Adrian & Rose
Chicago, 1920
"Frauen erhalten Wahlrecht!", schrie der schmuddelige Zeitungsjunge und wedelte wild mit einer druckfrischen Ausgabe der Chicago Tribune. Ein paar Passanten blieben im Licht der abendlichen Dämmerung stehen, suchten ein paar Münzen aus ihren Taschen und kauften sich eine der Zeitungen. 1920 schien ein großes Jahr zu werden; seit Januar gab es die Prohibition, jetzt kam ein weiterer Zusatzartikel in die amerikanische Verfassung. Ich erstand ebenfalls ein Extrablatt und beobachtete den triefnasigen Bengel, wie er weiter die Straße hinab lief. Dann überflog ich die Zeitung, faltete sie zusammen und klemmte sie mir unter den Arm.
Es war eine wunderbare Zeit, um tot zu sein. Den Leuten ging es gut, gerade in einer Stadt wie der Windy City. Überall bevölkerten Autos und junge Menschen die Straßen, letztere begierig darauf das Leben zu genießen. Sie sprachen über Kunst und Literatur, redeten offen über Sexualität. Sie gingen in Kinos, speakeasies oder Museen. Die Frauen schnitten ihre Zöpfe ab, verteufelten die Mieder und warfen sich in wunderbare Kleider, die dem willigen Betrachter immer wieder einen Blick auf ihre Fesseln gestatteten. Die Leute waren aufgeschlossen und fürchteten sich vor gar nichts, setzten große Hoffnungen in Dinge wie Automobile, die vom Förderband liefen, Plattenspieler oder Radiogeräte, die das Orchester direkt ins Wohnzimmer brachten. Ich selbst war begeistert davon, besonders von Cinematographen, deren rasante Bilder Dinge zeigten, von denen ich geglaubt hatte, sie niemals wieder zu sehen. In manchen Momenten trieben sie mir beinahe blutige Tränen in die Augen, so sehr ergriff es mich, den Tag oder gar einen Sonnenaufgang zu erblicken.
Ich lächelte beim Gedanken daran und schlenderte die Straße entlang, betrachtete mich im Spiegel der Schaufenster und beschaute mir die Unzahl von Waren, die es da gab. In den Läden verschwanden die dicken Säcke voller Vorräte mehr und mehr aus dem Sortiment und machten bunten Konservendosen Platz. Ich hatte mir einige davon gekauft, auch wenn ich sie nicht essen konnte, und sie mir in den Schrank gestellt, als könnte ich damit noch mehr Teil dieses neuen Lebens werden. Ein Pärchen kam an mir vorbei, ein junger Mann mit einem runden Strohhut auf dem Kopf und eine hübsche junge Frau, in ein langes Kleid gehüllt, das bei jedem Schritt oder Windstoß zur Seite wehte und ihre zarten Knöchel freigab.
Ich lächelte sie an und griff mir in Andeutung eines Grußes an den Hut, blickte ihnen nach, wie sie kichernd weiter gingen.
Nachdem die heftigen Regenfälle der vergangenen Tage geendet hatten, strömten die Menschen nur so aus ihren Häusern, um über Einkaufsstraßen oder die Seepromenade zu flanieren. Sie saßen in Bistros, bevölkerten die Parks und erfüllten alles mit ihren Stimmen, ihrem Lachen, dem Rascheln ihrer Kleidung und dem Duft ihrer Körper, untermalt mit Parfüms. Es schien als hätte der Regen alle Sorgen fortgespült und nur noch Heiterkeit und Lebendigkeit hinterlassen. Zumindest war es das, was ich sehen wollte. Nach einigen Geschäften erreichte ich den Eingang in eine schmale Seitengasse, die mit ihrer Dunkelheit einen starken Kontrast zum Gaslicht der Geschäftsstraße bildete. Und mindestens ebenso kontrastierend waren die beiden Galgenvögel, die sich unweit der Gasse postiert hatten. Sie schienen nicht im Geringsten an ihrer Umgebung interessiert, aber aus ihren Augenwinkel beobachteten sie den Zugang. Ich verharrte vor der Auslage eines Pfandleihers und tat so, als würde ich sie nicht bemerken. Die Seitengasse mündete auf der anderen Seite wieder in einem Geschäftsviertel, so dass die beiden Gauner vermutlich auf ein Opfer warteten, das es eilig hatte und die dunkle Abkürzung nehmen musste.
Ich zuckte mit den Schultern; ein kleiner Umweg könnte in diesem Fall nicht schaden, denn so ganz ignorieren konnte ich das Hungergefühl in meinem Inneren nicht. Also betrat ich die Gasse und ließ die lärmende Straße hinter mir. Meine Schritte hallten von den schmutzigen Backsteinwänden wieder, und nach wenigen Metern gesellten sich leise ein weiteres Paar Schuhe hinzu. Ich konnte das Atmen des Mannes hören und nach wenigen Metern auch seinen Schweiß riechen. Ich tat so, als würde ich ihn nicht bemerken und setzte meinen Weg fort. Der andere der beiden würde einmal um den Block hetzen und mir den Weg abschneiden. Dann würden sie mir vermutlich eins überziehen und mit meiner Brieftasche, meinen Manschettenknöpfen und meiner Uhr verduften. Der Gedanke erheiterte mich. Das ganze war wie ein Spiel, bei dem die beiden nicht ahnen konnten, welche Überraschung auf sie wartete. Endlich tauchte ein Schatten am Ende der Gasse auf. Für sterbliche Augen war es viel zu dunkel, um ihn erkennen zu können, aber ich konnte ohne Mühe das Muster seines zerschlissenen Pullovers sehen. Noch ein paar Schritte und der Mann hinter mir machte sich bemerkbar. Mit einem Knüppel schlug er gegen die Wand. Ruckartig drehte ich mich um, als wäre ich durch sein Erscheinen überrascht und beunruhigt.
Er war ein grobschlächtiger Kerl, gekleidet in eine Arbeiterhose, ein wollenes, schmutziges Hemd und mit einer Mütze auf dem Kopf. Seine Wangen waren unrasiert, die Nase schon einmal gebrochen und zwischen seinen schlechten Zähnen drang Alkoholgeruch hervor.
"Mister ...?", stotterte ich und setzte eine verwirrte Miene auf. Er kaufte es, so wie er mich für einen reichen Mann hielt, der es eilig hatte zu einem Rendezvous oder in einen Trinkclub zu kommen. Sein Lächeln festigte sich und spiegelte seine Überlegenheit wieder. Mein Blick fiel auf seine Waffe, mit der er klatschend auf seine Handfläche schlug.
"Bitte, ich habe nicht viel Geld, aber das gebe ich ihnen, wenn sie mir nichts tun!" In seinen Augen suchte ich so etwas wie Zustimmung, aber es schien ihm nicht zu genügen, mir mein Geld zu stehlen.
"Wir wolln ja nich nu dein Geld!", grinste er.
Im nächsten Moment stürmte der andere aus der Dunkelheit heran, schwang seinen Knüppel und ließ ihn auf mich niedersausen. Zwar hörte ich ihn kommen, aber dennoch kam meine Reaktion zu spät, und der Schlag traf mich an der rechten Schulter. Er war stark genug, mich nach vorne taumeln zu lassen, als der Schmerz in meinem Rücken explodierte, dann setzte er nach und zog mir die Beine unter dem Körper weg. Unter ihrem Gelächter stürzte ich zu Boden, konnte mich aber mit den Händen abfangen, um nicht im Schmutz zu landen. Für einen Moment legte sich ein blutroter Schleier über meine Sicht, als ich ein wütendes Heulen in mir hörte, das gegen diesen Angriff aufbegehrte. Ich bis die Zähne zusammen und schluckte die Wut hinunter, es wäre nicht günstig ihr Freilauf zu lassen. Nicht heute Abend.
Dann stand ich in einer einzigen, flüssigen Bewegung auf, die den schweren Hieb auf meine Schulter Lügen strafte. Mit ein wenig Konzentration ebbte der Schmerz ab und noch ehe ich ganz aufgestanden war, schrumpfte die Prellung zu einem schlichten Blauen Fleck.
Den beiden Ganoven blieb vor Verwunderung das Lachen im Halse stecken. Einer der beiden machte einen Schritt auf mich zu, den Arm zu einem Schlag gehoben. Doch noch ehe er ganz bei mir war, tauchte ich unter seinem Angriff hindurch und versetzte ihm einen Hieb vor den Brustkasten, der ihm die Luft aus den Lungen und die Tränen in die Augen trieb. Mit einem leisen Krachen schlug er gegen die Wand und rutschte dran zu Boden. Der andere schüttelte die Überraschung ab und stürzte sich auf mich. Sein Körper strömte nun einen angenehmen Geruch nach starkem Angstschweiß aus, der mich anstachelte, das Spiel zu beenden und zur Belohnung über zu gehen. Ich blockte seinen Schlag, griff nach seiner anderen Hand und hob ihn mühelos hoch. Die unnatürliche Stärke meines Griffs entrang ihm einen Schmerzensschrei und die Furcht in seinem Blick glitt hinüber in wilde Panik. Ich starrte ihm in die Augen, Schreckens geweitete dunkle Seen, und verzog meinen Mund zu einem dünnen Lächeln. Und wenn er geglaubt hatte, seine Angst sei schon schlimm genug, so musste er erkennen, dass er sich geirrt hatte. Das Weiß meiner Zähne hob sich in der Dunkelheit geisterhaft ab, so dass die langen Fänge nicht zu übersehen waren. Er schrie, aber es war nur ein raues Krächzen, sein Körper begann zu zittern, während er unkontrolliert um sich trat. Ich spürte das Rasen seines Pulses, das Hämmern seines Herzens. "Lauf! Lauf so schnell du kannst und fürchte dich vor der Dunkelheit, denn sie ist voller Schrecken", fauchte ich und stieß ihn im hohen Bogen von mir. Er segelte durch die Luft und prallte hart auf dem Boden auf. Einen Moment wimmerte er vor Schmerzen, dann krabbelte und stolperte der Mann wild kreischend davon.
Ich setzte ihm nicht nach. Es war Teil des Spiels. Er würde ziemlich lange brauchen, um das Erlebnis seiner Phantasie zuzuschreiben oder sich vorher in Alkohol ertränken. Niemand würde einem Menschen wie ihm glauben, aber die Erinnerungen würden ihn jede Nacht einholen. Ich fischte den anderen Ganoven vom Boden auf, vermutlich hatte er sich ein paar Knochen gebrochen, denn er stöhnte vor Schmerzen, nahm meinen Hut und ging ein Stück die Gasse hinab. An einer günstigen Stelle schnellte ich über eine hohe Mauer und landete in einem einsamen Hinterhof. Der Hunger in mir war jetzt so stark, dass ich mich nur kurz vergewisserte, allein zu sein, und mich dann der stöhnenden Gestalt zuwandte.
Seine Augen waren glasig und ein Faden Blut lief ihm aus der Nase, träufelte auf den Kragen seines Hemdes. Sein Atem ging schwer, jedes Heben und Senken des Brustkorbs bereitete ihm Schmerzen. "Bitte ...", röchelte er mühsam und hob eine zitternde Hand, um mich abzuwehren.
"Für ein Bitte ist es ein wenig spät, mein Freund", flüsterte ich und beugte mich zu ihm hinab, sog seinen Duft ein, eine herbe Mischung aus Angst und Blut. Ein berauschender Geruch, der etwas tief in mir berührte, ein Bedürfnis, dass stärker und intensiver war als alles, was die Menschen kannten, als alles, was ich kannte. Er zuckte zurück, als ich seinen Kragen beiseite schob und sanft über seine warme Haut strich, war aber viel zu schwach um sich zu wehren. Ich lächelte ihn an, nicht aus Bösartigkeit, nicht um ihn zu verängstigen, sondern um vielleicht so etwas wie Zustimmung oder Verständnis für mein Tun zu erlangen. Aber er konnte es nicht verstehen, das einzige was mir dabei immer begegnen würde, war ihre Angst. Eine tiefe Furcht, die eine Beute immer vor ihrem Jäger hatte. Meine Zunge berührte vorsichtig seinen Hals, fuhr daran entlang. Ich spürte seine Hitze, das Rasen seines Pulsschlags. Mühelos durchstießen meine Zähne das weiche Fleisch. Mein Mund füllte sich mit seinem Blut. Er bäumte sich einen Moment auf, dann überflutete ihn das Gefühl und er sank mit einem seligen Stöhnen zurück. Es sprudelte wie ein heißer Fluss aus der frischen Wunde, rann mir die Kehle hinab. Ich trank in gierigen Zügen, völlig durchdrungen vom Hämmern seines Herzens, wurde eins mit diesem Rhythmus und konnte fast glauben, dass mein eigenes Herz wieder anfing zu schlagen. Seine Wärme überschwemmte mich, füllte mich aus und verbrannte die eisige Kälte in meinem Inneren. Erst als sein Herzen nachließ, kehrte ich aus diesem Sog zurück. Sein Atem rasselte in seiner Brust, stockte, setzte wieder ein und erstarb dann für immer. Ich löste mich von dem Toten und betrachtete ihn nachdenklich. Sein Gesicht war leer, bleich und eingefallen, die Augen weit aufgerissen in einer perversen Mischung aus Ekstase und Todesangst. Er hatte sich der Erregung des Kusses nicht widersetzen können und nur kurz vor seinem Tod die Wahrheit dieser Empfindung erkannt.
Jetzt war er nichts mehr als lebloses Fleisch, nicht viel weniger als ich selbst, mit dem Unterschied, dass es in mir noch so etwas wie eine Seele geben mochte. Vielleicht aber auch nur einen hungrigen Dämon, der mich dazu benutzte Blut zu trinken und zu töten.
Die Wunde war kaum noch zu bemerken, zwei winzige rote Punkte, die in ein paar Stunden nicht mehr zu sehen sein würden. Ich richtete mich auf, strich mir den Schmutz von der Kleidung und zog mir den Hut tief in die Stirn. Sein Leben rauschte in meinem Körper, brannte unter meiner Haut, so dass ich beinahe menschlich war. Ich nickte der Leiche zu und sprang erneut über die Mauer. Wenn der andere seine aberwitzige Geschichte erzählt hatte, so war er auf wenig Glauben gestoßen, denn die Gasse war völlig leer.
Gemächlich schlenderte ich auf die Straße zurück, mischte mich unter die Menschen, froh nicht aufzufallen. Wir waren eins und doch grundverschieden. Mein Lächeln rührte von dem Gefühl der trunkenen Zufriedenheit her, ich glaubte mich sogar zu erinnern, dass man sich so ähnlich nach einem guten Essen und einem abschließenden Gläschen Wein fühlte. Sicher war ich mir allerdings nicht mehr.
Die Dunkelheit lag jetzt wie eine schwere Decke über der Stadt, aber ich hatte nicht das Gefühl, als würde sie alles erdrücken, sondern viel mehr nur ihre Geheimnisse verhüllen. Bei einem jungen Mädchen, das in Lumpen gehüllt am Straßenrand stand, kaufte ich einen Strauß Rosen. Ich konnte sehen, dass sie krank war, auch wenn sie versuchte, ihre Schmerzen unter einem freundlichen Lächeln zu verbergen. In ihren Augen war die Gewissheit des langsamen, qualvollen Todes, ähnlich der Erkenntnis meines letzten Opfers. Ich lächelte, ohne wirklich etwas für ihr Schicksal zu empfinden, gab ihr mehr als nötig und wünschte ihr eine schöne Nacht. Sie scheute meinen Blick, vielleicht schämte sie sich ihrer Armut, nahm das Geld aber dankend an. "Gott segne Sie", rief sie mir hinter her, als sie es einsteckte. Ich verzog spöttisch meinen Mund, aber irgendwie hatte mich die Aufrichtigkeit ihrer Worte berührt. Hatte ich einen solchen Segen so bitterlich nötig? Vielleicht sahen ihre Augen mehr als die der anderen Menschen. Waren wir nicht verwandte Seelen, weil wir dem Tod so nahe standen, wenn auch auf völlig unterschiedliche Weise? Fast war ich versucht zu ihr zurückzugehen, um sie zu fragen, was sie damit gemeint hatte.
Aber dann kam der Club in mein Blickfeld und ich verdrängte diesen Gedanken. Es war ein Abend für gute Laune, nicht für schmerzhafte Überlegungen. Die Jazzmusik des Bewitched umfing mich, als ich die Straße überquerte. Hier im Viertel war es voller; gerade um diese Uhrzeit zog es die Menschen aus ihren Wohnungen in die Musik und die Genüsse der Flüsterkneipen. Der Jazz durchflutete Chicago, versetzte alles in Schwingung. Die jungen Weißen kamen in die Viertel der Schwarzen und tanzten zu ihrer Musik. Moralische Werte verschwammen und machten neuen, modernen Platz.
Ich wich einem hupenden Automobil aus, hielt meinen Hut fest und trat unter die Markise des Nachtclubs. Er war einer der angesagtesten der Stadt, jeden Abend zum Bersten voll, besucht von den Musikgrößen des Jazz und jenen, die es noch werden würden. In einer langen Schlange warteten die Menschen darauf eingelassen zu werden. Dabei scherzten sie, raschelten mit ihrer Kleidung oder klimperten mit ihrem Schmuck. Die Männer erzählten angeberische Geschichten. Ich ging über den roten Teppich in Richtung Eingang, vorbei an wartenden jungen Damen, die nur in Herrenbegleitung Zutritt hatten. Sie lächelten verführerisch, um vielleicht einen jungen wohlwollenden Mann zu angeln, der sie mit hinein nehmen und ihnen einen Drink spendieren würde. Ich blickte uninteressiert und schritt zügig an ihnen vorbei, als sich mir eine kleine Person in den Weg stellte. Sie trug ein rotes Paillettenkleid, eine Halskette aus dicken falschen Perlen, eine Federschal und einen flachen Hut auf dem Kopf. Darunter quollen engelhafte blonde Locken hervor. Ihr Gesicht war hübsch, wenn auch etwas stark geschminkt, und in ihren Augen lagen ein Glitzern und eine Bestimmtheit, die mich faszinierten. Sie tat überzogen cool und zog am länglichen Mundstück ihrer Zigarette: "Warum willst du denn alleine dahinein, mein Hübscher." Dabei blies sie mir einen Kringel ihres Zigarettenqualms entgegen und zwinkerte mir zu. Sie war jung, vielleicht Anfang Zwanzig. Ihre Haut hatte eine angenehme Blässe, auch wenn sie keine von uns war. Ich lächelte sie an und legte den Kopf schief: "Wenn du dich nicht gebärst wie ein verschrobener Filmstar, könnte ich es mir überlegen."
Sie musterte mich einen Moment lang, vielleicht um abzuschätzen ob ich es wert war, ihre Maske aufzugeben, dann lächelte sie zurück. "Okay, aber dafür spendierst du mir einen Drink."
Ich bot ihr meinen Arm und sie hakte sich bei mir ein. "Wie heißt du?", wollte ich wissen, woraufhin sie in Richtung meines Blumenstraußes nickte: "Rose." Ich konnte nicht sagen, ob das die Wahrheit war, oder sie nur mit mir spielte. Trotzdem gefiel mir der Name und ich zog eine der Rosen aus dem Bund, brach sie unterhalb der Blüte ab und reichte sie ihr.
Sie nahm sie und befestigte sie am Träger ihres Kleides. "Warum müssen wir uns nicht anstellen?", erkundigte sie sich, als der Türsteher mich hereinwinkte.
"Ich bin etwas Besonderes. Ist dir das nicht aufgefallen, als du mich angesprochen hast?"
Die Band spielte ein flottes Stück, zu dem sich Paare auf der Tanzfläche bewegten, während andere Gäste an runden Tischen saßen, eine Kleinigkeit aßen oder tranken. Zwar war der Club kein speakeasie, aber dennoch konnten die sterblichen Gäste hier Champagner bekommen. Die Besitzerin hatte genügend einflussreiche Freunde, um jeglichen Ärger zu vermeiden. Und die toten unter den Gästen waren an anderen Dingen als an Alkohol interessiert. Das Licht war gedämpft, es roch nach Parfüm und Zigarettenrauch, und die ganze Atmosphäre war herrlich lebendig. Ich entzog mich dem Arm meiner Begleiterin. "Warte einen Moment auf mich, ich muss jemanden begrüßen. Es dauert nicht lange", bat ich sie und stahl mich zu den privaten Nischen davon.
Es war ziemlich voll, und immer wieder musste ich mich an Gästen, Kellnern oder Mädchen mit Bauchläden voller Zigaretten und Streichhölzer vorbei schieben. Ein paar der Gesichter kannte ich und nickte ihnen im Vorbeigehen zu, aber die meisten von ihnen waren Sterbliche, die kamen und gingen, ohne dass sie mir in Erinnerung blieben. Noch ehe ich sie sah, hörte ich ihr klares Lachen. Sie saß an ihrem ganz privaten Tisch, etwas abseits von den Gästen. Ihre Schönheit war wie immer atemberaubend, obwohl ich keinen solchen mehr hatte. Zwei junge Männer saßen neben ihr und buhlten um ihre Gunst, völlig verzaubert von ihrem Anblick. Sie bemerkte mich, entschuldigte sich bei ihren Spielzeugen und schwebte auf mich zu.
"Clara, meine Liebe." Wir umarmten uns herzlich und ich reichte ihr die Rosen.
"Adrian, schön dich mal wieder zu sehen. Wie geht es dir?", fragte sie und roch zaghaft an den Blumen.
"Heute Abend geht es mir blendend."
Obwohl es schon Jahre her war, dass wie ein Paar waren, brachte Claras Anblick mein Blut in Wallungen. Wir waren als Freunde auseinander gegangen, auch wenn es mir das Herz brach. Aber nach einiger Zeit wurde sie ihrer Begleiter müde und suchte sich neue. Es wunderte mich, dass niemand bei ihr war, außer den beiden Sterblichen. "Ganz alleine, meine Liebe?"
"Nur heute Nacht. Meine Beziehung mischt in der großen Politik mit und hat daher wenig Zeit für mich."
"Also suchst du etwas Ablenkung bei Sterblichen?", meinte ich zynisch und betrachtete die beiden Menschen, die mich eifersüchtig anstarrten.
"Das ist das einzige, was er mir erlaubt. Er befürchtet, ein anderer Unsterblicher könnte mein Herz gewinnen, dabei weiß er nicht, dass du es schon vor ihm im Sturm erobert hast", hauchte sie und warf mir einen Blick zu, der selbst mein totes Fleisch zu Leben hätte erwecken könnte. Ich spürte wie mir das gestohlene Blut unter der Haut kribbelte. "Aber du ja auch, mein lieber Schatz", lachte sie und blickte an mir vorbei. Rose drängelte sich auf der Suche nach mir durch die Menge. "Ach, die Kleine ist aber süß. Du hattest schon immer einen exzellenten Geschmack", meinte sie und küsste mich genau in dem Augenblick leidenschaftlich auf den Mund, als Rose uns entdeckte. Ihre Hand fuhr zärtlich meinen Arm entlang und streichelte mir die Wange, als sie sich von mir löste. "Wir unterhalten uns ein anderes Mal, wenn deine kleine Freundin nicht dabei ist." Damit wandte sich von mir ab. Für einen Moment stand ich noch in Flammen, dann konnte ich das Feuer, das Clara in mir entfacht hatte, ersticken.
Ich wandte mich um und blickte in Roses blaue Augen, in denen Eifersucht brannte, obwohl wir uns gerade erst kennen gelernt hatten. Mein Zauber war vielleicht nicht so mächtig wie Claras, aber er wirkte dennoch. Ich lächelte und drehte mich nicht mehr zur Besitzerin des Clubs um, sondern steuerte auf Rose zu. Sie sagte nichts, verzog den feinen Mund nur zu einem dünnen Strich. Das hier war ein anderes Spiel, genauso süß wie das vorhin in der dunklen Gasse, aber ungemein fordernder und schärfer. Ich trat neben sie und zog sie zu mir heran. Verlor mich in ihrem Duft, im Raunen der Menschen und Klang der Musik. Ich war tot. Und es war ein guter Abend, um tot zu sein.







