Dick Lowcusts Finger brach beinahe lautlos. Und wenn es einen Laut gegeben hatte, so war er unter seinem Schmerzensschrei nicht zu hören gewesen. Er schrie auf, riss seine Hand los und umklammerte sie wimmernd. Es war der kleine Finger der Linken und schmerzte höllisch. "Scheiße!", schluchzte er und rutschte mühsam fort von den beiden Männern, die ihn mit bewegungsloser Miene ansahen.
"Du bist es selbst schuld, Locust. Zahl den Kredit zurück, und deine Finger bleiben heil." Der Knochenbrecher, dessen Stimme wie eine ausgeleierte Bettfeder klang, hieß Sam Ruardo. Er war Geldeintreiber für eine Unterweltgröße namens Slob Henderson. Ruardos Familie stammte aus Portugal und hatte sich in Südkalifornien mit mexikanischem und afrikanischem Blut gemischt. Er hatte ein grobes Gesicht mit dicken Lippen und eine kräftige Figur. Wie sein Partner, ein hagerer Kerl namens Eric Pantu, steckte er in einem billigen, braunen Anzug.
"Ich heiße Lowcust, du Arschloch", keuchte Dick. Sein Gesicht war schweißüberströmt.
Überraschend schnell trat Ruardo einen Schritt vor und versetzte dem knienden Mann einen Tritt. Lowcust kippte zur Seite und rang mühsam nach Atem. Seine Haut war gerötet, seine blauen Augen blutunterlaufen. Der Schläger packte ihn an den Haaren und riss seinen Kopf zurück. "Du bist eine Heuschrecke. Eine fette, gierige Heuschrecke. Und wenn du dein Maul weiter aufreißt, werde ich dich zertreten. Verstanden?"
Lowcust nickte schwach.
"Slob will sein Geld zurück. Du hast bis Ende der Woche Zeit. Ich muss dir nicht erst sagen, was dir passiert, wenn du nicht zahlst, oder?"
"Nein", brachte Dick mühsam hervor.
"Gut." Ruardo ließ ihn los und erhob sich: "Wir gehen." Die beiden Geldeintreiber verließen das kleine Büro. In der Tür drehte sich Pantu noch einmal um. Sein pockennarbiges Gesicht zeigte ein breites Grinsen. "Fette Heuschrecke", sagte er lachend. Dann schloss sich die Tür.
"Ich bin nicht fett!", keuchte Dick. Er kroch zu seinem Schreibtisch, hievte sich in den protestierenden Sessel und stöhnte Schmerz erfüllt. Mit zitternder Hand zog er eine Schublade auf, nahm eine halb volle Flasche und ein Glas heraus und goss sich einen großen Schluck Whisky ein. Als er davon getrunken hatte, seufzte er erleichtert und betrachtete nachdenklich seinen gebrochenen Finger. "Ich bin nicht fett. Ich bin stämmig."
Die Meinungen darüber, ob Dick Lowcust fett war oder stämmig, gingen auseinander.
Er war hoch gewachsen, hatte eine gesunde Hautfarbe, braunes, volles Haar und ein weiches, aber nicht unattraktives Gesicht. Seine Finger waren eine Nuance pummelig, der Rest seines Körpers recht kräftig, abgesehen von seinem Bauch, den er an schlechten Tagen durchaus als fett empfand. Seine Exfrau hatte ihn für übergewichtig gehalten, Dicks Geliebte tat das nicht.
Er trug einen grauen Anzug, ein helles Hemd und eine bunte Krawatte. Dazu einen langen, sandfarbenen Ledermantel. Und eine kleine Nickelbrille, für die er sich schämte.
Seine Zentrale lag in Pamona, Sin Town, am Rande des Nobelviertels Philips Ranch. Aber Dick konnte von seinem Büro im ersten Stock nicht einmal über die Mauern der Reichen schauen. Das Wohn- und Schlafzimmer ging nach hinten raus und gab den Blick auf einen verschmutzten Hof frei, so dass er nur selten die gelblichen Vorhänge aufzog.
Geld verdiente er sich als Privatermittler, wie es in weißen Lettern auf dem Fenster seines Büros stand. Darunter fielen Kurierdienste, Überwachungen, kleine Nachforschungen und das Anfertigen belastender Fotos. Aber die Geschäfte liefen schlecht. In einem heruntergekommenen Ort wie Pamona nicht anders zu erwarten.
Dick Lowcust, der zumeist nur Locust, Heuschrecke, genannt wurde, saß mit geschientem Finger an seinem Schreibtisch, ein abgegriffenes Notizbuch aufgeschlagen vor sich und schimpfte in den Telefonhörer. "So behandelst du also deine Freunde, Mac? Nicht mal ein paar lausige Dollar machst du für jemanden locker, der dir immer beigestanden hat!"
Die Stimme aus dem Hörer quäkte ebenso unfreundlich zurück.
Dick wischte sich mit einem gepunkteten Taschentuch den Schweiß von der Stirn. "Komm schon, Mac. Von den letzten fünfhundert Dollar habe ich dir fast alles zurückgezahlt. Stell dich nicht so an."
Während sein Gesprächspartner noch heftige Beleidigungen von sich gab, warf Dick das Telefon auf die Station. "Arschloch!", zischte er und machte ein kleines Kreuzchen hinter einen Eintrag in seinem Notizbuch. Er hatte den ganzen Vormittag über nur Kreuzchen gemacht.
Eine Zeitlang spielte er nervös am Verband seines gebrochenen Fingers herum, dann schnaufte er verächtlich und blätterte den kleinen Kalender um, dessen Zahlen ihm die ganze Zeit entgegen sprangen. Heute war Dienstag. Das Ultimatum von Slob Henderson lief Samstagnacht ab.
Dick fluchte auf seinen Buchmacher, dann auf seine Geliebte. Wegen beiden hatte er sein Geld verpulvert. Dabei berührte er das Foto, das in einem silbernen Rahmen daneben stand. Es zeigte eine lächelnde Frau mit zwei süßen Mädchen vor sich. Er nahm das Bild in die Hände. Der Rahmen lag kühl auf seiner erhitzten Haut.
Die Frau war hübsch. Eine Braunhaarige in einem hellen Sommerkleid, mit vollen Lippen und einladenden Augen. Die beiden Mädchen, vielleicht sieben und zehn Jahre alt, trugen weiße, mit Schleifchen besetzte Kleidchen und lächelten selig in die Kamera. Im Hintergrund war ein großer, gepflegter Garten zu sehen.
Dick seufzte und stellte es zurück. Er hätte gerne gewusst, wer die Frau und die Kinder waren. Um seinem Schreibtisch ein gewisses Ambiente zu verschaffen, hatte er das Bild aus einer Zeitschrift ausgeschnitten und gerahmt.
Eigentlich mochte er keine Kinder, aber an die beiden hatte er sich gewöhnt. Er nannte sie Roberta und Claire. Nur der Frau gab er keinen Namen. Aber gelegentlich tauchte sie in seinen Träumen auf. Ohne die Kinder und vor allem ohne das Sommerkleid.
Schlecht gelaunt wandte er sich wieder seinem Notizbuch zu, blätterte darin herum und schüttelte den Kopf. Er brauchte Geld. Vielleicht konnte er Lea davon überzeugen, das goldene Armband zum Pfandleiher zu bringen. Er ärgerte sich darüber, dass er es ihr vor zwei Wochen geschenkt hatte, anstatt seine Schulden zu begleichen. Aber sie hatte an diesem Nachmittag das enge rote Kleid getragen und ihn so sinnlich angesehen, dass er weich geworden war und ihr den Schmuck gekauft hatte. Sie hatte sich auf ihre Art dafür bedankt.
Dick starrte die Tür zu seinem Büro an, aber schon seit einigen Tagen war kein Kunde mehr hereingekommen. Nur Hendersons Schläger.
Slob war ein Ganove, ein schmieriger Hehler, der sich mit den Crips und Bloods arrangierte, Diebesgut verschob und Geld verlieh. Dick stand eigentlich ganz gut mit Henderson, weshalb ihm die Gangs auch nur wenig Ärger bereiteten, aber bei Geld hörte die Freundschaft.
Mit geröteten Augen sah er sich in seinem Büro um. Die Einrichtung war uralt, er hatte sie vor Jahren von einer Anwaltskanzlei übernommen, und, wie die meisten anderen Dinge, hier kaum einen Dollar wert. Der zerkratzte Schreibtisch, drei verfärbte Ledersessel, ein Aktenschrank, gerahmte Wüstenaufnahmen aus einem Kalender an den Wänden und durchgelaufene Teppiche. Der Ventilator an der Decke mühte sich surrend, aber ohne nennenswerte Erfolge gegen die drückende Hitze. Die Luft war warm und muffig.
Die einzigen Dinge von Wert, die Dick Lowcust besaß, waren ein Fernsehgerät, seine Beretta und eine goldene Uhr, ein Erbstück seines Vaters. Aber auch die war kaputt, seit er sie bekommen hatte.
"Irgendwo muss sich doch noch Geld auftun lassen, verdammter Mist", schimpfte er, schleuderte das Notizbuch in eine Ecke und wippte unruhig auf seinem Stuhl.
"Komm schon, Schätzchen. Es ist ja nur für ein paar Tage. Dann kommt bestimmt ein Klient", säuselte Dick charmant und spielte sanft mit Leas Ohrläppchen, weil er wusste, dass sie das scharf machte.
Sie standen dicht gedrängt in einer schattigen Gasse. Von irgendwoher trieb der Geruch von Chili durch die heiße Nachmittagsluft. Obwohl er schwitzte, trug Dick seinen Ledermantel. Man sah ihn selten ohne das gute Stück. An der rechten Schulter war er notdürftig geflickt, dort wo ihn vor vier Monaten das Messer eines Betrunkenen erwischt hatte.
"Vergiss es, Dick." Lea, eine kleine, dralle Blondine, lehnte sich gegen die schmutzige Hauswand und fixierte ihn kalt.
"Aber Süße, du willst mir doch helfen, oder?"
"Ich sagte nein. Du hast es mir geschenkt."
"Ich konnte doch nicht wissen, dass Slob mir an den Kragen will."
"Dein Pech."
"Lea, Liebling, das kannst du mir doch nicht antun. Die haben mir den Finger gebrochen!"
"Solange sie dir nicht deinen Schwanz abschneiden …"
Dick verzog bei diesem Gedanken das Gesicht. "Mal den Teufel nicht an die Wand. Du bekommst das Armband doch auch bestimmt wieder."
"Eher glaube ich an den Weihnachtsmann." Sie strich sich eine Haarlocke aus der Stirn und sah ihn herausfordernd an.
Dick ergriff ihren Arm und hielt ihn grob fest. Das goldene Armband funkelte ihn an.
"Lass mich sofort los, du Idiot."
"Verdammt, ich brauche das Geld!" Er versuchte ihr das Schmuckstück abzustreifen.
"Wenn du das tust, kannst du dir den Sex abschminken!", zischte sie.
Dick sah sie an, dann das goldene Armband, schließlich wieder sie. Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Sein Atem ging schwer und seine Augen wirkten groß hinter den runden Brillengläsern. Einen Augenblick lang zerrte er noch an ihrem Arm, dann ließ er sie mit einem müden Seufzer los. "Verdammte Scheiße", stöhnte er.
"Such dir einen Job, Dick."
"Ich habe einen Job."
"Einen, der Geld bringt, meine ich."
Er nahm seine Brille ab und polierte die Gläser. "Mir wird schon was einfallen."
"Du bist ein fauler Idiot."
"Und du eine Hure."
Sie machte sich von ihm los. "Immerhin kann ich davon leben. Wenn du so weiter machst, wirst du in Zukunft für mich bezahlen müssen."
Er sah sie unfreundlich an.
"Such dir einen Job, Dick. Du bist immerhin weiß. Nicht qualifiziert, aber weiß."
Damit ließ sie ihn stehen und stolzierte mit ausgreifendem Hüftschwung aus der Gasse.
An den Stränden von Malibu Beach war das Licht der untergehenden Sonne wie flüssiges Gold, das auf den Wellen und dem hellen Strand glitzerte. Aber alles, was weiter im Landesinneren davon übrig blieb, erinnerte nur noch an trüben, dumpfen Schlamm.
Dick Lowcust stand im Schatten einer Seitengasse, halb verborgen hinter einem übel riechenden Müllcontainer, in dem die Ratten die hereinbrechende Nacht feierten.
Das schmutzige Licht kroch langsam aus der Gasse fort und überließ den Abfall und Gestank der begierigen Dunkelheit. Er rauchte eine zerdrückte Zigarette, sah zu einer Tür in der Hauswand, dann auf seine Uhr und starrte weiter die letzten Sonnenstrahlen an. Auf der Straße vor der Gasse quälte sich gelegentlich ein Fahrzeug entlang, aber nur selten ein Passant.
Dick trug einen schwarzen, zerschlissenen Sportanzug mit einstmals weißen Nähten, der sich unvorteilhaft über seinem Bauch spannte. Um den Hals hatte er sich ein blaues Halstuch geschlungen, in dem sich der Schweiß sammelte.
Als der Sonnenstrahl aus der Gasse geflohen war, warf er seine Zigarette fort und atmete tief ein, um zu lauschen. Es war still, nichts rührte sich. Er blickte auf die Uhr und nickte langsam. Dann trat er aus seinem Versteck und huschte neben die Tür. Sie war aus stabilem Holz und mit Kratzern und Schmierereien bedeckt. Der Griff war abgeschraubt worden. Seine Hand fischte einen Dietrich aus der Hosentasche und er machte sich geschickt am Schloss zu schaffen. Nach wenigen Versuchen gab es ein leises Klicken von sich und war offen.
Dick wischte sich den Schweiß von der Stirn, sah sich noch einmal um und nahm, da die Luft rein war, einen Nylonstrumpf aus der Jackentasche. Er zog ihn sich über den Kopf, was ihm mehr Mühe bereitete, als er erwartet hatte. Der Strumpf spannte so sehr, dass er befürchtete, er würde zerreißen.
Als er sich maskiert hatte, schob er leise die Tür auf und schlüpfte in den engen Flur dahinter. Nachdem er sie hinter sich zugezogen hatte, umfing ihn ein bedrückendes Halbdunkel, in dem er durch den Strumpf über seinem Gesicht kaum etwas erkennen konnte. Aber immerhin fiel Licht durch einen Spalt am Ende des Gangs. Genau dort wollte er hin.
Mit der Linken tastete er sich vorsichtig vorwärts, stieß sich einmal schmerzhaft den verletzten Finger und biss sich auf die Zunge, um einen Schrei zu unterdrücken.
Seine andere Hand glitt in die Tasche seiner Jacke und schloss sich um einen biegsamen, kleinen Lederknüppel.
Er rückte langsam vor, bis er die Tür erreicht hatte. Sie war nur angelehnt und er schob sie einen kleinen Spalt weit auf. Sein Herz schlug schneller, als er Liu sah. Der alte Koreaner, dem ein Tabakladen im vorderen Teil des Hauses gehörte, saß an einem Tisch und zählte die Tageseinnahmen. Geld lag darauf verteilt, Scheine und Münzen. Davor die gebeugte, schwarzhaarige Gestalt des Händlers. Dick hatte ihn mehrmals gesehen, wie er nach Feierabend mit der Kasse ins Hinterzimmer verschwand. Genau wie heute. Er frohlockte und seine Hand schloss sich fester um den Knüppel in seiner Tasche.
Vorsichtig drückte er die Tür noch etwas weiter auf, bereit, einen schnellen Schritt nach vorne zu machen, dem Alten eins überzubraten und sich mit den Tageseinnahmen aus dem Staub zu machen. Und erstarrte plötzlich. Liu war nicht allein. Ein Mann war bei ihm. Ein junger Lateinamerikaner mit einem Messer in der Hand, der drohend vor dem Koreaner stand.
Dick sog scharf die Luft ein, aber die Maske verstopfte ihm den Mund und die Nasenlöcher, so dass er hustete. Er tat eilig einen Schritt zurück, aber es war schon zu spät. Die Tür wurde aufgerissen und ein weiterer Latino stand vor ihm. Es war ein bedrohlicher Kerl, ebenfalls mit einem Messer und einem gefährlichen Glitzern in den Augen. Aber als er Dicks verformtes Gesicht unter dem Nylonstrumpf sah, fuhr er erschreckt zusammen.
Lowcust zerrte den Knüppel aus der Tasche und hieb dem anderen damit auf den Arm. Der Junge schrie schmerzerfüllt auf. Das Messer entglitt seiner Hand, aber mit der Faust versuchte er einen Schlag auszuteilen. Dick stolperte zurück. Es gab ein reißendes Geräusch und seine Maske zerriss. Er hieb blindlings um sich, traf den anderen noch einmal und zerrte sich den hinderlichen Nylonstrumpf vom Gesicht.
Der Latino ergriff fluchend die Flucht. Sein Partner hatte es ihm vorgemacht, indem er Liu vom Stuhl stieß, das Geld zusammenraffte und aus dem Zimmer rannte.
"Halt!", keuchte Dick und setzte ihnen nach, aber als er am Durchgang zum Laden ankam, waren die beiden Diebe bereits auf der Straße.
"Scheiße!", brüllte er und drehte sich schwer atmend um.
Liu rappelte sich gerade auf, eine Beule am Kopf. Der Blick des Koreaners fiel auf den leeren Tisch, ebenso der von Dick.
"Scheiße", sagte er noch einmal, leiser dieses Mal. "Scheiße …"
Lius Dankbarkeit glich einer klebrigen Masse. Der alte Koreaner wollte und wollte Lowcusts Hand nicht loslassen. Er überschüttete ihn mit Lobpreisungen in schlechtem Englisch, verbeugte sich, ergriff wieder seine Hand und schrie nach seiner Familie. Bald war Dick umringt von fremden Gesichtern. Einer alten Frau, zwei jungen Mädchen und einem verschlafenen Jungen im Pyjama, der ihm unentwegt am Bein zupfte.
"Es ist nichts", versuchte Dick sie zu beruhigen, aber sie plapperten alle durcheinander, standen um ihn herum und zerrten an seinem verschwitzten Sportanzug.
Dick starrte immer wieder geknickt zum Tisch hinüber. Außer einigen Münzen und einem verlorenen Zwanzigdollarschein war nichts von den Einnahmen geblieben.
Liu erzählte teils in Englisch, teils in seiner Heimatsprache, wie Dick beim Joggen zufällig die beiden Diebe gesehen hatte, wie er sich mutig ins Haus geschlichen und sie in die Flucht geschlagen hatte. Dick nickte nur schwach, während sich seine Finger um den Lederknüppel verkrampften.
Lius Frau erwähnte die Polizei, aber der alte Mann schüttelte den Kopf und tätschelte Dicks Arm. Dann sprach die Alte von einer Belohnung und Dick wurde hellhörig. Ein Teil seiner Lebensgeister erwachte erneut.
Liu sah ihn bestürzt an, dann zeigte er traurig auf den leeren Tisch. "Nichts mehr Geld. War nicht nur ein Tag, sondern Einnahme von ganzer Woche", sagte er mit zitternder Stimme.
"Oh, nein!", stöhnte Dick auf und ließ den Kopf hängen. "Verdammte Scheiße. So ein Mist!", fluchte er laut und ließ den Knüppel frustriert auf seine Handfläche klatschen. Dabei vergaß er den geschienten Finger und der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen.
Liu war gerührt ob solcher Anteilnahme und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. "Belohnung nächste Woche. Ganz bestimmt!"
Dick sah ihn mit geröteten Augen an: "Nächste Woche ist es zu spät. Zu spät, verstehst du?" Aber Liu und seine Familie lächelten ihn nur wohlwollend an.
Für einen Samstagabend war wenig los. Die Hitze des Tages stand noch wie eine Mauer in den Straßen und nur ein paar Nachtschwärmer hatte sich aufraffen können, ihr zu begegnen. Die Neonreklamen lösten die letzten Sonnenstrahlen ab, als Dick unschlüssig vor Ronny's Grillroom herum lungerte. Die gelbe Leuchtschrift stach ihm in die Augen und er schluckte schwer. Schweiß lief ihm den Nacken hinab, als er die zwei Stufen hinauf stieg und die Bar betrat. Der Geruch von Zigarettenrauch und Grillfleisch schlug ihm entgegen. Weiches, gelbes Licht lag über einem langen Tresen und kleinen, runden Tischen mit gelb-weißen Tischdecken. An den Wänden hingen alte Schwarzweißaufnahmen glücklicher Rinder und ihre Zukunft in Form von vergilbten Speisekarten.
Der Barkeeper, ein ochsengesichtiger Schwarzer, starrte Dick gelangweilt an und polierte Gläser. Der einzige Gast saß in der hinteren Ecke an einem reich gedeckten Tisch. Steaks, Kartoffeln und Salat standen fein säuberlich aufgereiht auf der makellosen Tischdecke. Dazu drei Flaschen kaltes Bier. Slob Henderson aß in kleinen, wohlüberlegten Bissen und schien mit seinem Essen keine Eile zu haben.
Er war ein unauffälliger Mann, nicht hoch gewachsen, dünn, mit einem glatten Gesicht und flinken Augen. Sein Anzug war ein Echo der Siebziger, bestehend aus dunklem Stoff, Schlaghosen und einem grünen Seidenhemd, dessen Kragen weit offen stand und seine beharrte, braune Brust erkennen ließ. Um seinen Hals hing eine dünne Goldkette und an seiner Hand glitzerten zwei auffällige Goldringe.
Links und rechts von ihm, wie ausgestopfte Affen in einem Naturkundemuseum, saßen seine Leibwächter. Bull Tompson, ein fetter, kahlköpfiger Mann in einem hässlichen karierten Anzug. Den anderen, einen beweglicher Kerl mit hervorstehendem Unterkiefer, kannte Lowcust nicht.
Slob sah von seinem Essen auf und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. "Hallo, Dick." Seine Zähne blitzten in makellosem Weiß.
"Hallo, Slob", antwortete Dick schwach. Er fühlte sich müde und erschöpft und wäre vor Hendersons Blick am liebsten davon gerannt.
"Setz dich zu uns. Ich hoffe, es stört dich nicht, wenn ich weiter esse? Ein Bier vielleicht?"
Dick nickte und schob sich ächzend auf die kleine Bank gegenüber dem Hehler. Der Schweiß rann ihm nun in Strömen über das Gesicht und er wischte es sich mit seinem auffälligen Taschentuch ab.
Der hässliche Barmann stellte ihm eine kalte Flasche Heineken hin und verzog sich wieder. Dick legte seine Hände um das beschlagene, smaragdgrüne Glas und nahm einen tiefen Schluck.
"Heißer Tag, was?", fragte Henderson und tauchte ein kleines Fleischstück in eine gelbe Soße.
Dick nickte und verteilte die Wassertropfen mit einem Finger auf dem Flaschenhals. "Ja, ziemlich."
Slob schob sich den Bissen in den Mund und kaute langsam darauf herum. "Wie geht es deiner kleinen Nutte?"
Die beiden Gorillas saßen unbeweglich auf ihren Plätzen, tranken gelegentlich einen Schluck Bier und starrten Löcher in die Luft.
"Gut; gut geht es ihr."
"Das freut mich, Dick. Wirklich." Dabei faltete er sorgfältig ein Salatblatt mit Messer und Gabel, ehe er es verzehrte.
"Hör zu, Slob, ich …" setzte Dick an, aber der andere hob die Hand: "Warte, bis ich mit dem Essen fertig bin." Dicks Mund stand einen Moment lang offen, dann schloss er ihn mühsam wieder und wartete. Er sah Henderson beim Essen zu, trank sein zweites Bier und schwitzte wie ein Schwein.
Ein kicherndes Paar, ein nachtschwarzer Kerl mit einem Mädchen wie Kakao, setzten sich an einen Tisch nahe dem Eingang. Dick beachtete sie kaum.
Endlich legte Slob sein Besteck auf den leeren Teller und tupfte sich mit einer gelben Stoffserviette sorgfältig die Lippen ab.
Dann sah er sein Gegenüber eindringlich an. Sein Lächeln war freundlich, aber in seinen flinken Augen schimmerte es kalt. "Was gibt es also, Dick?"
Lowcust fingerte nervös an seinem Verband herum. Die lange Wartezeit hatte seinen Mut zersetzt. "Kann ich noch ein Bier haben?", krächzte er.
Slob gab dem Barkeeper einen Wink. "Also spuck es schon aus, Kumpel."
Die neue Flasche kam und Dick nahm einen tiefen Zug daraus, um Zeit zu gewinnen.
"Slob, ich …" Er tupfte sich erneut den Schweiß von der Stirn, das Taschentuch war bereits völlig durchnässt. "… ich habe das Geld noch nicht." Er vermied es, den Hehler anzusehen, sondern starrte gebannt auf das Etikett seiner Bierflasche.
"Aber Dick, mein lieber Dick, so etwas solltest du mir nicht erzählen", antwortete Slob in anklagendem Tonfall.
Der andere zuckte zusammen. Der Impuls, das Weite zu suchen, flammte in ihm auf. Er sah sich verstohlen um, aber es kam ihm so vor, als wären die beiden Leibwächter unmerklich näher an ihn herangerückt. "Nächste Woche, Slob, weißt du. Da bekomme ich Geld von einem alten Koreaner."
"Aber Dick, nächste Woche? So lange kann ich nicht warten."
"Bitte, Slob. Nur noch eine Woche. Wenigstens vier Tage."
Der Hehler schüttelte langsam den Kopf. "Tut mir Leid, Dick. Ich habe dir bereits einmal Aufschub gewährt. Du hast erlebt, was dabei herausgekommen ist. Es ist nicht gut für die allgemeine Zahlungsmoral, wenn ich zu nachgiebig bin."
"Aber niemand wird etwas davon erfahren. Ich schwöre es!"
"Tut mir Leid."
Dick rutschte unruhig auf seinem Platz vor und zurück. "Slob, wir sind doch Freunde!" Sein gebrochener Finger begann zu jucken.
"Erst einmal sind wir Geschäftspartner. Ich habe meinen Teil der Abmachung gehalten. Warum du nicht?"
Lowcust ließ müde den Kopf hängen. "Ich habe es versucht. Aber die Geschäfte laufen nicht. Das Wetter, weißt du? Ich habe mich bemüht, das Geld aufzutreiben, weiß Gott, ich habe mich bemüht!" Es fehlte nicht viel und ihm wären Tränen in die Augen gestiegen. Seine Stimme war ein Schluchzen.
"Du hast wirklich alles versucht?"
Dick nickte.
"Das ist nicht gut. Du weißt, was mit Leuten passiert, die ihre Schulden nicht begleichen?"
"Bitte, Slob!" Lowcust bekam Panik, aber er traute sich nicht, aufzustehen.
Bull Tompson und sein Partner starrten nun Löcher in ihn und es wäre ihnen bestimmt ein Vergnügen gewesen, sie auch in ihn zu machen.
Henderson sah ihn kalt an. "Ich habe dich gewarnt, Dick. Als du dir Geld von mir geliehen hast, habe ich dich gewarnt." Die Augen in dem dunkelhäutigen Gesicht funkelten gefährlich.
"Scheiß, Slob, ich sage das doch nicht, weil es mir Spaß macht! Wenn ich das Geld hätte, dann …"
"Wir werden ein Exempel statuieren müssen, Dick", seufzte Slob und tauschte einen kurzen Blick mit Bull Tompson.
Lowcusts Hals war wie ausgetrocknet. Seine Stirn glänzte vor Schweiß, ihm war viel zu heiß in seinem Ledermantel. "Warte!", krächzte Dick und seine Hand fuhr zu seiner Innentasche.
Bull Tompsons braune Pranke schoss vor und schloss sich wie ein Schraubstock um Dicks Hand. Er quiekte wie ein verängstigtes Tier. "Keine Dummheiten, Heuschrecke!", grunzte der Leibwächter und öffnete brutal Lowcusts Hand.
Dick verzog vor Schmerz das Gesicht, er fürchtete, dass sie ihm auch noch die anderen Finger brechen würden. "Es ist nichts Gefährliches!", schluchzte er.
Bull Tompson nahm ihm die goldene Uhr ab, die Dick aus seiner Tasche gezogen hatte, schaute sie misstrauisch an und reichte sie dem Hehler.
"Was ist das?", fragte Henderson und besah sich das Schmuckstück. Seine schlanken, braunen Finger betasteten sie vorsichtig, strichen dann liebevoll darüber.
"Nimm sie!", keuchte Dick und versuchte seine Hand aus Bull Tompsons Griff zu befreien. Es gelang ihm nicht.
Slob sah ihn an. "Ein teures Stück, Dick. Wie kommst du dazu?"
"Ist von meinem Vater. Ein Erbstück. Nimm sie, als Pfand. Wenn ich sie nächste Woche nicht auslösen kann, gehört sie dir. Zusätzlich zum Geld, das ich dir schulde."
Dick fuhr sich mit der Zunge über seine aufgesprungenen Lippen.
Henderson lächelte. Seine weißen Zähne schimmerten. "Netter Versuch, Dick. Aber ich verlängere deine Frist nicht." Er legte die Uhr behutsam in Lowcusts Hand zurück und schloss dessen Finger darüber. "Außerdem kann ich dir dieses Erbstück nicht abnehmen. Du solltest es reparieren lassen, weißt du?"
"Du kannst es nicht nehmen, aber mir die Finger brechen?", stieß Dick in schrillem Ton hervor.
Slob schüttelte langsam den Kopf. "Ich mag dich, Dick. Und ich kann diese Uhr nicht nehmen, weil sie ein Erinnerungsstück von einem Vater an seinen Sohn ist."
"Was?"
"Ich hatte nie einen Vater, weißt du."
Dick stöhnte: "Was ist das für ein Quatsch, Slob?"
"Kein Quatsch, Mann. Wirklich nicht."
Dick sackte in sich zusammen.
Auf ein Zeichen des Hehlers ließ Bull Tompson ihn los. Henderson beugte sich vertraulich vor: "Hör zu, Dick. Ich habe kein Interesse daran, dir weitere Finger zu brechen. Ich mag dich, das habe ich schon gesagt."
Lowcust rieb sich die gequetschte Hand. Sein Blick schweifte unruhig über den Tisch, ohne den Hehler oder die beiden Leibwächter anzusehen.
"Ich kann deine Frist nicht verlängern, Dick. Ist nicht gut fürs Geschäft, verstehst du?"
"Und?", fragte der andere mit tonloser Stimme. Er sehnte sich nach einem weiteren Bier, traute sich aber nicht, danach zu fragen.
"Ich mache dir einen Vorschlag, Dick. Du kannst die Summe bei mir abarbeiten."
Dick sah ihn an und vergaß dabei, seine schmerzende Hand zu massieren.
"Abarbeiten?" Das Wort schien ihm nur mit einem widerwilligen Krächzen über die Lippen zu kommen.
Slob lächelte amüsiert. "Ich meine keine dumpfe Maloche, Dick."
"Was denn dann?"
"Du erledigst einen kleinen Job für mich und wir sind quitt."
Dick begann wieder unruhig auf seinem Platz herum zu rutschen. "Was für ein Job? Doch nichts Illegales?"
Henderson lachte: "Und wenn es so wäre? Was stört dich daran?"
Schweiß sammelte sich im Nacken des dicken Detektivs. Er wischte ihn mit der Hand fort. "Ich mache keine krummen Dinger, Slob."
"Nur so krumm, wie du deinen Rücken machen kannst." Die Stimme des Hehlers klang kühl, auch wenn sein Mund noch immer das amüsierte Lächeln zeigte. "Hör mir zu, Dick. Ich war freundlich genug. Entweder du nimmst mein Angebot an, oder du zahlst weiter die Zinsen, bis du Geld aufgetrieben hast." Dabei deutete er auf den gebrochenen Finger seines Gesprächspartners.
"In Ordnung", ächzte Dick.
"Besser. Du überbringst ein Päckchen, mehr nicht. Es ist nicht einmal illegal, solange du deine Nase nicht hineinsteckst."
"Drogen?"
"Es geht dich nichts an."
"Was … was muss ich tun?", fragte Dick dumpf.
"Das Päckchen wohlbehalten abliefern."
"Mehr nicht?"
Der andere schüttelte den Kopf. "Mehr nicht."
"Wo ist der Haken?"
Slob nahm einen tiefen Zug aus seiner smaragdgrünen Flasche. "Es könnte gefährlich werden."
"Es könnte, oder es ist?"
"Ist."
"Scheiße. Warum?"
"Du musst rüber nach CongTown."
Dick fuhr auf. Sein Gesicht wurde kreidebleich. "Was?", würgte er. "Das kannst du mir nicht antun, Slob! Die … die bringen mich um, wenn ich Glück habe! Ansonsten …"
Der Hehler winkte ab. "Halb so schlimm, Dick. Du bist kein Nigger, kein Mex oder so. Du bist weiß. Weiß wie Schnee. Die werden dir nichts tun."
Dick zerrte an seinem Hemdkragen herum. Er hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Bull Tompson fixierte ihn in der Hoffnung, dass er Unannehmlichkeiten bereiten würde. "Die Congs sind verdammt pervers. Die schlitzen mich auf oder machen sonst was mit mir!"
"Vielleicht. Vielleicht auch nicht."
"Gibt es keinen anderen Weg?"
Henderson schüttelte den Kopf.
Mit einem gequälten Seufzer ließ sich Dick zurückfallen. "Ich … ich brauche dringend frische Luft."
"Aber natürlich. Es genügt, wenn du dich in einer Stunde auf den Weg machst."
Lowcust sprang auf: "Heute Nacht?"
Als er mit seinem Bauch gegen den Tisch stieß, klirrte das Geschirr bedenklich.
Die Nacht war nun etwas kühler, die Hitze hatte sich aufgelöst und einer angenehmen Wärme Platz gemacht. Während er in einer Seitengasse neben dem Grillroom wartete, schwitzte Dick dennoch, als würde er von einer Wüstensonne gemartert. Er schritt auf und ab, rauchte eine Zigarette nach der nächsten und trank aus seiner Bierflasche. Gelegentlich wischte er sich die Stirn und den Nacken trocken, behielt seinen schweren Ledermantel jedoch an. Wenn er sich eine neue Zigarette anzündete, fluchte er leise vor sich hin.
Endlich betraten zwei Gestalten die Gasse. Bull Tompsons massiger Körper versperrte den Zugang zu Straße, während Slob heran schlenderte. Er hielt ein kleines, fest zusammengeschnürtes Päckchen unter dem Arm.
Lowcust schnippte seine Zigarette gegen die Hauswand und betrachtete unglücklich den kurzen Funkenregen.
"Alles fertig, Dick?"
"Slob, können wir nicht darüber reden?" Der Detektiv breitete die Arme aus, aber er wirkte dadurch nur wir ein Ertrinkender, der sich an einen unerreichbaren Rettungsring klammern wollte.
Der Hehler hielt ihm das graue Päckchen hin. "Spar dir deine Puste, Dick."
Lowcust ließ die Arme herabfallen und starrte das verschnürte Paket an. Schweißperlen sammelten sich auf seiner zerfurchten Stirn. Seine Zunge tauchte zwischen den gelblichen Zähnen auf und presste sich dagegen. "Die machen mich doch fertig, Slob. Die brauchen gar keinen Grund."
Der andere zuckte die Schultern. "Vielleicht. Wenn du dich dumm anstellst." Er drückte ihm das Päckchen gegen die Brust. "Los jetzt!"
Widerwillig, als wäre es eine Bombe, nahm Dick es in seine zitternden Hände. Es war leicht und hatte die Größe eines Schuhkartons.
"Wohin?", ächzte er.
"Ecke Tillary und Redmond, White Star Laundry. Gib es dem Typen an der Kasse."
"Was ist drin?"
"Meine schmutzige Wäsche, du Trottel", antwortete Slob sarkastisch.
"Und wenn ich es abgeliefert habe?"
"Sind wir quitt."
Dick ließ einige Augenblicke verstreichen, als würde er Hendersons Angebot durchdenken. Ihm blieb ohnehin keine andere Antwort übrig: "Okay."
Der Hehler klopfte dem dicken Detektiv auf die Schulter. "Wird schon schief gehen. Mach einfach einen Bogen um jedweden Ärger."
"Du kennst mich doch, Slob. Ich bin vorsichtig."
"Ich kenne dich, Dick. Deshalb rate ich dir, das Päckchen verschnürt zu lassen."
Dick hob trotzig den Kopf und begehrte auf: "Aber Slob, ich würde nie …"
"Du hast verstanden, was ich gesagt habe. Eine Kanone hast du hoffentlich nicht dabei?"
"Eine … Kanone?" Der Trotz in Dicks Stimme erstarb und er schluckte schwer.
"Also keine. Gut. Ich will keine Schießerei. Das sorgt nur für Unannehmlichkeiten." Henderson drehte sich um, steckte die Hände in die Hosentaschen und schlenderte zur Straße zurück.
"Lass dich nicht unterkriegen, Dick", sagte er, ohne sich umzudrehen.
Lowcust blieb in der Gasse zurück und betrachtete das Päckchen in seiner Hand mit großem Unbehagen. "Warum hast du das mit der Kanone erwähnt, Slob?", murmelte er wehleidig vor sich hin.
Die Vietnamesen hatten sich einen Teil des von Chinesen und Koreanern bewohnten Gebietes einverleibt. Erst waren sie nur eine kleine Gruppe hinter dem Konflikt der Koreaner und Afroamerikaner gewesen. Gestrandet am Pazifischen Ozean, aus L.A. herausgespült, um in Pamona auf dem Trockenen zu sitzen. Aber ihr Einfluss war gewachsen. Bald hatten sie sich in den widrigen Umständen ihre eigene Nische geschaffen. CongTown, wurde ihr kleiner Distrikt genannt. Er war voller winziger Läden, kleiner Restaurants, Bars und Kinos. In seinem Kern war selbst die englische Schrift größtenteils verdrängt worden. Ein Grund, weshalb niemand das Gebiet zurückgefordert hatte, waren die vietnamesischen Banden, die in seinen Straßenzügen herrschten. Sie kontrollierten Glückspiel, Drogenhandel und Prostitution. Ihre Brutalität war berüchtigt und gefürchtet. Diesen Gangs lag viel daran, die Crips und Bloods in diesem Ruf noch zu überflügeln.
Dick quälte sich in seinem grauen Ford nahe an das Herz des Viertels. Die Umgebung erschien ihm mit jeder passierten Kreuzung befremdlicher, als wäre er versehentlich falsch abgebogen und um die halbe Welt gegondelt. Das alles sah für ihn wenig nach Pamona aus. Und hier gab es kaum Weiße. Er hatte das Gefühl, seine fahle Haut würde leuchten wie ein Buschfeuer auf den Hügeln der Hollywood Hills. Es schien, als würden die Fußgänger ihm misstrauische Blicke zuwerfen. Oder habgierige.
Er versuchte, sich anhand eines alten Stadtplans zurechtzufinden, verfuhr sich, fluchte und kurvte schließlich orientierungslos umher.
Dunkelheit hatte sich erstickend über das Stadtviertel gelegt. Die grellen Neonreklamen schienen in schmutzige Watte eingeschlagen zu sein. Passanten, zumeist in Grüppchen von drei oder vier Leuten, standen vor Restaurants und Spielsalons.
Dick fluchte nun unablässig und warf dem Päckchen auf dem Beifahrersitz wütende Blicke zu. Er rauchte hektisch seine letzte Zigarette, zerknüllte die leere Packung und wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Verdammter Henderson!"
Als er an dem roten Neonschild mit einem weißen Stern und dem flackernden Schriftzug Laundry vorbeifuhr, hätte er es beinahe übersehen. Er bemerkte es erst im Rückspiegel, stieß einen Freudenschrei aus und trat hart in die Bremsen. Vor einem leer stehenden Geschäft fand er einen Parkplatz und saß schließlich einige Augenblicke nachdenklich im Wagen. Dabei glitt seine Hand in die Tasche seines Mantels und legte sich beinahe zärtlich um den ledernen Knüppel. Die Waffe stärkte sein Selbstvertrauen und so ergriff er das Päckchen und hievte sich aus dem Fahrzeug.
In der warmen Luft lag ein seltsames Aroma, vielleicht das fremdländischer Gewürze aus einem nahen Imbiss, vielleicht aber auch etwas von einer kleinen Fabrik am Ende der Straße. Die Häuser standen dicht an dicht, schmale, gedrungene Gebäude mit verdreckten Fassaden und zumeist lichtlosen Fenstern. Ein paar Autos standen wie entseelte Blechleiber am Straßenrand und die einzigen Quellen von Licht und Leben waren der winzige Imbiss und die Rund-um-die-Uhr-Reinigung.
Das Päckchen unter dem linken Arm, die andere Hand in der Tasche, stiefelte Dick auf den leuchtenden, weißen Stern zu. Er erinnerte sich vage an eine Geschichte aus seiner Kinderzeit, von drei Königen und einem Stall mit einem Baby darin, das später mal Großes mit der Welt vorhatte. Da war auch irgendetwas mit einem Stern gewesen. Er grinste, das erste Mal, seit er Slobs Angebot angenommen hatte.
Die Wäscherei lag im Erdgeschoss eines vierstöckigen Backsteinbaus, dessen Fassade mit einem schmierigen Film überzogen war. Neben der Eingangstür gab es ein breites Fenster, mit einem großen, weißen Stern darauf und einem schweren Gitter davor. Helles Licht fiel durch die offen stehende Tür und zeichnete ein Rechteck auf den schmutzigen Bürgersteig.
Und vor der Reinigung lümmelten vier Gestalten herum. Junge Vietnamesen mit Zigaretten zwischen den Lippen, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben.
Dicks Herz tat einen Satz und seine Schritte verlangsamten sich. Er schluckte schwer und beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Aber sie schienen in ein Gespräch vertieft und schenkten ihm keine Beachtung.
Dennoch war Dick sich einer drohenden Gefahr bewusst, ein Kribbeln im Nacken. Er begann wieder zu schwitzen und wurde das Gefühl nicht los, dass seine weiße Haut in der Dunkelheit ebenso leuchtete, wie der Stern auf der Neonreklame. Er überlegte, die Straßenseite zu wechseln, aber damit hätte er bestimmt die Aufmerksamkeit der Männer auf sich gezogen. Er steuerte unaufhaltsam auf sie zu.
Einen Moment spielte er mit dem Gedanken, das verfluchte Päckchen einfach durch die offene Tür zu schleudern und das Weite zu suchen. Aber Slob würde das nicht gefallen. Und die Männer standen wahrscheinlich vor der Reinigung, weil es neben dem Imbiss die einzige Lichtquelle war. Und es hier vermutlich besser roch.
Den Blick auf den Boden gerichtet, ging Dick auf die Tür zu. Langsam, gelangweilt und desinteressiert. Ein unwichtiger Weißer, der seine Wäsche in die Reinigung gab. Egal, ob es bereits nach Mitternacht war. Egal, ob es im Vietnamesendistrikt war.
Aus dem Geschäft schlug ihm der Duft nach Waschmittel entgegen, eine Sorte, die ihn an das Bettzeug seiner Großmutter erinnerte.
Einer der Männer verstellte ihm plötzlich den Weg und sprach ihn mit einem schnellen Wortschwall an. Dick erstarrte, seine Beine fühlten sich plötzlich weich und nachgiebig an. Der andere wiederholte seine Worte. In Dicks Ohren klang es wie das unverständliche Zwitschern eines fremdländischen, lungenkranken Vogels. Aber der Mann hielt ihm nur eine unangezündete Zigarette hin.
Er war jung, auch wenn Lowcust nicht zu sagen vermochte, ob er noch ein Kind war, hatte ein glattes Gesicht und dunkle, aggressive Augen.
"Klar …", erwiderte Dick und wollte schon nach seinem Feuerzeug suchen. Doch aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass die Vier dabei waren, ihn einzukreisen.
Er zögerte, dann gewann seine Angst die Oberhand. Seine Finger fassten in die Verschnürung des Päckchens, auch wenn ihm das mit seinem gebrochenen Finger etwas Mühe bereitete. "Moment noch …" Er tat so, als taste seine andere Hand in der Manteltasche nach einem Feuerzeug.
Der andere schnippte die Zigarette weg und setzte ein gemeines Grinsen auf. "Machen wir es kurz!", sagte er in brüchigem Englisch. Die anderen kamen näher.
Dick riss den Arm mit dem Päckchen hoch und traf den Anführer mit voller Wucht ins Gesicht. Gleichzeitig fuhr er wie eine Windmühle herum, die Hand mit dem Lederknüppel schwingend. Er streifte damit den Schädel eines anderen Mannes, der stöhnend nach hinten fiel. Die beiden verbliebenen Vietnamesen taten einen Satz und brachten sich aus seiner Reichweite. In ihren Händen blitzen Messer auf.
Dick schrie wie ein angeschossener Berglöwe, Päckchen und Knüppel umherwirbelnd. Dann stürmte er auf einen der Männer zu, schlug plötzlich einen Haken und hechtete über die Motorhaube eines Wagens.
Für einen Moment blieben seine Gegner wie angewurzelt stehen.
Mit wehendem Mantel flog Dick halb über die Motorhaube, dann prallte er schwer darauf und fiel auf der anderen Seite herunter. Der Aufprall trieb ihm die Luft aus den Lungen und er lag stöhnend, mit Tränen in den Augen auf dem schmutzigen Asphalt.
Beim Schlag mit dem Päckchen hatte er sich die verletzte Hand gestoßen und der gebrochene Finger pulsierte schmerzhaft.
Sofort umringten ihn zwei der Männer und traktierten ihn mit heftigen Tritten. Der Anführer zerrte ihm das Päckchen aus der Hand, wobei sich der gebrochene Finger in den Schnüren verfing. Dick schrie auf und rollte sich zusammen, um sich vor den Attacken zu schützen.
Dann hielten seine Angreifer inne und Dick spähte hinter seinem Arm hervor. Der Mann riss das Päckchen auf, seine Begleiter starrten ihn dabei erwartungsvoll an. In den Augen des Vietnamesen glitzerte es gierig, als er die Schnüre durchtrennte und das Papier zerfetzte. Dick schluckte schwer. Er war sich sicher, dass sie ihn ebenso aufschlitzen würden.
Mit flinken Fingern zog der andere weißen Stoff aus der Verpackung, den er aufgeregt durchwühlte. Die anderen scharrten sich um ihn, ohne Dick zu beachten, der mühsam versuchte, unter das Auto zu kriechen. Dann erhoben sich ihre Stimmen zu einem wütenden Geschnatter. Sie traten an Dick heran und zerrten ihn unter dem Wagen hervor.
Verängstigt hielt er die Hände vor sein Gesicht. Sie schrieen auf ihn ein, rissen ihn empor, schüttelten ihn und ließen ihn schwer zu Boden fallen. Der Anführer beugte sich über ihn und zischte: "Arschloch!" Dann ließ er den Inhalt des Päckchens auf Dick nieder regnen.
Es waren weiße Unterhosen.
Sie ließen ihn liegen, aber im Weggehen versetzte ihm der Mann, den er am Kopf getroffen hatte, noch einen brutalen Tritt. Dick stöhnte auf und presste seine Hände auf den Bauch, wo ihn der Schuh getroffen hatte. Er fühlte sich beschissen.
Sein Körper schmerzte, ihm war schlecht und in seinem Schädel pochte es.
Blut tropfte ihm aus der Nase über die aufgesprungenen Lippen und seine linke Hand war beinahe taub.
Es dauerte einige Zeit, bis er sich stark genug fühlte, um aufzustehen. Schwankend kam er auf die Beine. Die Welt drehte sich um ihn und er übergab sich neben den Vorderreifen. Dann lehnte er sich keuchend gegen den Wagen. Die Wäschestücke lagen verstreut um ihn herum auf dem Boden und leuchteten in der Dunkelheit.
Er beugte sich mühsam vor und sammelte sie ein, wobei er einige mit Blut befleckte, das aus einer Platzwunde an seinem Arm rann. Dann wankte er um das Fahrzeug herum. Von den vier Männern war nichts mehr zu sehen.
Der Angestellte in der Wäscherei beäugte ihn verängstigt. Dick torkelte auf die Tür zu und klammerte sich am Türrahmen fest, um die sich drehende Welt zu beruhigen.
Schweiß brannte in seinen Augen, ein bitterer Geschmack füllte seinen Mund aus. "Das da … zum Reinigen", krächzte er und reichte dem verdutzten Mann hinter der Kasse das Bündel blutbefleckter, schmutziger Unterhosen.
"Du bist ein verdammtes Arschloch, Slob!" Dick schrie beinahe und ballte die gesunde rechte Hand zur Faust.
Ein Arzt hatte ihn notdürftig zusammengeflickt. Der linke Arm hing in einer schwarzen Schlinge und sein Gesicht verzierten etliche Pflaster. Ein Auge war blutunterlaufen. Er humpelte und konnte noch nichts essen.
Henderson saß an einem Tisch in einem muffigen Hinterzimmer eines Nachtclubs. Seine Hand spielte mit dem grünen Stück Papier, das Dick für das Abgeben der Wäsche erhalten hatte. Dann steckte er es sorgfältig in seine Brieftasche und erhob sich.
"Du hast mich nur benutzt, du Schwein!", polterte Dick und stellte sich Henderson in den Weg.
Hinter ihm stieß sich Bull Tompson von der Wand ab, aber Slob bedeutete ihm, sich nicht einzumischen. "Natürlich, was hast du erwartet?"
Dick öffnete den Mund, aber ihm wollte keine passende Antwort einfallen. Schließlich sagte er: "Ich war nur ein Ablenkungsmanöver. Ein dummer August mit einem Satz Unterhosen."
"Warum beklagst du dich? Du bist deine Schulden los."
"Ich bin für ein paar Furzfänger von dir zusammengeschlagen worden! Und du fragst, warum ich mich aufrege?"
"Es war möglich, dass sich die Dinge so entwickeln konnten."
"Du hast es genau gewusst. Die haben doch auf mich gewartet!"
"Vielleicht. Zerbrich dir darüber nicht den Kopf."
"Scheiße, Slob. Die hätten mich fast kalt gemacht."
"Haben sie aber nicht."
"Das zahl ich dir heim."
"Überleg dir, was du sagt, Dick. Das war ein Geschäft, mehr nicht. Ich schätze dich weiterhin als Freund."
"Scheißkerl."
Slob musterte ihn ruhig. "Das wird schon wieder. Du bist ja nicht aus Pappe. Um deinen Mantel tut es mir Leid. Hier, als Entschädigung." Er zog einen Fünfziger aus der Tasche und drückte ihn Lowcust in die verletzte Hand.
"Davon kann ich mir keinen Mantel kaufen."
"Du kaufst dir auch keinen neuen Mantel. Würdest du nie tun. Damit kannst du den Alten flicken lassen."
"Ach, fick dich ins Knie." Dick zerknüllte den Schein und warf ihn zu Boden.
Henderson blickte die Banknote einen Augenblick an, dann zuckte er die Schultern. "Ist dein Geld. Genehmige dir noch einen auf meine Rechnung."
Er klopfte Dick auf die Schulter und verließ zusammen mit seinem Leibwächter das Hinterzimmer. Klagende Blues-Musik drang aus dem Club herein.
Dick stand einige Augenblick da und starrte die Wand an. Dann bückte er sich seufzend und fischte die Banknote vom Boden.
"Wenn du mehr davon willst, könntest du dir ein paar Dollar verdienen, wenn du meine Unterhosen aus der Reinigung holst."
Dick fuhr herum.
Slob war zurückgekommen und stand grinsend in der Tür.
Mit einem Knurren stürmte der dicke Detektiv auf ihn zu: "Wenn ich dich erwische, du räudiger Bastard!"
Die Musik verschluckte erst Hendersons Lachen, dann auch den Hehler und Dick.





