Adrian & Rose
Chicago, heute
Ich stand am Ufer des Chicago Rivers, dessen Wasser sich verzweifelt gegen die eisige Kälte wehrte, um nicht zu gefrieren. Seine Ränder waren schon von einer Eisschicht überzogen, nur in seiner Mitte gab es eine Rinne dunklen Wassers. Der Winter hatte die Stadt in ihrem eisigen Griff, ja sogar der Michigansee fror mehr und mehr zu. Schneidender Wind fegte durch die Straßen und trieb den eilenden Menschen die Tränen in die Augen. Dick vermummte Gestalten stapften durch den gefrorenen Schnee, balancierten auf den spiegelglatten Flächen, die der heftige Eisregen vor ein paar Stunden hinterlassen hatte. Die Autos kamen nur mühsam voran, wobei ihre Fahrer so heftig auf die Hupen drückten, dass man vermuten konnte, sie wollten sich damit warm halten. Irgendwo heulte eine Polizeisirene.
Ich mochte den Winter. Er bedeckte alles wie eine beruhigende Decke, färbte all die Unansehnlichkeiten weiß oder verbarg sie. Die Menschen stießen kleine Atemwölkchen aus und ihre Gesichter waren immer rötlich gefärbt. Vielleicht lag es daran, dass ich ebenfalls ein Geschöpf des Winters war. Trotz der Kälte in mir gab es so etwas wie Leben, und genauso war es mit dieser Stadt. Die Menschen froren zwar und fluchten über den eisigen Wind, aber sie waren lebendig, trotzten dem Winter.
Mein Blick fing die smaragdgrüne Fassade des 333 West Wacker Drives ein, einem beeindruckenden gläsernen Bürogebäude, dass sich an den Lauf des Chicago Rivers schmiegte.
Dabei stellte ich mir vor, wie es sein musste, sie im Licht des erwachenden Morgens zu betrachten.
"Träumst du schon wieder von der Sonne?", hauchte sie mir ins Ohr. Ihre Schritte waren kaum zu hören gewesen.
Ich verscheuchte die Sehnsucht und drehte mich zu ihr um: "Sieht man das meinem Blick so sehr an?"
Sie zuckte die Schultern und kratzte mit der Fußspitze Linien in den Schnee: "Wenn man die Träume einer Person kennt, kann man sie in ihren Augen glitzern sehen."
Ich lächelte und zog sie in meine Arme, rieb mein Gesicht an ihrem duftenden Hals. Eine Zeit lang standen wir so in der Kälte, wie Erfrorene oder Statuen. "Ich habe dich vermisst", sagte ich, als wir uns lösten und Arm in Arm die Straße entlang wanderten, weg vom Fluss.
"Ich weiß." Sie erschien mir wie eine Eisprinzessin, wunderschön, aber zerbrechlich. Ihr Gesicht war blass und die einzige Haut, die man unter ihrem weichen Mantel und der Mütze sehen konnte, umrahmt von ihren blonden Locken. Sie war ein gutes Stück kleiner als ich und wirkte in all dem dicken Stoff noch zierlicher.
"Ich hatte schon befürchtet, dass du nicht wiederkommen würdest."
"Ich werde immer zu dir zurückkehren. Wir gehören zu einander. Vielleicht trennen sich unsere Wege einige Zeit lang, aber was ist schon Zeit, wenn wir die Ewigkeit haben", antwortete Rose.
Ich erinnerte mich zurück an sie, als sie noch ein Mensch war, als wir uns kennen gelernt hatten. Wie sehr mich ihre Lebendigkeit fasziniert hatte. Ihr Wille lebendig zu sein. Ich hatte gehofft, etwas davon würde ihren Tod überdauern, mich in der Ewigkeit begleiten. Jetzt war ich mir darüber nicht mehr sicher. Ich liebte sie noch immer, aber es war nicht dasselbe Gefühl wie damals. Ich befürchtete sogar, dass es damals gar kein Gefühl gegeben hatte, sondern nur meine blinde Sehnsucht nach etwas, das schon lange verloren war. Es schien, als wäre ihre Lebendigkeit der puren Bewegung und Auflehnung gewichen. Sie war ganz Kind ihrer Zeit - rebellisch, offen und hinterfragend. Ständig in Bewegung, nicht gewillt Stagnation zu ertragen. Umso mehr verwunderte es mich, dass sie noch etwas für mich empfand. Ich kam mir alt und erstarrt vor.
"Die Vergangenheit ist tot." Sie kannte mich so gut wie kaum jemand, und es fiel mir schwer etwas vor ihr zu verbergen. Sie las in meinen Augen wie in einem offenen Buch. Ich wünschte ich hatte es auch in ihren gekonnt.
"Natürlich ist sie das", gab ich gequält zu. Es war eines der ewigen Themen zwischen uns.
"Warum flüchtest du dann immer wieder zu ihr zurück? Warum quälst du dich mit Erinnerungen und Gedanken daran, was du hättest anders machen können?"
"Ich denke nicht darüber nach, was ich hätte anders machen können oder sollen."
Sie verzog die Augen zu schmalen Schlitzen: "Natürlich tust du das. Wie immer wenn wir uns lange nicht gesehen haben, hängst du bei unserem Wiedersehen meiner Vergangenheit nach. Fragst dich, ob es die richtige Entscheidung von dir war. Ob ich mich durch den Tod verändert habe." Ich zuckte unter ihren Worten zusammen. Ihre Stimme klang verbittert: "Aber es war nicht deine Entscheidung, es war meine. Ich habe mich für dich und für die Unsterblichkeit entschieden. Nicht du. Du hast nur eingewilligt sie mir zu geben. Aber die Entscheidung habe ich alleine getroffen. Warum kannst du das nicht einsehen? Und verändert habe ich mich natürlich. Wie soll ein solcher Wandel spurlos an mir vorübergehen? Ich habe dich in den ersten Nächten meines neuen Lebens gehasst, habe dich verflucht wegen all der Schmerzen und dieser Kälte. Aber dann habe ich begriffen, dass der Verlust in mir nicht bedeutet, dass ich verflucht bin. Vielleicht sind wir Geschöpfe der Nacht, aber dass heißt nicht, dass wir uns in die Dunkelheit verkriechen müssen. Ich lebe vielleicht nicht mehr, aber ich bin noch lebendig. Und ich liebe dich. Ist das nicht Beweis genug?" Ihre letzten Worte schrie sie heraus und in ihren Augen zeichneten sich blutige Tränen ab.
"Es tut mir leid", erwiderte ich schwach.
Sie lächelte und wischte mit ihrem Handschuh die Tränen fort: "Ich weiß." Die Schnelligkeit, mit der sich ihre Stimmungen änderten, war etwas, das mich beunruhigte. Es schien, als würde sie etwas tief bewegen oder verletzen, und im nächsten Moment lachte sie darüber oder wendete sich anderen Dingen zu. Ich verscheuchte die Gedanken daran, denn bei diesem Thema wurde sie meist aggressiv.
"Schau!", lachte sie fröhlich und zeigte mit der Hand in Richtung einiger spielender Kinder. Dick eingepackt krabbelten die Knirpse einen kleinen Schneeberg hinauf und schlitterten ihn auf selbst gebauten Schlitten hinab. Dabei kreischten sie und jubelten, wann immer einer von ihnen zu ungeschickt steuerte oder sich überschlug. Rose schien sich darüber köstlich zu amüsieren und schlug sich vor Begeisterung auf die Oberschenkel. "Das ist wahres Leben. Schau sie dir an. Sie sind so lebendig wie sie nur sein können. Sie kreischen und freuen sich, die Kälte rötet ihre Wangen und die Anstrengung lässt sie kleine Dampfwölkchen ausatmen." Wir beobachteten die Kinder einige Momente und sie winkten uns zu, vielleicht weil sie glaubten, dass wir ein frisch verliebtes Paar waren, das einen romantischen Spaziergang unternahm. In ihren Augen glänzte die Unschuld.
"Wie warst du als Kind?", wollte sie wissen, als wir langsam weiter gingen. Unsere Schritte knirschten auf dem Boden, während das Licht der Straßenlampen in den Eiskristallen glitzerte.
"Ich kann mich kaum daran erinnern. Oder vielleicht möchte ich mich nicht daran erinnern. Ich weiß noch, dass wir an solchen Tagen Schneemänner gebaut haben, meine Brüder und ich. Dann haben wir uns mit unseren Schwestern eine Schneeballschlacht geliefert, bis wir alle so durchgefroren waren, dass wir von unserer Mutter hereingerufen wurden." Ich versuchte mir die Bilder in Erinnerung zu rufen. Aber sie waren verschwommen, die Gesichter verblasst. Namen waren noch da, aber sie waren im Laufe der Zeit bedeutungslos geworden.
Rose tänzelte an meiner Seite zum Takt einer unhörbaren Musik: "Ich habe mir im Winter immer gewünscht, raus aufs Land zu fahren. Weg aus der Stadt. Aber meine Familie hatte kein Geld. So blieb mir nichts anderes übrig, als mit meinen Freunden auf verlassenen Grundstücken zu spielen und uns vorzustellen, wir wären draußen in der wilden Natur, mit Bären und Wölfen. Irgendwann musste ich anfangen zu arbeiten, so dass keine Zeit mehr zum Spielen blieb. Schließlich haben sich auch meine Träume geändert."
"Vielleicht fahren wir diese Weihnachten hinaus aufs Land. Ich könnte da ein Haus mieten. Dann könntest du einen Kindheitswunsch wahr werden lassen."
Sie löste sich von mir und schaute mich aus ihren klaren Augen an: "Ja, das wäre wunderbar."
Aber ich konnte an ihrer Stimme erkennen, dass sie keineswegs vorhatte, sich diesen Wunsch zu erfüllen. Vermutlich hatte sie Recht, und ihre Träume hatten sich geändert. Wir passierten einen verschneiten Park, hinter dessen Mauern die Lampen einer Lichterkette glühten. Menschen lachten und unterhielten sich, einige waren mutig genug, sich auf das Eis eines zugefrorenen Sees zu wagen. Rose blieb vor einem Schaukasten stehen und winkte mich zu sich. Ich beugte mich vor und versuchte durch das vereiste Glas etwas zu erkennen, fand aber nur unwichtige Bekanntmachungen. "Sieh doch nur", wisperte sie und fuhr mit den Fingern über die Eisschicht. Das Glas war von feinen Mustern überzogen. "Eisblumen." sagte sie und fuhr mit den Fingern um eine der gefrorenen Stellen. Aber ihre Haut war viel zu kalt, um das Eis zum Schmelzen zu bringen. Ich spürte, wie sie verbissener wurde und über das Glas rieb. "Ich hasse das!"
"Nicht!", versuchte ich sie zu beruhigen, aber es war schon zu spät. Als wäre es ein Blatt Papier drang ihr Finger durch das Glas. Ein lautes Klirren ertönte, gefolgt von ihrem Fluchen. In ihren Augen loderte wilder Zorn und tiefe Frustration, während sie mit den Fäusten auf die Scheibe einschlug. Ich umschlang sie und zog Rose von dem Kasten fort. Sie wütete und trat unbändig um sich, zappelte und fauchte wie eine Irre. Hätte ein Mensch versucht sie festzuhalten, hätte sie ihn wie einen trockenen Ast zerbrochen, aber die Stärke meines Alters reichte aus, um ihrer Raserei zu dämpfen. Nach einigen Augenblick verwandelte sich das Fauchen in ein tiefes Schluchzen. Rose drehte sich in meinem Griff um und warf sich an meine Schulter.
Ihre Stimme zitterte: "Warum? Warum sind wir so verdammt kalt?"
"Ich weiß es nicht", gab ich zurück und legte meinen Arm sanft um sie. Sie beruhigte sich und verzog den Mund wie ein schmollendes Kind. Als hätte sie den Ausraster schon vergessen, betrachtete sie die kleinen Schnitte an ihren Fingern, an denen sich Blutstropfen gesammelt hatten. Mit glänzenden, noch von blutigen Tränen verhangenen Augen, aber einem schelmischen Lächeln auf den feinen Lippen, strich sie mit den Fingern über meinen Mund. Der Duft ihres Blutes umspielte meine Nase und unkontrolliert schnappte ich danach. Im Gegensatz zu ihrer eisigen Haut war ihr Blut warm, wenn auch nicht so angenehm wie bei einem Menschen. Dafür war es dickflüssiger und würziger, die Farbe ähnelte mehr Schwarz als Rot. Der Geschmack, den es auf meiner Zunge verursachte, füllte mich vollkommen aus. Eine tiefe Erregung und Gier erwachte; sie lauerten beständig unter der Oberfläche, wie ein Schwelbrand, der bei einem Windhauch entflammte. Ich saugte an ihrem Finger, entrang ihr einige wenige Tropfen, die wie die Verheißung des Paradieses meine Kehle hinab liefen.
"Genug, mein Lieber", lachte sie und entzog sich meiner Gier. Für einen Moment war ich wie ein verärgertes Kind, dem man sein liebstes Spielzeug entrissen hatte. Dann verrauchte die Erregung so plötzlich wie sie gekommen war und auch die Gier zog sich widerwillig zurück. Sie schienen mich zu verhöhnen, als sie in die Dunkelheit meiner selbst verschwanden. Verloren stand ich da und brauchte einen Augenblick, um mich wieder zu fassen. Rose wiegte sich vor mir hin und her und amüsierte sich königlich über den Moment, in dem ich die Kontrolle über mich verloren hatte. Sie wusste genau, wie sehr ich es verabscheute.
Wir verließen die Umgebung des Parks und durchwanderten die Stadt. Verlorene Seelen. Kalte Seelen, die dahintrieben im eisigen Winden, zwischen Hell und Dunkel, Hoffnung und Verzweiflung. Die Lichter der Stadt schienen uns zu verhöhnen und dann im nächsten Augenblick mit ihrer Wärme zu locken. Wir waren wie ein verliebtes Paar, bemüht die Ewigkeit zu vergessen, nur für diese Momente zu sein. Nur für einander zu sein. Es war eine Reise durch die Kälte unseres eigenen Inneren. Sie war allgegenwärtig, verschlang alles oder fror es ein. Erinnerungen schimmerten wie tränenverhangene Bilder, versprachen Wärme und Geborgenheit, zerbrachen aber unter der geringsten Berührung. Und dahinter war nur eine kalte Schwärze, in der Gier und Tod lauerten. Wir trieben dahin, wie Geister in einer Welt, die wir zwar kannten und liebten, deren wahre Wärme uns jedoch verschlossen blieb. Uns blieben nur wir selbst, unserer gegenseitigen Kälte, aus der wir uns Liebe und Geborgenheit erhofften.







