Anmerkung: Der große Sprung stammt aus dem Jahr 2000 und wurde 2003 im Magazin criminalis 2 veröffentlicht.
Sie kam gegen Mitternacht, eine passende Stunde für ihre Sorte. Ich saß an meinem Schreibtisch und stierte gelangweilt auf die Maserung des Holzes, als sie sich in den Sessel mir gegenüber setzte. Sie war hübsch, kein Zweifel: Blondes, lockiges Haar, unschuldiges Gesicht und strahlende Augen, die sie mühelos mit Tränen füllen konnte, Würgemale an ihrem schönen Hals.
Ich schwieg und musterte sie nur desinteressiert. Sie saß da und betrachtete mich unsicher, wartete eine geraume Weile, bis sie ansetzte zu sprechen. Genau in dem Moment brach ich mein Schweigen: "Hübsche Schramme, die Sie da haben." Dabei deutete ich mit dem Kinn auf ihren Hals. Ihre behandschuhte Hand fuhr verunsichert über die dunklen, fast schwarzen Male. "Die stammen von meinem Mann", antwortete sie abwesend, schürzte dann die Lippen und fügte mit fester Stimme hinzu: "Deswegen bin ich jedoch nicht hier."
"Habe ich mir schon gedacht", meinte ich und lehnte mich zurück, die Füße auf die Kante meines Schreibtischs gelegt.
Sie rutschte unsicher auf ihrem Sessel umher: "Ich wollte Sie engagieren."
"Auch das habe ich mir schon gedacht", setzte ich gelangweilt hinzu.
Sie musterte mich mit einem bösen Blick, weil ich ihr keine höfliche Gelegenheit bot, ihre Sache vorzutragen.
"Sie sollen jemanden für mich finden. Können Sie das?", rückte sie endlich heraus.
"Klar kann ich das."
Sie schien noch immer nicht ganz überzeugt davon, ob sie mir ihre Geschichte erzählen sollte, aber ich machte keine Anstalt, ihr entgegen zu kommen.
"Es handelt sich um einen ... Freund. Ich habe ihn aus den Augen verloren", erklärte sie zögernd.
"Bedauerlich, aber das passiert immer wieder", sagte ich mit einem Lächeln.
In ihren schönen Augen blitzte es kurz auf, dann hatte sie sich wieder im Griff: "Sein Name ist Kevin Delano; ich vermute, dass er hier irgendwo in der Stadt sein muss, ich weiß bloß nicht wo."
"Schön, und?"
"Sie sollen ihn finden!", zischte sie wütend, setzte dann aber sofort wieder ein unschuldiges Schmollen auf: "Bitte!"
"Kein Problem. Warum?", fragte ich weiter.
"Ich ... ich würde ihn gerne wiedersehen. Sie wissen schon ... wir sind alte Freunde."
Ich zog die Beine vom Tisch und beugte mich zu ihr vor: "Ich glaube Ihnen kein Wort."
Sie schaute mich für einen Moment mit Angst in den Augen an, reckte dann kampflustig das Kinn vor und sagte: "Und wenn schon, was geht Sie das an? Ich möchte, dass Sie ihn finden!"
"Sehen Sie, jetzt kommen wir uns näher. Ich finde ihn, kein Problem. Was können Sie mir über Delano erzählen?"
"Nicht viel. Er ist noch nicht lange dabei. Vielleicht ein, zwei Wochen. Ich denke, er hat es selbst getan", antwortete sie knapp.
"Warum?", wollte ich wissen.
"Vermutlich irgendeine Art von Kummer. Depressionen. Peng …"
"Sie sind nicht sonderlich hilfreich", bemerkte ich.
"Mehr weiß ich wirklich nicht. Ich habe nur so ein Gefühl, dass er jetzt unter uns ist. Deshalb sollen Sie ihn finden", sagte sie leise und schaute mich mit ihren strahlenden Augen an.
Ich lächelte: "Gut, was passiert, wenn ich ihn gefunden habe?"
Sie kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe: "Geben Sie mir Bescheid. Dann machen wir einen Treffpunkt aus und Sie bringen ihn dorthin, einverstanden?"
Ich zuckte mit den Schultern: "Sie sind die Chefin, ganz wie Sie wollen. Wo erreiche ich Sie?"
Sie erhob sich und wandte sich zum Gehen: "Ich habe ein Zimmer im Dead Men's End, fragen sie nach Miss Vain, Zimmer 203. Schönes Loch haben Sie da."
Damit verschwand sie und ließ mich und mein Loch alleine.
Das Loch stammte von einer Luger und saß ziemlich genau an der Stelle, wo mal mein Herz geschlagen hatte. Vor ziemlich langer Zeit hatte mir jemand eine Kugel in den Rücken gejagt und mich damit aus dem Reich der Lebenden katapultiert. Ich war zwar tot, aber noch lange nicht weg. Eigentlich hätte ich der Sache auf den Grund gehen und meinen Mörder irgendwie ausfindig machen müssen, vermutlich wäre ich dann erlöst gewesen. Aber ich tat es nicht. Ich hatte einfach so eine Ahnung, dass am Ende nicht das Paradies auf mich warten würde, also zog ich es vor, meinen Job zu machen.
Der bestand aus guter alter Detektivarbeit. Vielleicht war es unter den Toten nicht ganz dasselbe, aber es gab immer noch genug zu tun. Irgendwie fühlte ich mich wohl dabei.
Nach unserem kleinen Gespräch wartete ich noch zwei Stunden, drehte untätig Däumchen, und machte mich dann auf zu Sammy.
Er war ein guter Geist, nicht der klügste, aber was macht das schon. Wenn einer in der Stadt etwas über Neuankömmlinge wusste, dann er.
Ich fand ihn am Bahnhof, wo er den ein- und abfahrenden Zügen wehmütig hinterher schaut. Sammy starb durch einen Arbeitsunfall - ein Waggon hatte ihn zerquetscht, als er gerade dabei war, die Bremsen zu warten. Sein Körper war ziemlich entstellt; der gesamte Brustbereich war platt gedrückt, so dass die Knochen aus seinem Overall herausstachen.
"Hey, Sammy", begrüßte ich ihn.
"Roger, alter Schnüffler. Schön dich zu sehen", grunzte er und klopfte mir auf die Schulter.
"Wie läuft das Geschäft?"
"So lala, die Arbeitsunfälle haben ein bisschen abgenommen. Die meisten, die sterben, fahren direkt nach oben oder unten. Kaum einer, der hier bleibt", gab er bedauernd zurück.
"Warte ab, es wird schon wieder besser."
Vor uns lief eine altmodische Dampflok ein und kam mit quietschenden Rädern zum Stehen. Der Koloss spie dichte Dampfschwaden und verstummte dann mit einem klagenden Pfeifton. In den Fenstern der Waggons sah ich die verstorbenen Passagiere; Männer und Frauen, die ihren Tod noch nicht recht fassen konnten. Verloren saßen sie da und warteten auf die Weiterfahrt, kaum einer stieg aus.
"Direkt nach unten. Einen Halt hier - ohne aussteigen zu können, einen im Wald, wo es keiner möchte, und dann geradeswegs abwärts. Arme Schweine, allesamt", sagte Sammy und kratzte sich eine der bleichen Rippen.
Ich betrachtete die Toten und fragte mich, welchen Zug ich nehmen müsste, wenn meine Zeit hier einmal abgelaufen sein sollte. Vermutlich könnte ich gleich mitfahren.
"Sehen nicht gerade wie Stammgäste aus", meinte ich.
"Warst lange nicht mehr hier. Die Zeiten haben sich geändert. Heute fahren Typen in die Hölle, da würdest du dir an den Kopf fassen. Früher hätten sie die nicht rein gelassen", seufzte mein Gegenüber.
Wir standen schweigend nebeneinander, bis der Schaffner den Zug aus dem Bahnhof pfiff. Mit lautem Stampfen rollte er davon, die Gesichter der Toten so ausdruckslos wie zuvor.
"Hast du eine Ahnung, ob ein paar Neue in der Stadt sind?", erkundigte ich mich schließlich.
"Es gibt immer Neue, du musst schon ein bisschen genauer sein."
"Selbstmörder, seit etwa zwei Wochen."
Sammy verzog den Mund und zupfte an einer seiner Rippen: "Du weißt genau, dass sich niemand freiwillig mit denen abgibt, wenn sie hier ankommen. Die machen nicht mal Halt hier, sondern fahren direkt weiter."
"Ist mir schon klar, ich dachte ja nur, dass du vielleicht was gehört hast. Der Knabe, den ich suche, heißt Delano - hat sich vermutlich erschossen."
"Habe ich noch nie gehört. Ist hier nicht ausgestiegen. Vermutlich ist er noch im Wald", krächzte Sammy und wandte sich zum Gehen.
"Verflucht! Könnte es nicht doch sein, dass er hier angekommen ist?"
"Hör' zu, Cross: Ich habe ihn nicht ankommen sehen, also wird er nicht hier sein. Ich höre mich aber gerne noch einmal um. Wenn ich etwas erfahre, sage ich es dir. Mache dir aber keine all zu große Hoffnung", meinte Sammy resignierend.
"Danke, Sammy. Bist ein großartiger Geist", bedankte ich mich und verließ den Bahnhof.
Sammy ergab nichts weiter. Auch ein paar andere Quellen, die ich anzapfte, blieben trocken. Delano war wie vom Erdboden verschluckt, vielleicht hatte es ihn gar nicht dahin gerafft.
Schließlich blieb mir nichts anderes übrig, als einen ihrer bevorzugten Treffs aufzusuchen. Es war einer der beschissenen Teile meines Jobs. Ich mochte die Selbstmörder nicht, ihnen haftete meist etwas ziemlich Niederdrückendes an. Als wate man wissentlich in Treibsand.
Das Torture war einer ihrer Läden, in die sie sich zurückzogen. Es lag in einem miesen Teil der Stadt, schmiegte sich in die Trostlosigkeit der Straße. Innen standen Zigarettenqualm und deprimierende Blues-Musik unverrückbar in der Luft. Ich wandte mich an den fetten Barkeeper; sein Körper wirkte verkrampft, vermutlich hatte er sich mit Gift umgebracht: "Ich suche einen Kerl, ist noch nicht lange hops."
"Habe ihn nicht gesehen", entgegnete er mürrisch.
Ich schaute mich in der Bar um, betrachtete einen jungen Mann, an dessen Hals deutlich die Kerben eines Seils zu sehen waren.
"Vielleicht hilft es, wenn ich etwas genauer bin. Er heißt Kevin, ist seit etwa zwei Wochen tot und hat sich vermutlich eine Kugel in den Kopf gejagt", sagte ich leise, aber bestimmt.
Der fette Kerl beugte sich vor: "Ich sagte, ich habe ihn nicht gesehen. Niemand hat das. Und jetzt zieh ab, Schnüffler."
Ich zuckte mit den Schultern und trabte nach draußen. Drinnen schienen Selbstmitleid und Melancholie alles zu durchtränken. Die Suiziden wollten lieber unter sich bleiben, eigentlich hatte ich da auch nichts gegen. Aber irgendwie musste ich mit meinem Job weiter kommen. Also wartete ich an einer Straßenecke.
Nach einiger Zeit verließ der Gehängte den Club und wanderte verloren die Straße entlang. Ich klemmte mich an seine Fersen und wartete einen günstigen Moment ab. Er kam, als wir in eine verlassene Seitenstraße abbogen.
"Hey, Kumpel. Hast du mal Feuer?", fragte ich.
Er drehte sich um, ein entschuldigendes Lächeln im Gesicht, das jedoch sofort verschwand, als er mich erkannte.
Ich ließ ihm keine Zeit, sich zu beschweren, sondern drängte ihn grob an die Wand, einen Unterarm an seine zerquetschte Kehle gedrückt.
Er versuchte sich zu wehren, aber das Deja vu seines Selbstmordes paralysierte ihn beinahe. Es war eine miese Tour, zugegeben, aber Suizide sind ziemlich schwierige Tote. Wenn man etwas von ihnen will, muss man ein bisschen grob sein.
"Na, vielleicht ist Rauchen ungesund, was meinst du?", flüsterte ich mit gespielter Freundlichkeit und verstärkte den Druck auf seinen Hals. Natürlich konnte ich ihn damit nicht umbringen - tot war tot. Aber die Qual ihres Sterbens war bei diesen Typen besonders stark, wie alle Emotionen. Ein bisschen Druck, und sie klappten zusammen wie ein Kartenhaus.
"So, Freundchen, ich weiß, dass du nicht ewig hier hängen möchtest, also wäre es ganz nützlich, wenn du mir einfach sagst, was ich wissen möchte", knurrte ich.
Er röchelte erbärmlich und versuchte sich aus meinem Griff zu befreien - vergeblich. Ich drückte noch fester zu: "Was ist, gefällt dir das so sehr? Ich kann gerne noch weiter machen."
Er starrte mich aus angstvollen Augen an, dann brachte er hervor: "Der Typ, den du suchst ... muss noch im Wald sein." Er begann sich zu winden und mit den Augen zu rollen. Ich ließ ihn los, aber es war schon zu spät. Sein Körper begann zu zucken, sein leicht geschwollenes Gesicht war eine schreckliche Fratze. Ich trat ein paar Schritte zurück und schaute ihn bedauernd an. Ich war etwas zu weit gegangen, das war nicht in Ordnung. Der Kerl durchlebte sein Sterben noch einmal, zuckte hin und her, während ihm der Strick der Erinnerung die Luft abdrückte.
Ich ließ ihn in der Gasse liegen, da ich nichts für ihn tun konnte. Irgendwann war sein Todeskampf vorbei und er würde wieder ins Torture kriechen und sich in Selbstmitleid suhlen.
"Miss Vain? Ich habe Ihren Kevin ausfindig gemacht. ... Ja, er ist tatsächlich tot. ... Schön. Leider ist er noch nicht draußen. Nein, ... im Wald. ... Genau. ... Natürlich kann ich ihn da herausholen. Wo wollen Sie ihn hin haben? ... Kenne ich, kein Problem, auch wenn es etwas ungewöhnlich ist. ... Sie sind die Chefin. ... Morgen Abend. Wiedersehen."
Der Wald lag außerhalb der Stadt. Entweder nahm man einen der Sonderzüge dorthin, was ich nicht tat, da ich kein Bedürfnis verspürte, mit den Suiziden in einem Waggon zu sitzen und mir ihr Leid anzuhören, bevor sie ihre eigene Hölle erlebten, oder man schlug einen der inoffiziellen Wege ein. Wo sie hinauskamen, musste man auch hereinkommen.
Schon von weitem hob sich der Wald wie ein Krebsgeschwür von der ausgestorbenen Landschaft ab. Es gibt solche und solche Plätze hier in der Schattenwelt. Alle waren sie mies; verkommen und krank, wie die Geister, die sie bewohnten. Aber manche waren schlimmer als andere. Der Wald ganz besonders.
Der Wind trug einem als erstes ihr Klagen entgegen. Dann sah man die Bäume. Schwarze Gewächse, die unter einem sonnenlosen Himmel wuchsen. Krankhafte, knotige Äste, dicke, fast schwarze Rinde. In einiger Entfernung sah ich die Bahnstrecke in der Dunkelheit zwischen den Bäumen verschwinden. Ein qualmender Zug kroch über das silbrige Band und wurde verschluckt. Die Waggons würden leer wieder abfahren. Ich fragte mich, ob sich die Strecke rentieren mochte, während ich auf den Waldrand zuhielt. Vermutlich schon, denn Lebensmüde gab es in Mengen.
Die meisten der äußeren Gewächse waren leer. Nur hier und da war ein Geist zu sehen, aber sobald sie konnten, verließen sie das Unterholz.
Das Schreien und Stöhnen nahm zu, wurde zu einem stetigen Geräusch - ein nicht enden wollendes Heulen mit der Regelmäßigkeit eines Herzschlages. Ich tauchte in den Wald ein, hielt mich aber auf etwas, von dem ich hoffte, es sei ein Pfad.
Die ersten Geister, die ich passierte, waren in jenem Stadium, in dem ihre Selbstqual schon fast überstanden war. Einige hingen nur noch mit einer Winzigkeit in ihrem Baum fest, bald würden sie sich losreißen und davonlaufen.
Je tiefer ich in den Wald kam, desto mehr waren Geister und Bäume Eins.
Sie mussten erst aus einem Baum herauswachsen, ehe sie als freier Geist dastanden. Ein qualvoller Prozess. Sie waren mit den kranken Bäumen verwachsen, deren Saatkorn ihren gepeinigten Gedanken entstammte. Unter Schmerzen schoben sie ihren Geistkörper durch die Rinde, drangen nach draußen. Falls sie den Absprung schafften, starb der Baum - sie waren auf irgendeine Art geläutert. Manche brauchten dazu eine Ewigkeit. Das Zentrum des Waldes war immer mit frischen Bäumen bestückt - die Waggons brachten Nachschub.
Im Inneren war es dunkel, die Schwärze zwischen den Bäumen schien lebendig.
Nachdem ich für mein Bedürfnis tief genug vorgedrungen war, suchte ich mir einen Baum aus, der mir frisch genug schien, um etwa zwei Wochen alt zu sein.
Der Besitzer des Baumes war ein junger Mann - oder das, was er von sich übrig gelassen hatte, als er sich von etwas in die Tiefe gestürzt hatte. Ich verstand sie nicht; da wählten sie ihren Tod schon freiwillig, dachten aber nicht daran, sich ästhetisch umzubringen, und mussten dann in einem zerfledderten Körper herumgeistern.
Der Knabe war noch nicht sehr weit gekommen. Eine einzelne Hand wuchs wie ein Ast aus der knorrigen Rinde, etwas darüber konnte ich einen Mund und ein einzelnes Auge ausmachen. Sein zerschlagenes Gesicht drückte sich nur langsam durch die Rinde. Sprechen konnte er also.
Das Auge musterte mich aufmerksam. Es war ziemlich langweilig hier. Man vernahm das beständige Stöhnen und Kreischen, aber viel zu sehen gab es nicht.
Ich machte mir einen Jux daraus, mich langsam aus dem Blickwinkel des einzelnen Auges zu bewegen. Die Pupille folgte mir. Einmal den Baum umrundend trat ich wieder in sein Blickfeld, ganz nah heran und lächelte breit. Aus dem Mund drang ein jämmerliches Seufzen. Es klang wie Resignation.
Ich wartete und starrte ihn an. Er wiederholte sein Seufzen, dieses Mal um eine Nuance gequälter.
Seine Stimme klang wie ein rostiges Messer in einer frisch durchschnittenen Gurgel: "Was willst du?"
Ich verschränkte die Arme und tat nur beiläufig interessiert. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich aufmerksam das Dunkel zwischen den Bäumen. Es gab schauerliche Gerüchte über Wesen, die hier ihr Revier hatten. Monster, die sogar einen Toten in Angst versetzen konnten.
Ich formte mit meiner Hand eine Pistole, setzte sie mir an die Schläfe und drückte ab. Dabei grinste ich boshaft.
Seine Stimme heulte nun: "Was willst du?"
"Ich suche jemanden - vielleicht hast du ihn gesehen?", fragte ich ihn und beugte mich verschwörerisch näher.
"Lass' mich in Ruhe!" Nähe mochten sie nicht besonders.
"Nun komm schon, du dreck...", dann verstummte ich und versuchte mich zu beruhigen. Sie brachten mich zur Weißglut. Ihr ewiges Stöhnen und Jammern.
Irgendwo pfiff ein Zug.
"Er heißt Kevin. Kopfschuss, etwa zwei Wochen", erklärte ich knapp.
Das Auge musterte mich, während sich die einzelne Hand öffnete und schloss.
Abseits von uns hörte ich das hysterische Lachen eines Verrückten, dessen weit aufgerissener Mund wie ein bodenloses Astloch aussah.
Und dann stimmten die anderen gequälten Seelen mit ein. Das Lachen wuchs zu einem schrillen Crescendo, wurde zu einem Sturm, der durch den Wald der Selbstmörder fuhr. Der Lärm war ohrenbetäubend.
Mein Gegenüber hatte seinen Mund ebenfalls zu einem tiefen Loch aufgerissen und lachte höhnisch.
Mir wurde Angst und Bang. Dieser Wald war verflucht. Trotzdem wollte ich nicht Hals über Kopf fliehen.
"Was ist mit Kevin?!", schrie ich gegen das Kreischen an und schlug auf die Rinde des Baumes.
Er lachte weiter, während mich sein einzelnes Auge weit aufgerissen musterte.
"Der ist nicht hier, du Narr! Er ist aus dem Zug gesprungen!", höhnte der Baum.
"Oh mein Gott!", stöhnte ich auf. Mein Einschussloch fing an zu schmerzen, als wäre die Wunde frisch und würde bluten. Unsere Art zu zeigen, dass einem schlecht ist. Ich wankte und machte einen Schritt zurück.
Plötzlich war es totenstill im Wald. Das Lachen war völlig erstorben und die Stille tobte in meinen Ohren wie ein Orkan.
Dann begannen die verfluchten Seelen zu tuscheln. Aufgeregt, wie verängstigte Kinder. Ein paar Augenblicke später nahm ich es wahr: es war ein ekelhafter Geruch, der zwischen den verkrüppelten Bäumen umherschlich. Wie von einem Tier, nur viel schlimmer. Eine Welle der Bedrohung rollte über mich hinweg.
Ich begann zu laufen. Das Tuscheln dröhnte in meinen Ohren, aber dahinter vermeinte ich ein Rascheln und Knacken zu hören. Als würde sich etwas Schweres und Gefährliches durch das Unterholz bewegen.
Die Bäume um mich herum verschwammen, wurden zu einer Masse aus Ästen, Händen und hässlichen Gesichtern. Klagende Augen, mahnende Finger und heulende Münder. Mehrmals griff eine Hand nach mir, aber ich schüttelte sie grob ab und rannte weiter.
Als ich den Waldrand erreichte, sah der Himmel aus wie geronnenes Blut.
Meine Schusswunde schmerzte erbärmlich. Ich füllte mich schlecht und verängstigt. Aber das Gefühl des Verfolgtwerdens war weg. Was immer es war, es war verschwunden.
Ich saß in meinem Büro und brütete vor mich hin. Die Angst war abgeklungen, hatte nur ein bitteres Echo hinterlassen.
Er war aus dem Zug gesprungen.
Ich erinnerte mich an meine Anreise. Ein enger Waggon voller toter Seelen. Erschossene, erschlagene, verbrannte, verätzte und überfahrene Leiber. Arbeitsunfälle. Polizisten, Bankangestellte und Gangster. Ich war der einzige Private. Wir saßen dicht an dicht, wie Schweine auf dem Weg zum Schlachter. Der Waggon war alt und ungemütlich. Das Jammern und Stöhnen der Toten war allgegenwärtig. Hier und da klagte jemand sein Leid oder erzählte seine Geschichte. Draußen raste das Nichts vorbei. Neblige Unendlichkeit. Niemandsland. Man fühlte sich blind, wenn man zu lange hineinstarrte. Dann kam der Malstrom. Ein wirbelndes Chaos aus Lila und Schwarz. Ein Wirbelsturm und Unwetter, Schneesturm und Dürreperiode. Er zerrte am Zug und ich hatte das Gefühl, dass nicht viel fehlte, um uns von den Gleisen zu reißen.
Da war er ausgestiegen. Verrückt. Selbst wenn es nicht die deutlich Anweisungen des Zugpersonals gegeben hätte, wäre niemand bei Sinnen dort abgesprungen. Es sei denn, er hätte einen triftigen Grund. Ich konnte mir keinen vorstellen.
Irgendetwas war oberfaul an der Sache. Sie stank. Das brachte meine Gedanken auf den seltsamen Verfolger im Wald. Auch darauf konnte ich mir noch keinen Reim machen.
Aber ich würde.
"Ich weiß, dass es gegen die Regeln ist, Mr. Randall, aber die Sache scheint sich auch außerhalb der Regeln abzuspielen", erklärte ich dem Mann vor mir. Er war bei einem Autounfall ums Leben gekommen und sah ein bisschen geknickt aus. Er war ein Verwaltungsbeamter des Bahnhofs.
"Mr. Cross, es tut mir Leid, aber ich darf Sie keine Einsicht in unsere Akten nehmen lassen. Das wissen Sie ganz genau", gab er zurück und ordnete die Papiere auf seinem Schreibtisch.
"Ich habe Ihnen die Geschichte schon einmal erzählt - da ist einer aus Ihrem Zug gesprungen. Wenn das nicht gegen die Regel verstößt …"
Randall schürzte die Lippen: "Mir ist davon nichts bekannt. Es sind alle planmäßig angekommen. Bei uns geht niemand verloren."
"Da hat man mir aber anderes erzählt. Die verlorenen Seelen im Wald - Sie wissen, dass die nicht lügen", gab ich zurück.
"Die irren sich. Also gut, ich werde eine Ausnahme machen, weil Sie Sammys Freund sind. Aber Sie vergessen danach alles, was Sie gesehen haben, kapiert?", sagte er und ging zu einem großen Aktenschrank.
Ich nickte seinem Rücken zu.
Er legte einen Ordner mit dem Datum von vor zwei Wochen auf den Tisch. Ich öffnete ihn und begann die Passagierlisten durchzusehen. Endlose Namen, Zahlen und Todesarten dahinter. Alle waren korrekt eingetragen. Kein Delano darunter.
"Sie haben Recht, Mr. Randall. Entschuldigen Sie - ich wollte nur sicher gehen. An den Listen wurde wohl nicht herum manipuliert?", fragte ich.
Randall blitzte mich an: "Übertreiben Sie es nicht, Cross. Wir könnten es uns nicht leisten, die Bücher zu fälschen. Es gäbe genügend Augenzeugen, so dass sich die Geschichte wie ein Lauffeuer verbreiten würde. Sie müssen sich verhört haben."
"Ja, sieht wohl so aus. Ich danke Ihnen, Mr. Randall. Wenn sie mal meine Hilfe brauchen …", verabschiedete ich mich.
Er nickte mir nach, war aber in Gedanken mit einer Knochenspitze beschäftigt, die sich immer wieder aus dem Hemdsärmel schob.
Ich telefonierte von einem der öffentlichen Apparate am Bahnhof. Dabei blickte ich nachdenklich auf die ein- und ausfahrenden Züge: "Miss Vain? Cross hier. ... Nein, ich habe ihn noch nicht gefunden. Sind Sie sicher, dass er tot ist. ... Ja? Es gibt da ein paar Unstimmigkeiten. Er ist nicht im Wald angekommen. Ist abgesprungen. ... Das überrascht Sie nicht gerade. ... Ich weiß nicht, ob ich ihn da finden kann. Ich werde es versuchen. Ich melde mich wieder ..."
Ich verschwieg ihr, dass er nicht auf der Passagierliste gestanden hatte. Wenn sie so überzeugt war, dass er tot war, musste sie mehr wissen als ich. Nur was?
Ich blieb eine Weile stehen wo ich stand und betrachtete die Züge. Tote stiegen aus, marschierten in Kolonnen durch den Bahnhof. Eine vergnügte, aber tote Reisegruppe mit ihrem ziemlich zerquetschten Busfahrer kam an mir vorbei. Für sie war alles wie eine Tour mit Blick auf die Sehenswürdigkeiten. Schade, dass es keine Rückfahrt gab.
Ich schlenderte etwas umher, verließ den Passagierbereich. Das Pfeifen eines Zuges ließ mich aufhorchen. Er raste an mir vorbei und verschwand.
Das war es ...
Das Land vor dem Malstrom war so ziemlich das schlimmste in der gesamten Schattenwelt. Kein Geist, der seine Tassen alle im Schrank hatte, setzte einen Fuß hier in. Bei mir waren wohl schon etliche zu Bruch gegangen.
Es war eine ungastliche Gegend. Zerklüftete Felsen, die jäh steil ins Nichts abfielen. Ein orkanartiger Wind zerrte an allem und riss die Unvorsichtigen mit fort.
Vor mir zuckten Blitze über den chaotischen Himmel. Schwarze und lila Wolken schoben sich ineinander, türmten sich auf und stürzten hinab. Die Luft war schwer wie bei einem Unwetter. Wenn man zu lange in diesen Malstrom schaute, wurde man wahnsinnig.
Ich wusste nicht genau, wo ich suchen sollte. Das Gebiet war unüberschaubar groß. Es gab Höhlen, in denen sich verrückte oder wahnsinnige Geister versteckten. Ein paar besonders wagemutige hatten sogar eine kleine Stadt hier aufgebaut.
Ich fing bei den Bahnschienen an. Das Band führte vom Land über eine Brücke ins Chaos und schwebte dann frei darin. Es sah aus wie eine Achterbahn. Auf dem Strang nach auswärts sah ich eine Qualmwolke, die sich immer weiter entfernte. Angeblich verlief die Strecke genau durch das Auge des Stroms, in dem eine trügerische Stille herrschte. Wie auch immer, ich hatte nicht vor, jemals noch einmal in einem Waggon darüber zu fahren.
Wenn Delano abgesprungen und davon gekommen war, dann nur hier an den Felsen. Ein verrückter Sprung. Mit verdammt viel Glück. Einen Augenblick zu früh, und er führte ins Nichts. Einen Augenblick zu spät, und man würde seine Spur ohne Probleme aufnehmen können. Aber mittendrin zwischen den Felsen, war er sicher. Zumindest in Anbetracht seiner Situation.
Ich hielt mich geduckt und graste langsam die steinige Umgebung um die Schienen ab. Gelegentlich wurde ich vom Pfeifen eines Zuges aufgeschreckt, das den Donner und das Sturmesheulen übertönte.
Die Suche dauerte lange und war mühsam. Mehr als einmal verlor ich beinahe den Halt und sah mich dem Sturz in die chaotische Dunkelheit gegenüber. Ich fluchte unablässig und klammerte mich an die Felsen. Ich stöberte ein paar Höhlen auf, die zumeist unbewohnt waren.
Schließlich begegnete ich in einer einem verrückten alten Mann, einem Einsiedler. Er sah ein bisschen aus wie der Heiland. In seiner Höhle hatte er einen Tempel eingerichtet, von dem aus er das Chaos anbetete. Aus seinen wirren Augen sprach der Wahnsinn.
Ich erwischte ihn mitten in einer Zeremonie. Er kniete vor einer steinernen Nische und brabbelte in fremder Zunge.
Die Höhle war vollgestellt mit Dingen, die ihm der Malstrom geschenkt haben musste. Relikte, die das Chaos überstanden hatten und wie Treibgut an Land geworfen worden waren. Einiges davon war verdammt viel wert.
Als ich eintrat, schreckte er auf und zog einen Vorhang vor den Altar.
"Weiche, Ungläubiger. Deine Nähe stört das heilige Chaos!", intonierte er mit schriller Stimme.
Ich blieb am Eingang stehen. Der Sturm verursachte ein gequältes Heulen in der geräumigen Höhle. Wenn er vorher nicht schon verrückt war, so hatte ihm das den Rest gegeben.
"Ich bitte Euch demütigst um euren Beistand, weiser Mann, Priester des Chaos", begann ich mit unterwürfigem Tonfall.
Das gefiel ihm. Er richtete sich auf und hob erhaben eine Hand. Seine Kutte war wohl auch ein Geschenk des Malstroms und so zerfetzt, dass man seinen ausgemergelten Körper darunter sehen konnte. Überall waren Prellungen zu sehen, ein paar gebrochene Rippen noch dazu. Ich tippte darauf, dass man ihn gesteinigt hatte.
"Senke dein Haupt in Demut vor dem alles verschlingenden und gebärenden Chaos! Es ist Tod und Mutter zugleich!", sang er feierlich.
Ich bewegte die Lippen, ohne ein Wort zu sagen. So konnte er glauben, dass ich in seinen Singsang einstimmte.
"Ich bin gekommen, ehrwürdiger Meister, um Eure Hilfe zu erflehen. Ich bitte um die Gnade, mein Anliegen vortragen zu dürfen", heuchelte ich.
Der Einsiedler setzte sich auf einer steinernen Thron und musterte mich wohlwollend. Vermutlich bekam er nicht häufig Besuch. Seine Stimme klang nun etwas ruhiger, mit einem gütigen Unterton darin: "In meiner Weisheit bin ich dazu berufen, den Unwissenden Erleuchtung zu bringen. Sprich also, mein Diener."
Ich schluckte den Diener herunter - er schmeckte bitter.
"Ihr als Priester des großen Malstroms wisst es sicherlich schon - ein Auserkorener ist angekommen. Ein Mann, den das Chaos gesandt hat, um der Welt den Glauben wiederzubringen", holte ich aus.
Der Priester zuckte zusammen und schrie beinahe: "Nein, niemand ist gekommen. Du irrst dich. Und nun ist es genug, ich habe zu beten." Für einen Moment blieb sein Blick jedoch an dem verhangenen Durchgang im hinteren Teil der Höhle hängen.
Ich bewegte mich langsam darauf zu: "Oh großer Meister, Ihr wisst selbst, dass der Gesandte den Unwissenden die Weisheit bringen soll. Seine Aufgabe liegt vor ihm und wird Euch zu Ehren gereichen."
Mit einem Satz war ich am Vorhang und riss ihn zur Seite. Im selben Augenblick schrie der Priester auf und stürzte sich auf mich. Er sprang mir auf den Rücken und schlang seine Arme um meinen Hals. Ich taumelte und wurde zurückgerissen. In meinen Ohren gelte sein verrücktes Kreischen. Sein Griff war nicht besonders stark, aber er hampelte dermaßen heftig auf mir herum, dass wir beide zu Boden gingen. Er schrie unentwegt und schlug und trat nun um sich. Wir rollten über den Boden, stießen die Relikte um und prügelten uns schließlich am Eingang der Höhle. Es war mehr ein Zufallstreffer für ihn, aber er genügte, um mich in die Defensive zu treiben. Eine seiner Hände fand das Loch in meiner Brust und krallte sich darin fest. Eine Panikattacke überrollte mich. Ich drohte in die Erinnerung abzudriften. In meinen Ohren hallte der Schuss der Luger wieder, ich spürte den Eintritt der Kugel. Wie in einem verlangsamten Film durchschlug sie meinen Körper, zerriss Gewebe, ließ mein Herz zerplatzen. Ich fühlte das Leben aus mir heraus strömen. Aus meinem Mund drang ein letzter gurgelnder Schrei. Die Erinnerung baute sich wie eine Woge vor mir auf, um mich zu überrollen. Seine Hand bohrte sich immer weiter in die Schusswunde.
Ich bäumte mich noch einmal auf und schlug ihm mit beiden Händen auf die Ohren.
Mit einem Mal ließ der Griff nach und wir stolperten auseinander.
Der Kampf hatte uns aus der Höhle getragen. Der Sturm zerrte an uns.
Die Erinnerung ebbte ab, aber ich fühlte mich noch immer benommen.
Der Priester stand einige Meter von mir entfernt. Hochaufgerichtet hielt er wie ein Bote des Jüngsten Gerichts einen Zeremonienstab in den Händen und schaute mich aus lodernden Augen an. Hinter ihm zuckten Blitze über den Himmel, wallte das Schwarz und Lila in dichten Wogen vorbei.
Ich kroch zurück in die Höhle, während er triumphierend näher kam. Mir war gar nicht gut.
In meiner Not griff ich das erste, was ich unter die Finger bekam und schleuderte es ihm entgegen. Es war eine ziemlich lädierte Micky Maus-Figur von der Größe eines Tennisballs.
Im Stillen bedankte ich mich, dass ich als Sterblicher im Baseball ein guter Werfer gewesen war. Der Wurf traf ihn an der Hüfte und ließ ihn stocken. In seinem Gesicht kämpfte der fanatische Wahn gegen die aufkeimende Erinnerung.
Ich griff mir ein anderes Relikt und schleuderte es ihm entgegen. Es traf wieder. Der Alte torkelte zurück, seine Augen vor Entsetzen aufgerissen. Dann macht er wieder einen entschlossenen Schritt auf mich zu. Ich ertastete einen metallischen Klumpen, beinahe wie ein Stein. Mein Geschoss in der Hand, stand ich mühsam auf und setzte zum finalen Wurf an. Das Geschoss traf ihn an der Brust. Der Zeremonienstab entglitt seinen Finger und fiel zu Boden.
Ich hatte erwartet, dass er zusammenbrechen und sich wimmernd auf dem Boden wälzen würde, aber das geschah nicht. Seine Augen blickten fassungslos, dann ergriff ihn eine Windböe und zog ihn fort. Wie ein Drache stieg er empor, wurde wie ein Spielzeug umhergewirbelt, prallte einmal gegen einen Felsen und verschwand dann im Chaos aus meinem Blickfeld. Ich sackte am Höhleneingang zusammen und zuckte mit den Schultern. Jetzt war er da, wo er hingehörte.
Es dauerte einige Zeit, bis ich das betäubende Gefühl der Erinnerung abschütteln konnte. Die ganze Sache ging mir an die Substanz.
Schließlich war ich wieder soweit beisammen, dass ich mich aufrichten konnte.
Ich fand Delano in der kleinen Koje hinter dem Vorhang. Der Junge sah nicht gut aus. Abgesehen davon, dass er ein Loch im Kopf hatte meine ich. Das verdankte er dem Priester, der im ein Stück Treibholz in die Wunde geschoben hatte. Ein Dauerdelirium an Todeserinnerung. Um seinen Körper waren Artefakte angeordnet, Plunder wie auf einem Altar. Ich entfernte das Stöckchen. Seine Augen flatterten und schlossen sich dann. Die Blässe schwand ihm etwas aus dem Gesicht, aber er würde ziemlich viel Zeit brauchen, um wieder zu Kräften zu kommen. Ich wickelte ihn in den Vorhang und legte ihn mir über die Schulter.
Delano lag im Nebenraum meines Büros auf einer Couch. Er schlief nicht, war aber auch nicht wach. Er trieb in seinen Erinnerung dahin. Das einzige, was uns nach dem Tod bleibt.
Ich saß an meinem Schreibtisch und überlegte. Dann zog ich die unterste Schublade auf und entnahm ihr eine 38er Automatik. Sie war nutzlos gegen Geister, aber sie gehörte nun einmal zu mir. Aus dem hinteren Teil der Schublade holte ich eine kleine Schachtel. Darin lagen vier silbern glänzende Kugeln. Die waren nicht nutzlos gegen Geister. Ich hatte sie für einen Gefallen bekommen, einen ziemlich großen Gefallen. Offiziell waren sie verboten - Geisterstopper, wie man sie nannte. Sie waren so selten, dass eine ganze Menge Leute eine ganze Menge unschöne Dinge tun würden, um sie zu bekommen. Ich hatte bisher noch keine der Kugel benötigt. Ich nahm eine aus der Schachtel und schob sie ins Magazin. Sie fühlte sich seltsam kalt an. Es hieß, diese Kugeln wurden aus Seelen hergestellt. Ich wusste nicht ob das stimmte. Ich lud die Waffe durch und steckte sie in meinen Schulterhalfter. Die Schachtel stellte ich wieder zurück.
Dann wartete ich.
Sie klopfte nicht, sondern trat unaufgefordert ein.
Das blonde Haar, das unschuldige Gesicht und die strahlenden Augen. Die Würgemale auf ihrem zarten Hals nicht zu vergessen.
Sie setzte sich mir gegenüber und schaute sich aufmerksam im Raum um. Es war ein bisschen, als würde sie wittern.
Sie nickte mir zufrieden zu: "Sie haben ihn gefunden?"
Ich bejahte ihre Frage.
"Kann ich ihn sehen?", fragte sie.
"Das hat noch Zeit. Erst müssen noch ein paar Dinge geklärt werden."
Für einen Moment sah ich so etwas wie Zweifel in ihrem Gesicht aufblitzen, aber mit einem Lidschlag waren diese verschwunden: "Was für Dinge denn?" Stimme und Blick waren ganz Unschuld.
"Ich habe mir natürlich so meine Gedanken gemacht. Die ganze Geschichte ist ungewöhnlich und weist ein paar ... Unstimmigkeiten auf", sagte ich beiläufig.
"Was denn für Unstimmigkeiten? Mr. Cross, bitte. Ich würde Kevin gerne sehen. Geht es ihm gut?", hauchte sie.
Ich kaute einen Moment auf meiner Unterlippe: "Es geht ihm den Umständen entsprechend. Sie können ihn gleich sehen. Was ich gerne wissen würde: Woher wussten Sie, dass er tot war? Und woher wussten Sie, dass er hier angekommen war?"
Sie schaute mich verständnislos an: "Er hat doch Selbstmord begangen. Ich habe Ihnen schon gesagt, dass ich das gespürt habe. Wir waren einmal sehr gute ... Freunde - Sie verstehen schon?"
"Nicht so ganz. Ich glaube, dass Sie ihn gar nicht kannten", meinte ich.
Sie funkelte mich an: "Sie glauben? Ich sage, dass es so ist und damit basta. Es geht Sie auch gar nichts an. Ich möchte ihn jetzt sehen!" Dabei stand sie auf und warf einen Blick auf die Tür nach nebenan.
Ich erhob mich ebenfalls: "Ja, er ist drin."
Sie ging langsam zur Tür und öffnete sie. Ich trat hinter sie, als sie das Nebenzimmer betrat.
Delano lag wie ein Schlafender oder frisch Verstorbener auf der Couch.
Sie näherte sich im langsam.
"Ich würde Ihnen nicht raten, ihm zu nahe zu kommen", sagte ich in mahnendem Ton.
Sie verharrte und richtete sich steif auf.
Ich fuhr fort: "Delano sollte nicht hier sein. Niemand weiß etwas von ihm, nur die verlorenen Seelen im Wald. Und die haben keinen Kontakt zur Außenwelt. Woher sollten die also wissen, dass er hier war?"
Ihre Stimme klang eisig: "Was wollen sie mir sagen, Mr. Cross?"
"Ganz einfach - von Passagieren.", erklärte ich.
"Und wo liegt da das Problem?", fragte sie mit Eissplittern in der Stimme.
"Das Problem liegt darin, dass es keine Passagiere waren, die in der Waldstation ausstiegen. Delano stand nicht auf der Liste der Reisenden. Er war nicht für den Wald eingeplant. Folglich konnte er auch nicht aus einem Zug mit diesem Ziel abspringen. Es hätte auch wenig Sinn gemacht. Die Suiziden sehnen sich nach dem Wald, die springen nicht ab."
Ich ließ die Worte einige Momente im Raum schweben, dann ergänzte ich: "Delano saß in einem Zug, ja, aber sein Ziel war nicht der Wald. Er sollte an einer anderen Haltestelle aussteigen. An einer, an der es verdammt heiß ist. Das schmeckt natürlich keinem Fahrgast. Aber Ihr passt auf wie die Schießhunde. Delano war verrückt genug, einen Fluchtversuch zu wagen. Während der Passage durch den Strom seid ihr nicht ganz so aufmerksam. Keiner ist dumm genug, dort auszusteigen. Sobald Ihr an Land seid, verstärkt Ihr eure Kontrollen wieder. Delano nutzte einen winzigen Augenblick, um Euch zu entkommen. Es war riskant, aber viel verlieren konnte er nicht. Er sprang aus dem Zug gerade an der Stelle, an der der Malstrom das Land trifft. Das hat natürlich der gesamte Zug mitbekommen. Und beim Stop im Wald haben die Fahrgäste mit den Suiziden in den Bäumen die neusten Nachrichten ausgetauscht."
Sie drehte sich zu mir um. In ihrem Gesicht stand lodernde Wut. Die aufgesetzte Schönheit war darunter verbrannt.
Ich spürte die drohende Atmosphäre, die sich über den Raum breitete. Trotzdem wollte ich meine Schlüsse zusammenfassen: "Delano war damit aus dem Schneider. Ihr habt hier keine Vollmachten, sondern seid nur auf eure Höllen begrenzt. Der Junge hat euch ein Schnippchen geschlagen. Er ist dem Teufel von der Schippe gesprungen. Das ist ziemlich ärgerlich, und peinlich, wenn es sich herumspricht. Also habt ihr angefangen, ihn zu suchen. Da ihr hier aber nicht sein dürft, konntet ihr euch kaum frei bewegen. Da kam ich ins Spiel. Als unwissender Handlanger der Hölle sollte ich Delano finden. Damit ihr ihn wieder zurückholen konntet. Ich vermute, dass du vom Zugpersonal bist und just in dem Augenblick geschlafen hast, als Delano entwischte."
Das verzerrte Gesicht setzte ein Lächeln auf, das sogar einem Toten Gefrierbrand verursachen konnte: "Du bist gar nicht so dumm, wie du aussiehst. Dann solltest du auch klug genug sein, mich mit Delano abziehen zu lassen. Das wäre besser für dich."
"Das wäre besser für mich. Aber nicht besser für mein Geschäft und meinen Ruf. Und für den Jungen auch nicht. Ihr habt kein Recht mehr auf ihn. Er gehört nun zu uns und bleibt hier, bis ihn sein Weg irgendwo hin führt. Aber wenn er gewitzt ist, macht er es wie ich und bleibt einfach hier. Tut mir Leid, aber du musst ohne ihn abziehen", gab ich zurück.
"Dann werde ich euch beide mitnehmen!", zischte sie.
Diesen Spruch hatte ich befürchtet.
Sie griff sich mit beiden Händen ins Gesicht und vergrub ihre Finger darin. Es ertönte ein Reißen, von dem ich noch heute in meinen Alpträumen heimgesucht werde. Sie riss sich entzwei. Der Körper der Frau war nur eine Hülle, eine Maskerade.
Daraus schälte sich eine hundeähnliche Kreatur hervor. Ein gewaltiges Vieh aus blutiger Haut, Geschwüren, Knochen und Haarbüscheln. Dicke Venen pulsierten mit flüssiger Lava in ihnen. Der Schädel war nur geiferndes Maul und lodernde Augen. Der Hinterleib war untersetzt, wie bei einer Hyäne. Ein abartiger Gestank erfüllte den Raum. Genau wie der aus dem Wald der Selbstmörder.
Das Ding stand vor mir, bereit zum Sprung und knurrte mit der Wut eines Höllenhundes.
Ich riss meine Pistole hervor.
Das Monster lachte, dass das ganze Haus bebte: "Du Narr! Für was hältst du mich?"
Dann sprang es.
Ich drückte ab, als der riesige Rachen vor mir auftauchte. Die Kugel durchschlug den Unterkiefer und perforierte sein Gehirn. Dann krachte der Körper gegen mich und wir gingen zu Boden. Ich schlug in wilder Panik um mich und versuchte mich zu befreien, aber das Ding hielt mich mit seinem Gewicht auf dem Boden. Blut und Gehirnmasse besudelte mich. Der Höllenbote richtete sich auf und starrte mich an. Geifer und ätzendes Blut troffen ihm aus dem zerschossenen Maul. In den lodernden Augen fand ich für einen Augenblick Verwirrung, dann wurde diese von Hass und Schmerz verbrannt. Der mächtige Kiefer senkte sich auf mich herab. Umschloss meinen Kopf. Ich wurde eingehüllt in Gestank, kochendes Blut und Dunkelheit.
Das Maul schloss sich nicht.
Der Sendbote der Hölle war tot, als sein Kiefer mich umfing.
Ich lag ziemlich lange einfach nur da. Der Körper hielt mich gefangen und es dauerte, bis er langsam anfing zu verwesen. Irgendwann war er nur noch ein schleimiger Klumpen, unter dem ich hervor kriechen konnte.
Seitdem herrscht Ruhe. Die Hölle stellt keine weiteren Ansprüche. Delanos Geschichte verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Er kam langsam wieder in Ordnung und wurde so etwas wie ein Volksheld. Ich hielt mich bedeckt, aber ein bisschen was von der Geschichte fiel für mich ab. Das tat meinem Geschäft ganz gut.
Immerhin bin ich mir nun ziemlich sicher, dass ich bis in alle Ewigkeit hier bleiben werde. In der Hölle war ich nun mehr als Willkommen.
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