest. Der Dicke war sich bewusst, dass vielleicht alles glatt gegangen wäre, wenn er still gehalten hätte, aber jetzt war es zu spät. Die Sonnenbrillen fielen ihm aus den Armen, als er die Schulter des Mannes anvisierte, der eine glänzende Schrotflinte unter dem Tresen hervorgerissen hatte. Dann drückte er ab, in der Hoffnung, den Mann nur zu verletzen, nicht zu töten. Er tat es auch nicht. Klick - die Waffe war nicht geladen.
Fassungslos starrte er für einen Sekundenbruchteil auf die 38er, dann auf seine Begleiterin, die ihn anlächelte, und wieder auf den Kassierer. Der bekam davon gar nichts mit, sondern zog nur mit einem verbissenen Gesicht den Abzug seiner Flinte durch.
Der Knall war ohrenbetäubend, der Dicke wurde von der Wucht des Schusses nach hinten gedrückt. Die gesamte Ladung traf ihn, ließ Sonnenbrillen zersplittern, zerfetzte Leder, Stoff und Haut, riss ihm die Brust auf und perforierte seinen Körper. Der Schmerz kam einen Augenblick später, gesellte sich zur Ungläubigkeit darüber, dass die Waffe nicht geladen war und sie nur lächelnd daneben stand, als er niedergeschossen wurde, und überlagerte sie dann.
In einer Kaskade aus Plastikverpackung, Glassplittern und Blut wurde er nach hinten gerissen, prallte gegen die Auslage und rutschte daran hinab zu Boden. Erst jetzt tat sie etwas, setzte in einer einzigen flüssigen Bewegung, die so schnell war, dass sie der Kassierer nicht mitbekam, über den Tresen und trat dem Mann ins Gesicht. Seine Nase brach und Blut spritzte, als er von der Wucht ihres Angriffs nach hinten geschleudert wurde, dann verschwanden beide hinter dem Tresen.
Er stöhnte und tastete mit seinen Händen über seinen zerschossenen Körper. Überall war Blut, sein eigenes, dickflüssiges dunkles Blut. Der Schmerz war schrecklich, aber so sehr er sich danach sehnte, in die wohltuende Dunkelheit der Ohnmacht hinabzugleiten, so sehr war es ihm nicht möglich. Scheiße, er war ja schon tot und so einfach würde er nicht noch mal abtreten.
Er konnte sich kaum bewegen und das Sehen bereitete ihm Mühe. Die Helligkeit des Raumes verschwamm um ihn herum. Dann tauchte ihr Gesicht über ihm auf. Sie war so hübsch. Selbst das Blut, das ihr Kinn verschmierte, änderte nichts daran, machte ihn im Gegenteil sogar noch wilder.
"Gottverdammt!", brachte er hervor.
Ihre Lippen waren ganz dicht an seinem Ohr, ihre Stimme nur ein gurgelndes Flüstern, als schlucke sie Blut hinunter. "Na, mein Schatz", hauchte sie und pustete ihm leicht ins Ohr.
"Scheiße! Warum hast du nichts gemacht?" Er wollte die Hand heben und sich in ihrem Haar festkrallen, aber ihm fehlte die Kraft. Er brauchte dringend Blut.
Sie lächelte ihn an, wieder so verdammt unschuldig: "Du wolltest doch nicht, dass ihm was passiert. Ich hätte nicht gedacht, dass du überhaupt auf ihn schießen würdest."
Sie angelte eine der Sonnenbrillen vom Boden, an der sein Blut klebte und setzte sie sich auf. Das linke Glas war von einem Netz feiner Sprünge durchzogen, aber es störte sie nicht.
"Nun komm schon, wir sollten hier nicht bleiben. Die Cops werden vermutlich bald anrücken. In Chicago sind wir sicher und du kannst dich erholen", bemerkte sie und zog ihn mühelos hoch. Sie achtete nicht auf seine Schmerzen oder das Blut und warf ihn sich über die Schulter, ging über das knirschende Glas nach draußen. Dieses verdammte Unwetter.
Sie öffnete die Beifahrertür auf und warf ihn ohne viel Mitgefühl auf den Sitz. Der Schmerz klang ab, das Schlimmste an der ganzen Verletzung. Da war einfach nur noch ein Loch - kaputte Knochen und Eingeweide, die hinderlich waren, aber mit etwas Blut wieder heilen würden.
Sie stieg ein und ließ den Motor an. Draußen war es dunkel und der Regen lief die Fenster hinab. Eine gottverdammte Nacht. Sie lächelte ihn an: "Ich hab" den Kerl sogar am Leben gelassen, wie du es dir gewünscht hast. Bist du jetzt glücklicher?" Mit quietschenden Reifen fuhr sie in die Nacht hinaus. Sie blickte in seine leblosen, gebrochenen Augen und lachte ihr glockenhelles Lachen.





