Die letzte Reise

Anmerkung: Nach sieben Jahre Pause kehrt der tote Privatdetektiv Roger Cross auf die Bildfläche zurück. Mit dem Altern hat er dabei wenigistens keine Probleme.


Ich konnte das Meer durch das geöffnete Fenster riechen, noch bevor die mehrspurige Straße zu einem einsamen Band Richtung Labelle verkümmerte. Ein schwerer, feuchter Geruch, der heran kroch und zu nisten begann. Er erinnerte mich an einen ungelüfteten Keller in dem irgendetwas vor sich hinfaulte. Eine Leiche vermutlich. Hinter den Vororten mit ihren heruntergekommenen Eigenheimen kamen ein paar verlassene landwirtschaftliche Betriebe und schließlich ausgedorrte Wiesen. Dann schlängelte sich die Küstenstraße an vergilbten Reklametafeln vorbei, mindestens zehnmal das gleiche Motiv - Suntop Waschpulver mit einer strahlenden Hausfrau darauf. Aus mir unbekannten Gründen musste sich die Werbung auch über den Tod hinaus behaupten. Jetzt tauchte das Meer auf und weigerte sich bald darauf, aus der Landschaft zu verschwinden. Sein Gestank passte zu der schwarzen Brühe, die bis zum Horizont reichte. Das Meer der Unsicherheit. Angeblich brandete es bis in die Gefilde der Lebenden, man musste nur weit genug hinausfahren. Wenn einen nicht vorher die tückische Strömung oder Untiefen hinderten. Mit Sicherheit wusste jedoch niemand, was am anderen Ufer wartete. Weit draußen kreuzten einige schrottreife Tanker in den Fahrtrinnen, vermutlich direkt im Bermuda-Dreieck verloren gegangen. Der Himmel über ihnen wollte die Sonne nicht durchlassen und hielt sie hinter einem diesigen Schleier gefangen. Ein warmer, idyllischer Tag.

Labelle lag drei Fahrtstunden von der Stadt entfernt, ein verschlafenes Küstenörtchen mit weißen Häuschen und den typischen Touristenläden. Nur, dass niemand hier jemals zum Urlaubmachen herkam. Die Villen schmiegten sich ans Kliff, bereit, in die Tiefe zu stürzen, wenn der Fels zu bröckeln begann. Ein exklusives Fleckchen für die Reichen und Schönen.

Barrents Haus lag am anderen Ende von Labelle, etwas abseits selbst von den anderen Villen. Ein Gebäude mit viel Glas und einem Flachdach, zeitlos geschmacklos. Eine hölzerne Plattform hing über dem Abgrund und lud zu Tanzabenden ein.

Ich lenkte meinen Wagen die Einfahrt hoch und parkte neben einer Limousine und einem Sportcoupé. Die verdorrten Blumen und das abgestorbene Gras waren sorgfältig gepflegt, dem Haus selbst merkte man erst auf den zweiten Blick an, dass es Opfer eines Feuers geworden war. Unter der weißen Farbe sah ich die verkohlten Holzleisten.

Der Türklopfer brachte es nicht zum Einsturz, also wartete ich. Im Hintergrund rauschte träge das Meer, im Haus ging eine Tür, aber ansonsten war es hier oben angenehm ruhig.

Schwarze Serie - Die letzte ReiseSchwarze Serie - Die letzte Reise

Ein Butler öffnete und streckte den Kopf heraus. "Sie wünschen?" Er war klein und aufgequollen, mit einer grobporigen Nase und blutunterlaufenen Augen. Sehr wahrscheinlich, dass er sich tot gesoffen hatte.

"Roger Cross - Mr. Barrent erwartet mich."

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. "Das ist richtig. Bitte, folgen Sie mir nach hinten." Er stieß die Tür auf und führte mich durch die Villa nach draußen. Alles war sauber und ordentlich, aber der Brandgeruch würde dennoch nie ganz verschwinden. Das Innere war wie ein Mausoleum, totenstill und voll gestellt mit Grabbeigaben aus allen möglichen Epochen. Irdene Krüge, Waffen, Masken, Schmuck - in Vitrinen, Regalen und an den Wänden. Ich blieb vor einer Auslage mit goldenen Ketten und Ringen stehen, vielleicht altrömischer Herkunft, aber was wusste ich schon davon. "Muss ja ein paar besorgte Hinterbliebene haben, Ihr Chef."

Der Butler runzelte die Stirn: "Mr. Barrent ist Sammler, einer sehr bedeutender."

"Natürlich auch möglich."

Der alte Knabe machte sich scheinbar nichts aus Humor: "Hier entlang, bitte, Mr. Cross." Er geleitete mich durch das Wohnzimmer auf die Terrasse. Die Plattform war mit einem Tisch und Stühlen hergerichtet. "Wenn Sie sich bitte einen Augenblick gedulden wollen." Er sparte sich die Verbeugung und überließ mich dem Wind und dem Panorama. Das ganze Konstrukt knarrte und ächzte, als ich mich an die Reling lehnte und auf das schwarze Wasser hinab schaute. Weit draußen trieben Bojen, die übereifrige Schwimmer davor warnten, sich der Strömung auszusetzen, auch wenn ich nicht wusste, wer überhaupt einen Fuß in diese stinkende Brühe setzen würde. Die dunklen Wellen liefen unter mir an einem hellen Strand aus, an dem ein Motorboot lag. Eine Jacht lohnte wohl nicht. Unweit davon stand ein einsamer Liegestuhl auf dem sich eine Blondine räkelte, die noch viel einsamer aussah. Ihr Badeanzug verbarg nicht allzu viel ihres wohlproportionierten Körpers. Unsere Blicke begegneten sich und ich war mir sicher, dass sie gerne ein wenig Gesellschaft dort unten gehabt hätte.

"Mr. Cross? Schön, dass Sie es einrichten konnten. Mein Name ist Geoffrey Barrent." Eine tiefe Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Er wirkte wie ein Mittfünfziger, grau an den Schläfen, nicht mehr ganz formschön um die Hüften, Maßanzug, nervöse Hände.

"Schöne Aussicht haben Sie von hier oben." Ich deutete mit dem Kinn in die Tiefe.

"Meine … Frau."

"Nett." Wir schüttelten uns die Hand und nahmen Platz. Barrent schien einer von den Typen zu sein, für die alles richtig lief: Geld und politischer Einfluss ergänzt von einer hübschen Geliebten und einer unauffälligen Todesart. Herzinfarkt oder etwas in der Art. Kein äußerer Makel - nicht mal ein Loch in der Brust. "Wie kann ich Ihnen helfen, Stadtrat?"

Seine Finger brauchten immer etwas zu tun - sich eine Zigarette anzünden, die Asche fortschnippen. Er stieß den Rauch aus und beobachtete, wie der Wind ihn zerfaserte. "Mir ist etwas abhanden gekommen, von dem ich hoffe, dass Sie es wiederbeschaffen."

"Blond?"

Barrent sah mich einen Moment mit halb geöffnetem Mund an, dann zerdrückte er die angefangene Kippe auf dem Boden. Das Holz unter seinem Stuhl war übersät mit kleinen Brandlöchern. "Nein, nichts in der Richtung. Meine … Frau genügt mir völlig, wenn Sie das meinen."

"Für die Meinungsbildung sind nun Sie zuständig, Stadtrat. Was also fehlt, wenn es keine Frau ist?"

"Ein Kunstgegenstand."

"Eine der Grabbeigaben."

"Richtig. Ein wertvolles Stück aus meiner Sammlung, eine Kette in Form einer Totenmaske. Reines Gold, die Augen sind aus Edelsteinen. Spätägyptisch." Er zündete sich eine neue Zigarette an. Sein Feuerzeug war ungewöhnlich - ein silbernes Zippo mit einer Gitarre darauf. Das Metall glänzte wie frisch poliert.

"Ist das auch eine?"

Barrent hielt es gegen das Licht. "Ja, aus dem Grab eines Musikers."

"Hübsch." Das Besondere an Grabbeigaben war, dass sie zumeist makellos ins Reich der Toten wechselten. Die ganzen anderen Dinge wiesen immer eine Unstimmigkeit auf - Kratzer, fehlende Teile, Defekte. Oft war es die emotionale Bindung ihres Besitzers, der ihnen vorausgeeilt war. Oder eine kollektive Sehnsucht, die sie hierher trieben. Wenn sie schließlich hier ankamen, waren sie so tot wie alle hier und mussten mühsam wieder zusammengebastelt werden. So gab es hier mehr Schrott als alles andere. "Diese Halskette ist Ihnen gestohlen worden?"

Der Stadtrat zögerte einen Moment mit seiner Antwort, dann nickte er: "Ja, leider. Ich bewahrte das kostbare Stück in einem Wandsafe auf, aber vor zwei Tagen war es plötzlich verschwunden."

"Ein Einbruch?"

"Nicht direkt …"

"Einer Ihrer Angestellten?"

Barrent schüttelte den Kopf: "Mein Sohn."

"Barrent Junior?" Ich hatte nicht gehört, dass der Politiker ein Kind hatte. Andererseits hatte ich auch von seiner Frau noch nichts gehört. Aber es gab solche Clans - ganze Sippschaften, die sich auch im Tod noch auf die Nerven gingen. Vermutlich moderten sie alle in der gleichen Gruft.

"Nicht mein leiblicher Sohn. Harry Price war Pilot, ehe ihn die Japaner abgeschossen haben. Er ist … beinahe mein eigen Fleisch und Blut."

"Protoplasma."

"Sie wissen, was ich meine. Ehe er zu mir kam, irrte er ziellos umher. Ich gab ihm ein Zuhause. Wir stehen uns sehr nahe."

"Deshalb auch der Diebstahl."

"Harry hat Probleme, er ist ein Spieler. Ich gebe ihm Geld, aber es genügt nicht. Er hat die Kette genommen, um seine Schulden zu begleichen."

"Sie scheinen schon alles zu wissen, wofür brauchen Sie da mich?"

"Das ist korrekt. Ich weiß sogar, bei wem er die Schulden hat. Einem Gangster namens Danny Eston, vielleicht haben Sie schon von ihm gehört. Er betreibt eine Reihe Clubs und Spielhöllen."

"Flüchtig. Man sagt, er habe ein paar hervorragende Beziehungen zur Stadtverwaltung, die ihm eine Menge Ärger ersparen, wenn er mal wieder etwas Illegales durchzieht. Also immer."

"Davon weiß ich nichts, Mr. Cross, und will davon auch nichts wissen. Ich will einzig und allein die Kette. Sie sollen sie beschaffen."

"Zurückstehlen?"

"Oder kaufen, falls es nicht anders geht. Eston wird sie mit Sicherheit noch nicht abgestoßen haben, sondern wissen, dass ich sie zurückhaben will."

"Aber direkte Geschäfte mit einem wie ihm schaden Ihrem Image, daher schalten Sie mich ein."

"Ein Mann in meiner Position kann es sich nicht erlauben, mit kriminellen Elementen zu verkehren. Ich erwarte, dass Sie dementsprechend diskret vorgehen und meinen Namen nicht nennen."

Immerhin war mein gesellschaftlicher Status schlecht genug, um mit einem Verbrecher vom Schlage Estons Umgang zu pflegen. "In Ordnung, ich beschaffe Ihnen die Halskette wieder, Barrent."

"Und Harry!"

"Ist der auch gestohlen worden?"

"Natürlich nicht. Aber seit der Tat ist er nicht mehr nach Hause gekommen. Ich möchte, dass Sie ihm sagen, dass er sich keine Sorgen zu machen braucht und ich ihn zurückerwarte."

"Rührend. Vorausgesetzt, er war es und verliert weiteres Geld in Estons Spielhöllen."

"Wo soll er denn sonst sein? Hier ist eine Skizze der Maske." Barrent reichte mir einen zusammengefalteten Zettel. "Sie sollte nicht allzu schwer zu identifizieren sein."

"Gibt es auch eine für Price?" Ich steckte das Papier ein, ohne es mir anzusehen.

"Harry ist Mitte Zwanzig, etwa Ihre Statur, braune Locken, mit einem kaputten Bein. Das Linke." Er holte eine goldene Taschenuhr aus der Brusttasche.

"Auch eine Beigabe?"

Barrent klappte sie zu und nickte abwesend: "Gehörte einem Uhrmacher, sehr schönes Stück. Ich muss nun zu einem Termin, soll ich Sie zurück in die Stadt mitnehmen?"

"Danke, ich finde den Weg schon allein. Außerdem steht mein Wagen vorne. Sind Sie sicher, dass Harry die Kette genommen hat?"

"Absolut. Er ist neben mir der einzige, der die Kombination des Safes kennt."

"Falls Danny Eston sich nicht überzeugen lässt, das Schmuckstück freiwillig zurückzugeben, woran ich ohnehin zweifle, wie hoch wollen Sie pokern?" Wir gingen um das Haus herum zum Parkplatz.

"Zwanzigtausend, aber nur, wenn es wirklich nicht anders geht. Ich erwarte, dass Sie meinen Verlust so gering wie möglich halten."

Vom Garten führte eine steile Holztreppe zum Strand hinab und das nächste Grundstück war weit genug fort, um nicht von den Nachbarn belästigt zu werden. Eine zerschlissene Hollywoodschaukel quietschte, als ich ihr einen Stoß versetzte - das Geräusch war weithin zu hören. "Ist das der normale Preis für solche Artefakte?"

"Sagen wir, ich hänge an diesem Stück." Barrent reichte mir die Hand. "Geben Sie mir Bescheid, sobald Sie was herausgefunden haben." Der Chauffeur hielt ihm die Tür auf und ich sah dem Stadtrat dabei zu, wie er davonfuhr.

Statt es ihm gleich zu tun, ging ich zurück zum Kliff und stieg die wacklige Treppe hinab. Der Butler beobachtete mich von einem Fenster im oberen Stock, verzog sich jedoch hinter einen Vorhang, als ich grüßend den Hut hob.

Das Panorama war wirklich akzeptabel, erstklassige Lage - wobei ich mir nicht sicher war, ob es nicht nur die Blondine war, die es aufwertete. Ich konnte mich noch nie für ein Meer erwärmen, das wirkte, als hätte man es aus allen stinkenden Abwässern der Lebendwelt destilliert. Die schwarzen Wellen liefen träge auf dem Sand aus, nicht mehr lange und sie würden den Liegestuhl erreichen. Vielleicht konnte ich hier Retter in der Not sein. Meine Schritte knirschten auf dem weichen Untergrund. Wie alles hier drüben war auch der Sand nicht fein und weiß, sondern steinig und grau. Hier und da lagen Klumpen von vermoderndem Seetang. Von der offenen See wehte ein kühler Wind herüber, der an meinem Trenchcoat und dem Handtuch auf dem Liegestuhl zerrte.

Sie trug einen einteiligen Badeanzug, schwarz mit silbernen Seepferdchen darauf, die ihre Äuglein aufrissen wo sich ihr üppiges Dekollete befand. Ein Seidentuch bedeckte die rechte Gesichtshälfte. Ihr wasserblaues Auge musterte mich. "Geoffrey schon wieder fort?"

"Eine Besprechung." Ich stellte mich so, dass das Wasser beinahe meine Schuhspitzen erreichte und zündete zwei Zigaretten an, um ihr eine davon zu geben. Wie das Essen auch, schmeckte der Tabak nach nichts. Dennoch behielt man solche Angewohnheiten bei, um sich an die gute, alte Zeit sterblicher Tage zu erinnern.

"Danke." Sie sog einmal daran und ließ die Kippe dann verglühen. "Sie sind dieser Detektiv, von dem Geoffrey gesprochen hat?" Die Haut unter dem Tuch war übel verbrannt, ich sah die Wunden durch den Stoff schimmern.

"Ihr Mann bat mich, etwas für ihn zu erledigen, Mrs. Barrent."

Sie lachte freudlos: "Hat er Ihnen erzählt, dass ich seine Ehefrau bin? Das sieht ihm ähnlich. So wenig wie Harry sein Sohn ist, bin ich seine Frau. Aber Geoffrey träumt von einer wirklichen Familie, deshalb das Theater. Er weiß gar nicht, wie lächerlich er sich deswegen macht." Ihr Blick verlor sich in der diesigen Ferne. "Wie ist Ihr Name, starker Mann?"

"Cross, Roger Cross."

"Sie können mich Vivian nennen. Gray, nicht Barrent. Schon fündig geworden?"

"Kommt darauf an, nach was gesucht wird."

Vivian zog einen Moment die Unterlippe ein, dann erwiderte sie: "Harry oder dieses Ding, das Geoffrey verloren hat."

"Das ihm gestohlen worden ist - oder glauben Sie etwas anderes, Vivian?"

"Was spielt es schon für eine Rolle, was ich glaube?"

"Harry hat Spielschulden und Mr. Barrent hält ihn für fähig und verzweifelt genug, den Diebstahl begangen zu haben."

"Ich weiß, dass Harry es nicht genommen hat."

"Kennen Sie Mr. Price besser?"

"Sie wollen wissen, ob ich was mit Harry habe?" Ihr Auge sah mich kalt an. "Und wenn schon …"

"Ich meinte nur, ob Sie mir etwas über ihn erzählen können."

Vivian runzelte die Stirn. Der Wind spielte mit dem Seidentuch, hob es immer wieder an, um die Entstellung zu zeigen. Sie strich es abwesend wieder glatt. "Wir sind zusammen hinausgeschwommen." Sie deutete auf eine hölzerne Plattform, die kurz vor den Bojen auf dem Wasser trieb. "Manchmal waren wir fast so weit, uns der Strömung hinzugeben. Wenn dort draußen ein Weg zurück ist, muss ihn doch jemand finden. Alles ist besser, als hier zu sein."

"Harry wollte fort?"

"Selbst auf die Gefahr hin, den letzten Rest seiner Seele zu verlieren."

"Aber Sie nicht, Vivian?"

Sie lächelte: "Zu unsicher."

"Was ist schon sicher?" Ich überließ den Zigarettenstummel dem Meer. Leute wie Harry und Vivian gab es zu genüge hier drüben. Unruhig, fortgezogen - zu einer Welt, die sie längst verloren hatten. Die Mythen für ihre Erlösung hielten sich hartnäckig: Der Horizont des schwarzen Ozeans, die lichtlosen Kavernen unter dem Kargland, uralte Tempelruinen auf längst vergessenen Berggipfeln. Der Weg zurück ins Leben.

"Eine Abendverabredung, zum Beispiel." Sie räkelte sich auf ihrem Liegestuhl. Verdammte Seepferdchen.

"Die neigen dazu, besonders unsicher zu sein."

"Manche Dinge sind ein solches Risiko wert."

"Und Mr. Barrent …"

"… ist abends ohnehin mit seiner Sammlung beschäftigt."

"Gegen zehn heute Abend?"

"Ich bin im Exodus/span>, holen Sie mich dort ab."

Das Wasser griff bereits nach meinen Schuhen. "Sie sollten nicht zu lange hier bleiben, Vivian."

"Keine Angst, ich bin früh genug hier weg." Sie stieß ein kehliges Lachen aus und legte einen Arm über die Augen, um die Sonne und mich auszusperren.


Schuster's erinnerte mich an ein Hopper-Gemälde, vielleicht mochte ich es deswegen. Am Service konnte es nicht liegen und am Essen schon gar nicht. Aaron Schuster bediente hinter einem langen Tresen, an dem rote Lederhocker standen. An den gelb gestrichenen Wänden hingen blecherne Werbetafeln und die Glasfront war komplett gesprungen. Laden und Besitzer waren durch eine Gasexplosion ohne großen Umweg hierher katapultiert worden.

Nun drifteten die Toten hier ein und aus, starrten in ihre Kaffeetassen oder blätterten in vergilbten Zeitungen. Aaron sah dem Treiben mit mürrischem Blick zu, wechselte so wenig Worte wie möglich mit seinen Gästen und brüllte zum schwerhörigen Koch in die Küche hinüber.

"Was ist eigentlich aus der hübschen Bedienung geworden, die zur Probe hier war? Beth, Babs oder irgendwas in der Art."

"Betty", knurrte Schuster und wischte mit einem löchrigen Lappen über den Tresen. "Hab sie gefeuert - die Kundschaft hielt sie für arrogant."

"Man hat ihr das Genick gebrochen."

"Und? Ist das etwa meine Schuld? Außerdem brauche ich keine Hilfe in meinem Laden."

"Aber vielleicht irgendeinen Lichtblick." Ich rührte in meinem Kaffee, der irritierende Ähnlichkeit mit dem Zeug aus dem Meer der Unsicherheit hatte. Ich vermied es, Schuster deswegen zu fragen.

"Du kommst doch trotzdem."

"Nur weil dein Loch die Straße runter liegt."

Die Glastür schwang auf und Arty Polcewski trat ein. Angeblich war er damals aus dem Team von Carter entfernt worden und hatte sich danach als unabhängiger Grabräuber betätigt. Bis ihm ein kleines Missgeschick in einem Pharaonengrab das Lebenslicht ausgepustet hatte. In dem zu weiten Tweedanzug konnte man kaum die Stelle erkennen, wo ihm ein Steinquader das Rückrat zerquetscht hatte. Jetzt unterrichtete er an der Universität. Arty setzte sich und starrte mich durch seine runde Nickelbrille an. "Cross, was verschafft mir die Ehre einer Einladung?"

"Die Formvollendung deines Gesichts, Polcewski, und wenn das nicht, dann wenigstens dein Fachwissen."

"Meine Leichen sind alle schon ein paar Jahrtausende tot, völlig uninteressant für dich, Cross." Schuster knallte eine Tasse Kaffee vor ihm auf den Tresen.

Ich schob den Zettel daneben. "Hast du zu Lebzeiten schon mal etwas in der Richtung gestohlen?"

"Was für ein böses Wort - ich war ein Mann der Wissenschaft."

"Erzähl das den alten Ägyptern, wenn du einem von ihnen über den Weg läufst, aber nicht mir."

Arty faltete umständlich das Papier auseinander und studierte die Skizze darauf. Sie zeigte ein Gesicht mit einem dieser Pharaonenhütchen und geflochtenem Kinnbart. "Eine Totenmaske?"

"Etwas in der Art, muss eine Halskette sein, besetzt mit Edelsteinen."

"Interessant." Er nippte nachdenklich an seinem Kaffee. "Sechste Dynastie, würde ich sagen. Wenn es tatsächlich ein Schmuckstück ist, dann tippe ich auf die Maske des Merekare."

"Merekare? Auch ein Pharao?"

"Richtig. Keiner von Bedeutung im großen Lauf des Nils. Aber von unserer Seite aus betrachtet nicht uninteressant."

"Komm schon, Arty, ich will hier nicht so alt werden wie einer der Pharaonen."

"Dann nimm Merekare, der wurde nicht sonderlich alt. Hatte zeitlebens panische Angst vor dem Sterben und beauftragte die Erschaffung der Maske, um nach dem Tod wieder auf die Erde zurückkehren zu können."

"Das Ding sollte ihn wiederbeleben?"

"In der Art - angeblich ist es ein Wegweiser, um aus dem Reich der Toten herauszufinden."

"Ein Kompass."

"Ein Märchen."

"Merekare hat den Rückweg also nicht gefunden?"

"So viel ich weiß, kam der Kerl nicht mal hier an. Nur seine Maske. Wenn sie überhaupt funktioniert, weiß niemand wie oder welche Auswirkung sie hat. Wie ich gehört habe, hat ein unbekannter Sammler die Maske vor einer Weile erstanden. Falls du sie suchst, kann ich dir auch nicht mehr sagen."

"Das genügt schon, ich wollte nur meine Geschichtskenntnisse auffrischen."

Polcewski grinste: "Natürlich. Mein Rat ist, dass dein Auftraggeber nicht zu viel Geld für das nette Schmuckstück ausgeben sollte." Er glitt vom Hocker.

"Seltsamer Vorschlag aus dem Mund eines Grabräubers." Ich schob ihm eine Hand voll Münzen rüber, die er in seiner Tasche verschwinden ließ.

"Das war einmal, Cross. Ich bin geläutert."

"Und die Hölle hat Tag der offenen Tür."

"Wäre mal eine Abwechslung." Wir schüttelten uns die Hand.

Ich sah ihm nach, wie er die Straße entlang schlenderte und in der Dunkelheit verschwand. Vielleicht hatte Harry die Geschichte der Maske gekannt und sich einen Freischein ins Leben erhofft. Wenn er schon auf dem Weg war, dürfte es ziemlich schwierig werden, seine Spur aufzunehmen. Blieb zu hoffen, dass er nur ein einfältiger Spieler war, der seine Schulden begleichen wollte.


Das Exodus war einer dieser schillernden Nachtclubs, halb Tanzbar und halb Etablissement. Ein flackernder Neonpfeil wies den Weg ins Innere, wo Nachtschwärmer, leichte Mädchen und Gigolos ihr Schultern aneinander rieben. Vivian saß allein in einer Nische, einen unberührten Gimlet vor sich. Sie trug ein schwarzes Abendkleid, das eine Schulter frei ließ, mit einer Rose aus Strasssteinchen auf ihrem Bauch. Der Schleier verdeckte die entstellte Gesichtshälfte.

Ich glitt auf den leeren Platz ihr gegenüber, gab dem Kellner einen Wink und lächelte sie an: "Noch vor der Flut zurückgegangen?"

"Sie kommt jeden Abend wieder."

"Harry aber nicht mehr."

"Haben Sie ihn gefunden, Roger?" Ihr Auge musterte mich aufmerksam.

"Ich habe noch nicht nach ihm gesucht. Barrent glaubt zu wissen, wo er ist."

Ihr Mund wurde zu einem dünnen Strich: "Tut er das?"

"Was glauben Sie, Vivian?"

"Wenn Harry nicht in der Villa ist, dann vermutlich in seiner alten Bleibe."

"Und die wäre wo?"

Vivian setzte den Drink an die Lippen und stürzte den Inhalt in einem Zug hinunter. "Im Veteranenviertel, Geoffrey hatte dort zu tun, irgendetwas mit seiner Politik, und Harry dabei aufgegabelt." Sie schaute deprimiert in das leere Glas in ihrer Hand. "Wollen wir gehen?"

Ich brauchte einen Moment, um ihre Frage zu verstehen. Meine Gedanken kreisten um Price - blieb zu hoffen, dass er in Estons Spielhölle war. Einen Abstecher in den Stadtteil, in dem die Kriegsopfer logierten, stand ziemlich weit unten auf meiner Liste. "In Ordnung, kommen Sie."

Ich nahm ihren Arm und wir verließen den Club. Auf dem Weg zum Wagen lehnte sie ihren Kopf gegen meine Schulter.

"Vermissen Sie Harry?"

"Wer vermisst hier drüben schon irgendwen? Harry war genauso verloren wie ich. Wir teilten eine Hoffnung, mehr nicht."

"Klingt so, als hätten Sie ihm bereits aufgegeben." Ich hielt ihr die Wagentür auf und spürte, wie sie sich bei dieser Bemerkung versteifte.

"Geoffrey hat mich schon angesteckt mit seiner Schwarzseherei."

Barrent hatte auf mich nicht gerade einen besorgten Eindruck gemacht. "Ist Harry schon häufiger verschwunden?"

Der Motor sprang erst nach dem dritten Versuch an und ich lenkte uns durch den spätabendlichen Straßenverkehr. Mitten in der Nacht war die einzige Zeit, sich die Stadt anzusehen und ihr etwas abzugewinnen. Die Leuchtreklamen flackerten, Dunst kroch aus den Kanaldeckeln, Häuserruinen blieben Häuserruinen und die Toten waren so tot wie ehedem. Aber im künstlichen Licht, ein bisschen Dunkelheit und Regen konnte man sich daran erinnern, was es hieß, lebendig zu sein.

"Immer wieder, wir haben uns deswegen keine Sorgen gemacht. Nur gestohlen, das hat er noch nie. Womöglich kommt er wirklich nicht zurück."

Wir glitten dahin, ließen die Bars, Kinos, Theater und Drugstores hinter uns. Mit den Neonschildern verschwand auch die Magie des Augenblicks. Boneville, Skulltington, Whitefield - die Stadteile fächerten sie vor uns auf wie ein Friedhof.

"Wohin fahren wir?" Vivian sah aus dem Seitenfenster.

"Ein kleines Kasino in einer ehemaligen Brauerei."

Ihre Hand krallte sich in die Handtasche auf ihrem Schoß. "Doch nicht Danny Estons Laden?"

"Price verlor an seinen Tischen."

"Harry ist bestimmt nicht dort." Sie wandte sich mir zu.

"Warum sind Sie so sicher?"

"Ich .. ich weiß es nicht."

"Ich auch nicht, deshalb finden wir es heraus. Womöglich weiß Eston, wo Harry ist. Zudem habe ich geschäftlich mit ihm zu tun."

Ihre Hand legte sich auf meinen Arm: "Kann das nicht eine Nacht warten? Fahr mit mir irgendwo hin, Roger, nur nicht in dieses Kasino."

"Warum? Um sich abzulenken ist der Ort nicht schlechter als andere. Warst du schon einmal dort?"

Als sie merkte, dass ich weder langsamer wurde, noch die Richtung änderte, nahm Vivian die Hand fort. "Ein- oder zweimal, mit Harry. Dieser Eston ist ein schlechter Charakter, ich habe Angst vor ihm."

"Du wirst nichts mit ihm zu tun haben müssen, bleib einfach im Hintergrund. Wenn ich habe, was ich brauche, suchen wir uns ein anderes Plätzchen." Aber sie schwieg und starrte gedankenverloren in die Nacht.

Das Kasino war das einzige in einer Reihe von alten Fabrikgebäuden, das man wieder in Betrieb genommen hatte. Eston hatte irgendwo eine intakte Leuchtreklame aufgetan, deren Gelb die Spieler und Halbseidene anlockte wie Motten. Der leichenblasse Portier würde Mühe haben, noch einen freien Parkplatz zu finden. Vivian hing wieder an meinem Arm, die unbedeckte Gesichtshälfte zu einer Maske erstarrt.

Die Sichtluke in der Tür ging auf und eine feiste Schlägervisage musterte uns. Ich hatte extra die Krawatte gegen eine Fliege getauscht, um mich der hier herrschenden Exklusivität anzupassen. "Wir sind voll. Kommt morgen wieder, Leute." Seine Stimme pendelte irgendwo zwischen singender Schrottpresse und Säuseln aus dem Grab.

"Ich will mit Danny Eston reden."

"Mr. Eston hat alle Hände voll zu tun, ist gerade Hochbetrieb. Ohne Empfehlung kann ich euch nicht reinlassen."

"Klingelt es beim Namen Harry Price?"

Der Türsteher besprach sich mit irgendjemandem neben ihm, dann schob er die Luke zu und öffnete uns. Dem Kerl hatten sie ziemlich stümperhaft die Kehle durchgeschnitten, der Smoking besserte seinen Charme auch nicht weiter auf. Brauchte er bei seiner Statur auch nicht. Dagegen wirkte der Mann neben ihm klein und schmächtig, obwohl er nicht viel größer als ich selbst war. Sein verunstaltetes Gesicht kannte ich - bevor er das Zeitliche gesegnet hatte, hatte jemand mit einem Brecheisen Renovierungsarbeiten daran vorgenommen. Tony Nolan war so ziemlich für jede Sache jenseits von Gesetz, Moral und Anstand zu haben. Er grinste und zeigte seine abgebrochenen Zahnreihen. "Roger Cross, ich habe den Wind in deiner Brust pfeifen hören, noch ehe du geklopft hast."

"Pretty, mal wieder an der Stelle, an der es am meisten stinkt. Hatten sie dich nicht in Tachoma auf Eis gelegt?"

"Du weißt doch, dass mich ein Knast nicht lange hält. Also kein Grund, in Erinnerungen zu schwelgen. Wir haben dir auch nur aufgemacht, um dir zu sagen, dass du gleich wieder verschwinden kannst. Bobo hier hatte heute noch kein Training."

"Seid ihr Brüder? Ich meine, bei der Familienähnlichkeit …"

Pretty zog einen Schlagring aus der Tasche. "Du wirst gleich niemandem mehr ähnlich sehen, Schnüffler!"

"Bitte, Mr. Nolan, wir wollen keinen Ärger." Vivian räusperte sich.

"Ms. Gray … Sie sind doch nicht in Begleitung dieses Haufens Protoplasma hier?" Pretty sah sie unsicher an.

"Sollte ich im Verlauf der nächsten Stunden der Nähe von Mr. Cross müde werden, können Sie beide die Unterhaltung gerne fortsetzen. Aber ich glaube nicht, dass dies heute Abend der Fall sein wird."

Die beiden Ganoven wechselten einen kurzen Blick, dann zuckte Pretty die Schultern. "Wie Sie meinen, Ms. Gray." Er trat zur Seite und ließ uns passieren.

"Ich dachte, du wärst nur ein- oder zweimal hier gewesen?" Wir gaben unsere Mäntel ab, dann ergriff ich Vivians Arm und führte sie ins Innere des Kasinos. Eston hatte keine Kosten und Mühen gescheut, ein exklusives Ambiente zu schaffen. Die kitschige Einrichtung war gut in Schuss, hatte kaum Macken. Ein bisschen Edelholz, Plüsch und Kronleuchter, um die Grausamkeit der Roulettetische zu dämpfen. Die Reichen und Berüchtigten vergnügten sich bei Black Jack oder ließen die Kugel rollen, ich wusste auch, dass irgendwo gepflegt Poker gespielt wurde. In geschlossener Runde mit Beträgen, über die man in der Öffentlichkeit schwieg.

"Nolan und Eston wissen, wessen Liegestuhl ich benutze. Deshalb können sie sich Unhöflichkeiten mir gegenüber nicht erlauben. Irgendetwas mit der Vergabe von Lizenzen. Geoffrey kann da sehr pingelig sein, wenn ihm jemand quer schießt."

"Und, war Barrent in letzter Zeit pingelig?" Konnte gut sein, dass Eston die Maske nicht gegen Geld, sondern gegen die eine oder andere Gefälligkeit einlösen wollte.

"Ich weiß es nicht und es interessiert mich auch nicht."

Auf einer kleinen Bühne verausgabte sich eine fünfköpfige Band - Los Grandes Hermanos, mexikanische Jazzer, deren Tourbus in Flammen aufgegangen und in eine Schlucht gestürzt war. Sie saßen im Schatten, nur die Instrumente wurden beleuchtet, um ihre Verbrennungen zu verbergen. Die Hermanos spielten überall in der Stadt, sei es in üblen Kaschemmen oder angesagten Clubs, und waren ganz umgängliche Jungs, solange man sie nicht an ihren Unfall oder offenes Feuer erinnerte. Wann immer das geschah, artete ihre Vorstellung in eine Messerstecherei aus.

"Eston ist vermutlich unten bei den privaten Spieltischen. Wenn es dich nicht stört, lasse ich dich allein mit ihm reden." Vivian schenkte mir ein gekünsteltes Lächeln und ging zur Bar hinüber. Sie sah nicht glücklich aus. Vielleicht hing sie doch mehr an Harry, als sie zugeben wollte. Oder dieser Ort deprimierte sie. Oder … Irgendetwas an ihr störte mich.

Ich fand die Treppe nach unten hinter einem Vorhang, aber ein naher Verwandter von Bobo saß auf einem Stuhl und blockierte den Durchgang: "Nur für Mitglieder und geladene Gäste."

"Ich bin Mitglied."

"Nicht in diesem Verein, Kumpel. Zieh Leine."

Ich war geneigt, seinem Stuhl einen Tritt zu versetzen und die beiden die Stufen hinabzuschicken. Aber das würde mir hier nicht weiterhelfen. "Ich will Danny Eston sprechen."

"Der Boss ist beschäftigt."

"Dann warte ich. Es ist geschäftlich, falls das hilft."

"Tut es nicht." Er verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust.

Unten ging eine Tür auf und man hörte lautes Lachen, ehe sie wieder geschlossen wurde. Dann kamen zwei Männer den roten Teppich herauf. Der eine war Pretty und der andere musste Eston sein, ein hagerer, blutleerer Endvierziger mit tief liegenden Augen und ausdrucksloser Miene. Zu seinem Tuxedo trug er Fliege und Kummerbund, unter dem man die Messerstiche nicht sah, durch die er kalt gemacht worden war. Ich hatte ihn noch nie persönlich getroffen, aber das ein oder andere über ihn aufgeschnappt. Wenn es im Totenreich jemanden gab, der weder Skrupel noch Moral besaß, dann musste es Danny Eston sein. Er hatte seine Finger in so ziemlich jeder dreckigen Suppe, die gekocht wurde. Angefangen bei Nettigkeiten wie illegalem Glücksspiel, Bestechung, Erpressung über Seelenhandel, Mord bis hin zum Schmuggel von Spuk. Er war nicht der größte und einflussreichste Gangster in der Stadt, aber berüchtigt genug, um Ärger zu bedeuten.

"Mr. Cross, Sie wollten mich sprechen?" Sein Lächeln musste die Herzen der Gäste höher schlagen lassen. Nett und anbiedernd. Schade, dass seine Mühe umsonst war und hier kein Herz mehr pumpte.

Ich ignorierte die ausgestreckte Hand, was sein Lächeln nicht ins Wanken brachte. "Ohne Prettys hässliche Visage in der Nähe."

"Mr. Nolan ist meine rechte Hand …"

"Aber nicht meine, oder ich würde sie mir selbst abschlagen."

Prettys Gesicht ließ die Professionalität seines Chefs vermissen, er kochte vor Wut. "Du mieser Schnüffler, ich werde …"

Eston hob beschwichtigend einen Arm. "Gar nichts wirst du. Mr. Cross wird mir sein Anliegen mitteilen und danach wird er uns unverzüglich verlassen. Ich will nicht einen Hauch von Unruhe hier."

"Aber Boss …!"

Der Gangster sah Pretty mahnend an, dann wandte er sich an mich: "Gehen wir in mein Büro. Hier entlang."

Wir schlängelten uns durch die illustre Gesellschaft und ich hielt mich schön im Hintergrund, während Eston ein paar Leute begrüßte. Vivian konnte ich nirgends entdecken, dafür den Polizeichef und Pretty, der mich nicht aus den Augen ließ. Eine Treppe führte zu Estons Privaträumen, deren Fenster in die ehemalige Fabrikhalle blickten. Er schloss auf und winkte mich hinein. Dunkle Holztäflung, Ledergarnitur und wuchtiger Schreibtisch. An den Wänden hingen geschmacklose Ölgemälde - ein Tag auf der Rennbahn oder etwas in der Art.

"Danny …" Eine dralle Rothaarige lag auf der Couch. Vermutlich war sie dabei gestorben, als man sie in das enge Kostümchen eines Zigarettenmädchens gezwängt hatte. Ihr Busen wurde dennoch kaum gebändigt und die Beine in den halterlosen Strümpfen nahmen kein Ende.

"Jetzt nicht, Schätzchen, ich habe was Geschäftliches zu besprechen." Eston hauchte ihr im Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange. "Nimm deine Sachen und mach die Gäste glücklich."

Schätzchen sah ihn schmollend an, wagte es aber nicht, eine Szene zu veranstalten und schnallte sich ihren kleinen Bauchladen um. Nach der Auslage unter ihrem Dekolleté stand ohnehin niemandem der Sinn. "Möchten Sie etwas?", fragte sie mich und erlaubte mir einen tiefer gehenden Blick in ihr Angebot.

"Er nicht - lauf nach unten." Danny ließ sich in seinen Sessel fallen.

Schätzchen verdrehte die Augen und stöckelte davon. Ich fragte mich, woran sie wohl gestorben war. Vermutlich an ihrer Dummheit, sich mit den falschen Leuten einzulassen.

"Also, Cross, was wollen Sie?" Er hatte die Füße hoch gelegt und sich einen Drink eingeschenkt. Mit dem Glas deutete er in Richtung einer Minibar. "Bedienen Sie sich."

"Nein, danke." Ich ließ die Jalousien vor die zwei Fenster. Durch die Lamellen konnten wir das Treiben unten beobachten, aber niemand zu uns hineinsehen. Ich entdeckte Vivian, die an einem der Tische saß und jemandem Glück im Black Jack brachte, sie selbst spielte nicht. Der Polizeichef stieg gerade die Treppe zu den Pokertischen hinunter, während seine Frau ein Spielchen am Roulettetisch wagte. Niemand da unten, auf den Harrys Beschreibung passte. "Es geht um Price und seine Spielschulden."

Eston lachte leise: "Sind Sie Barrents neuer Laufbursche? Was war an dem alten auszusetzen?"

"Davon weiß ich nichts. Vielleicht wurde er zu gierig und die Nähe zu manchen Leuten färbte negativ auf ihn ab."

"Sie amüsieren mich, Cross."

"Sie mich nicht, Danny. Spielt aber keine Rolle. Ich will über Harrys Schulden reden."

Eston nahm eine Zigarre aus einem Holzkistchen und zündete sie an. Dabei wich er meinem Blick aus und betrachtete lieber seine Fingernägel. "Ich weiß nicht, warum Barrent Sie eigentlich bemüht hat. Price hat seine Schulden beglichen, Sie sind den weiten Weg umsonst gekommen, da ich davon ausgehe, dass Sie sich nicht an einen meiner Spieltische wagen."

"Die Einsätze hier sind mir zu schmutzig. Wann hat Harry bezahlt?"

"Vor zwei Nächten, seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen."

"Danach hatte ich gar nicht gefragt, aber dennoch danke. Wie hoch waren die Schulden?"

Danny lächelte: "Ich bitte Sie, Cross, Diskretion ist in meinem Geschäft genauso wichtig wie in Ihrem."

"Das glauben vielleicht ein paar Ihrer Freunde da draußen", ich tippte gegen die Scheibe, "aber die glauben auch, dass dieser Ort nur die Wartehalle auf der Reise ins Paradies ist."

"Dann mache ich ihnen den Aufenthalt hier so angenehm wie möglich."

"Mit den üblichen Methoden. Ersparen Sie mir das Gewäsch von Ihrer altruistischen Ader."

"Hatte ich nicht vor, mich bewegen durchaus egoistische Motive."

"Durchweg ist das richtige Wort. Harry war pleite, er konnte seine Schulden nicht ohne Barrents Hilfe begleichen."

"Hat er aber."

"In bar."

Eston zuckte die Schultern: "Wie denn sonst? Er hat mir alles auf einmal gegeben, danach ist er seines Weges gegangen und ich habe keine Ahnung, wo er ist."

"Wundert mich, Danny, dass Sie so darauf bestehen, den guten Harry die letzten Tage nicht gesehen zu haben."

"Gewohntheit euch Schnüfflern gegenüber. Wenn weiter nichts anliegt, schlage ich vor, dass Sie von hier verschwinden."

"Nicht so voreilig. Die Geschichte mit dem Geld stinkt. Price hätte seinen Schulden nicht bar bezahlen können."

"Wenn ich es doch sage!"

"Er hat beglichen, ja, aber nicht mit Geld."

Eston sprang auf, die Fäuste auf die Tischplatte gestemmt: "Was soll das heißen, Cross? Wollen Sie mir irgendetwas unterstellen? Machen Sie nur das Maul auf und ich werde zusehen, dass Ihnen ein paar einflussreiche Leute aus der Stadt das Unleben zur Qual machen."

"Hören Sie auf, mir zu drohen. Das haben schon ganz andere versucht." Er hielt sich nur mühsam im Zaum. "Tatsächlich will ich mit Ihnen ein Geschäft machen, Eston."

"Was können Sie mir schon anbieten, außer dummem Geschwätz?"

"Geld. Im Austausch für das Pfand, das Harry Ihnen überlassen hat." Ich wusste, dass ich einen Fehler gemacht hatte, als ich Dannys Gesicht bei dem Wörtchen Pfand sah. Für einen Moment stand sein Mund offen wie bei einem toten Fisch, dann klappte er ihn zu und zwinkerte seine Verwirrung fort. Nur meine blieb, denn ich hatte keine Ahnung, was hier gespielt wurde.

"Natürlich, warum nicht", sagte er in versöhnlichem Ton. "Sagen Sie mir, was Sie sich so vorgestellt haben, als Summe für dieses Pfand." Eston trat wie beiläufig zum Fenster und schaute in die Menge hinunter. "Wenn es Barrent so wichtig ist, wird er schon was dafür springen lassen." Vivian saß noch immer an einem der Tische und ich war mir sicher, dass Eston sie anstarrte. "Wo wir schon davon sprechen, hat er Sie eingeweiht? Die Sache ist ein kleinwenig heikel, daher will ich sichergehen, dass ich einem neugierigen Schnüffler nicht zu viel verrate." Wir sahen uns an. Er trug wieder sein Spielergesicht zur Schau.

"Ein toter Fisch." Ich tippte mir an den imaginären Hut und wandte mich zum Gehen.

"Warten Sie, Cross, wir können ins Geschäft kommen."

An der Tür hielt ich inne. "Keine Chance, Eston. Was immer Sie haben, es ist nicht das, was ich will."

Er grinste breit, was einer Einladung für meine Faust in seine Visage ziemlich nahe kam. "Vielleicht kann ich bekommen, was Sie wollen."

"Vermutlich ist es dann so schmutzig, dass nicht einmal ich es mehr anfassen will. Guten Abend, Mr. Eston."

Hinter der Tür wartete Pretty und starrte mich feindselig an. Ich drängte mich an ihm vorbei und hörte, wie er die Tür hinter sich schloss. Die Jazzmusik brandete die Treppe hinauf, ebenso unruhig wie meine Gedanken. Die Party unten lief auf Hochtouren.

Die ganze Sache verströmte einen fauligen Geruch, und ich meinte dabei nicht nur Dannys Innereien. Der Gangster hatte die Halskette nicht, wusste aber durch mich, dass Barrent etwas suchte, das mit Harry zusammenhing. Sein Instinkt witterte ein Geschäft und er würde anfangen sich umzuhören. Wahrscheinlich bei Vivian. Also wollte ich ihm die Sache nicht allzu einfach machen. Ich musste Price finden, der vielleicht immer noch mit dem Schmuckstück herumlief und nun ins Visier von Eston und seinen Schlägern geraten war. Zudem musste ich herausfinden, wie Harry seine Schulden hatte begleichen können, ohne das Diebesgut zu versetzen.

Ich blickte zum Büro zurück, die beiden standen hinter den Fenstern. Anzunehmen, dass Eston seine rechte Hand losschickte, um Vivian einzusammeln oder mich im Blick zu behalten. Also war es an der Zeit, den hübschen Jungen zu beschäftigen. Die Rothaarige stand untätig herum und sortierte die Auslage ihres Bauchladens. "Hallo, Schätzchen."

"Oh, hallo. Hat Danny jetzt wieder Zeit für mich?"

"Jeden Moment. Er bat mich, dich um einen Gefallen zu bitten. Pretty hat heute Geburtstag …"

"Der hässliche Kerl." Sie zog einen Schmollmund.

"Na, es sind die inneren Werte, die zählen, hat man dir das nicht gesagt?" Ich reichte ihr ein paar Münzen. "Er möchte, dass die Band ein Lied für Pretty spielt, wenn er aus dem Büro kommt."

"Ich wusste gar nicht, dass er was für Musik übrig hat?"

"Nolan liebt sie. Wenn du ihn oben an der Tür siehst, geh rüber und sag der Band, dass sie für Pretty was spielen sollen: Great Balls of Fire."

Sie überlegte einen Moment, dann nickte sie: "Okay."

Ich ließ mir eine Packung Zigaretten geben und sie das Restgeld behalten, dann bahnte ich mir einen Weg zu Vivian. "Wir verschwinden von hier, die Party ist gleich vorbei."

"Dannys Partys dauern immer bis weit in den Morgen."

"Glaub mir, diese nicht." Ich fasste sie am Ellenbogen und bugsierte sie in Richtung Ausgang.

Vivian schien erleichtert zu sein, das Kasino verlassen zu können. "Was hat Eston gesagt?"

"Später." Ich ließ mir die Mäntel geben und warf einen Blick zurück in den Saal. Pretty stieg gerade die Treppe hinunter. Schätzchen tat ihrem Boss den Gefallen und äußerte seinen Wunsch beim Bandleader. Ich konnte sehen, wie der sich vergewisserte und dann voller Wut Pretty anschaute. Er griff in die Tasche seines weißen Jacketts und ließ ein Messer aufblitzen. Wirklich heißblütig, diese Mexikaner.

Ich half Vivian in ihren Mantel und schob sie zur Tür. Aus der Halle drang ein Krachen, dann der Schrei einer Frau. "Bobo, ich glaube, Pretty hat Ärger - ist besser, wenn du mal nachsiehst." Ich deutete über meine Schulter. Der Lärm drinnen steigerte sich zum Tumult, aber die Eingangstür war gut isoliert und wir hörten kaum etwas davon auf dem Weg zum Wagen.


"Eston ist hinter der Halskette aus Barrents Safe her." Ich fuhr in einem Bogen um die Stadt in Richtung Küste.

"Du hast ihm davon erzählt?! Bist du noch bei Trost?" Vivian schrie mich an und ich hätte vor Überraschung beinahe das Steuer herumgerissen.

"Nicht direkt. Er weiß nur, dass Harry etwas Wertvolles hat."

"Du bist ein verdammter Idiot! Wenn Eston Blut geleckt hat, ist er schwer davon abzubringen."

"Darum muss ich Price als erster finden."

"Was hat er über Harry gesagt?" Sie sah mich eindringlich an.

"Angeblich hat Price seine Schulden vor einigen Nächten begleichen. Ich bin davon nicht überzeugt, falls aber doch, dann mit Geld, nicht mit der Kette. Aber laut Barrent hatte Harry keinen Cent. Woher stammt also die Kohle? Vielleicht hat er sie sich geliehen. Oder er hat das Schmuckstück anderweitig veräußert."

"Harry hat keine Freunde, die ihm mal eben eine Stange Geld in die Hand drücken könnten."

"Aber er hat Freunde?"

"Keine Ahnung, er hat nie darüber gesprochen. Ab und an hat es ihn zurück ins Veteranenviertel gezogen, vielleicht gibt es da ein paar Kameraden aus alten Zeiten."

"Würde er dort untertauchen?"

Vivian schauderte. "Wo sonst?" Sie überlegte angestrengt: "Es gibt da eine Kirche oder die Ruine davon - St. Patricks. Harry hat sie ein paar Mal erwähnt."

"Dann werde ich dort anfangen. Am besten, du erzählst Eston nichts über Harry oder die Halskette."

"Ich kann schweigen wie ein Grab."

Welcher Tote konnte das nicht …

Wir folgten den Kurven der Küstenstraße nach Labelle. Der Mond hielt sich seit ein paar Nächten hinter einer zähen Wolkendecke verborgen. Das Meer der Unsicherheit sah dunkler aus als gewöhnlich.

"Woher kennst du Eston?"

Vivian ließ sich Zeit mit einer Antwort: "Ich habe mal für ihn gearbeitet, aber das ist schon lange her. Noch ehe ich Geoffrey kennen gelernt habe."

"Nicht doch zufällig währenddessen?"

Wir waren die einzigen auf der Küstenstraße, der ganze Landstrich war wie ausgestorben.

"Nein. Ich habe in meinem Leben ein paar schlechte Dinge getan, hier drüben ist das nicht besser geworden. Aber mit Geoffrey war das anders." Sie seufzte: "Zumindest am Anfang."

"Dann kam Harry?"

"Vielleicht. Oder irgendjemand anderes, es spielt keine Rolle. Die Dinge sind hier nur schmutziger und verrotteter, aber die Fehler noch immer die gleichen."

"Also?" Wir erreichten Labelle und ich ließ mir Zeit, durch die Geisterstadt zu fahren. Jemand hatte ihr alles Licht abgedreht.

Sie zuckte mit den Schultern und schwieg. Der Schleier teilte ihr Gesicht dabei deutlich in Hell und Dunkel.

Barrents Limousine stand nicht in der Einfahrt, als ich Vivian absetzte. "Ich würde dich noch auf einen Drink hereinbitten, aber es würde nichts ändern." Sie drückte meinen Arm und glitt aus dem Wagen. Ich wünschte ihr eine gute Nacht und sah zu, wie sie im Haus verschwand. Ich hatte nie gesagt, dass ich etwas ändern wollte.


Für manche war der Krieg nie vorbei. Auch wenn keine Bomben mehr fielen, keine MGs ratterten, keine Feuer wüteten und keine Sterbenden schrien - in ihren Vorstellungen und Träumen war die Zerstörung allgegenwärtig. Ich hatte selbst zu viel davon mitbekommen, hatte in Schützengräben gelegen und in zerbombten Städten patrouilliert.

Das Veteranenviertel war ein verzerrtes Abbild von alldem und einer der Orte hier, an denen man am wenigsten sein wollte. Häuserruinen, Bunkeranlagen, Schützengräben, Barrikaden, Kasernen - ohne Sinn und Verstand aneinandergereiht, die Luft schwer vom Gestank nach Feuer und Schwarzpulver. Schüsse fielen, Befehle wurden gebrüllt, die Toten klagten über ihr Leid.

Ich fuhr bis an den westlichen Rand des Viertels und verzichtete darauf, meinen Wagen auf Mienentauglichkeit zu testen. Die Straße war ohnehin eine einzige Kraterlandschaft, deren linke Spur von einem ausgebrannten Panzer blockiert wurde. Die Häuser waren kaum noch intakt, nicht selten stand nur die Fassade, überall lagen Trümmer. Über mir quietschte eine Flak, die ziellos den Himmel absuchte.

Ich fragte ein paar Rekruten, die in einem Schützengraben kauerten und mich nicht gleich niederschossen, nach dem Weg. Granatsplitter hatten ihre Leiber und Leben in Mitleidenschaft gezogen. Sie warteten auf einen Feind, der niemals mehr kommen würde.

Hier hatte sich alles dem Krieg angepasst - die Läden sahen leer und ausgeräumt aus, die Fenster der Wohnhäuser und Bars waren vernagelt. Es schien nicht einen Lichtblick zu geben, selbst die Parkanlagen waren von Schützengräben und Bombenkratern durchzogen. Ich sah eine Hand voll Soldaten, abstoßend entstellt vom Zyanidgas, das durch ihre Masken gedrungen war. Einen Oberst, dessen Rücken eine einzige Brandwunde war, dazwischen Leute mit Verletzungen von Gewehrsalven, Bajonetten und Artilleriefeuer. Gegenüber von St. Patrick ragte das Wrack einer Fokker aus den Resten eines Bahnhofs.

Es gab kaum zivile Opfer, die sich ins Viertel zurückzogen, es waren beinahe ausschließlich Soldaten. Manche von ihnen kämpften sich daraus hervor, wie Harry Price, die meisten aber irrten umher und erfüllten ihre Pflicht, worin auch immer die bestehen mochte.

Die Kirche hielt sich wacker, ihr Turm stand noch, aber weite Teile des Daches waren ins Innere gestürzt. Auf den Stufen lag Schutt, die Buntglasfenster waren zerborsten, ein Teil des Eingangsportals mit Sandsäcken verbarrikadiert. Ich kletterte darüber und sah mich nach jemandem um, aber das Kirchenschiff wirkte verlassen. Nur ein Teil der Holzbänke stand noch, der Rest lag unter den Trümmern des Dachstuhls begraben. Die Treppe zur Orgel knirschte verächtlich, also ließ ich mir einen Überblick entgehen und steuerte auf die Sakristei zu. Am Altar brannte eine Kerze, also war die Kirche noch nicht gänzlich verlassen.

"Jemand hier?" Ich klopfte an die zerkratzte Tür und drückte die Klinke nach unten, als keine Antwort kam. Drinnen gab es kleine Schränke, einen Tisch und den Priester, der gefesselt am Boden lag. Dann explodierte der Schmerz in meiner Brust und ich fiel nach hinten. Das Brecheisen hatte mich mit voller Wucht erwischt, doch der Kerl hinten dran wollte es dabei nicht belassen. Hätte ich nicht andere Sorgen gehabt, hätte ich mich über ihn amüsiert - ein Vorzeigegangster: Weißer Borsalino, Nadelstreifenanzug, Budapester und eine Statur wie ein Kleiderschrank. Mir blieb keine Zeit zu lachen. Die Eisenstange zielt auf meinen Schädel und hinterließ eine Kerbe im Steinboden, als ich zur Seite rollte. Der Lärm des Aufpralls verfolgte mich noch zweimal, dann kam ich endlich auf die Knie. Ehe der Capone-Verschnitt noch auf dumme Gedanken kam, stieß ich mich ab und rammte ihm den Kopf in den Bauch. Genauso gut hätte ich auch mit der Eisenstange Bekanntschaft machen können. Wir gingen zu Boden, ich bekam einen Tritt in die Seite, landete einen Treffer in seinen Unterleib und kam frei. Er brauchte einen Moment länger und ich trat ihm mit aller Kraft gegen den Arm. Die Stange flog aus seiner Hand und landete scheppernd zwischen den Bänken. Einen weiteren Tritt blockte er ab und kam selbst auf die Beine.

Ich hatte den Revolver aus dem Schulterholster, eher er mir zu nahe kam. Zwar konnte ich ihn mit dem 38er nicht umbringen, aber zumindest sein Protoplasma soweit in Unordnung bringen, dass er vorläufig nicht zu gebrauchen war. "Okay, Kumpel, überleg dir gut, was du als nächstes tust." Ich zielte auf einen Punkt über seiner Nase. Das Gefühl von Schmerz, vor allem die Erinnerung daran, war etwas, das selbst die Toten aufwühlte. Eine Kugel im Schädel hinterließ durchaus Eindruck.

Mit einem Knurren hob er seinen Hut auf und klopfte den Staub ab. Unmöglich zu sagen, wie mein Capone gestorben war, also auch keine Chance, ihn richtig außer Gefecht zu setzen.

"Was willst du Leuchte von mir?"

Er grinste: "Deine Schnüfflernase brechen."

Ich hörte die Schritte an der Sakristeitür hinter mir und sah, wie sich der Kerl vor mir spannte. Solche Typen traten selten allein auf den Plan.

Der Schuss traf mich an der Schulter, ich spürte den brennenden Schmerz und ließ mich zurückfallen, um gleichzeitig zu feuern. Capone fing die Kugel mit dem Hals ab und krachte in die Bänke. Wieder ein Schuss, der das Holz neben meiner Wange splittern ließ. Ich ging in Deckung und kroch zurück, den Revolver in Richtung meines schießwütigen Kontrahenten gerichtet. Der Kerl mit dem Hut wandte sich röchelnd im Dreck, aber ich war mir sicher, ihn nur gestreift zu haben. Allzu lange würde ihn die Verletzung nicht beeindrucken. Auch das Brennen in meiner Schulter ließ bereits nach. Ich feuerte blindlings über die Bankreihen hinweg und suchte Schutz hinter einer Säule. Hoffentlich waren es nur zwei, aber selbst die konnten mich hier einkesseln. Zum Beten waren die bestimmt nicht hier. Ich lauschte über das leise Röcheln hinweg, aber der andere Kerl stand still oder bewegte sich wie eine verdammte Katze.

Vorsichtig rutschte ich um die Säule herum und riskierte einen Blick. Sofort zwang er mich in meine Deckung zurück, indem er Steinsplitter aus der Säule schoss, da wo gerade noch mein Gesicht gewesen war. Und das verdammte Stöhnen von Capone hatte auch aufgehört. Ich konnte seine Schuhspitzen hinter einer Bank sehen, er lag ganz ruhig, die Knarre vermutlich schon in der Hand. Ich musste es auf einen Ausfall ankommen lassen und im Schutz der Bänke zum Ausgang gelangen. Meine Hand schloss sich fester um den Revolver, Capone würde eine verpasst bekommen, wenn er auftauchte. Dann hörte ich Lärm von der Sakristei.

Der Priester, ein stämmiger Ire, war dabei, sich für seine missliche Lage von vorhin zu revanchieren, indem er den Schützen zweimal gegen die Wand krachen ließ.

Just dann tauchte der Kopf des anderen Gangsters aus der Versenkung auf, eine großkalibrige Automatik in seiner Hand. Ich verpasste ihm eine Kugel in die Brust, obwohl ich auf den Arm gezielt hatte.

Ein paar Augenblicke später lud ich Capone neben seinem Partner ab und warf den Hut auf das Loch in seinen Rippen.

"Freunde von Ihnen?", fragte der Priester, der statt eines linken Auges nur die Erinnerung an einer Gewehrkugel hatte.

"Wir haben gemeinsame Bekannte." Ich tippte den zweiten Killer mit der Schuhspitze an. Er war ein ausgezehrter Typ, dem eine Maschinenpistole den Rücken zerpflügt hatte. Und jetzt hatte der Priester sein Gesicht auch noch zu Brei verarbeitet.

"Father Kilby." Er hielt mir die Hand hin. "Was haben Sie mit den Kerlen vor?"

"Roger Cross." Er hatte einen kräftigen Händedruck. "Laden Sie die beiden in irgendeinem Krater ab, dann können sie zu ihrem Boss zurückkriechen."

Er legte die Stirn unter dem rötlichen Haar in Falten, dann nickte er. "Sind wohl nur kleine Fische. Was Persönliches?"

"Rein geschäftlicher Umgang."

"Sie sollten andere Geschäftspartner in Betracht ziehen."

"Ich suche mir die Leute genauso wenig aus wie Sie, Kilby." Und Kaliber wie Danny Eston tauchten mit beruhigender Regelmäßigkeit darunter auf.

Der Ire verschränkte die Arme vor der Brust: "Ein Gebet wird ihren Seelen auch nicht den rechten Weg weisen." Er sah mich durchdringend an: "Aber vielleicht Ihnen."

"Machen Sie sich keine Hoffnungen, Father. Mit einer simplen Auskunft können Sie mir mehr helfen: Ich suche einen Mann namens Harry Price, der hier im Viertel wohnen soll."

"Auch ein Geschäftskontakt?"

"Sagen wir, sein alter Herr macht sich Sorgen um Harry, da der seit ein paar Tagen verschwunden ist."

"Ist das so ungewöhnlich?"

"Wenn ein teures Schmuckstück mit ihm unauffindbar ist, ist es zumindest verdächtig."

"Sie glauben, Harry hat es gestohlen?"

Ich musste grinsen: "Ich glaube gar nichts, Father, das ist Ihr Job. Aber ich möchte seine Seite der Geschichte hören. Wenn er nichts weiter getan hat, als Abstand von den Dingen zu wollen, bin ich der Letzte, der ihm das nehmen will."

Kilby überlegte eine Weile, ehe er antwortete: "Ich kenne Harry schon eine Weile, wenn auch nicht sehr gut. Die Freundschaft zu Mr. Barrent, von dem ich annehme, dass er der angesprochene Herr ist, veranlasste Price immerhin, dieses Viertel zu verlassen."

"Aber er kommt hierher zurück, wenn er Probleme hat?"

"Wahrscheinlich, ja. Ich habe ihn einige Zeit nicht gesehen."

"Hat er bevorzugte Orte, an denen er sich aufhält?"

"Eine Kneipe namens Bunker 13, zwei Straßen weiter. Die Leute dort müssten wissen, wo Harry zu finden ist. Wenn sie mit Ihnen reden, Cross."

"Lassen Sie das meine Sorge sein, Father. Danke, auch für die Hilfe vorhin." Ich deutete auf die Ganoven zu unseren Füßen. Nicht lange und die beiden würden wieder ihrem Job nachgehen. "Sie sollten den Abfall entsorgen." Damit tippte ich mir an die Hutkrempe und verließ die Kirche.


Bunker 13 lag in einer verbarrikadierten Seitenstraße, von deren Häusern nur noch die Fassaden standen. Dazwischen ruhte der Betonklotz über dessen Eingang man die Dreizehn mit alten Gewehren wie eine Strichliste festgenagelt hatte. Über eine steile Treppe ging es in die Tiefe Die flackernde Beleuchtung versetzte die Plakate an den Wänden in Unruhe - jeder Zentimeter Beton war mit vergilbtem Propagandamaterial beklebt, das so ziemlich jeden verdammten Krieg abdeckte. Einen Allzwecksaal hatte man mit Hilfe einiger Bänke und Tische und einer Feldküche zum Schankraum umgebaut. Aus einem altersschwachen Röhrenradio drang das Veteranenprogramm, ein rauschender Zusammenschnitt von Frontunterhaltung und Schönfärberei für die Daheimgebliebenen. Musik- und Tonfragmente, die es ins Reich der Toten geschafft hatten und nun zu immer neuen Varianten zusammengesetzt wurden. Hier drüben war es so gut wie unmöglich, Neues zu schaffen, also half man sich, indem man die Reste zusammenwarf und variierte. Gab eine verdammt nostalgische Note.

In einer Ecke rostete eine Fliegerbombe vor sich hin, die man mit Orden und Rangabzeichen verziert hatte.

Dem Barkeeper an seiner Feldküche hatte es den rechten Arm weggerissen und damit wohl auch jegliche Freundlichkeit für seine Kundschaft. Uniform und Essen mussten schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Unaufgefordert knallte er mir ein schales Bier hin und wollte sich wieder auf seinen Hocker verziehen, aber ich winkte ihn zurück: "Nette Atmosphäre, wer ist der Raumausstatter?"

"Jeder Stammgast lässt was da", knurrte er.

"Die dicke Berta dahinten auch?" Ich deutete auf die Bombe.

"Ist von mir. Jeder, der mutig genug ist, heftet eines seiner Abzeichen daran."

"Und wenn er Pech hat …"

"Bumm! Dann fang ich mit meinem Laden neu an. Die Stammkundschaft kommt ohnehin wieder."

"Ich frage mich, ob unter den Orden nicht auch einer von einem Bekannten von mir ist? Ein Flieger, seine Name ist Harry Price."

"Kann schon sein. Wer möchte das denn wissen?"

Ich hielt ihm die geöffnete Brieftasche mit meiner alten Lizenz hin. "Ein Freund. Harry ist in Schwierigkeiten, ein paar Gangster sind hinter ihm her. Wenn ich ihn zuerst ausfindig mache, kann ich ihm vielleicht helfen."

"Hab von Ihnen gehört - Sie sind der mit dieser Delano-Sache. Ich habe Harry schon eine Weile nicht gesehen, wohnt nicht mehr hier in der Gegend. Aber ich kann Sie mit einem Stubenkameraden von ihm bekannt machen."

Ich folgte ihm an Berta vorbei zu einem wackligen Klapptisch, wie er für die Munitionsausgabe verwendet wird. Daran saßen ein junger Mann im Rollstuhl und ein fetter Unteroffizier, der an irgendeiner Front erfroren war. "Das sind Frosty und Stolz. Mr. Cross hier ist Privatdetektiv und macht sich Sorgen um Harry. Vielleicht könnt ihr ihm helfen." Er tippte sich mit der verbliebenen Hand an die Stirn und ich nickte ihm zu, dann zog ich mir einen Stuhl heran und setzte mich.

Frosty, dessen Haut von Frostbeulen und Verfärbungen überzogen war, legte seine Karten zur Seite und lachte, was nur wie das Gluckern einer Benzinleitung klang. "War abzusehen, dass Harry in Probleme gerät. Große Probleme! Wir haben es ihm immer gesagt."

"Sei still, Frosty!" Stolz war zu Lebzeiten nicht einmal zwanzig gewesen und die Amputation seiner Beine hatte ihn vermutlich nicht das Leben gekostet.

"Lassen Sie ihn reden, Sergeant. Ein paar ziemlich üble Burschen sind hinter Price her. Je mehr ich über seine Schwierigkeiten erfahre, desto besser kann ich etwas für ihn tun."

Aber der Blonde schüttelte den Kopf. "Frosty redet gerne. Was Harry tut und mit wem, ist seine Privatangelegenheit."

"Sehr privat", feixte der Dicke.

"Price ist seit ein paar Tagen verschwunden und ich vermute, dass er zu seinen alten Kameraden gegangen ist, um sich zu verstecken oder helfen zu lassen. In seinem Besitz befindet sich etwas, das ihm nicht gehört und für das ein paar Leute bereit sind, schlimme Dinge zu tun."

"Davon wissen wir nichts. Harry war schon seit Wochen nicht mehr hier."

Frosty kicherte: "Sein Mädchen lässt ihn nicht, die hat den Oberbefehl."

"Er hat eine Freundin?" Davon hatten weder Barrent noch Vivian etwas erzählt. "Also könnte er bei ihr sein?"

Stolz schien nicht gewillt, Harrys Privatleben auszubreiten, aber ehe Frosty wieder das Wort ergriff, antwortete er doch lieber selbst: "Sie tauchte irgendwann auf und wickelte ihn um den Finger, ich hatte Harry noch nie so erlebt. Ich will nicht sagen, er war ihr hörig, aber viel hat sicherlich nicht gefehlt, glauben Sie mir. Wann immer sie hier auftauchte, sprang er an ihre Seite. Meist blieben sie nur kurz im Viertel und suchten sich dann bessere Bars und Clubs. Einige Zeit danach kam sie nicht mehr, was Harry aber nichts auszumachen schien, denn bald darauf zog er zu irgend so einem reichen Knacker, der ihn für seinen Sohn hielt. Er wollte uns immer mal in sein neues Heim einladen, aber es wurde nie was draus. Seine Besuche hier waren nur noch sporadisch - wir waren die alte Welt. So richtig kann ich es ihm nicht verübeln." Er sah sich deprimiert im Bunker um.

"Was wurde aus dem Mädchen?"

"Keine Ahnung. Wir haben Harry ein paar Mal nach ihr gefragt, aber er wurde sehr ausweichend, also haben wir es gelassen. Weiß der Teufel, wo sie jetzt ist."

Hoffentlich nicht, ansonsten würde ich sie wohl kaum finden können. "Irgendeine Idee, wo ich nach ihr suchen könnte? Wie sah sie aus?"

"Wo sie hin ist, keine Ahnung. Irgendwas mit Klasse und Geld. Und ihr Aussehen ist gut …" Frosty gluckste wieder: "… zumindest die eine Hälfte."

"Ihre rechte Gesichtshälfte ist völlig vernarbt, was sie meist unter einem Schleier blonden Haares verborgen hat."

Warum überraschte es mich nicht, eine Beschreibung von Vivian Gray zu bekommen? Sie hatte nicht abgestritten, ein Verhältnis mit Harry gehabt zu haben. Blieb nur zu klären, ob sie Price und Barrent miteinander bekannt gemacht hatte. Ich ließ mir nichts anmerken. "Hat die Dame auch einen Namen?"

Beide schüttelten den Kopf: "Er nannte sie nur Goldschatz, wenn wir zusammen unterwegs waren."

Ich nickte, Vivian war wirklich ein Goldschatz. "Das ist alles?"

Frosty und Stolz hatten dem nichts mehr hinzuzufügen, also erhöhte ich ihren Einsatz um ein paar Münzen und seilte mich aus dem Bunker 13 ab, ehe jemand sich an Berta zu schaffen machte. Ich hatte genügend Kriegsopfer für heute gesehen, ein wenig Abwechslung konnte nicht schaden. Aber vom Capone-Imitat und seinem Kumpel war nichts zu sehen und ich konnte unbehelligt gehen.


Barrent hatte eingewilligt, mich innerhalb der nächsten zwei Stunden zu treffen, ich musste nur den Weg zur Stadtverwaltung auf mich nehmen. War das Veteranenviertel eine ungefilterte Ansammlung all dessen, was aus der Lebendwelt herüber drang, hatte man den Capitol Hill zu einem Vorzeigestadtteil gemacht. Jeder Verstorbene, der hier zum ersten Mal eintrudelte, musste das Totenreich für einen sauberen, feinen Ort halten. Böses Erwachen inklusive. Man hatte von überall her Gebäude abgetragen, wieder aufgebaut und soweit renoviert, dass sie sich beinahe wieder im Originalzustand befanden. Beinahe, denn dem Zerfall konnte auf Dauer nichts entgehen. Dementsprechend war eine Wagenladung städtischer Angestellter beständig mit Ausbesserungsarbeiten beschäftigt. Ein paar freundliche Bullen regelten den Verkehr oder drehten ihre Runden durch den Park vor dem Rathaus, einem wuchtigen Bauwerk, das ein geisteskranker Reichsführer entworfen haben musste. Weite Treppen, ein steriler Vorplatz, Betonpfeiler und riesige Fensterfronten. Fehlten noch Adlerembleme und Reiterstandbilder, aber auf die hatten die Stadtoberhäupter verzichtet und sie in den Hinterzimmern aufgestellt. Die toten Seelen, die wie vertrocknete Blätter über den Platz geweht wurden, bekamen wenigstens schon mal das richtige Gefühl der Verlorenheit vermittelt. Hier liefen alle Fäden für ein Dasein nach dem Tod zusammen. In Karteikästen lagerten die Sterbeurkunden aller, die jemals ihren Fuß hierher gesetzt hatten und wann sie wieder verschwunden waren. Zumindest war dies die offizielle Statistik. Aber es gab eine Dunkelziffer - Tote, die nicht in den Akten auftauchten oder deren Abgang nicht ordnungsgemäß ausgetragen wurde. Vielleicht war Harry Price einer von ihnen.

In einer der oberen Etagen, hinter einem Panoramafenster, tagte der Stadtrat und entschied über allerlei sinnige und weniger sinnige Angelegenheiten, kontrollierte den Reiseverkehr, Stadtbeamte, Polizisten und was nicht sonst noch alles.

Ich wartete auf einer Bank und starrte in einen Teich, dessen Wasser nicht einmal stank, wie es das hier drüben üblicherweise tat.

Barrent kam aus dem Rathaus, einen jungen Mann neben sich, dem irgendetwas im Hals stecken geblieben war. Zumindest wirkten seine Züge im entspannten Zustand so. Die beiden unterhielten sich angeregt, aber ehe sie mich erreichten, schickte mein Auftraggeber den anderen fort.

Er setze sich neben mich und schirmte die Augen mit der Hand ab, um in die Ferne zu sehen. "Ein faszinierender Anblick, nicht wahr?"

"Nichts als Tod, soweit das Auge reicht."

"Möglichkeiten, Mr. Cross. Nichts als Möglichkeiten." Barrent wandte seine Aufmerksamkeit mir zu: "Ich hoffe, Sie haben Ergebnisse für mich?" Dabei nestelte er eine Zigarette aus seinem Etui und zündete sie umständlich an.

"Erst einmal ein paar Fragen. Wie haben Sie Price kennen gelernt?"

"Was spielt das für eine Rolle?"

"Eine entscheidende - liegt ein Geheimnis darüber, oder warum zögern Sie?"

"Nein." Er blies den Rauch durch die Nase aus. "Harry war in einem der Clubs, den ich gelegentlich besuchte. Wir kamen ins Gespräch und der Rest ergab sich. Er kam häufig raus nach Labelle und irgendwann blieb er dort."

"Und er sah aus wie wer? Ihr verlorener Sohn? Ein verflossener Liebhaber?"

"Seien Sie nicht albern, Cross. Harry hatte tatsächlich eine frappierende Ähnlichkeit mit meinem Ältesten."

"Und der war ebenfalls Pilot."

"Ja. Ich verstehe nicht …"

"Andere Frage: Waren Sie damals schon mit Vivian verheiratet?"

"Ich muss doch sehr bitten!"

"Ja oder nein?"

Barrent nickte. Auf seiner Stirn zeichneten sich Falten ab. "Mir gefällt die Richtung nicht, in die Ihre Fragen abzielen."

"Mir auch nicht. Aber ich werde nicht dafür bezahlt, die Richtung zu ändern. Wusste Vivian von Ihrem Sohn?"

"Natürlich. Sie kennt das Ölgemälde in meinem Arbeitszimmer."

Ich verzichtete darauf, ihn zu fragen, ob das Bild eine seiner Grabbeigaben gewesen war. "Und von der Halskette im Safe?"

"Auch davon. Wollen Sie etwa behaupten, dass …"

"Aber sie konnte den Tresor nicht öffnen?"

"Nein, warum sollte sie?"

"Um an das Schmuckstück zu kommen. Wusste Vivian von dessen Bedeutung?"

Barrent zündete sich eine weitere Zigarette an. "Ich nehme es an. Zumindest habe ich ihr einmal davon erzählt und meine Aufzeichnungen dazu liegen ganz offen in meinem Schreibtisch. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Vivian die Kette genommen hat. Woher sollte sie die Kombination kennen?"

"Sie war Harrys Geliebte, ehe sie dafür sorgte, dass Sie und Price sich über den Weg liefen. Harry tat, was sie wollte, also hat sie seine Ähnlichkeit mit Ihrem Sohn dazu genutzt, Price nahe an Sie heranzubringen. Nahe genug, um an den Inhalt des Safes zu gelangen."

"Warum das alles?" Der Stadtrat schleuderte die Zigarette in den Teich.

"Sie will fort von hier, mit Hilfe der Maske des Merekare."

Er seufzte: "Theoretisch könnte sie mit dem Amulett den Weg zurückfinden. Wenn sie die richtige Schriftrolle hat. Wenn sie die Kette besitzt. Wenn sie auf Ras Barke dem Strom aus dem Totenreich folgt. Wenn sie eine aberwitzig geringe Möglichkeit in Betracht zieht, überhaupt etwas zu erreichen. Und wenn sie bereit ist, womöglich mit ihrer Seele dafür zu bezahlen. Sie sehen also, dass es eine große Zahl Wenns dabei gibt."

"Vivian hat die Halskette in ihrem Besitz, davon gehe ich mittlerweile aus. Was ist mit dieser Schriftrolle?"

"Die Ägypter ließen sich von ihren Schreibern Papyrusrollen anfertigen, auf denen das steht, was landläufig als Totenbuch bekannt ist. Beschreibungen von Orten und Göttern, die man nach seinem Tod passieren muss."

"Und das funktioniert auch rückwärts?"

Barrent grinste freudlos: "Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten. Selbst wenn irgendjemand diesen Weg gehen würde, die Ägypter ließen ihren Leichnam einbalsamieren, um ihn für die Ewigkeit zu konservieren. Ein moderner Mensch hat nichts, in das er zurückkehren könnte. Niemand kann sich eine Vorstellung davon machen, was eine solche Rückkehr bedeuten würde …"

"Reinkarnation, Widergänger, Poltergeister - irgendjemand wird schon was einfallen." Ich drehte den Hut in meiner Hand. "Könnte sich Vivian eine solche Schriftrolle besorgen?"

"Tatsächlich habe ich eine für Harry angefertigt, es wäre kein Aufwand, diese zu kopieren. Er hat sich eine davon von mir gewünscht. Was ist mit der Barke und dem Strom aus dem Totenreich? Wie will sie das bewerkstelligen?" Barrent klang unsicher, von seinem Politikergehabe war nicht mehr viel übrig.

"Ich weiß es nicht. Falls ein normaler Kahn genügt, liegt ein Boot an Ihrem Strand. Und wer ahnt schon, wohin einen das Meer der Unsicherheit führen kann."

"Das klingt mehr nach Irrsinn, als einer wahren Chance. Doch warum ist Vivian nicht gleich nach dem Diebstahl der Kette verschwunden? Und wo ist Harry?"

"Vielleicht wartet sie auf Vollmond, die richtige Strömung, eine passende Sternkonstellation, oder sie hat einfach nur Angst. Aber ich bin mir sicher, dass sie nicht länger warten wird. Sie muss wissen, dass ich ihr früher oder später auf die Spur kommen werde." Spätestens seit dem Hinterhalt an St. Patricks war Vivian Gray auf der Liste meiner Verdächtigen weit nach oben gerutscht. Mittlerweile stand sie an erster Stelle, Danny dicht bei ihr. "Was Price angeht, hält er sich vielleicht versteckt. Vor Ihnen oder vor Danny Eston. Ich werde es bald herausfinden." Ich erhob mich und setzte den Hut auf. "Kommen Sie mit raus nach Labelle?"

Er hob entschuldigend die Hände. "Ich kann hier noch nicht weg."

"Dann sehen wir uns später."

Aber Barrent hielt mich am Arm fest, sein Gesicht angespannt: "Es gibt nur eine Maske, verstehen Sie? Nur eine! Sie wurde für einen Reisenden geschaffen, nicht für zwei."

Ich löste mich aus seinem Griff: "Ich sagte auch, vielleicht hält Harry sich versteckt. Nur vielleicht."


Diesen Abend stand der Mond tief über dem Meer, sein Spiegelbild lag auf der glatten Oberfläche. Sie beide sahen krank und übernächtigt aus. Die Strecke nach Labelle war frei, dennoch kam ich erst dort an, als es bereits auf Mitternacht zuging. Eine steife Brise wehte die ganze Zeit über den fauligen Gestank durch die Fenster. Weit draußen musste starker Seegang herrschen, denn die Dampfer auf der Fahrrinne stiegen immer wieder Wellenberge empor, um dann für ein paar atemlose Sekunden außer Sicht zu verschwinden. Nicht, dass an Bord Panik deswegen ausgebrochen wäre. Die meisten der Frachter und Passagierschiffe vor der Küste des Totenreiches stammten aus Havarien, Mannschaft inklusive.

Das Küstenstädtchen gab sich ausgestorben wie immer, nur in einer Villa suchte man Vergessen in Form einer Party. Ihre Swingmusik drängte ebenfalls zu mir herein, bis ich die Zufahrt zum Barrent-Anwesen erreichte. Hier war alles still, nur die Wellen und der Wind unterhielten sich leise. Ein fahles Licht beschien das dunkle Haus, das Coupé und eine alte Limousine auf dem Parkplatz. Sah verdammt idyllisch aus, nur schade, dass kein Maler hier war, um es auf Leinwand zu bannen. Mein malerisches Talent reichte kaum aus, um einen Scheck zu unterzeichnen. War wohl mangelnde Übung.

Ich stieg aus und ging zum Wagen hinüber, einem Silver Ghost in ausgezeichnetem Zustand. Selbst die Einschusslöcher auf der Fahrerseite hatte man gut kaschiert. Ich warf einen Blick ins Handschuhfach und fand, was ich erwartet hatte - einen kurzläufigen Revolver und Streichholzbriefchen von Estons Spielhölle. Sah nach Ärger aus, also kontrollierte ich die Waffe und hielt sie locker in der Hand, während ich die Hausfront ablief. Alle Fenster verschlossen, drinnen brannte kein Licht. Die Angestellten hatten Ausgang, wenn sie die Nacht überhaupt in diesem Mausoleum verbrachten. Ich probierte die Tür und überlegte, sie mit einem Dietrich zu öffnen, aber ein Geräusch hinter der Villa hielt mich davon ab. Stattdessen beeilte ich mich, das Haus zu umrunden. An den Ecken ließ ich es langsam angehen - Stemmeisen hatten dieser Tage Saison. Labelle war jedoch kein Ort dafür und ich erreichte die hölzerne Plattform gerade als das Motorengeräusch seinen Rhythmus fand. Vom Geländer aus sah ich das kleine Boot, das sich im Mondlicht vom Ufer entfernte. Eine Person stand am Steuer, eine weitere saß zusammengesunken am Heck.

Ich gab mir gerade genügend Zeit für einen Fluch, dann stürmte ich die Treppe hinunter. Das verdammte Ding ächzte und knarrte, also wollte es jeden Moment unter mir in die Tiefe stürzen. Der Lärm, den ich verursachte, musste man weithin hören können. Vielleicht war der Außenborder laut genug, dass wenigstens die Crew des Motorbootes es nicht mitbekam. Aber ich hatte so meine Zweifel, zumal ich in dem hellen Mantel wie ein aufgeschrecktes Schlossgespenst wirken musste.

Als ich die letzte Stufe erreichte, hatte das Boot schon den halben Weg zur Plattform zurückgelegt. Der Sand vor mir wies deutliche Spuren auf - ein Körper war die Strecke bis zur Anlegestelle geschleift worden. Ich folgte und sah mich nach einem weiteren Boot um, aber es gab verdammt noch mal keins.

Schließlich riss ich mir die Kleider bis auf die Unterwäsche vom Leib und klemmte mir den Revolver zwischen die Zähne. Das schwarze Wasser leckte nach meinen Füßen und ich musste mich überwinden, hineinzuwaten. Die Konsistenz war ölig und schwer, immerhin nicht sonderlich kalt. Eben nur verflucht dunkel, dagegen vermochte auch das Mondlicht nichts auszurichten. Ich konnte den Grund nicht sehen, spürte nur den Sand und die Steine unter mir. Und mit jedem Schritt malte sich meine Phantasie allerlei schreckliche Dinge aus, die sich dort unten verborgen hielten. Das Meer schwappte um meinen Körper, der unangenehmste Moment war dabei, als das ölige Nass in das Loch in meiner Brust drang. Fast hätte ich geschrien und mich auch gleich noch von der Kanone verabschiedet, aber nach den ersten Zügen ließ das abstoßende Gefühl nach. Ich verfluchte die Luger, die den Durchzug in meinen Rippen verursacht hatte, den hinterhältigen Schützen, die alten Ägypter mit ihrem Totenbuch, die Barrents, Prices und Grays, während ich mich vorwärts kämpfte. Der Seegang hatte vom Ufer aus harmlos ausgesehen, aber die Wellen waren höher als mir lieb war und gelegentlich spürte ich bereits den Sog einer Strömung. Ein kleiner Badeausflug bei Mondenschein, nur von Romantik keine Spur.

Wenigstens entzündeten die beiden da draußen eine Laterne, als sie an der Plattform anlegten. So hatte ich einen schwankenden Wegweiser, der nur gelegentlich hinter einer Wellenwand verschwand. Das Wasser wurde merklich kühler und von hier aus sahen Strand und Klippen schon ziemlich weit weg aus. Endlich kam ich dicht genug heran, um Einzelheiten erkennen zu können. Das Motorboot lag zum offenen Meer hin vertäut, das Licht baumelte an einer Holzstange über der Plattform. Eine Gestalt kniete am Rand und hantierte an der Oberfläche - ihr blondes Haar leuchtete hell. Sie hatte mich nicht bemerkt.

Die Wellen trieben mich vorwärts und ich musste ordentlich treten, um nicht daran vorbeigetragen zu werden. Das Wasser plätscherte gegen das Holz, als ich das Haltetau zu fassen bekam.

Danny Eston lag zusammengekrümmt am Heck, ein Messergriff ragte aus seinem Bauch. Solange die Klinge in der Wunde steckte, die ihn damals umgebracht hatte, blieb er im Delirium und durchlebte seinen Tod in einer Endlosschleife.

Die Innenwände des Bootes waren mit Papyrus beklebt, das Licht reichte aus, um die Hieroglyphen darauf zu erkennen. Vivian hatte sich ihre eigene Barke hergerichtet und da nur Platz für einen Reisenden war, musste Danny früher oder später von Bord gehen.

Ich ließ ihn noch ein bisschen ruhen und zog mich ein Stück die Plattform hinauf. Das verdammte Ding schwankte ordentlich und ich musste mich mit beiden Händen abstützen. Vivian kauerte noch immer an der gleichen Position und wandte mir den Rücken zu. Sie trug dunkle Hosen und eine graue Bluse, das Haar zu einem Knoten gebunden. Sie versuchte irgendetwas aus dem Wasser zu ziehen. Neben ihr lag bereits ein in Ölhaut geschlagenes Bündel und ich fragte mich einen Moment, ob sie auch noch den guten Harry herausziehen wollte.

Ich legte den Revolver in einer Taurolle ab und kletterte hinauf. Das Rauschen der Wellen musste laut genug gewesen sein, meine Bewegungen zu überdecken, dennoch reagierte Vivian.

Gerade als ich ein Knie oben hatte, fuhr sie herum. Der Enterhaken in ihren Händen beschrieb einen Bogen und erwischte mich, ehe ich den Revolver fassen konnte. Ich sah ihr Gesicht, entstellt durch die Wunde und eine mörderische Entschlossenheit, dann traf mich der Haken mit voller Wucht in die Rippen. Es knirschte bedenklich, der Schmerz sprang durch meinen Körper, dann knickte ich zur Seite ein. Ich hob abwehrend eine Hand, versuchte dabei gleichzeitig die Balance zu halten. "Vivian …" Sie war nicht zum Reden aufgelegt. Stattdessen rammte sie mir die Spitze des Hakens in die Brust. Wenn sie das Loch der Luger erwischte, war ich so fertig wie Danny hinter mir. Mit einem Ruck richtete ich mich auf und kassierte die Spitze in den Magen, fühlte, wie sie Haut und Innereien durchdrang, dann fiel ich nach hinten.

Der Mond beschrieb einen Kreis, ich sah die Lanze in meinem Bauch, das Motorboot und die schwimmende Plattform, für einen Moment die ganze Weite des Meeres der Unsicherheit vor mir, dann tauchte ich hinab in die Finsternis.


Es gab diese Dunkelheit, die einen schon von Kindheit an verfolgte - vielleicht die Angst davor, wieder in die schwarze Ursuppe zurück zu müssen. Sie lauerte in Kellern, Schränken oder unter dem Bett, wenn alles still war. Sie war voller schrecklicher Dinge, die man sich niemals auszumalen wagte. Sie ließ einen niemals ganz in Ruhe.

Hier unten, in den undurchdringlichen Fluten, wartete sie. Wie damals auch lähmte sie einen keinen Schritt zu tun, ja nicht die Kellertür zu öffnen, ja nicht aus dem Bett zu steigen. Zwang einen dazu, einfach nur liegen zu bleiben. Irgendwann würde sie verschwinden.

Ich trieb in dieser Lautlosigkeit dahin, eingehüllt in die flüssige Nacht. Für einen Moment war ich sicher, Wortfetzen zu hören - Stimmen, die soweit zurücklagen wie diese Angst. Ich hörte Kellertüren schlagen, Schrankscharniere quietschen und Dielenbretter unter kleinen Füßen knarren.

Dann erinnerte ich mich an den Schmerz. Meine Hände krampften sich um den abgebrochenen Haken in meinem Bauch. Ich zerrte wie besessen daran, wirbelte das Wasser um mich herum auf. Glaubte das reißende Geräusch zu hören, als ich ihn frei bekam.

Wo war oben, wo unten? Die Schwärze um mich herum verriet es nicht und für einen Augenblick wallte Panik in mir auf - um mich herum waren die Strömungen. Wenn mich eine davon erfasste, war ich verloren.

Ich zwang mich zur Ruhe, hielt ganz still und trieb dahin wie der Tote, der ich war. Dann ließ ich langsam den Haken los. Das Metall war schwer genug, um ihn in die Tiefe zu ziehen, also folgte ich seiner Bewegung mit den Fingerspitzen. Er glitt seitlich an mir vorbei. Ich peilte die entgegengesetzte Richtung an und begann zu schwimmen.

Komm schon, Cross, streng dich an! Etwas streifte meinen Fuß, kalt und glatt und ich verdoppelte meine Anstrengung. Mit den Dingen, die hier unten lauerten, wollte ich nun wirklich keine Bekanntschaft schließen. Vorwärts, etwas musste noch in den toten Knochen stecken. Ich hatte das Gefühl, meine Eingeweide hinter mir herzuziehen, wie einen Köder.

Abrupt brach ich durch die Oberfläche, nur um gleich darauf von einer Welle überrollt zu werden. Wieder kämpfte ich mich hoch, trat auf der Stelle. Ich war vielleicht fünfzehn Meter weit abgetrieben. Wenn mich eine Strömung ergriff, konnten es genauso gut Meilen sein. Ich legte mich noch einmal ins Zeug und hielt auf die Plattform zu. Allzu viel Zeit konnte nicht vergangen sein, denn Vivian stand immer noch darauf. Der Wind zerrte an Haar und Kleidung, während sie mit irgendetwas beschäftigt war.

Mit einem Ruck prallte ich gegen das Motorboot und klammerte mich verbissen daran fest. Danny starrte mich aus verdrehten Augen an, ein Blick wie aus einer Schauergeschichte, während ich mich langsam in die Höhe zog.

Einen Moment blieb ich benommen liegen, dann rappelte ich mich auf, um zu Eston zu kriechen und ihn abzutasten. Im Holster unter seinem Arm steckte eine Automatik, die sich beruhigend in meine Hand legte. Ich war versucht, ihm das Messer aus dem Leib zu ziehen, aber während er sich aus seinem Delirium befreite, würde er keine große Hilfe sein. Also ließ ich ihn, wo er war und setzte mich neben das Steuer.

Vivian musste rituelle Vorbereitungen für ihre Reise getroffen haben, auf der Plattform standen Schälchen aus denen Rauchfäden aufstiegen und vom Wind zerrissen wurden. Und sie trug das Amulett. Jetzt kam sie herüber und kletterte ins Motorboot, diesmal ohne mich zu bemerken.

Ich hatte die Waffe auf sie gerichtet, als sie sich Eston näherte. "Hallo, Goldschatz."

Sie schreckte zusammen und fuhr herum. "Roger!" In ihren Zügen spiegelte sich Entsetzen. Zugegeben, mit nun mehr zwei Löchern im Oberkörper und nur in Unterwäsche, war ich nicht unbedingt ein hübscher Anblick.

"Wolltest du den guten Danny aus seiner misslichen Lage befreien, oder ihn auf eine letzte Reise schicken, von der er nicht zurückkommen wird?"

Vivian verkrampfte die Hände in unterdrückter Wut. Mich beunruhigte jedoch eher die Halskette, die von sich aus zu schimmern schien. "Eston ist ein Schwein und keiner wird ihm auch nur eine Träne nachweinen. Ich tue der Welt noch einen Gefallen."

Da konnte ich ihr nicht mal widersprechen. "Genauso einen Gefallen wie mit Harry Price?"

"Das war Eston. Er hat ihn ins Meer geworfen."

"Warum sollte Danny das tun? Er ertränkt doch nicht eigenhändig seine goldene Gans."

"Er war es wirklich!"

"Es sei denn, er bekäme dadurch eine noch einträglichere Gans in die Hand."

"Was meinst du?" Sie fixierte meine Waffe.

"Dich. Harrys Schulden kamen und gingen, aber eine Erpressung war ein dauerhaftes Arrangement."

"Womit sollte er mich unter Druck setzen?" Vivian machte einen unauffälligen Schritt vor, aber ich hielt sie mit der Automatik in Schach.

"Du wolltest Harry loswerden. Vermutlich hattest du ihn bereits ausgeschaltet und musstest ihn verschwinden lassen. Im Veteranenviertel. Danny Eston hat dir geholfen, Harry hier raus zu bringen und zu versenken."

"Ich habe Harry geliebt!"

"Mag sein. Vor allem aber hast du ihn benutzt, um an die Maske des Merekare zu kommen und ihn als Sündenbock hinzustellen. Die Überfahrt zurück ins Lebendreich konnte nur einer von euch antreten. Was hast du Eston erzählt? Eine Eifersuchtsgeschichte? Vermutlich hast du Harrys Schulden bezahlt, aber nichts von der Kette gesagt. Davon erfuhr Danny erst durch mich."

"Ich brauchte Hilfe, Eston war greifbar. Sollte er glauben, dass er mich in der Hand hatte."

"Währenddessen konntest du deinen Abgang vorbereiten. Die Halskette war sicher versteckt - vom Strand aus hattest du die Plattform im Blick. Dann kam Barrent auf die Idee, Price suchen zu lassen - durch mich. Also hast du dich an mich gehängt, um zu sehen, wie nahe ich dir kam. Bis ich Eston darauf brachte, dass es weder um Geld noch um Liebe bei Harrys Verschwinden ging, war ich keine nennenswerte Gefahr. Dann jedoch musstest du mich beschäftigen, daher der Hinterhalt an St. Patricks. Doch deine Zeit wurde knapp und du hattest genügend Mut zusammengerafft, um die Reise anzutreten. Eston wollte dich zur Rede stellen, denn durch den Einsatz seiner beiden Killer wusste er, dass irgendetwas im Gange war. Pech für ihn, dass er dich unterschätzte."

"Ich habe dir gesagt, dass ich ein paar schlimme Dinge getan habe. Warum sollte sich das an einem Ort wieder diesem ändern?"

"Warum sollte es sich dort ändern, wo immer du gelandet wärst? Es ist dennoch keine Entschuldigung für das, was du getan hast. Price hat dir vertraut."

"Harry war kaputt, wie alle hier. Du bist keine Ausnahme."

"Vermutlich nicht." Ich zuckte die Schultern.

"Was wird jetzt passieren?"

"Wir fahren zurück zur Küste, Barrent kriegt seine Halskette wieder. Vermutlich wird er dich an die Bullen übergeben, vielleicht ist er aber auch sentimental und lässt dich laufen."

"Ich werde nicht zurückgehen."

Ich hob die Pistole: "Du hast wenig Alternativen." Das brachte der Tod so mit sich. "Mach die Halteleine los."

"Mach es doch selbst." Sie rührte sich nicht vom Fleck.

Ich hielt die Automatik dicht am Körper, den Lauf weiterhin auf sie gerichtet, und bewegte mich langsam in ihre Richtung. "Geh zurück." Zugegeben, viel Platz war nicht mehr hinter ihr. Aber ich brauchte nur einen Handgriff, um das Seil zu lösen. Nur einen Bruchteil meiner Aufmerksamkeit.

Vivian Gray hatte nichts zu verlieren. Wirklich nichts. Sah man von ihrer Seele ab und selbst deren Existenz wurde stellenweise überbewertet. Was hier auf sie wartete, war ein Knast, der eine Vorstufe zur Hölle darstellte, oder, wenn sie Glück hatte, die gleiche Ausweglosigkeit, die sie zu alledem getrieben hatte. Das wusste ich, schätzte es aber in diesem Moment falsch ein. Als ich den Knoten aufzerrte, stürzte sie vorwärts und versuchte, mich erneut über Bord zu stoßen. Ich schoss und verriss, traf sie in die Schulter. Vivian prallte gegen mich und für einen Augenblick drohte ich, das Gleichgewicht zu verlieren. Mit der freien Hand packte ich die Reling und bewahrte mich davor, noch einmal in die pechschwarzen Fluten einzutauchen.

Sie war verzweifelt, aber nicht stark genug. Ich versuchte, sie von mir zu bekommen, aber sie klammerte sich an mir fest. Beide Gesichtshälften waren verzerrt und abstoßend. Ich drängte sie zurück, um wieder festen Stand zu haben, als sich ihre Finger in die Schusswunde der Luger krallten. Ich schrie auf und griff nach ihrer Hand, aber der Schatten des Todes kam bereits zu mir zurück. Ich konnte den Lärm des Schusses hören. Dann würde der dumpfe Einschlag kommen, gefolgt vom Schmerz. Ich würde meinen Tod wieder durchleben. Gefangen in der Erinnerung. Hilflos. Die Umrisse um mich herum verschwammen bereits, ich spürte, wie meine Kräfte nachließen. Jeden Moment hatte mich die Vergangenheit gnadenlos im Griff.

Ich schlug ihr mit der Pistole ins Gesicht. Einmal. Zweimal. Bis sie von mir forttaumelte. Dann noch einmal, ohne es zu wollen. Vivian stolperte zurück, ich hörte sie schreien, dann kippte sie über Bord.

Benommen machte ich einen Satz und griff nach ihr. Bekam ein Bein zu fassen, ehe sie ganz hineinfiel. In meinem Kopf drehte sich alles, das Gefühl in meiner Brust machte mich kirre. Blindlings krallte ich nach ihrer Schulter, ihr Gesicht war schon unter Wasser. Sie wandte sich wie wild und trat um sich, wirbelte die schwarze Brühe auf. Meine Finger berührten etwas und schlossen sich reflexartig darum. Die Maske des Merekare!

Mit einemmal packte mich das Grauen und ich taumelte zurück. Am Himmel zeichneten sich riesige, bedrohliche Schatten ab, bewegten sich zum Klang einer schrillen, fremdartigen Musik. Menschenleiber mit dem Kopf eines Hundes, eines Falken, eines Krokodils. Ihr Tanz war ungezähmt und fordernd, peitschte den Nebel über dem Meer auf. Und sie schienen zu wissen, dass ich dort war - klein und unbedeutend, mich in Dinge einmischend, die so viel älter als wir waren.

Ich schrie sie an, mich in Ruhe zu lassen, ihre gewaltigen Hände nicht nach mir auszustrecken, ihre abstoßenden Häupter fortzunehmen.

Dann ließ ich die Halskette los und sie zogen sich in die Mythen zurück, aus denen sie empor gestiegen waren. Benommen rollte ich auf alle Viere und kroch vorwärts, schüttelte immer wieder den Kopf, um den Nachklang der Schatten abzuschütteln. Der Himmel war klar und leer wie zuvor, aber ich konnte ihre Anwesenheit noch spüren. Wenn Vivian dasselbe erlebt hatte, konnte ich ihr Zögern verstehen.

Das Wasser war still, dort wo ich Vivian verloren hatte. Hastig suchte ich das Boot rundherum ab, aber sie war nirgends zu sehen. Der Schlüssel steckte und ich ließ den Motor an. Er spuckte und stotterte, lief aber, und ich manövrierte einmal um die Plattform herum, doch auch hier keine Spur von ihr. So sehr ich ihren Namen rief, Vivian Gray blieb verschwunden. Die schwarzen Fluten lagen unberührt vor mir und die Geheimnisse in ihren Tiefen waren behütet wie in einem Grab. Vielleicht hatte sie aufgegeben und sich der Dunkelheit überlassen.

Blieben nur Danny Eston und ich. Der Gangster lag nach wie vor leblos auf der Bank. Vivian hatte ihn über Bord stoßen wollen. Verdient hatte er es - für das, was er zu Lebzeiten getan hatte, für das, was im Reich der Toten gefolgt war. Ich konnte der Welt eine ganze Menge Ärger ersparen und ihn zu den Fischen schicken, niemanden würde es kümmern. Ich stieß seine Beine mit der Fußspitze an - nur ein kleiner Schubser …

Aber wer war ich schon? Nur ein heruntergekommener, toter Privatdetektiv. Kein Richter. Kein Mörder. Konnte sein, dass Eston eine Menge schlechter Dinge getan hatte, anzunehmen, dass er nahtlos weitermachen würde. Falls wir uns dann über den Weg liefen, würde ich ihn zur Strecke bringen. Oder er mich.

Langsam lenkte ich das Boot in Richtung Küste zurück.


Als ich Danny die Holztreppe hinaufschleppte, spürte ich die ganze Anstrengung des Tages in den Knochen. Zwar gab es körperlich nicht viel in einem Toten, das sich um physische Anstrengungen scherte, aber im Geiste blieb es das gleiche. Der Kerl wurde mit jeder Stufe schwerer und ich überlegte ernsthaft, mit meiner Gutmenschentscheidung zu brechen und ihn nach unten zu befördern oder einfach liegen zu lassen. Aber ich wusste nicht, in welcher Verfassung er sein würde, wenn ich das Messer herauszog. Konnte sein, dass er blindlings ins Meer stolperte. Oder ihn irgendjemand fand, der meine eherne Einstellung nicht teilte.

Oben angekommen blickte ich in den Lauf einer großkalibrigen Automatik. Ich liebte solche Momente. Alles reduzierte sich auf ein schwarzes, kaltes Auge. Dahinter hing eine behandschuhte Hand samt böse blickendem Typ in Chauffeursuniform. Eine von diesen Visagen, die ohne Mühe eine Anstellung bei Leuten wie Danny Eston finden konnte. Oder bei Stadtrat Barrent, der zwei Meter hinter ihm stand.

Ich bleckte die Zähne, ignorierte die Kanone und trat ein paar Schritte vom Rand weg. Der Fahrer wich misstrauisch zurück, den Lauf immer noch auf mein Gesicht gerichtet. Immerhin hatte er Anweisung, mich erst reden zu lassen, statt direkt zu feuern.

"Sagen Sie dem Kettenhund, er soll mir nicht zu nahe kommen, ich habe eine durchwachsene Nacht hinter mir. Wenn er weiterhin mit dem Ding vor meiner Nase herumfuchtelt, schicke ich ihn nach unten. Ohne Treppe."

"Rudolf ist nur vorsichtig, Mr. Cross. Wir wussten nicht genau, wer schließlich hier oben ankommen würde." Er zündete sich eine Zigarette an. "Du kannst die Waffe etwas senken, Rudolf. Von Mr. Cross geht keine unmittelbare Gefahr aus. Auch der Herr auf seiner Schulter scheint unpässlich. Ist das Mr. Danny Eston?"

"Ich spare mir die Höflichkeiten."

Er blickte an mir vorbei auf das nachtschwarze Meer. "Sie haben niemanden sonst dabei? Oder noch unten am Strand?" Der Rauch kräuselte sich zwischen seinen Fingern.

"Wollen Sie jemanden zurück haben, Barrent? Eine Geliebte, die Sie von Anfang an betrogen und manipuliert hat, um an die Maske des Merekare zu kommen? Oder einen Sohn, der keiner war, und der sich Ihr Vertrauen erschlichen hat, um den Plan seiner Geliebten auszuführen?"

Der Stadtrat sah angewidert auf die brennende Zigarette und schnippte sie über den Rand. "Sie haben natürlich Recht, Mr. Cross. Beide wären für mich nicht mehr von Nutzen. Was ist mit ihnen passiert?"

"Price vertraute der falschen Frau - oder liebte die falsche. Als er seine Schuldigkeit getan hatte, beförderte sie ihn kurzerhand ins Meer."

"Das tut mir leid für Harry."

"Und Vivian trat ihre letzte Reise an, in der Hoffnung, den Tod hinter sich zu lassen."

Seine Augen fixierten mich: "Dann hat sie die Halskette benutzt?"

Einen Moment war ich geneigt, ihn einen wirklichen Verlust erleiden zu lassen, und das Schmuckstück in der Tasche meines Mantels zu behalten. "Nein, ich konnte es ihr vorher abnehmen." Damit zog ich die Maske des Merekare hervor, ohne mich um den nervösen Rudolf zu kümmern. Das Mondlicht fing sich in den goldenen Zügen, erweckte die Edelsteinaugen zum Leben. Sie strahlte etwas Hypnotisches aus und für einen Moment fühlte ich wieder die Präsenz der riesigen Schatten, die immer noch dort draußen waren.

Ich ließ die Kette los und sah Barrent an: "Sie gehört wieder Ihnen."

"Großartig, Sie wissen gar nicht, wie wertvoll das Stück ist." Er gab dem Chauffeur ein Zeichen, das Amulett aufzuheben und ihm zu bringen.

"Eine Seele - mehr als selbst Sie im Tresor haben."

"Seelen gibt es unzählige, aber nur eine Maske des Merekare."

"Wollen Sie sie benutzen?"

"Aber, Mr. Cross, ich bin Sammler, kein Narr."

Ich nickte: "Schicken Sie jemanden mit meinem Honorar zu mir ins Büro."

"Wie Sie meinen."

"Gute Nacht, Mr. Barrent." Ich machte Anstalt zu gehen, aber die Automatik fing mich wieder ein. "Was noch?"

Der Stadtrat zeigte auf den reglosen Körper auf meiner Schulter. "Wir nehmen Ihnen auch Mr. Eston ab."

"Keine Chance. Danny war nicht Teil meines Jobs."

Seine Stimme klang schneidend: "Dann ist er es jetzt. Dieser Mann hat so viel Unheil, angerichtet, die Stadt wird aufatmen können, wenn er aus dem Verkehr gezogen ist."

"Diese Stadt wird niemals mehr aufatmen."

"Sie wissen, was ich meine. Ich verlange, dass Sie mir Eston überlassen!"

"Tut mir leid, Stadtrat, Danny ist nicht inklusive. Mit dieser Angelegenheit hatte er nichts zu tun - wenn Sie ihn kassieren wollen, müssen Sie eine andere Chance wahrnehmen."

"Zwingen Sie mich nicht, Sie niederzuschießen, Mr. Cross."

Ich sah ihn direkt an: "Sie, Stadtrat, schießen ohnehin nicht. Wenn, dann haben Sie Leute, die das für Sie erledigen. Aber nicht heute Nacht." Damit wandte ich mich um und setzte mich in Bewegung. Halb rechnete ich damit, dass Barrent tatsächlich die Order gab, mich niederzuschießen. Aber sie blieb aus.


Ein paar Tage später ließ Barrent die Rechnung begleichen und ich fuhr am selben Abend raus an die Küste und suchte mir ein Plätzchen, von dem aus ich die Stelle sehen konnte, an der die Plattform einsam und verlassen auf dem Wasser trieb. Außer der schwarzen Oberfläche und ein paar Frachtern weit draußen gab es nichts zu sehen. Ich wusste auch nicht genau, was ich erwartet hatte. Mein Hiersein war in gewisser Weise ein verspäteter Abschied von Vivian Gray, die irgendwo dort draußen in der Dunkelheit dahintrieb. Mit einer verschwindend geringen Chance, von einem der Schiffe aufgegriffen, oder von der Strömung an einen ersehnten Ort getragen zu werden.

Aber, wer gab im Land der Toten schon groß was auf Chancen …


Ebenefalls erschienen:


Nr. 1
Der große Sprung
Der große Sprung
Nr. 2
Ein böser Spuk
Ein böser Spuk

© 2010 | Impressum