Anmerkung: Ein böser Spuk (ursprünglich Böser Spuk) ist von 2002 und war für das Magazin criminalis 2 geplant, da Der große Sprung zu lang war. Schließlich wurde aber doch der erste Teil veröffentlicht.
"Nur weil Du ein verdammtes Loch in der Brust hast, musst Du Dir noch lange nicht einbilden, den großen Macker markieren zu können. Ein Loch ist hier nämlich gar nichts Besonderes. Überhaupt nicht."
Ich versetzte dem Mann einen Schlag und er taumelte zurück. Es war im Affekt, kein wirklicher Angriff. Was er über das Loch in meiner Brust gesagt hatte, machte mich wütend. Klar gab es im Schattenreich genügend Leute mit einem oder mehreren Löchern im Protoplasmaleib. Pistolen, Gewehre, Schrottflinten - eine ganze Kollektion Todesursache Schusswaffe.
Aber nur wenige besaßen so ein präzises Loch wie ich. Exakt durch das Herz. Durch den Rücken und vorne wieder heraus. Der Größe und dem Knall nach war es eine Luger gewesen.
Auf mein Loch ließ ich nichts kommen.
"Kannst Du oder willst Du mir nicht helfen, Jacky?"
Jacky Conelly war ein dünnes Bübchen, blutleer und klapprig, mit verschlagenen, aber leblosen Augen. Er war einmal Botenjunge für einen Drogendealer gewesen, bis ihm ein Konkurrent fein säuberlich die Kehle durchtrennt hatte. Jetzt drang aus der Wunde ein kränkliches Pfeifen, wenn er mit seiner röchelnden Stimme antwortete. "Probiere es mal bei Fats Stalker, der wäre der einzige, der verrückt genug ist, um seine fetten Finger auf solches Zeug zu legen."
"Vielleicht ist das alles nur heiße Luft. Dieses dämliche Gerede von Spuk geht mir ohnehin auf die Nerven."
"Mag sein, aber ein Hammer wäre es schon. Weißt Du, wo Du Fats finden kannst?"
Ich beobachtete nachdenklich den schmalen langen Schnitt an seinem Hals.
"Death Canyon - wenn ich nicht irre, hat er da eine Villa."
"Viel Glück, Cross. Du wirst es brauchen."
Rückblende. Warum ich den ekelhaften Fats Stalker überhaupt suchte? Warum ich raus zum Death Canyon fuhr, in diesen verfluchten Landstrich, in dem selbst ein Geist Muffensausen bekam?
Als Privatdetektiv macht man manchmal solche Sachen. Vor allem, wenn es sich dabei um einen Auftrag handelte.
Ich war für Orson Hays unterwegs, einem großen Tier in der Stadt. Er war Leiter des Räummitteldienstes. Ganz oben in der Hierarchie.
Er und seine Jungs sammelten Gefahrengut ein. Gegenstände, die auf seltsamen Kanälen aus der Welt der Lebenden ins Reich der Toten gelangt waren. Im Gegensatz zu dem anderen Zeug hier, dass in der Welt der Lebenden aufgebraucht oder zerstört worden war, und dann erst ins Totenreich wechselte, stammte das Gefahrengut unverbraucht aus der Lebendwelt - nur eben verseucht. Wohlmöglich machte dieses Strandgut kleinere Umwege über die Albtraumregion der menschlichen Träume. Man wusste es nicht genau. Und wenn es schließlich hier ankam, war es verflucht instabil. Ein falscher Schritt damit und bumm.
Vor zwei Jahren hat ein Idiot eine alte Kommode in der Wüste gefunden und sie in seinem Apartment aufgestellt. Als er eines Tages zu heftig an einer klemmenden Lade rüttelte, explodierte sie. Das Stadtviertel sah heute noch arg mitgenommen aus. Der Kerl selbst konnte zwar nicht sterben, aber das Gefahrengut hatte ihn einfach zerfetzt. Sein sprechender Kopf war eine Attraktion.
Ich besuchte Hays in seinem winzigen Häuschen auf einem der Hügel vor der Stadt. Hier herrschte ewiger, regnerischer Herbst. Es war eine Südstaatenvilla von der Größe eines Fußballfeldes.
Und gut in Schuss für die Verhältnisse hier drüben. Nur ein paar lose Dachschindeln, morsche Stufen, quietschende Fensterläden und abblätternde Farbschichten.
Er selbst empfing mich und geleitete mich in den Salon.
"Ich habe dem Personal bis auf weiteres frei gegeben, wir sind ganz ungestört."
Hays war stämmig, mit riesigen Pranken und enorm großen Füßen. Sein Gesicht musste einst hübsch gewesen sein, aber jetzt war es nur noch eine Ansammlung von Schnitten und Prellungen. Zudem wies sein Hals einen leichten Knick auf.
"Nehmen Sie Platz, Mr. Cross. Freut mich, dass Sie kommen konnten."
Ich ließ mich in einen weichen, durchgewetzten Sessel fallen, aus dessen Nähten das Futter quoll. Aber er war echt. Ein Stück aus der Lebendwelt. Ich strich ehrfurchtsvoll darüber.
An den Wänden reihte sich Buch an Buch, allesamt abgegriffene, zerschlissene Ausgaben, einige davon schimmelig.
Er selbst blieb stehen.
"Wie kann ich Ihnen helfen, Mr. Hays?"
"Sie wissen, dass ich ein wichtiger Mann bin, Mr. Cross. Und wichtige Männer dürfen eines nicht sein: erpressbar."
Ich nickte zustimmend.
"Nicht, dass ich mir etwas hätte zu Schulden kommen lassen. Bestimmt nicht."
"Bestimmt nicht", echote ich mit sanfter Ironie. Wir wussten beide, dass nicht alles, was als Gefahrengut aufgelesen wurde, auch wirklich verseucht war. Und Gegenstände aus der Welt der Sterblichen standen immer hoch im Kurs bei den Toten.
Er musterte mich einen Moment wütend, schluckte heftig und überging meine Antwort.
"Trotzdem hat man mich ... am Sack." Er spie die Worte förmlich aus. "Das mag etwas deftig klingen, Mr. Cross, aber so ist es. Und so darf es nicht sein."
Er ging nachdenklich vor mir auf und ab.
Ich lehnte mich zurück und wartete. Der Sessel selbst war schon einen Besuch wert gewesen. Man fühlte sich darin beinahe ... lebendig.
Hays schwieg einen Moment, dann rückte er mit seiner Geschichte heraus: "Man hat meine Tochter entführt. Und jetzt droht man, ihr etwas anzutun, wenn ich mich nicht kooperativ verhalte."
"Ihre Tochter?" Ich beugte mich interessiert vor. Die wenigsten Toten hier im Schattenreich hatten Familie.
"Deborah, meine Tochter. Wir starben beide beim selben Autounfall." Er strich sich flüchtig über das zerschundene Gesicht.
Hays hatte wohl seine Windschutzscheibe geküsst. Und seine Tochter mit ihm.
"Sind Sie sicher, dass sie entführt wurde?"
"Natürlich. Die Entführer haben bereits Kontakt zu mir aufgenommen."
Ghostnapping war nicht sonderlich verbreitet. Kaum ein Toter hatte Familie oder Freunde, die Lösegeld zahlen würden. Und einen von uns einzusperren, erforderte einige Erfahrung.
"Seit wann wird sie festgehalten?"
"Seid vorgestern Nacht. Sie ging aus und kam nicht zurück."
"Was ist mit der Polizei?"
"Bleibt aus dem Spiel. Die können nicht dicht halten. Niemand darf wissen, dass ich verletzbar bin." Er ließ ungesagt, dass es hier keine richtige Polizeibehörde gab. Es gab nicht einmal eine Stadtverwaltung, abgesehen von der Einreisebehörde. Die Cops hier waren zu Lebzeiten Polizisten gewesen und versuchten sich nun auch als Tote in ihrem Job. Sie waren unorganisiert und oftmals korrupt.
"Deshalb also ein diskreter Privatdetektiv."
"So ist es."
"Was wollen die Erpresser?"
Hays hielt inne und fingerte nervös an einem besonders langen Schnitt an seiner Wange.
"Gefahrengut", presste er hervor.
Ich pfiff leise: "Terroristen?"
"Das dachte ich zuerst, glaube es aber nicht mehr. Terrorismus ist hier keine gute Beschäftigung."
Da hatte er Recht. Im Schattenreich war bereits alles brüchig und zerfallen. Es lohnte kaum, es zu zerstören. Mit wenigen Ausnahmen gab es keine öffentlichen Institutionen, keinen Saat, dem man schaden konnte.
"Sondern?"
"Spuk."
"Spuk? So ein Unsinn. Das ist nur ein Gerücht, eine Spinnerei", antwortete ich.
"Vielleicht. Aber jemand könnte versuchen, es herzustellen."
"Und dazu benötigt er Gefahrengut."
"Zumindest nimmt man das an."
Ich schüttelte den Kopf. Spuk war der Name für eine Wunderdroge, die von Toten konsumierbar sein sollte. Nichts als ein Gerücht. Ein Mythos gleich dem Stein der Weisen. Auf den Straßen war niemals auch nur ein Körnchen Spuk aufgetaucht.
Aber immer wieder kursierten wilde Spekulationen darüber, wie man es herstellen konnte. Eine davon besagte, dass man die Essenz von Gefahrengut dafür benötigte. Alchemistisches Geschwätz.
"Ich teile Ihre Meinung nicht unbedingt, Mr. Hays. Wer sollte so verrückt und habgierig sein, um mit etwas wie Gefahrengut zu experimentieren? Die Auswirkungen sind allgemein bekannt."
"Das sollen Sie herausfinden."
"Haben Sie irgendeinen Anhaltspunkt?"
"Keinen, leider."
"Das ist dürftig."
"Versuchen Sie es trotzdem, Mr. Cross. Ich bitte Sie."
Ich zuckte die Schultern. Warum nicht? Seine Tochter war entführt worden. Ob von Terroristen oder verrückten Drogenschiebern, spielte keine Rolle. Einem Mythos wie Spuk hinter her zu jagen, hätte ich abgelehnt. Aber einen Entführer zur Strecke zu bringen, war durchaus akzeptabel. Zudem war es nützlich, für Hays zu arbeiten. Ich meine, erfolgreich zu arbeiten. Das würde meinem Ruf nicht gerade schaden.
"In Ordnung. Ich werde sehen, was ich herausfinden kann."
"Danke, Mr. Cross."
"Wann melden sich die Entführer wieder?"
"Das haben sie nicht gesagt. Ich werde hier auf ihren Anruf warten."
"Und wenn ich nichts herausfinde, werden Sie dann bezahlen?"
Er antwortete nicht. Seine Entscheidung war noch nicht gefallen. Entweder seine Karriere oder seine Tochter.
Ich ließ ihn mit diesem Gewissenskonflikt allein.
In der Folge hatte ich ein paar alte Kontakte aufgefrischt. Ganoven und Verbrecher gab es in der Stadt zuhauf. Sie neigten dazu, vorschnell aus dem Leben zu scheiden und noch eine Rechnung offen zu haben.
Die Quellen waren nur mäßig erfolgreich gewesen. Spuk, die Wunderdroge aus dem Schattenreich, war nur ein Mythos. Jeder gierte danach. Verständlich. Eine Droge, die einen Toten auf einen Trip schicken konnte, war ein ziemlicher Hoffnungsschimmer in einer Welt, die vor Trostlosigkeit und zerbrochenen Sehnsüchten nur so barst. Die Dealer rieben sich die bleichen Hände, bei dem Gedanken an das Zeug. Aber mehr als bloßes Wunschdenken blieb ihnen nicht. Keine Spur von Spuk weit und breit. Zudem waren die meisten Toten ziemliche Angsthasen. Einmal zu sterben, das genügte völlig. Durch das riskante Herumspielen mit Gefahrengut in die endgültige Auflösung befördert zu werden, behagte niemandem.
Bis ich Jacky Conelly ausfindig gemacht hatte, saß ich ziemlich auf dem Trockenen.
Der kleine Dealer mit der zugigen Kehle lungerte vor einem schmierigen Pornokino herum, das in der Lebendwelt samt einigen Stammgästen niedergebrannt war. Er studierte die verblichenen Aushänge und erinnerte sich wehmütig an die Tage und Nächte des Fleisches. Im dauerhaften Brandgeruch des alten Kinos kamen wir ins Gespräch. Er wurde frech und fing sich ein paar ein.
Immerhin brachte er mich auf Fats Stalker.
Den fetten Fats Stalker, dessen Name man nicht aussprach, ohne das Gesicht zu verziehen.
Um den beleibten Dealer war es in der letzten Zeit ziemlich still geworden, weshalb ich ihn nicht gleich auf die Liste meiner Verdächtigen gesetzt hatte. Na, vielleicht stand er bereits darauf, nur wäre es mir lieber gewesen, wenn nicht.
Sein Ruf war mehr als mies. Er war selbst zu einem Mythos geworden, ein Sinnbild für Perversion und Wahn.
Nichts Besonderes also. Aber der Umstand, dass er am Death Canyon residierte, missfiel mir gehörig. Machte ihn nicht unbedingt sympathischer und zeigte, dass er völlig durchgeknallt war.
Ich war ihm einmal in einem Nachtclub begegnet. Mir wurde fast schlecht bei seinem Anblick.
Die ganze Angelegenheit passte sehr gut zu Fats. Entführung, Erpressung, Drogen und eine Ladung hochexplosiven Gefahrenguts.
Es war wohl an der Zeit, den netten Kerl einmal persönlich in seinem Vorstadteigenheim aufzusuchen und ein ernstes Wörtchen mit ihm zu reden.
Es gab eine unüberschaubare Anzahl von unangenehmen Orten im Schattenreich. Portale in die tieferen Regionen des Albtraums, verborgene Gänge in die Hölle, den Wald der Selbstmörder und so fort. Allesamt keine Ziele für ein Sonntagsnachmittagspicknick.
Aber es gab immer noch ein paar heimelige Fleckchen, die waren schlimmer als alle anderen. Der Death Canyon gehörte dazu.
Er lag weit hinter der südlichen Stadtgrenze. Seine Ausläufer fingen in einer enormen, fluchbeladenen Wüste an. In ihr gab es nichts außer viel Sand und einer breiten, leeren Straße. Verließ man den brüchigen Asphalt vorzeitig, konnte man von Glück sagen, wenn man wieder auf ihn zurückkehrte. Ganz zu schweigen davon, was sich nachts aus dem heißen Wüstensand hervorgrub. Ganze Städte voller uralter, toter Wesen, die weit älter als die Menschheit waren, sollten es sein. Sollten es sein. Niemand hatte es je gesehen. Und wenn, war er nicht zurückkommen.
Ab einem gewissen Punkt löste sich die Straße schließlich auf und wurde zu einem staubigen, holprigen Feldweg. Hier begann der Death Canyon.
Hier war auch die beste Gelegenheit, um umzukehren.
Ich fuhr weiter.
Hier draußen gab es keine Nacht mehr, sondern nur ein unwirkliches Zwielicht, das aus einer dunkelgrauen Wolkenbarriere geboren wurde. An einigen Stellen war die zähe, graue Schicht aufgeplatzt und ließ blutig rotes Licht durchsickern.
Die Luft war heiß und drückend, angefüllt mit dem Gestank nach drohendem Unheil, das schon seit Anbeginn der Zeit in ihr lauerte.
Ich kam mir ziemlich verloren vor in meinem alten Packard, dessen kränkliche Lichter das würgende Zwielicht kaum durchdringen konnten. Immerhin zog ich eine breite Staubfahne hinter mir her, die meine Ankunft bereits weithin verkündete.
Heute schien der Himmel besonders tief zu hängen. Ich rechnete fest damit, dass er sich jeden Moment öffnen würde, um eine strafende göttliche Faust auf mich und meinen klapprigen Packard niedersausen zu lassen. Buße für all meine Sünden.
Aber Gott hatte wohl frei oder ihn scherten meine süßen Sünden nicht.
Ich hatte mal mit einem Mädchen zusammen einen Ausflug zum Grand Canyon gemacht. Sie war ein hübsches Kind gewesen, aber ihr Name wollte mir einfach nicht mehr einfallen, als ich die Wüste hinter mir ließ.
Der Grand Canyon war verdammt mickrig gegen das, was sich da vor mir abzeichnete. Wie groß der Death Canyon wirklich war, vermochte niemand zu sagen. Landvermesser waren in dieser Gegend rar, zudem veränderte er sich wie die meisten Dinge im Schattenreich sehr schnell. Manchmal war er beinahe überschaubar, dann wieder erstreckte er sich bis weit zum Horizont. Heute Nacht schien er noch darüber hinaus zu wachsen.
Vielleicht war ja was dran an der Vermutung, dass die Finsternis in seinen Schluchten direkt aus den schwarzen Tiefen des Alls hereinfloss. Und wer weiß was noch.
Die Wunden in der Erde sahen aus, als hätte sie ein gewaltiges Tier geschlagen. Und als würde sich der Boden niemals mehr davon erholen und elendig zugrunde gehen.
Die gezackten Schnitte fuhren tief in den Felsboden, zogen sich wie erstarrte Blitze dahin, verzweigten sich, bis sie in weiter Ferne mit dem trägen Himmel verschmolzen.
Es war verdammt still hier draußen. Nicht ein Hauch ging. Die warme Luft stand wie eine zähe Barriere über den heißen Steinen.
Ich stellte meinen Wagen ein gutes Stück vom ersten Ausläufer des Schluchtennetzes entfernt ab.
Langsam trabte ich parallel zur Vertiefung weiter.
Weit hatte ich es nicht.
Fats Stalkers Haus stand einsam auf einer Erhebung direkt am Rande des Canyon. Es war ein großer, windschiefer Bau, der sich als dunkle Silhouette vor dem grau blutigen Himmel abzeichnete.
Zwischen einigen der schief hängenden Läden drang flackerndes Licht hindurch.
Der Begriff Spukhaus ging mir durch den Kopf und amüsierte mich. Ein schönes Klischee.
Mein Vergnügen hielt jedoch nicht lange.
Indem ich mich dem Haus näherte, kam ich auch dichter an diese verfluchte Schlucht.
Einem Lebenden hätten sich jetzt die Nackenhaare aufgestellt, aber mir blieb nichts, außer einem mulmigen Gefühl und einem Ziehen in meiner Schusswunde.
Das Verlangen, an den Rand zu gehen und einen Blick in die Tiefe zu riskieren, war fast übermächtig.
Aber ich riss mich zusammen.
Das Haus war in einem erbärmlichen Zustand, wurmstichig und zerfallen.
Die dunkelgrüne Farbe schälte sich ab, wie verdorrte Haut von einem bleichen Knochen, das dunkle Holz darunter schien vor meinen Augen zu vermodern.
Die vier Stufen stöhnten bei jedem meiner Schritte, als wären sie in der tiefsten Hölle gefangen.
Ein alter Schaukelstuhl stand auf der Veranda, neben ihm lagen die Überreste eines Tisches.
Ich lauschte, aber das alte Haus blieb still.
Als ich gegen die Tür drückte, fiel sie halb aus den Angeln.
Einige Laternen hingen von der Decke und beschienen mit ihrem zuckenden Licht das Chaos vor mir. Es war ein großer Raum, vielleicht einmal ein Wohnzimmer, aber jetzt erinnerte er mehr an eine Müllhalde.
Überall lagen zerbrochene oder kaputte Gegenstände herum. Teller, Stühle, Regale, Kisten und Schutt. Manchmal stapelte sich der Unrat bis zur morschen Decke.
Plötzlich begann das Haus zu zittern. Die Lampen schwangen hin und her, Gegenstände fielen aus einem Regal und mischten sich unter das Chaos. Dann war es vorbei. Erinnerte mich verflixt an ein Erbeben. Kein gutes Omen.
Nachdem ich sicher war, dass der hölzerne Sarg nicht im nächsten Augenblick über mir zusammenbrechen würde, ging ich weiter.
Am Ende des Raumes gab es eine angelehnte Tür, die ich vorsichtig aufschob. Ich stieß auf Widerstand.
Irgendetwas weiches blockierte die Tür.
Ich verstärkte den Druck und das morsche Holz schob sich langsam in den zähen Widerstand, bis ich mich durch den Türrahmen schieben konnte.
Auch im Raum dahinter hingen Laternen.
In ihrem zittrigen Licht betrachtete ich den unfreiwilligen Türstopper.
Sah mir wie einer von Fats Stalkers Leuten aus. Zumindest was ich noch von ihm erkennen konnte. Es gab ein schmatzendes Geräusch, als ich die Tür aus seinem Oberkörper zog.
Er sah nicht gut aus. Irgendwie schleimig, und das nicht nur wegen seiner Haare. Er quoll auseinander. Wie flüssiger Wackelpudding.
Ein Großteil seines Körpers bis hinauf zur Brust war eine einzige breiige Masse. Fäden ziehendes Protoplasma, das langsam zwischen den Holzdielen versickerte.
Ich verzog angeekelt den Mund und wandte mich ab.
Irgendjemand hatte hier verdammten Mist gebaut.
Ich fand Deborah Hays im Keller. Sie war nicht allein.
Das Haus hatte erneut gebebt. Dieses Mal war ich mir sicher, dass es das Gebäude selbst war, nicht der Canyon.
Das Gefühl, mitten hinein in eine verfluchte Mausefalle zu stolpern, legte sich schwer auf meine Schultern.
Ein weiterer von Stalkers Männern lag auf der Kellertreppe. Er war ganz entspannt, ziemlich locker.
Vielleicht einen Grad zu locker, denn als ich ihn mit dem Fuß anstieß, brach er in trockenen Stückchen auseinander.
Tolle Sache, dieses Spuk. Würde sich bestimmt durchsetzen.
Ich stieg über die kümmerlichen Überreste hinweg und kam an eine rostige Metalltür. Unter ihr drang müdes Licht hervor. Es konnte nicht müder sein als ich. Ich hatte keine Lust, die Tür zu öffnen, um zu finden, was ich nur bedingt finden wollte.
Dennoch tat ich es. Ich trat sie aus den Angeln.
In dem großen Kellerraum hatte Fats ein Laboratorium eingerichtet. Ganze Tische voller Reagenzgläser, Kolben und Tiegelchen. In ihnen blubberte und brodelte es vergnügt, als ich meine Ankunft bemerkbar machte.
Im hinteren Teil gab es einen kleinen Tisch mit einigen Stühlen. Auf einem davon saß Deborah Hays. Sorgfältig zusammengeschnürt und präpariert. Fats hatte ihr Gesicht bearbeitet. In ihren Unfallwunden steckten Glassplitter.
Armes Mädchen. Die Scherben warfen sie zurück in ihren Tod, versetzten sie in ein Koma voller Schmerz und Todesangst.
Fats Stalker war auch dort, aber ich hätte gut auf seine ekelhafte Anwesenheit verzichten können.
Mir kam es vor, als wäre er noch fetter geworden. Unmöglich für einen Toten.
Er quoll schier über vor wabbeligen, wogenden Fettmassen. Sein Gesicht erinnerte an das einer Bulldogge, einer tollwütigen Bulldoge.
Sein aufgedunsener Leib thronte über einem seiner Kumpane, einem Mann, von dem nur noch Kopf und Unterleib geblieben waren.
Durch den Rest hatte sich der wahnsinnige Fats gefressen.
Das Protoplasma tropfte ihm in langen Fäden vom feisten Gesicht.
Er sah auf, kauend und schmatzend.
In seinen Augen brannte ein unnatürliches, wild flackerndes Feuer.
"Ah, Besuch!", blubberte er. Sein Kopf pendelte hin und her wie bei einem witternden Tier.
Ich schob mich ganz langsam in den Raum hinein, dicht an der glitschigen Backsteinwand, mit möglichst viel Abstand zu dem dicken Toten.
"Fats, Fats, Fats. Du warst schon immer ein ekliger Bastard. Kannibalismus hatte ich aber noch nicht auf die Liste Deiner Verfehlungen gesetzt."
Ich gab meiner Stimme einen lockeren, stichelnden Klang.
In Wahrheit irritierte mich diese Sache ziemlich. Wir Toten waren im Schattenreich materiell und unser Geistkörper verhielt sich bei Verletzungen ähnlich einem lebenden Körper. Klar, wir starben nicht. Wir waren schon tot und Verletzungen verschwanden oft genau so schnell, wie sie erschienen waren. Aber wir zerfielen nicht zu Protoplasma.
Er verzog den verschmierten Mund zu einem teuflischen Grinsen. "Es geht nicht um seinen Leib, es geht um das, was darin ist."
"Spuk?"
Fats nickte heftig und die Fettwülste an seinem Hals tanzten auf und ab.
"Fein. Wenn es jeden Konsumenten in einen Schleimklumpen verwandelt, hast Du ausgesorgt."
"Sie waren zu schwach. Sieh mich an, Cross. Ich bin stark, in mir pulsiert Spuk!"
"Du bist nur fett."
Ich hatte Deborah Hays beinahe erreicht.
Mit Stalkers Angriff hatte ich gerechnet. Mit seiner neugewonnen Schnelligkeit nicht.
Er schoss gleich einer Kanonenkugel auf mich zu. Eine gewaltige, wabbelige Kanonenkugel.
Ich hechtete zur Seite, aber der massige Leib erwischte mich und riss mich zu Boden.
Fats Stalker begrub mich unter sich.
Ich trat und schlug, aber er lachte nur. Meine Schläge verpufften in seinem fetten Körper.
"Schade, dass Du nicht etwas Spuk in Dir hast. Ich würde Dich mit Freuden verspeisen, Cross."
"Du würdest daran ersticken!", stöhnte ich. Mir war ebenfalls ganz nach ersticken. Die Fettmassen schienen sich langsam und gnadenlos um mich zu legen.
"Immer noch die große, stadtbekannte Klappe, Cross. Aber Du pfeifst aus dem letzten Loch."
Ich spürte seine fetten Finger, die suchend über meine Brust wanderten.
Manchmal war es ein verdammter Fluch, bekannt zu sein. Das Loch in meiner Brust war wirklich kein Geheimnis mehr. Wenn ich hier heraus käme, wollte ich es ausstellen und Eintritt dafür verlangen.
Ich überlegte fieberhaft, wie Fats gestorben war. Er war ebenfalls bekannt, aber ich hatte nichts über seinen Tod gehört. Vermutlich war er nur berüchtigt, das reichte nicht aus.
Ein dicker Finger tastete über das Einschussloch in meiner Brust.
Ich schrie auf. Kleine Punkte tanzten vor meinen Augen.
In wilder Panik bäumte ich mich auf, mein Körper vollführte einen Schlangentanz unter meinem massigen Belagerer. Fats lachte nur.
Immerhin bekam ich eine Hand frei.
Ich brachte sie an seinen Hals und begann in den Fettwülsten zu wühlen.
Dieser Mistkerl lachte nur noch mehr.
Meine Gedanken taumelten bereits am Rande meiner Todeserinnerungen. Noch etwas mehr, und die Kugel würde meinen Brustkorb durchschlagen. Wieder und wieder, solange Fats' fetter Finger in der Wunde wühlte. Damit wäre ich aus dem Spiel.
Ich grub meine Hand einfach in seinen wabbeligen Hals, um ihm die Kehle zuzudrücken. Ich fand sie nicht einmal.
Sein Lachen wurde lauter und glich mehr und mehr dem Knall eines Pistolenschusses. Dem verdammt Tosen einer Luger.
Noch einmal versuchte ich, mich zu befreien. Meine Hand krallte sich nun in die schwammige Schulter und ich versuchte verzweifelt, den Fettberg von mir zu stoßen.
Mit einem Mal fuhren meine Finger in das weiche Gewebe. Sie drangen in das Fett. Ich riss daran. Es gab ein schmatzendes Geräusch und ich hatte einen schleimigen Protoplasmaklumpen in der Hand. Und in Fats' Schulter fehlte ein Stück.
Der dicke Mann hielt in seinem Lachen inne, sein Finger erstarrte und er blickte fassungslos auf seine Schulter.
Ich fackelte nicht lange.
Ich stopfte ihm das schleimige Zeug in sein riesiges Maul.
"Da hast du dein verdammtes Spuk, Fettsack."
Der Schleim quoll zwischen seinen Zähnen hervor. Seine Augen wurden groß. Seine Hände fuhren zu seinem Mund, um die breiige Masse heraus zu holen. Ich hieb ihm gegen das Kinn und trieb seine Zähne in seine Finger.
Er röchelte und stöhnte. Sein fetter Körper zittert. Ich wühlte mich unter ihm hervor und rollte mich zur Seite.
Er lag zuckend am Boden. Ein wabernder, gewaltiger Fettberg.
Verdammt, der Kerl musste zu Tode gefüttert worden sein. Das war es. Oder er war bei einer Fressorgie ertickt.
Ich hatte wenig Zeit, meinen Triumph zu genießen. Das Haus zitterte erneut. Heftiger. Und das Beben ging von diesem Raum aus. Genauer von einem Kühlschrank, der in einer Ecke des Raumes stand und schon halb zerlegt war. Der Kasten schimmerte seltsam, und als ich ihn betrachtete, kam es mir vor, als wäre seine Form unbeständig. Als würde er pulsieren.
Ein verseuchter Kühlschrank. Manchmal spielte einem das Geschick übel mit. Wenn das Ding nun in die Luft flog, würde das mein Selbstwertgefühl erheblich dämpfen.
Also rappelte ich mich auf und taumelte zu Deborah hinüber. Der Boden schwankte jetzt bedrohlich unter meinen Füßen.
Ich warf sie mir über die Schultern und wankte zum Ausgang.
Unterwegs versetzte ich dem zitternden Koloss einen Tritt: "Niemand fummelt an meinem Loch herum."
Ich zweifelte nicht daran, dass der vermaledeite Kühlschrank jeden Moment alles pulverisieren würde.
Mühsam arbeitete ich mich mit dem komatösen Mädchen auf der Schulter die enge Treppe hinauf.
Oben angelangt, stolperte ich durch das Chaos des ehemaligen Wohnzimmers. Es sah schlimmer aus als vorher. Ein Teil der Decke war eingestürzt und die restlichen Balken knirschten bedenklich.
Als ich auf die Veranda hinaus taumelte, warf sich das Haus wie ein gequältes Tier in Ketten hin und her.
Irren war menschlich. Leider traf das auch auf uns Tote zu.
Ich wusste bis heute nicht, woran Fats Stalker eigentlich starb. Überfressen hatte er sich jedenfalls nicht. Ihm hatte wohl nur sein eigener Schleim nicht geschmeckt.
Er tauchte hinter mir im schwankenden Türrahmen auf. Ein massiger Schatten, der wie eine führerlose Dampfwalze auf mich zu raste. Er schrie wie besessen.
Mir blieb nicht viel Zeit. Ich ließ Deborah von meiner Schulter gleiten und warf sie so weit ich konnte von mir. Nicht die feine englische Art im Umgang mit einem Mädchen, aber sie musste mir das verzeihen.
Fats prallte gegen mich. Eine einzige, wuchtige Fettmasse.
Ich klammerte mich an ihn.
Überall war Schleim. Der fette Mann löste sich unaufhaltsam auf. Nur leider nicht schnell genug.
Wir taumelten ein paar Schritte rückwärts. Ich stemmte mich gegen ihn, so gut ich konnte, aber das stoppte ihn nicht.
Mit einem Mal ging mein Schritt ins Leere.
Ich knurrte wie ein Tier und riss Stalker große Klumpen zähen Schleims aus dem aufgedunsenen Leib.
Dann kippten wir und rollten über den Rand.
Ich war nichts sonderlich gläubig, aber in diesem Augenblick schickte ich ein Stoßgebet los. Ich brachte es nicht zu Ende.
Der Aufprall war kurz und heftig.
Ein Vorsprung hatte uns aufgefangen.
Fats war von mir gerutscht und lag neben mir. Sein Fettgebirge war nur noch eine unförmige Masse. Ich konnte zusehen, wie sein Torso langsam auseinander floss.
Benommen richtete ich mich auf. Unser Sturz war nicht sehr tief gewesen. Der rettende Rand lag vielleicht zehn Meter über mir. Die Felsen waren zerklüftet, so dass ich eine Chance hatte, an ihnen empor zu klettern.
Die Hand umschloss meinen Knöchel und zog mir den Fuß weg. Ich stürzte schwer gegen die Felswand.
Angeekelt trat ich um mich, traf auf Widerstand und stemmte mich mit aller Kraft dagegen. Es gab ein schmatzendes Geräusch, aus Fats' Kehle steig ein ekelhaftes Gurgeln, dann geriet der Schleimberg in Bewegung und rutschte langsam über die Klippe.
Er ließ mich los.
Ich versetzte ihm einen letzten Tritt und Stalker stürzte in die Tiefe.
Angewidert kroch ich zum Rand und löste die Finger der Hand, die sich noch immer an der Felskante festklammerten und beobachtete, wie sie in der Tiefe verschwand.
Dann schrie ich auf und kletterte in wilder Panik hinauf.
Ich griff mir das Mädchen und hastete zum Wagen.
Erst als der verdammte Canyon weit hinter uns lag und die Lichter der Stadt vor mir auftauchten, verlangsamte ich den alten Packard.
Der Spuk war vorbei.
Die Familie Hays war bald wieder glücklich vereint, Deborah erholte sich langsam von ihrer Tortur.
Ich hatte Fats Stalker ausgelöscht und der Welt würde das nicht gerade schaden.
Mein Ruf war in Ordnung. Hays ließ meinen Namen hier und da bei wichtigen Leuten fallen.
Er lud mich auch zu einer Party zu Ehren Deborahs ein, aber ich ging nicht hin.
Ich erholte mich und verdrängte die Bilder, die sich in mein Hirn gebrannt hatten, als ich in den Death Canyon hinabblickte.
Sie verfolgten mich noch lange, besonders in der Nacht.
Die Finsternis am Grunde der Schlucht verschluckte Fats' Überreste. Ich sah, wie sie langsam darin versanken. Als wäre die Schwärze zähflüssig.
Und dann begann die Finsternis zu kochen. Lange Tentakel fuhren aus ihr hervor und begannen langsam aber zielstrebig, die Felswände empor zu gleiten. Hinauf zu mir.
Das war mein Zeichen zur Flucht.
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