Die geläuterte Tote

- Schwarze Serie -

Teil 1

Emma Schiffl war die Art von Kundin, die einen Detektiv anheuerte, nach ihrer entlaufenen Katze zu suchen. Oder ihrem Hund, vielleicht auch dem Kanarienvogel. Klein, gebeugt, dem Äußeren nach um die Siebzig, mit silbernem Haar, Perlenkette und Monogram auf dem Spitzentaschentuch. Ihr Kleid war Mode gewesen, als McKinley Präsident gewesen war - grau, mit Rüschen und hochgeschlossenem Kragen. Im Gesicht hatte sie mehr Falten als ich in meinem zerknitterten Trenchcoat. Ganz die nette Großmutter, die einen alten Webley in ihre zierliche Handtasche gezwängt hatte, um den erstbesten Tierquäler über den Haufen zu pusten. Aber Emma interessierte sich nicht für Haustiere, sondern für Mord.

Es war später Nachmittag, die Sonne fing gerade an, sich vom trostlosen Anblick des Totenreichs abzuwenden, und ich war in Gedanken begriffen, den Laden für heute dicht zu machen, als es an der Tür klopfte. So zaghaft, dass ich lieber selbst nachsah, ob nicht jemand dabei war, auf der Schwelle zu sterben. Stattdessen stand dort die alte Dame, ein trauriges Lächeln auf den Lippen, mit einer Stimme, die zahlreiche Enkel in den Schlaf gesungen haben musste. "Sind Sie der Detektiv?"

"So steht es zumindest an der Tür. Kommen Sie rein." Ich trat zurück und machte eine einladende Handbewegung.

"Es ist hoffentlich noch nicht zu spät? Ich habe versucht, Sie anzurufen, aber der Anschluss war nicht zu erreichen. Und von Andrew's Field hierher ist es eine lange Fahrt mit dem Bus." Sie nahm auf dem einsamen Kundenstuhl Platz.

Ich fischte den Hörer vom Telefon und lauschte. Nichts. Störungen waren nichts Ungewöhnliches im Land der Toten. Telefon, Strom, Wasser, Aufzüge, … die Liste ließ sich beliebig fortsetzen. Vielleicht brachte es jemand beizeiten in Ordnung, vielleicht löste es sich von selbst, oder ich musste mir ein neues Büro suchen. Ich legte auf und setzte mich hinter den Schreibtisch. "Wie kann ich Ihnen denn helfen, Mrs. …?"

"Schiffl, aber sagen Sie Emma zu mir, alle sagen Emma."

"Emma …"

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"Ich bin wegen dem Clauberg-Mädchen hier, meiner Nachbarin. So ein liebes Ding, immer freundlich, herzensgut. Dass ihr so etwas Schreckliches passieren konnte …"

"Hat Ihre Nachbarin Ärger?"

Emma sah mich mit großen Augen an: "Sie ist tot."

"Sie meinen toter als tot?"

"Ja, natürlich."

"Das tut mir leid."

"Sie ist ermordet worden!"

Die Sache begann interessant zu werden. Einen Toten umzubringen, war nicht unbedingt einfach. Die Seelen der Leute hier waren zäh und klammerten sich an ihren kleinen Ektoplasmakörper. Man konnte sie erstechen, erschießen, in die Luft jagen - einige Zeit später saßen sie wieder im Sattel. Um jemanden wirklich in die Verdammnis zu schicken, brauchte es Kreativität oder die entsprechende Waffe. "Was ist passiert?"

"Ich weiß es nicht genau. Vor zwei Tagen … Ich kam von meinem täglichen Spaziergang zurück, er dauert so etwa zwei Stunden, und da war sie tot. Die Polizei war in ihrer Wohnung. Als ich fragte, was los sei, versuchte man mich abzuwimmeln, aber ich blieb hartnäckig." Sie nickte entschlossen. "Wenn solche Sachen sind, muss man das doch wissen! Und Jill, also Ms. Clauberg, war die Letzte, der so etwas passieren sollte." Emma weinte nicht, das war für eine Tote nicht ungewöhnlich. Aber dennoch spürte ich, wie sehr sie der Verlust mitnahm. "Wir waren vielleicht keine Freunde, eher wie eine entfernte Oma und ihre Enkelin. Sie half mir ein wenig bei allem und brachte Zeit für Spaziergänge oder eine kleine Tratscherei auf. Jemand wie Jill hätte man zu Lebzeiten gerne als Tochter gehabt."

"Nicht jeder, wie es scheint. Wie lange kannten Sie das Clauberg-Mädchen schon, Emma?"

"Ich weiß nicht genau, vielleicht vier oder fünf Jahre, sie war damals noch nicht lange tot. Ein Autounfall."

Wie die alte Dame abgetreten war, konnte ich auf den ersten Blick nicht sagen. Vermutlich friedlich entschlummert. "Hatte Jill irgendwelche Feinde?"

"Niemanden. Wie auch? Sie ist … war ein so herzensguter Mensch." Ihre Lider flatterten. "Sie müssen herausfinden, wer das getan hat und warum! Ich habe das Gefühl, dass ihre Seele erst dann Ruhe finden kann."

Wegen der Clauberg-Seele konnte man sich durchaus Sorgen machen. Niemand wusste, was mit einem Toten geschah, der noch einmal starb. Sie schlugen weder bei den Jungs und Mädels mit Schwefel-, noch bei denen mit Fliederduftwässerchen auf. Sie waren einfach weg. Ein paar kluge Köpfe sinnierten darüber, dass es die Unglücklichen in die Leere verschlug. Einen Ort für diejenigen, die weder lebendig, noch tot, noch auf der Durchreise waren. Ein Ort, in dem es entsprechend nichts gab. Nur Leere. Bisher gab es allerdings niemanden, der von dort zurückgekommen war. Das Gerede der klugen Köpfe konnte also bloßes Gerede sein. Allerdings zweifelte ich daran, dass es Jill noch viel half, wenn ihr Mörder überführt wurde. Aber, was wusste ich schon? Zumindest würde es Emma helfen. Viel anderes gab es zurzeit ohnehin nicht zu tun. "Ich sage Ihnen was, Emma: Ich fahre Sie zurück nach Andrew's Field und schaue mir die Sache mal an - stelle ein paar Fragen, stochere etwas herum. Wenn es irgendetwas gibt, an dem ich ansetzen kann, werde ich das tun."

Sie war erleichtert, in ihrem faltigen Gesicht zeichnete sich ein Lächeln ab. "Jill hätte Sie bestimmt gemocht, Mr. Cross."

Ich griff nach Hut und Mantel. "Kommen Sie, Emma. Mein Wagen steht in der Garage."


Wir fuhren über das West End, dann vorbei am Corpse Land-Vergnügungspark und direkt ins Bone County. Der Stadtmoloch wich Industrieanlagen und vereinsamten Vororten, deren vorherrschende Farben Grau und Braun waren. Viele der Gebäude befanden sich in einem desolaten Zustand, nur selten kämpfte ein Bewohner gegen den allgegenwärtigen Zerfall an. Bald darauf verabschiedeten sich auch die letzten Häuser und wir waren allein mit dem Asphaltband und den Knochenfeldern dort draußen. Man konnte sie von der Straße aus schimmern sehen. Die Erde hier war von einem schmutzigen Rot, die Landschaft wirkte an vielen Stellen wie aufgerissen und dort lagen die Knochen. Unmengen menschlicher Überreste, die in der Erde leuchteten. Saubere, fahlweiße Gebeine. Eine Fundgrube für jeden Anthropologen, nur machte sich hier draußen niemand etwas daraus.

"Was können Sie mir noch über Jill erzählen, Emma?"

Sie saß klein und vorne übergebeugt neben mir und starrte aus dem Seitenfenster. "Nicht viel, um ehrlich zu sein. Sie hat kaum etwas von sich mitgeteilt, weder über ihr Leben, noch über den Unfall. Ich habe sie einige Male darauf angesprochen, aber sie hat das Thema immer wieder gewechselt. Manche sind wie sie und wollen nie mehr an ihren Tod erinnert werden."

"Über was haben Sie beide gesprochen?"

"Viel über mich, meine Vergangenheit. Jill hat die Geschichten aus meiner Jugend geliebt. Ich war ein ganz schöner Feger, müssen Sie wissen. Ansonsten war es nur nette Tratscherei - Wetter, Nachbarn, Stadtgeschehen."

"Und in letzter Zeit? War sie irgendwie anders? Nervös oder bedrückt?"

Die alte Dame überlegte einige Zeit, ehe sie antwortete. Uns kam ein klappriger Lastwagen entgegen, auf dessen Seitenwand ein stilisierter Löwe mit Flügeln prangte, dann gehörte die Landstraße wieder uns. "Jetzt, wo Sie fragen - ja, Jill schien abwesend. Manchmal hörte sie gar nicht zu, was für sie ungewöhnlich war."

"Können Sie eingrenzen, seit wann Jill sich so verhielt?"

"Ungefähr eine Woche, bevor sie … bevor die schreckliche Sache passierte. Meinen Sie, dass da ein Zusammenhang besteht?"

"Noch zu früh, um irgendetwas zu meinen. Ich versuche, mir einfach ein Bild zu machen. Wie sah Jill aus?"

"Ein hübsches Mädchen. Schlank, mit brünettem Haar, halblang. Beim Unfall hatte sie sich die Hüfte gebrochen, deshalb hinkte sie."

Hinter dem nächsten Hügel tauchte Andrew's Field vor uns auf. Eine kleine, altmodische Stadt, durchzogen von Friedhöfen, die das Knochenland ablösten. Die Rasenflächen erinnerten an Parks, nur, dass es statt der Bäume weiße, zerbröckelnde Grabsteine waren. Wir nahmen eine der zwei Hauptstraßen, die sich im Zentrum kreuzten. Der Verkehr war mäßig, der ganze Ort erweckte den Anschein, als wollte niemand das Gedenken an die Toten stören. Emma lotste mich an einer verschlafenen Einkaufsstraße vorbei in den östlichen Teil der Stadt. Hier standen heruntergekommene Mehrfamilienhäuer aus angelaufenem Backstein um eine hässliche Betonkirche herum, deren Architekt vermutlich in der Hölle schmorte.

"Das Haus da vorne ist es." Die alte Dame ließ mich auf einem mit Müll überzogenem Parkplatz halten und wir gingen die letzten Meter zu Fuß. Die Nummer 17 unterschied sich kaum von den Nachbargebäuden, es gab zwei Stufen zum Haupteingang hinauf, eingefasst von einem bröckeligen Mäuerchen, an der linken Seite eine Feuertreppe bis hinauf in den sechsten Stock. Die Bewohner des siebten und letzten hatten im Ernstfall Pech gehabt. Für die jetzigen Bewohner spielte es keine Rolle mehr, vielleicht waren sie auch gleich mitsamt dem Haus ins Totenreich gewechselt.

Emma schloss auf und winkte mich in einen muffigen Hausflur. Die hölzerne Treppe ächzte unter unserem Gewicht. In der Luft hing etwas, kaum wahrzunehmen, vielleicht der Geruch von Gas.

Im dritten Stock hielten wir vor einer braunen Tür, deren Lack immer weiter abplatzte. "Hier wohne ich, Mr. Cross, und da nebenan Jill." Ihre Stimme zitterte: "Wollen Sie sich dort direkt umsehen, oder erst mit hereinkommen?"

"Machen Sie sich keine Umstände, Emma."

"Wenn es Ihnen nichts ausmacht, dann warte ich auf Sie. Ich kann einfach keinen Schritt dort hineinsetzen."

"Natürlich. Ich klopfe, wenn ich fertig bin." Sie verschwand in ihren vier Wänden und ich ging nach nebenan.

Die Tür war aufgebrochen worden, ich brauchte nur mit dem Fuß dagegen zu stoßen. Dahinter lag ein kleiner Flur, von dem es zum Bad und ins Wohnzimmer ging. Auf den ersten Blick gab es nichts Auffälliges zu sehen, aber das Loch in meiner Brust begann zu ziehen. Wie ein Anfall von Rheuma. Ein schlechtes Vorzeichen. Für einen Moment dachte ich an meine Automatik, die neben der Flasche Whiskey in der Schreibtischschublade lag. Bei Routinejobs ging ich ohne sie aus dem Büro, denn auch wenn die Leute hier schon tot waren, blieben sie zugänglicher, wenn man kein Schießeisen trug.

Ich lauschte, aber außer dem fernen Straßenlärm und einem stockenden Weinen irgendwo in den Etagen darüber, war da nichts, nicht mal ein tropfender Wasserhahn. Lag wohl daran, dass das Badezimmer, wie erwartet, kaum benutzt war. Bei der Farbe der Fliesen auch kein Wunder.

Das Ziehen nahm zu, als ich das Wohnzimmer betrat. Es sah aus wie ein Schlachtfeld - der Tisch umgeworfen, ein Stuhl zertrümmert, die Vorhänge heruntergerissen. Bücher, zerschlagenes Porzellan und Bilder lagen wild verstreut herum. Es fühlte sich an wie das Hinterzimmer von Henrys Schlachterei. Terror und Tod lagen in der Luft, waren beinahe greifbar. Was immer hier geschehen war, es hatte Spuren hinterlassen. Keine physischen, abgesehen von der Zerstörung. Ektoplasma war ein ziemlich flüchtiges Zeug. Aber irgendetwas in der Atmosphäre, das man auch mit Lüften nicht aus der Wohnung vertreiben konnte.

Ich hatte schon den einen oder anderen Mord auf dem Schreibtisch gehabt. Neid und Missgunst verschonten auch das Totenreich nicht. Aber etwas wie das hier war mir noch nicht untergekommen. Es barg eine Ahnung des absoluten Grauens und fühlte sich an, als wäre mit Jills Seele etwas Schreckliches geschehen.

Vorsichtig bewegte ich mich durch den Raum, wechselte ins Schlafzimmer hinüber. Dieselbe Stimmung. Fast rechnete ich damit, dass etwas aus dem Wandschrank springen würde. Aber da war niemand. Gut, dass Emma nicht hierher kam.

Nachdem ich mich versichert hatte, dass keine Gefahr mehr bestand, ließ die bedrückende Atmosphäre nach. Genügend, um meine Arbeit zu machen. Ich fragte mich, was hier gewesen war, fand aber keinen Hinweis darauf. Nur die Kampfspuren. Entweder hatte die Polizei alles gefunden, oder es war schlicht nichts vorhanden. Es war anzunehmen, dass das Clauberg-Mädchen heftige Gegenwehr geleistet hatte. Ohne Erfolg. Der Killer hatte sie durch die Wohnung gejagt, erwischt und umher geschleudert. Das Fenster war zerschlagen, die Scherben lagen jedoch auf dem Sims draußen. Anzunehmen, dass Jills Mörder durch die Tür kam. Ob er selbst oder die Polizei diese aufgebrochen hatte, wusste ich noch nicht. Ans Haus grenzte ein Friedhof, die alten Grabsteine waren umgefallen oder eingesunken, das Gras ungemäht und voller abgestorbener Blätter, obwohl weit und breit keine Bäume standen. Die feuchte Erde hielt nur Gebeine umschlossen, niemand hatte gehört, dass je etwas daraus hervor gestiegen wäre. Trotzdem schob ich das Fenster auf und besah mir den Sims. Keine Spuren von Lehm, keine frische Kratzer. Das Gebäude gegenüber war baugleich mit diesem hier und ich blickte in ein nichts sagendes Wohnzimmer.

Ich inspizierte wieder das Chaos um mich herum. Der Schaden war mehr oder minder oberflächlich, die Folge des Kampfes. Es gab keinen Hinweis darauf, dass der Täter hier etwas gesucht hatte. Schubladen waren noch geschlossen, die Schänke nicht durchwühlt. Selbst die Bullen hatten sich scheinbar keine Mühe gegeben. Ich fing an, herumzustöbern. Die meisten Toten hielten an etwas aus ihren Lebzeiten fest, dem Ehering aus besseren Tagen, Fotos mit alten Erinnerungen, einem Teddy aus der Kindheit, dem Kleid des Abschlussballs, der deformierten Parabellum-Patrone des Todestages. Oft kamen diese Dinge schon beim Wechsel ins Zwischenreich mit, manchmal fanden sie später ihren Weg, oder jemand suchte wie besessen danach. Da es beinahe immer etwas Reales aus der Lebendwelt war, hielten es die Besitzer verborgen. Es gab zu viele selbsternannte Sammler dort draußen.

Ich wusste nicht genau, warum ich danach suchte. Womöglich hielt Jills Vergangenheit einen Hinweis auf ihre Ermordung bereit. Vielleicht wollte ich auch einfach nur mehr über sie wissen. Emma hatte davon gesprochen, dass die Clauberg ein herzensgutes Mädchen gewesen sei. Die meisten Toten hier waren nicht viel anders als zu Lebzeiten, in genau der gleichen Mischung aus Gut und Böse. Jemand selbstloses wie Jill sollte von vornherein gar nicht hier sein. Wenn sie wirklich das war, was die alte Dame behauptete. Die Vergangenheit konnte das vielleicht klären.

Eine kleine, mit Rosenmotiven verzierte Pappschachtel, die zwischen einer Kommode und der Wand eingeklemmt war, entpuppte sich als das, nach was ich Ausschau hielt. Darin lagen ein paar alte Fotografien und Briefe. Ich stellte den Tisch wieder auf, zog mir einen Stuhl heran und breitete den Fund vor mir aus. Es waren drei wellige Schwarzweißaufnahmen, die ein Kribbeln in meinen Fingerspitzen verursachten. Lebendwelt. Dinge, die nicht im eigentlichen Sinne zerstört und ins Totenreich gespült worden waren. Kein Abfall, keine Brandreste, keine verlorenen und nie wieder gefundenen Gegenstände. Nein, wirkliche Artefakte, die ganz deutlich die Welt der Lebenden spüren ließen. Ein seltsames Gefühl, wie ein melancholisches Ziehen, das sich in jede Ektoplasmazelle meines Körpers schlich. Die Erinnerungen an damals, die Sehnsucht nach der Rückkehr. Gepaart mit der stechenden Erkenntnis, für immer aus der Welt der Lebenden getilgt worden zu sein. Das Dröhnen der Luger, ein reißender Schmerz in der Brust, eine unüberwindbare Barriere. Ich schüttelte das Gefühl ab, es war müßig, sich damit herumzuschlagen. Die Vergangenheit war lange tot, das Leben unerreichbar.

Auf einer der Aufnahmen stand eine junge Frau vor einem Apfelbaum. Ihr schlanker Körper steckte in einem hellen Kleid, das an die Jazz-Tage erinnerte, inklusive Perlenkette. Das brünette Haar war mit einem Reif nach hinten geschoben. Vermutlich Jill, die vergnügt lächelte. Sie war hübsch und jung auf dem Bild, höchstens Anfang Zwanzig.

Auf dem nächsten Abzug trug sie ein anderes Kleid, schwarz und ärmellos und lachte verführerisch in die Kamera. Es musste ein Sommerabend in irgendeinem Obstgarten sein, der Himmel im Hintergrund hatte bereits einen roten Farbton angenommen.

Auf der letzten Fotografie sah ich doppelt - die beiden Jills standen Arm in Arm vor dem alten Baum. Die eine im weißen, die andere im schwarzen Kleid. Das Clauberg-Mädchen hatte eine Zwillingsschwester.

Die Briefe waren in einer schwungvollen Handschrift verfasst, undatiert und allesamt von Jill an jemanden namens Anna adressiert. Ihre Schwester, wie ich nach kurzem Überfliegen feststellte. Es gab vier Umschläge mit beinahe gleichem Inhalt: Jill bat Anna, ihr zu verzeihen, wieder miteinander zu sprechen, sich zu treffen. Sie flehte nicht, klang auch nicht verzweifelt, wiederholte nur, wie wichtig es für beide wäre, wieder zueinander zu finden. Auf den Kuverts stand keine Anschrift, sie waren nicht einmal zugeklebt. Ich bezweifelte, dass sie je abgeschickt worden waren. Im Gegensatz zu den Fotografien stammte das Papier von hier, war kein Artefakt aus der Lebendwelt. Blieb nur die Frage, ob Jill sie an ihre unerreichbare Schwester im Drüben geschrieben hatte, oder an jemanden hier. Aber sie sprach mit keinem Wort von Unerreichbarkeit, es klang vielmehr so, als würde sie ein Treffen für realistisch halten. Waren die Zeilen an eine tote Anna gerichtet? Die Chancen dafür standen zwar gering, aber wer gab hier schon etwas auf Chancen.

Ich schob die Briefe und Fotos zusammen und packte sie zurück in die Schachtel. Das ganze wieder zu verstecken, machte wenig Sinn, ich würde sie bis auf weiteres Emma anvertrauen.

Als ich die Wohnung verließ und die Tür zuzog, fühlte ich Erleichterung. Als würde man den Kopf wieder über Wasser bekommen.

Sie wartete schon auf mich und hatte den Kaffeetisch hergerichtet. Ich nahm ihr gegenüber Platz und ließ mir eine Tasse mit etwas füllen, das aussah, wie nach dem vierten Aufguss. Ihre Wohnung war ausstaffiert, wie es sich für eine alte Dame gehörte. Allerlei Nippes, Spitzendeckchen und ein Kanapee aus der Bürgerkriegszeit.

Ich tat so, als würde ich trinken, und schob ihr das Kistchen herüber. "Hat Jill je über irgendwelche Verwandten gesprochen, ihre Eltern oder Geschwister?"

"Nein, nie." Ihre gichtigen Finger hielten die Schachtel fest, als wäre sie jene der Pandora. "Ist … ist das der Grund, warum Jill …?"

"Man kann es nie genau wissen. Aber nur keine Angst."

Langsam hob sie den Deckel, die Fotos lagen obenauf. Emma nahm das Bild der Geschwister heraus und besah es sich lange. In ihrem Gesicht zeichneten sich Verwirrung und noch mehr Falten ab.

"Ihre Zwillingsschwester Anna. In den Briefen bittet Jill sie, ihr zu verzeihen."

"Sehr seltsam, Mr. Cross. Das Mädchen hat nie von einer Schwester geredet. Und bei allem wie sie sich verhalten hat, kann sie niemandem etwas Böses getan haben."

"Vielleicht nicht in diesem Leben."

Emma schüttelte den Kopf: "Sie kennen … kannten Jill nicht. Sie war so rein, das ist ein sehr passendes Wort. Als würde nichts von diesem Reich aus Zerfall und Schmutz sie berühren."

"Mag sein. Hören Sie, Emma, es besteht die Chance, dass Anna ebenfalls hier drüben ist. Ich werde versuchen, sie zu finden. Womöglich kann sie mir helfen, zu klären, was Jill passiert ist."

"Ja, versuchen Sie das."

"Seien Sie so gut und bewahren Sie die Fotografien und Briefe für mich auf. Ich melde mich, sobald ich etwas Neues erfahre." Vorsichtig stellte ich die Tasse zurück, von deren Rand ein Stück abgesprungen war. "Bleiben Sie ruhig sitzen, Emma, ich finde schon raus."

Wir schüttelten uns die Hand. "Danke, Mr. Cross."

In der Wohnung darunter öffnete niemand auf mein Klopfen. Unmöglich zu sagen, ob keiner zuhause war, oder hier einfach niemand wohnte.

Im gegenüberliegenden Apartment hatte ich mehr Glück. Ein kurzer Gang über den Friedhof, vorbei an zerbrochenen Grabsteinen. Ich verzichtete darauf, die Inschriften zu lesen. Sahen zwar alt aus, aber man konnte nie wissen, ob es nicht der eigene war.

Die Klingel war herausgerissen, das Schloss wenigstens auch, so stieg ich in den dritten Stock hinauf und machte mich an der Tür bemerkbar.

Nach ein paar Minuten öffnete ein Mittfünfziger, dessen Haaransatz weit hinter der Stirn lag. Seine Augen standen hervor, als hätte ihn jemand zu stark gedrückt. Er trug Cordhosen und ein kurzärmeliges Hemd. "Ja, was gibt es?"

"Mein Name ist Cross, ich ermittle in einem Kriminalfall. Haben Sie einen Moment Zeit? Ich würde Ihnen gerne ein paar Fragen stellen."

Seine Brauen wanderten in die Höhe, wodurch es schien, als würden seine Augen jede Sekunde aus den Höhlen kugeln. "Hab ich was falsch gemacht?"

Das war wohl eine der essentiellen Fragen, die sich jeder stellte, dessen Ticket nur bis zum Zwischenreich galt. "Keine Sorge, Mr. …? Rein als Zeuge, vielleicht haben Sie was mitbekommen, das mir weiterhilft."

"Tedzlav. Dann kommen Sie mal rein." Er trat zurück und winkte mich mit dem verbliebenen Arm ins Wohnzimmer, genau der Raum, den ich von gegenüber gesehen hatte. Auf einer Anrichte und in zwei Regalen standen kleine Dampfmaschinen, ein Esstisch war zur Arbeitsfläche umfunktioniert worden und mit Bauteilen überhäuft. An der Wand über der Anrichte hing ein gerahmtes Diplom für den Abschluss in Ingenieurswissenschaften, aber der Name darauf war nicht der von Tedzlav.

Er wusste nicht so recht wohin mit sich. "Es geht um die Clauberg-Geschichte, nicht wahr?"

"Richtig. Setzen wir uns. Funktionieren die Dinger?" Ich ließ mich in einen miefigen, grünen Sessel fallen, in dem mit Sicherheit jemand gestorben war.

"Natürlich. Ich konstruiere sie alle selbst." Natürlich war hier drüben nichts, ich kannte genügend Leute, die Gegenstände sammelten, die defekt wie sie selbst waren. "Hier, ich zeige es Ihnen." Tedzlav werkelte an einigen Maschinen auf der Anrichte herum und sie fingen nach und nach an zu laufen.

"Nicht schlecht."

Er nickte zufrieden und setzte sich mir gegenüber. "Es ist schwierig, hier etwas aufzubauen. Alles geht früher oder später kaputt. Kaum habe ich eine Dampfmaschine fertig, fällt die vorherige bereits wieder auseinander." Seufzend zog er ein Zahnrad zwischen den Sitzpolstern hervor und betrachtete es.

"Immerhin etwas Konstruktives." Wenn auch kein Hobby, mit dem ich die restliche Ewigkeit verbringen wollte.

"Wie kann ich Ihnen denn helfen? Ich kannte die kleine Clauberg eigentlich gar nicht. Habe sie und die alte Dame von nebenan manchmal auf der Straße gesehen, ein paar Worte mit ihnen gewechselt."

"Was hatten Sie für einen Eindruck von ihr?"

Er dachte angestrengt nach: "Darüber habe ich auch schon gegrübelt, seit ich von der Sache gehört habe. Ich kann es schwer in Worte fassen. Sie wirkte anders als die anderen. Irgendwie sehr freundlich. Nein, eher friedlich. Als würde sie zwar hier sein, sich von diesem ganzen Ort jedoch nicht unterkriegen lassen. Entrückt, aber nicht verklärt. Ich weiß auch nicht … Man spürte es einfach."

In etwa das, was Emma gesagt hatte. "Von dem Fenster aus können Sie zu Ms. Claubergs Wohnung blicken."

Tedzlav sah mich einen Moment lang unsicher an. "Ich habe kaum rüber geschaut, wenn Sie also irgendetwas andeuten wollen …"

"Aber nicht doch." Fühlte er sich bei etwas ertappt? "Meine Frage zielt viel mehr darauf ab, ob Ihnen zum Zeitpunkt des Mordes oder die Tage darum irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen ist. Unüblicher Besuch, jemand der auf dem Friedhof herumlungerte, Licht spät nachts."

"Wissen Sie, die meiste Zeit tüftle ich an meinen Maschinen, auch bis früh in den Morgen. Nach draußen schaue ich nur wenig, warum auch? Gibt doch nie etwas zu sehen."

"Also ist Ihnen nichts aufgefallen?"

"Tut mir leid." Seine Finger hatten unbewusst ein paar Bauteile zusammengesteckt. "Ich würde Ihnen gerne helfen, schon um des Mädchens Willen. Sie hat so etwas nicht verdient."

"In Ordnung." Wir erhoben uns. "Wenn Ihnen doch noch etwas einfällt, rufen Sie mich an." Ich nahm eine meiner Karten und kritzelte eine zweite Nummer darauf. "Wenn Sie mich unter der ersten nicht erreichen, versuchen Sie die andere und hinterlassen Sie eine Nachricht. Ich melde mich dann."

"Mach ich." Tedzlav brachte mich zur Tür.


Von meinem Tisch aus konnte ich den Fluss sehen, wenigstens zwischen zwei Häuserblocks. Eine trübe, graugrüne Brühe auf der ein paar Frachtkähne damit beschäftigt waren, den Wracks auszuweichen. Die Scheibe vor mir hatte einen Sprung in der unteren Ecke, der sich bei jedem Besuch auszuweiten schien. Ansonsten gab es an Veras Diner nichts auszusetzen, der Laden war sauber, die Kundschaft tot, aber zufrieden. Das Mobiliar passte einigermaßen zusammen, sein Stil lag irgendwo zwischen Mutters Küche und neumodischem Restaurant. An den Wänden hingen gerahmte Bilder legendärer Baseballspieler. Mit manchen von ihnen konnte man hier drüben ein paar Bälle schlagen. In der Vitrine neben der Theke standen Karten mit Abbildungen von Kuchen und Salaten, an einem Ständer hingen Zeitungen aus vergangenen Jahren.

Das eigentliche Schmuckstück hier lief mit einer Kaffeekanne in der einen und einem Lappen in der anderen Hand zwischen den Tischen umher und steckte in einer minzgrünen Uniform, knielang, perfekt geschnitten, inklusive weißem Häubchen im kastanienbraunen Haar. Vera. Wenn man es nicht besser wüsste, konnte man glauben, dass sie aus Fleisch und Blut war. Lebendig und nur hier drüben, weil sie auch ein paar Verstorbenen eine Freude machen wollte. Aber da waren die Blutgerinnsel in ihren Augen, die eine andere Geschichte erzählten.

"Kaffee?" Ihre Stimme klang wie jemand, den man schon lange kannte. Und dem man vertraute.

Ich legte die Zeitung zur Seite, die Ausgabe mit dem entführten Lindbergh-Jungen hatte ich schon mehrmals gelesen. Tagesaktuelle Nachrichten waren nicht unbedingt die Stärken des Totenreichs. "Was gibt es dazu?" Ich kam erst seit zwei Wochen hierher, seit ich den Laden durch Zufall entdeckt hatte. Schwer zu sagen, ob er schon länger hier gewesen war, oder erst vor kurzem eröffnet hatte.

"Ich kann den Koch bitten, ein Steak und Bohnen auf einen Teller zu hauen. Oder Sie begnügen sich mit einem Foto von einem Kirschkuchen."

Beides war gleichermaßen reizlos, das Steak vermutlich verdorben und das Pappkärtchen angekaut. "Also nur Kaffee."

"Frage mich ohnehin, was Sie erwartet haben." Sie sah mich direkt an.

"Lassen Sie sich was Nettes einfallen."

Ihr Lächeln entblößte perfekte Zähne. "Ich überlege es mir. Kaffee kommt gleich."

Vera brachte die Tasse ohne ein weiteres Wort, während ich noch mal die Cartoons durchsah. Die waren noch viel weniger lustig als zu Lebzeiten.

Die Glöckchen über dem Eingang rasselten empört, als die Tür aufgestoßen wurde und Joe Feldon hereinmarschierte. Ein 1,90-Typ in der Form eines Wandschranks, dem das Wort Bulle ins Gesicht geschrieben stand. Ich meinte das durchaus wörtlich. Sein Mörder hatte ihm COP in die Stirn geritzt, ehe er ihn tot geprügelt hatte. Möglich, dass Joe als verdeckter Ermittler tätig gewesen war. Zumindest bis ihm jemand auf die Schliche gekommen war. Er verzichtete darauf, den Hut aus der Stirn zu schieben, als er vor mir Platz nahm. Sein brauner Anzug war fleckig, der Mantel sah aus wie etwas, das die Katze angeschleppt hatte. Feldon war durch und durch Bulle, genauso ehrlich, wie er gerade sein musste. Schwer zu wissen, wie er es gerade sein wollte.

"Hallo, Cross."

"Hallo, Feldon."

Vera kam heran, aber ehe sie fragen konnte, hob Joe die Hand: "Zisch ab, Schwester. Ich gebe nichts auf diesen Quatsch von wegen Leben imitieren." Sie schluckte eine Antwort herunter und zog sich zurück.

"Von ein bisschen Freundlichkeit wohl auch nichts."

"Ist nicht die Welt dafür, solltest du wissen." Er sah angewidert auf die Schlagzeilen. Die meiste Zeit widerte ihn alles an. "Warum muss ich mir also das asthmatische Pfeifen aus deinem Loch anhören?"

"Ich wollte einfach mal wieder ein freundliches Gesicht sehen."

"Dann schau genau hin, wird für lange Zeit das einzige dieser Art sein, das du siehst." Zum Glück gab es noch Vera. "Schieß schon los, Cross."

"Hast du irgendetwas mit den Kollegen in Andrew's Field zu tun? Gemeinsame Ausflüge, ein Tänzchen zum Jahresball, geteilte Bestechungsgelder?"

"Kann sein, du weißt doch, dass wir alle eine große, glückliche Bullenfamilie sind. Nur räudige Straßenkinder mögen wir nicht."

"Wenigstens ändert sich bei euch auch nach dem Tod nichts. In Andrew's Field ist ein Mädchen ermordet worden, Jill Clauberg."

Das mürrische Grinsen verschwand von seinen Lippen. "Habe davon gehört. Schlimme Sache." Egal wie zerfressen Joe war, im Grunde seines verkommenen Herzens blieb er ein Cop.

"Hast du irgendetwas darüber?"

"Ist nicht mein Aufgabenbereich."

"Das weiß ich. Kannst du was darüber erfahren? Gibt es Hinweise, ein Motiv?"

"Müsste mit den Jungs vom Morddezernat mal plauschen. Die sind nicht gerade offenherzig. Warum interessiert es dich? Ein Job?"

"Ich muss mich ja auch ein bisschen beschäftigen."

"Lern häkeln, richtet weniger Schaden an."

"Ich werde dir ein paar warme Socken machen, sollte ich damit anfangen."

"Handschuhe, ich habe kalte Hände." Feldon erhob sich.

"Wann kann ich dich anrufen?"

"Gib mir bis morgen Mittag."

"Okay, danke."

Joe schnauzte einen Abschiedsgruß, warf noch einen finsteren Blick durch den Laden und stapfte davon. Ich sah seiner kantigen Gestalt nach, die in Richtung Fluss verschwand.

"Nette Freunde haben Sie." Vera war neben mir aufgetaucht und stellte eine frische Tasse Kaffee auf den Tisch.

"Man nimmt, was man kriegen kann."

"Vielleicht kann man andere Sachen kriegen." Unsere Blicke begegneten sich.

"Was muss man dafür tun?"

"Wenn Sie das fragen müssen, kriegen Sie nichts." Vera wischte mit dem Lappen über die ohnehin saubere Platte.

"Vielleicht frage ich nur der Höflichkeit halber."

Sie zuckte die Schultern und ging zurück hinter die Theke. Die Uniform musste eigens für ihre Körperform geschneidert worden sein.

Tatsächlich wusste ich keine Antwort auf meine Frage, zumindest nicht unmittelbar. Wie hofierte man ein hübsches, totes Mädchen? Mit verwelkten Rosen? Mit ranzigen Pralinen? Mit einem Armband, das eben noch am Gelenk einer Leiche gebaumelt hatte? Das Totenreich war kein Ort der Romantik.

Ich warf einen Schein auf den Tresen, den sie in der alten Registerkasse verschwinden ließ. Auch das gehörte zu den Eigenarten, die ein Lieutenant Feldon verdammte. Niemand hier gab etwas auf Geld, es war wertlos. Zum einen gab es kaum etwas zu kaufen, das von Dauer und wertvoll war. Zum anderen machten die meisten Leute ohnehin ihren Job, egal, ob sie bezahlt wurden oder nicht. Sie hatten ansonsten nichts zu tun, fühlten sich dazu verpflichtet, manche hatten sogar Spaß daran. Ich war da keine Ausnahme, auch wenn ich nicht genau sagen konnte, welcher der drei Punkte mich antrieb.

Draußen zog ich den Hut tief ins Gesicht, schlug den Mantelkragen hoch und trottete los.


Das Amt der Seelen verbreitete seinen bürokratischen Mief mit jedem Schritt, den man durch seine Korridore machte. Reihen von Türen, ratternde Paternoster, noch mehr Türen. Der Marmor unter meinen Schuhen war stumpf und spiegelte schon lange niemanden mehr wieder. Es roch nach Akten, Staub und etwas, das vielleicht die Essenz der Gemächlichkeit war. Selbst die gelegentlichen Löcher in der Fassade konnten die stehende Luft nicht aufwirbeln. Das Gebäude war in irgendeinem Krieg samt und sonders ins Totenreich gebombt worden. Und mit ihm vermutlich ein Heer von Beamten, die auch im Tod nicht daran dachten, ihre Arbeit aufzugeben. Als die Bomben detonierten, hielten sie das wohl für das Schlagen einer Nachbartür.

Das Amt hatte eine mehr oder minder offizielle Funktion und diente als hilfreiche Anlaufstelle für all die gequälten Seelen, die hier drüben strandeten. Aus dem Leben gerissen, orientierungslos und verängstigt, konnten Neubürger hier um Unterstützung bitten. Das Amt kannte leere Wohnungen, Jobs und Therapeuten.

Es gab keine Meldepflicht, niemanden, der kontrollierte, wer kam und ging. Und dementsprechend eine Dunkelziffer von Toten, die nie hier auftauchten, nicht selten ganz bewusst. Meine Chancen, Anna über diesen Apparat ausfindig zu machen, hielten sich also in Grenzen. Aber es war ein Anfang und besser, als anderweitig herumzuschnüffeln. Und mein Draht ins bürokratische Getriebe war auch nicht allzu schlecht.

Ich klopfte an die Tür mit der Nummer 286 und rückte die Krawatte über meinem Einschussloch zurecht.

"Roger Cross! Der Teufel muss zwei weitere Amtsperioden hinter sich haben, seit du das letzte Mal an mich gedacht hast!"

"Solange ist es nun nicht her. Hallo, Norma."

"Aber er hat bestimmt mehr an mich gedacht als du." Sie trat zur Seite und winkte mich in ihr Büro, einem Kasten von vier mal vier Metern, mit einem Schreibtisch, Fensterchen und Aktenschränken. An einer Wand hing eine große Fotografie der Stadt, dieser Stadt. Ein Moloch aus Zerfall und Zerrissenheit, grau und deprimierend. Ich fragte mich immer wieder, wie sie daran gekommen war, denn funktionierende Kameras waren hier eine wirkliche Seltenheit. Überall auf dem Bild hatten Besucher unterschrieben, berühmt oder berüchtigt, allesamt tot. Ein paar der Namen gehörten wirklich großen Leuten. "Jemand Neues dabei?"

"Ein Rennfahrer, zwei Politiker, ein Schauspieler."

Ich tippte auf eine Signatur: "Wusste gar nicht, dass der tot ist."

"Eine Überdosis. Wirklich charmanter Typ. Deine fehlt übrigens noch."

"Ich bin nicht mal eine lokale Berühmtheit, Norma."

Sie schloss die Tür und lehnte dagegen. Einen Kopf kleiner als ich, mit tiefbraunem Haar, zu einem Knoten gebunden und einer dickglasigen Brille. Dazu eine Figur, deren Rundungen einen deutlichen Kontrast zu der Geradlinigkeit des Büros bildeten. Sie trug ein graues Kostüm und hochhakige Schuhe. "Aber berüchtigt." Ihre vollen Lippen schimmerten feucht. "Willst du es bei einer förmlichen Begrüßung belassen?"

Ich warf den Hut auf den Schreibtisch und kam zu ihr herüber. Tatsächlich musste unser letztes Treffen lange her sein, ich konnte mich nicht daran erinnern. Aber es war noch alles da zwischen uns. Ich nahm ihre Brille ab und sie löste das Haar, so dass es in dichten Bahnen über ihre Schultern floss. Unsere Lippen berührten sich und im nächsten Moment schmiegte sich ihr Körper an mich.

Sex war allzu oft nur ein Nachklang der Lebendwelt, an den sich die Toten verzweifelt klammerten, um nicht vor Einsamkeit zu vergehen. Eine Erfüllung fanden sie kaum, selbst die physischen Auswirkungen nährten sich von der Erinnerung. Aber manchmal verband sich etwas, das mehr war als alte Gewohnheiten. Ein Gleichklang, eine Seelenverwandtschaft. Es war keine Liebe, auch kein reines Verlangen, sondern irgendetwas dazwischen. Es gab keinen Namen dafür.

Wir lösten uns voneinander. Zwischen uns beiden war es so. Und es überraschte uns immer wieder.

Norma ordnete ihr Haar, den Blick in die Ferne gerichtet. "Roger Cross … Meine Mutter hat mir von Männern wie dir abgeraten."

"Hör auf deine Mutter."

"Sie schmort in der Hölle, ich habe es in den Akten. Und wer will schon auf seine Mutter hören?" Die wenigsten, daher hatte ich immer wieder was zu tun. Norma nahm in ihrem Drehstuhl Platz, ich reichte ihr die Brille. "Was willst du diesmal?"

"Ich suche ein Mädchen."

Die Bitterkeit in ihrem Lachen war nur gespielt. Hoffte ich jedenfalls. "Das ging ja schnell. Ich glaube, so bin ich selbst zu Lebzeiten nicht abserviert worden."

"Ihr Name ist Anna Clauberg, seit vier oder fünf Jahren tot. Sie hatte eine Schwester, die ebenfalls hier drüben war, Jill. Hatte, weil Jill vor zwei Tagen in die Verdammnis geschickt worden ist."

Norma notierte sich etwas auf einem vergilbten Zettel. "Jill Clauberg können wir aus unseren Akten nehmen?"

"Ja."

"Kannst du noch etwas mehr erzählen?"

"Um ehrlich zu sein, nein. Ich stehe noch völlig am Anfang - Motiv und Täter unklar. Aber womöglich hat ihre Schwester eine Idee."

Sie sah mich an: "Lädst du mich ins Theater ein, wenn ich helfe?"

"Theater?"

"Kino von mir aus."

"Autokino?"

"Fahr zur Hölle, Liebling."

"In Ordnung, Kino."

"Aber kein abgebrannter Pornoschuppen diesmal."

"Du wolltest doch dorthin und fandest es aufregend."

"Da war ich jung. Klassisch ausgehen, verstanden?" Ich nickte und sie griff zu einem antiquierten Telefon. "Norma hier aus 286. Schaut ihr mal bitte, ob wir Akten zu Clauberg, Jill und Clauberg, Anna haben und schickt sie mir hoch? 286, genau. Danke, ich warte." Sie legte den Hörer auf die Gabel zurück.

"Triffst du dich noch mit dem Jungen aus 312?"

Norma winkte ab. "Schon lange nicht mehr. Ich stehe eher auf reifere Männer."

"Der weißhaarige Herr am Empfang, dem der Hinterkopf fehlt …"

"Ich sage dir so viel: du warst nur knapp zweite Wahl."

Ein Rumpeln in der Wand unterbrach unser Gezwitscher und Norma rollte dorthin, um die Rohrpost zu entnehmen. "Glück gehabt, in letzter Zeit neigt das System zu Verstopfungen. Mal sehen, was wir hier haben." Sie öffnete eine der beiden Röhren und entrollte die Papiere darin. "Jill Clauberg, dreiundzwanzig, als sie starb. Ein Autounfall. Wir haben sie damals in Andrew's Field untergebracht, das war vor fünfeinhalb Jahren."

"Da wohnte sie bis Anfang der Woche auch noch."

"Ansonsten keine Vermerke, eine ganz normale Tote. Schauen wir mal bei ihrer Schwester." Norma drehte die zweite Röhre auf und studierte die Formulare. "Anna Clauberg, ebenfalls dreiundzwanzig. Selber Todestag, selber Autounfall. Der Bearbeiter hat einen Vermerk geschrieben: unkooperativ. Laut Eintrag hat sie eine Wohnung im Condolence Resort angenommen."

"Aus dem sie gerade den Vista Resort gemacht haben?"

"So viel ich weiß, haben sie den Schandfleck komplett eingerissen und neu aufgezogen. Vielleicht hat Anna ein neues Apartment bekommen."

"Oder man hat sie in eins der Fundamente eingemauert. Die alten Anwohner haben sich bis zuletzt gegen die Sanierung gewehrt. Ziemlich renitent."

"Das ist eben der Fortschritt. Die Anschrift ist Dolor Road 63. Oder war es zumindest."

"Danke, Norma. Ich muss dir nicht sagen, wie klasse du bist."

"Du darfst es mir dennoch sagen, Roger."

"Du bist klasse." Ich erhob mich und drehte den Hut in den Händen. "Wie sieht es mit nächster Woche Mittwoch aus? Um sieben Uhr?"

Norma lächelte, aber in ihren Augen blitzte es: "Meine Adresse wirst du wohl noch kennen. Versetz mich bloß nicht, Cross."

Ich warf ihr eine Kusshand zu: "Würde mir im Leben nicht einfallen."


Die Stadtväter, Investoren und Bauherren waren mit viel Tamtam daran gegangen, das heruntergekommene Küstenstädtchen Condolence auszuradieren und mit ihrer Vision von morbidem Luxusressort zu ersetzen. Die Anwohner waren mit neunen Wohnungen gelockt oder mit unschönen Mitteln herausgeekelt worden. Der verbliebene Rest setzte sich erbittert zur Wehr, musste sich aber schließlich den geballten Interessen beugen. Während die alten Gebäude abgerissen wurden, tat man bereits an anderer Stelle den ersten Spatenstich - ein direkter U-Bahntunnel von der Stadt ins Vista Resort. Die mächtige Haltestelle mit ihren Säulen und Art Deco-Skulpturen erinnerte an dunklere Zeiten, lag aber nur einen Fußmarsch vom Amt der Seelen entfernt. Obwohl erst ein halbes Jahr alt, verfärbte sich der weiße Stein bereits. Ich nahm die breite Treppe, die Aufzüge waren ohnehin defekt. Die Leute hier unten konnte ich an zwei Händen abzählen, es war so still wie in einer Gruft. Ich setzte mich auf eine Bank, ließ mich von der hohen Decke und der Weite der Station erschlagen und wartete.

Der Zug kam aus der Dunkelheit wie ein hungriges Ungeheuer in der Form einer Patrone. Das Metall war auf Hochglanz poliert, das erleuchtete Innere sah aus wie eine Filmkulisse mit zu wenig Statisten. Es roch seltsam, unangenehm chemisch, und ich fragte mich, wie die Stadt an die Waggons gekommen war, als ich mir einen Platz am Fenster suchte. Vermutlich waren sie in der Lebendwelt giftstoffbelastet eingestampft worden.

Mit einem irrsinnigen Tempo ging es vorwärts, hinein in das finstere Maul des Tunnels. Alle fünfzig Meter flackerte ein Lämpchen an der Betonwand. Es war eine kilometerlange Fahrt, die der Zugführer wohl am liebsten bis zur Hölle durchgezogen hätte, anstatt brachial an den wenigen Haltestellen stoppen zu müssen. Immerhin waren wir so in Bestzeit am Ziel.

Im Vorbeigehen warf ich einen Blick in die Fahrerkabine, in der Erwartung, Clem Sohn am Schaltpult zu sehen. Aber es war nur ein altes Männchen in Uniform, dem der Kopf unnatürlich auf den Schultern saß.

Man hatte ganze Arbeit geleistet, das musste ich den Verantwortlichen zugestehen. Von der altmodischen Küstenstadt mit ihren von Zerfall und Desinteresse gezeichneten Häusern, der melancholisch anmutenden Promenade und dem verwilderten Strand war nichts übrig geblieben. Stattdessen gab es retrofuturistische Apartmenthäuser, einen öffentlichen Park, eine leblose Flaniermeile und einen makellosen, aber leeren Sandstrand. Als Passanten hatte man zombiehafte Rentner, Luxusfrauchen und verwesende Geschäftsleute eingesetzt. Ich konnte unmöglich sagen, ob das Konzept des neuen Ressorts griff. Selbst für einen kurzen Blick ins Lebendreich hätte ich mich nicht hier niedergelassen.

Etwas umständlich fragte ich mich zur ehemaligen Dolor Road durch, scheinbar wollte hier niemand an alte Zeiten erinnert werden. Der Straßenzug hieß nun Harmony Lane und unter der Nummer 63 fand ich ein achtstöckiges Haus, ebenfalls in diesem organischen Design. Man hatte sich sogar die Mühe gemacht Namensschilder anzubringen, aber Clauberg war nicht darunter. Im Hausflur stieß ich auf einen Hausmeister, der seine tödlichen Verbrennungen unter seinem grauen Kittel zu verbergen suchte. Er war freundlich genug, seine Sisyphosarbeit an Renovierungen zu unterbrechen und mir bei einer Kippe zu verraten, dass alle Mieter im Haus neu waren. Eine, auf die Annas Beschreibung passte, kannte er nicht. Aber er gab mir den Tipp, in der Blechstadt nördlich von Vista vorbeizuschauen. Dorthin hatte man alle ehemaligen, widerborstigen Einwohner umgesiedelt.

Ein halbblinder Taxifahrer brachte mich hin und beinahe in die Verdammnis. Die Fahrt über fluchte er wie besessen und verirrte sich mit zwei Reifen immer wieder auf den Bürgersteig. Aber irgendwie kamen wir an und ich verzichtete darauf, ihn warten zu lassen.

Die Blechstadt lag in einer felsigen Bucht, die man von Vista aus nicht einsehen konnte. Vielleicht fünfzig Hütten aus Holz, Plastik und Wellblech, die um das Wasser kauerten wie verängstigte Tiere. Stadt war das falsche Wort, es war mehr ein Slum. Das ganze wirkte trostlos und trotzig, als blieben die Anwohner hier, um das Vorzeigeressort zu verhöhnen. Wobei anzunehmen war, dass dort niemand auch nur einen Gedanken an sie verschwendete. Einige Lagerfeuer brannten zwischen den Hütten und verbreiteten einen seltsamen Gestank. Um sie herum saßen tote Hippies und schauten stoned oder feindselig. Vermutlich sah für sie jeder, der keine Blumenapplikationen auf der Kleidung trug, nach Establishment aus.

Man lotste mich auf die Felsen hinauf zu einem windschiefen Wellblechkonstrukt, vor dem sich Treibgut stapelte, zudem gab es eine grünstichige Plastikbank, eine erloschene Feuerstelle und ein ausgeschlachtetes Motorboot. Ein ziemlich deprimierender Anblick.

Ich klopfte zweimal gegen die Tür, die man aus einem Wohnmobil adaptiert hatte. Keine Reaktion. Stattdessen hörte ich ein leises Scheppern aus Richtung des Bootes und als ich mich dorthin umwandte, kam die Zwillingsschwester dahinter hervor. Sie sah beinahe so aus wie auf den Fotografien, abgesehen von hässlichen Schnittwunden im Gesicht und einer doppelläufigen Schrotflinte im Anschlag. "Verschwinden Sie!"

"Anna Clauberg? Ich würde gerne mit Ihnen reden."

"Ich sagte, hauen Sie ab! Ich rede kein Wort mehr mit euch Leuten." Unvermittelt drückte sie ab und eine Ladung Schrot riss den Boden dicht vor meinen Schuhen auf.

"Hören Sie, Anna, ich bin nicht von der Stadt."

Sie senkte den Lauf. "Sind Sie nicht? Warum sollten Sie ansonsten hier rauskommen?"

"Bin ich nicht. Ich will mit Ihnen über Jill sprechen, Ihre Schwester."

Einen Moment arbeitete es in ihrem entstellten Gesicht, dann verengten sich ihre Augen und sie legte erneut an. Lag eben noch blanke Wut darin, flammte nun Hass darin auf. Ihr Finger krümmte sich um den Abzug.

Ich hechtete hinter den Haufen aus Treibgut, als eine weitere Explosion die Stille und meine Schulter zerriss. Zumindest fühlte es sich so an, als mich ein Teil der Ladung traf, der andere zerfetzte eine Blechtonne, ehe ich dahinter abgetaucht war. Ich rollte herum und presste den Rücken gegen den Müll. Meine Waffe befand sich nach wie vor im Schreibtisch, aber selbst wenn ich sie dabei gehabt hätte, konnte ich kaum auf die Clauberg schießen, wenn ich noch etwas von ihr erfahren wollte. "Anna? Ich will nur mit Ihnen reden. Es ist wichtig!" Ich hörte das Knacken der Flinte, als sie den Lauf aufklappte und riskierte einen Blick. Sie stand noch immer an derselben Stelle und schob neue Patronen nach. "Es geht um Jill, sie ist tot!"

Die Schrotflinte kam wieder nach oben. "Arschloch!" Mir blieb gerade noch genug Zeit, den Kopf einzuziehen. Der Schuss perforierte mehrere Plastikbehälter neben mir.

"Hören Sie, Anna, ich meine wirklich tot! Ich brauche Ihre Hilfe!" Sie antwortete nicht. Meine Schulter schmerzte, aber die Beeinträchtigung ließ bereits nach. Ich konnte es darauf anlegen und versuchen, mich anzuschleichen und sie zu überwältigen, oder aber mich über die Felsen absetzen. Vorsichtig schob ich mich wieder an den Rand und linste zwischen dem Treibgut hindurch. "Anna?" Sie war nicht mehr da.

Zum Fluchen blieb mir keine Zeit, denn im nächsten Moment spürte ich den Lauf der Flinte im Nacken. "Wer sind Sie und was hat das zu bedeuten?" Ihre Stimme war kalt und angespannt, bei der kleinsten Aufregung konnte ich mein Hirn vom Boden kratzen.

"Ich bin Privatdetektiv, mein Name ist Roger Cross, und ich ermittle im Mordfall Ihrer Schwester."

"Was ist mit Jill?" Der Druck verstärkte sich.

"Jemand hat sie umgebracht. Ich meine final, hier im Totenreich."

Plötzlich begann der Lauf zu zittern und ich rechnete schon mit dem Knall. "Ich will nur reden, Anna. Wenn Sie das nicht wollen, gehe ich einfach wieder."

Endlich zog sie das Gewehr zurück und ich drehte mich langsam zu ihr um. In ihrem einstmals hübschen Gesicht zeichneten sich Verwirrung und Bestürzung ab. Das Kleid, das sie trug, sah beinahe so aus wie auf der Fotografie. Sie ließ die Flinte zu Boden gleiten. Selbst für eine Tote wirkte sie blass. "Ich wusste es! Ich habe gespürt, dass sie fort ist."

"Haben Sie?"

Sie hob den Blick und schaute mich an, als würde sie mich zum ersten Mal sehen. "Was ist geschehen?"

"Ich weiß es noch nicht. Irgendjemand hat sie getötet, vor drei Tagen. Ich habe gerade erst angefangen, mir die Sache anzusehen. Es tut mir leid."

"Ich hasse sie. Es tut mir nicht leid." Anna setzte sich mir gegenüber in den Schneidersitz. "Meine Schwester hat die Hölle verdient, ich hoffe, sie schmort darin."

"Nicht anzunehmen. Ihre Seele wurde nicht herausgeholt, sondern zerstört. Womöglich ist Jill in die Verdammnis gestürzt."

"Noch besser."

"Sie hassen sie wirklich."

"Jill hat mich umgebracht! Sie hat mir das angetan!" Mit einer Handbewegung schloss sie ihren Ektoplasmaleib, die Entstellung und das Totenreich mit ein.

"Der Unfall - Ihre Schwester hatte Schuld?"

"Darauf können Sie Ihre Seele wetten. Sie hat uns beide mit ihrem Leichtsinn und Übermut getötet."

"Aber doch nicht mit Absicht. Jill war bestimmt ebenso wenig wie Sie glücklich, hier zu stranden."

"Was wissen Sie schon? Nach ihrem Tod war meine Schwester wie verwandelt. Eine Heilige, die fromme Jill." Anna spuckte die Worte förmlich aus. "Sie verhielt sich wie eine Nonne. Im Leben war sie ein Flittchen, das schwarze Schaf. Hat alles zerstört, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hat den Tod verdient! Aber ich nicht! Ich habe normal gelebt und sie bringt mich um und ich muss mit ihr zusammen hier in dieser abscheulichen Zwischenwelt existieren."

So langsam konnte ich verstehen, weswegen Jill ihre Schwester um Verzeihung bitten wollte. "Sie haben ihr nie vergeben, obwohl sie sich so gewandelt hat?"

"Was denken Sie denn? Jill hätte die Hölle hier durchleben müssen, nicht ich. Stattdessen bestreitet sie ihr vorbildliches Dasein. Zum Kotzen. Als sie gestorben ist, dachte ich schon, sie hätte es geschafft."

"Geschafft?"

"Wäre in den Himmel eingefahren. Was weiß denn ich?"

Ich schüttelte den Kopf. "Das hat sie mit Sicherheit nicht getan. Ich war am Tatort, vom Himmel war dort nichts zu spüren."

Anna zuckte die Schultern. Sie wirkte wie eine der Seelen, die niemals Ruhe finden, jemand, der auf ewig hier bleiben würde. Ich hatte so eine Ahnung, wovon ich sprach. Auch wenn ich sie nicht für schuldig hielt, fragte ich nach: "Sie haben Jill nicht umgebracht?"

"Nein. Selbst wenn ich es gekonnt hätte, ich hätte sie niemals von hier gehen lassen. Nicht einmal in die Verdammnis."

"So wie Sie ihr nie verziehen haben?"

Anna lächelte bitter: "Ist das ein Vorwurf?"

"Eine Feststellung. Jill hat wie eine Heilige gelebt, was annehmen lässt, dass sie vielleicht einen Weg hinaus gefunden hätte. Möglich, dass Ihre Weigerung sie vom letzten Schritt abgehalten hat."

"Und wenn schon, das war zwischen ihr und mir."

"Dem widerspreche ich nicht. Haben Sie eine Idee, wer Ihrer Schwester das angetan haben könnte?"

"Nein, wir kannten uns hier drüben kaum."

"Sie hat Ihnen Briefe geschrieben."

"Ich habe sie nicht gelesen." Anna deutete auf das Wasser hinaus. In der folgenden Stille konnten wir es gegen die Klippen schlagen hören. "Was werden Sie jetzt tun?"

Ich hob meinen Hut auf und klopfte den Schmutz ab. "Weiter schauen. Vielleicht findet sich eine Spur."

"Wegen mir müssen Sie das nicht tun."

"Nicht wegen Ihnen, Anna. Aber zum einen habe ich einen Klienten, der Gewissheit haben möchte, zum anderen sollte niemand ein solches Schicksal erleiden."

"Sie sind selbst ein Heiliger." Ich wusste nicht, ob es als lobendes oder abwertendes Urteil gemeint war.

"Bestimmt nicht, ich mache nur meinen Job. Und Sie, wie geht es für Sie weiter, Anna?"

"Ich habe doch alles, was ich brauche. Ein Haus mit Seeblick, Freunde und einen Schnüffler, der mir zuhört."

"Zumindest letzteren sind Sie nun los." Ich erhob mich und ließ die lädierte Schulter kreisen. Mantel und Hemd konnte ich wegschmeißen, die Wunde selbst würde spätestens übermorgen verschwunden sein. "Machen Sie es gut, Anna." Ich legte meine Visitenkarte auf den Lauf der Schrotflinte. "Wenn Sie etwas wissen wollen, melden Sie sich bei mir."

"Ich weiß alles, danke."

Zum Abschied tippte ich mir an die Hutkrempe und ließ sie mit der Aussicht allein.


Am Mittag des nächsten Tages rief ich vom Diner aus im Polizeipräsidium an und ließ mich zu Feldon durchstellen. Vera bediente mich höflich, verzichtete aber auf ein kleines Schwätzchen. Vielleicht hatte sie tatsächlich Rosen erwartet, jedenfalls wirkte sie verschnupft. Der Lieutenant brauchte eine Ewigkeit, bis er an den Apparat kam, vermutlich schlief er in der Asservatenkammer und die Kollegen mussten erst einen Antrag stellen, um ihn auszulösen. "Feldon hier, was gibt es?" Er klang grob wie eine Gossenprügelei.

"Die Vereinigung für freundliche Umgangsformen möchte einen Termin mit Ihnen vereinbaren."

"Sollen mir am Hobel blasen."

"Ich werde es ausrichten. Hast du was in der Clauberg-Angelegenheit für mich herausgekriegt?"

"Wünschte, ich hätte nie davon gehört, dann könnte ich nachts besser schlafen."

"Joe, du hast das letzte Mal schlecht geschlafen, als du noch in die Hosen gemacht hast."

"Möglich und auch nur, weil mein Alter meine Mutter durch das Wohnzimmer geprügelt hat. Ist merklich besser geworden, als ich es ihm heimgezahlt habe."

"Danke für die kleine Familienhistorie, findest du einen Übergang zum Clauberg-Mord?"

"Drei."

"Drillinge?", fragte ich überrascht.

"Morde, du Rohrkrepierer. Jill Clauberg ist das dritte Todesopfer innerhalb von vier Monaten. Aber alle nicht verwandt, wieso fragst du?"

Ich hatte nicht vor, ihm von Anna zu erzählen, das konnten sie schön selbst herausfinden, wenn sie es wollten. "Ich dachte an eine mögliche Verbindung."

"Überlass das Denken uns, führt ansonsten zu nichts."

"Wen hat es erwischt?"

"Das ist zwar nicht geheim, aber die Fälle werden dennoch nicht an die große Glocke gehängt. Verstanden, Cross? Wir wollen keine Unruhe in der Bevölkerung."

"Natürlich, rück schon raus."

"Der erste Tote war ein Verwaltungsangestellter drüben in Haunted Hill, in diesem Logistiklager an der Hauptstraße. Hieß Theodore Chips, seit sieben Jahren tot. Unscheinbarer Bursche. Führte ein ultra ordentliches Dasein - pünktlich, fleißig, langweilig. Gibt niemanden, der auch nur ein schlechtes Wort über Chips verloren hätte, geschweige denn ihn umbringen wollte. Den armen Kerl hat es im Keller seines kleinen Eigenheims erwischt, beim Zusammenbauen von Flaschenschiffen. Die Nachbarn haben seine Schreie gehört."

"Spuren?"

"Keine. Aber es sah aus wie nach einem Erdbeben. Unsere Leute konnten noch das letzte bisschen Ektoplasma von den Wänden fließen sehen, das war es."

Die Atmosphäre dürfte ähnlich grausig wie in Jills Wohnung gewesen sein. "Und das zweite Opfer?"

"Ein Hungerstreikler. Hat sich wegen irgendeiner gerechten Sache zu Tode gehungert. Jorge Cabezón Alegre, Spanier, gerade mal ein halbes Jahr hier, keine Auffälligkeiten. Lebte in einer Hütte draußen am Lynch Creek, die anderen Spinner dort haben ihn nach ein paar Tagen vermisst und sich in die Hosen geschissen, als sie seine Hütte verwüstet vorfanden."

"Und Jill Clauberg, das brave Mädchen von nebenan. Klingt beinahe wie das Wirken eines Serienmörders."

"Haben ja genügend davon, aber keiner von denen tötet Tote. Ein Psychopath kommt aber durchaus in Frage, ein anderes Motiv fehlt uns noch. Es wurde nichts gestohlen, Feinde gab es nicht und auch ansonsten hatten die Opfer so ziemlich nichts auf dem Kerbholz."

"Besteht irgendein Zusammenhang zwischen ihnen?"

"Wir haben ihn noch nicht gefunden, Spürnase."

"Gemeinsame Freunde oder Aktivitäten?"

"Cross, die Leute waren tot. Du weißt selbst, wie sehr das soziale Leben dadurch verkümmert. Nenn mir nur mal eins deiner Hobbys."

"Floristik."

"Was?!"

"Man lernt Frauen dabei kennen. Hätte ja sein können, dass euch außer der seltsamen Atmosphäre noch etwas aufgefallen ist."

"Wird es schon noch. Halt du nur schön die Füße still."

"Wenn ich etwas herausfinde, lasse ich es euch wissen."

"Das meinte ich nicht mit stillhalten, Roger."

"Danke, Joe. Ich werde dir einen Blumengruß schicken." Ehe Feldon mich erneut auffordern konnte, mich aus der Sache herauszuhalten, legte ich auf.

Drei Tote, ohne erkennbare Verbindung. Joe hatte Recht, der durchschnittliche Totenreicheinwohner verkroch sich mehr oder weniger in seinem einsamen Dasein. Man hatte zu viele Abgründe, in die man blicken musste, als sich auch noch um andere zu kümmern. Aber gerade deshalb musste es möglich sein, eine Gemeinsamkeit zu finden. Und irgendetwas bezüglich der anderen Mordopfer summte mir durch den Schädel, ich konnte nur nicht den Finger darauf legen. Ich versuchte die Sachen zu sortieren, die ich von Feldon, Anna Clauberg, Emma Schiffl und Nachbar Tedzlav erfahren hatte. Wer würde drei so friedliche, harmlose Tote in die Verdammnis schicken, und warum?

"Von der neuen Flamme versetzt worden?" Vera riss mich aus meiner Grübelei. Sie stand neben mir, die Kaffeekanne in der Hand. Ich schaute sie verständnislos an. "Na, wegen der Blumen. Floristik."

"Ach, das … Die waren für den Lieutenant, der grobschlächtige Kerl, den Sie nicht mögen."

"Ich weiß, wen Sie meinen. Dem Blumen zu schenken ist Perlen vor die Säue geworfen. Die gebühren einer Frau. Sie sind mir ein komischer Heiliger." Mit einem aufreizenden Hüftschwung wandte sie sich ab. Immerhin hatte sie mir nicht den heißen Kaffee ins Gesicht geschüttet.

Ihre Worte gingen mir durch den Kopf und plötzlich hatte ich einen Zusammenhang. Dünn zwar, aber er war da. Und mit Blumen hatte er rein gar nichts zu tun.


Paradise View war eines der Viertel, die in jeder Hochglanzbroschüre auftauchen sollten. Wenn die Stadt Werbung für etwas machen wollte, das unwahrscheinlich war. Der Hügel auf dem es lag, war zwar nicht mal ansatzweise hoch genug, um dem Himmel nahe zu sein, aber diesen Mangel glich man durch Prunk und Protz aus. Auf der einen Seite überblickte man das verbrannte Land, was durchaus seinen Reiz hatte. Auf der anderen das Vorortchen Rotten, was gar keinen besaß. Am besten aber schaute man einfach nach oben zum Himmel. Oder man vertrieb sich die Zeit in den wuchtigen Luxusvillen und parkähnlichen Gärten. Das fiel nicht schwer, denn hier war alles picobello - eine Heerschar von unterbezahlten Arbeitern war im Hintergrund damit beschäftigt, jeden auftretenden Mangel zu beheben. Sie waren rund um die Uhr im Einsatz und mussten dabei noch aufpassen, mit ihren Unterschichtsvisagen nicht das paradiesische Bild zu stören. Eine handvoll prächtiger Gotteshäuser täuschten die Nähe zur Obrigkeit vor. Eigentliches Herz des Viertels war jedoch ein modernes, flaches Gebäude mit einer weitläufigen Rasenfläche und hohen Mauern darum herum. Alles an dem Haus aus Glas und Beton war so klar, dass es schien, als hätte es jemand aus einer besonders scharfen Fotografie ausgeschnitten und in eine verwackelte Aufnahme montiert. Dementsprechend kam ich mir ziemlich schäbig vor, als ich meinen Wagen am Bordstein parkte. Und noch schäbiger, als ich ausstieg und zum Eingangstor hinüberging. Die Metallplatte daneben war unauffällig: Büro der Erleuchtung, Aurora Drive. Darunter ein Klingelknopf samt Gegensprechanlage. Ich drückte darauf. Durch das Tor konnte ich die Auffahrt hinauf sehen. Selbst das Gras sah hier beinahe grün aus. Vielleicht musste es einer der Arbeiter anmalen. Zwischen den gusseisernen Stangen waren Sonnensymbole eingelassen.

Eine freundliche Frauenstimme, kaum durch das Knistern verzerrt, fragte: "Büro der Erleuchtung, wie können wir Ihnen helfen?" Selbst über den Lautsprecher verursachte ihre Stimme Gänsehaut - auch bei einem Toten.

"Roger Cross, ich würde gerne mit Mr. Joubert sprechen."

"Haben Sie einen Termin, Mr. Cross?"

"Nein, aber wir sind alte Freunde. Er wird mich schon empfangen."

"Da muss ich Rücksprache halten. Bitte einen Moment Geduld."

Ich musste nicht lange warten, dann sah ich ein weißes Golfwägelchen den Kiesweg hinabrollen. Das Stoffdach wippte fröhlich im Wind. Mit einem Summen öffnete sich eine Hälfte des Gittertores und ich trat ein.

Der Chef persönlich saß hinter dem Steuer, schwarz wie die Nacht gegen das Beige seines Anzuges und die weißen Sitzbezüge. Er zeigte ein breites Grinsen samt makellosen Zähnen und streckte mir die Hand hin, als ich mich neben ihn setzte. "Hallo, Roger. Lange nicht gesehen. Hatte schon befürchtet, die Konkurrenz hätte dich geholt." Er wendete und wir fuhren zum Haus hinauf, während sich das Tor wieder schloss.

"Seit der Delano-Sache mache ich einen Bogen um die Jungs. Wie laufen die Geschäfte, Malcom?"

Er spreizte die Finger, an einem davon prangte ein dicker Diamantring. "So lala, ging schon mal besser. Sind orientierungslose Zeiten, den Leuten fällt es schwer, einer Vision zu folgen. Aber so viel ich weiß, geht es der Gegenseite auch nicht besser." So dicht neben ihm, konnte ich deutlich spüren, dass Malcom nicht tot war. Er hatte seine Aura nicht verschleiert, hier auf seinem Territorium bestand dazu auch kein Grund. "Noch immer im Ermittlungssektor tätig?"

"Ich tauge zu nichts anderem."

"Zum Priester, wenn du mich fragst."

"Meine Religion muss erst noch erfunden werden."

Malcom lachte, ein vibrierender, lebendiger Ton. "Glaub mir, das spielt nur eine untergeordnete Rolle. Ich weiß, wovon ich rede."

Wir hielten neben dem Haupteingang. Wieder das Sonnensymbol im Fenster über der Tür. Die Architektur war wuchtig, jede Linie hart und scharf und von Zerfall keine Spur. Wir traten in die kleine Eingangshalle und ich kniff die Augen zusammen. Das Licht fiel so gleißend durch die Oberlichter, dass die lederne Sitzgruppe samt Glastisch und die Rezeption daneben wie sphärische Projektionen wirkten. Den Boden hatte man dermaßen glatt poliert, dass ich bei jedem Schritt befürchtete, Wellen darin zu schlagen. Oder einzusinken. Die Luft war kalt und schmeckte steril wie in einem Krankenhaus.

Ich zwinkerte den Schmerz weg, wich vom Besucherweg ab und der blendende Effekt ließ nach. Malcom machte die Helligkeit nichts aus, vielmehr schien er mit seinem Anzug Teil davon zu sein.

Die Frau an der Rezeption sah zu uns herüber, ihr Blick ebenso hart wie die Architektur. Das blonde Haar war streng nach hinten gebunden, ihre Haut leuchtete kräftig und makellos. Wie auch ihr Chef strahlte sie diese beinahe sengende Lebendigkeit aus. Ihr Vorname war Ruth, den Rest hatte ich vergessen, und seit ich das letzte Mal hier gewesen war, hatte sich keine Haarsträhne an ihr verändert. Alles saß nach wie vor perfekt. Sie musterte mich einen Moment mit einem milden Lächeln, bis sie sich an mich erinnerte, und die Milde verpuffte im Licht. Ich war kein Kunde.

"Komm durch, Roger, kein Grund, in der Lobby zu bleiben."

Ich erwiderte das Lächeln mit der mir gegebenen Professionalität. "Keinen, ja." Wir gingen aus der Halle in einen Flur, der ebenso scharf geschnitten war wie der Rest hier. Man konnte Zustände davon bekommen. Oder sich die Pulsadern daran aufschneiden. Sein Büro war das letzte von fünf und Malcom öffnete es mit einer Art Visitenkarte aus reinem Diamant. Es war ein weitläufiger Raum mit hohen Fenstern, die den gleichen Blendeffekt verursachten. Im gleißenden Licht stand der Chromschreibtisch samt Chefsessel, es gab eine Stahltür ins Nebenzimmer und vor den Wänden große und kleine Glasvitrinen. Malcom war so freundlich, die Jalousien herabzulassen, ehe er sich in seinen Sessel gleiten ließ. "Nimm Platz."

Ich kam seiner Bitte nicht sofort nach, sondern besah mir stattdessen die ausgestellten Stücke. Es waren vielleicht fünfzehn, in ihrer Form vertraut, in ihrer Art jedoch völlig fremd. Ein antiker Brustpanzer, eine Schreibfeder mit Rubingriff, etliche Münzen unbekannter Prägung, ein gezackter Dolch, ein Spiegel mit zersprungenem Glas. Antiquitäten, an deren Struktur jedoch irgendetwas falsch und beunruhigend war. Über das Metall lief ein abstoßendes Flimmern, im Edelstein glomm ein fernes Licht, das Bild des Spiegels war verraucht. Ich war hin und her gerissen, die Hand danach auszustrecken und gleichzeitig zurückzuweichen. "Du hast aufgestockt - die Rüstung ist neu." Es fiel mir schwer, den Blick davon zu nehmen.

"Teil einer Prunkrüstung, innen hat Blut das Metall verätzt."

"Und die Feder."

"Am Kiel klebt ebenfalls noch Blut, wäre interessant zu wissen, wer damit unterschrieben hat."

"Ich verstehe nicht, wie du so etwas sammeln kannst. Gerade du, und dann auch noch das Zeug im selben Raum ausstellst."

"Du kennst doch die Weisheit von wegen kenne deine Feinde. Ich würde nicht zu nahe herangehen, Roger. Nimm es nicht persönlich, aber ihr Toten seid zu schwach. Die bloße Berührung würde dir Höllenqualen bereiten."

Widerwillig nahm ich die Hand vom Glas über dem Spiegel. "Braucht wohl jeder sein Hobby." Ich wollte ohnehin nicht wirklich wissen, was darin zu sehen war. Der Besuchersessel war bequem, den Hut balancierte ich auf der Lehne.

Malcoms Hand schob die diamantene Karte auf der Schreibtischplatte hin und her. Das Licht fing sich in einem unirdischen Glitzern darin. Er grinste breit: "Ich habe noch eine davon in meinem Schreibtisch, mit deinem Namen darauf."

"Natürlich." Er wollte mich aufziehen.

"Wirklich wahr."

"Zeig sie mir."

Seine nachtschwarze Hand legte sich über die Karte. "Das kann ich erst, wenn du sie wirklich annehmen willst."

"Vergiss es."

"Sei kein Narr, Roger. Eine Diamantkarte - sie öffnet dir die Tür."

"Wohin? Zu meinem eigenen Wölkchen samt Harfe?"

"Du bist mehr der Saxophon-Typ. Was dich erwartet, kann ich dir nicht erzählen, das weißt du."

"Und du weißt, dass ich nichts aus fragwürdigen Quellen annehme, weder von euch", ich deutete auf die Vitrinen, "noch von eurer Konkurrenz."

Er ließ die Karte in der Innentasche verschwinden. "Bedauerlich. Wie kann ich dir ansonsten behilflich sein? Ein reiner Höflichkeitsbesuch wird das wohl kaum sein. Ist die Auftragslage so überschaubar, dass du bei uns nach ein wenig Arbeit fragst?"

Vor einigen Jahren hatte ich für Malcom und sein Team ein paar Jobs erledigt. Einfache Personensuchen, nichts Spektakuläres. Damals war das Büro einer Reorganisation unterzogen worden, die genauen Gründe dafür wurden nie bekannt. Einige Mitarbeiter mussten gehen, neue kamen. Der Konkurrenzkampf auf der Straße war damals offen und hart, trotz Umstrukturierung musste die Arbeit weitergehen. Malcom, ganz Geschäftsmann, besorgte sich Hilfe von extern - mich. Tatsächlich stöberte ich sieben von acht der Toten auf, die auf meiner Liste standen, nur einer blieb verschwunden. Das Büro war zufrieden und konnte seine Mitarbeiter losschicken, um die Gefundenen als Kunden zu gewinnen. Was wirklich daraus wurde, ging mich schon nichts mehr an. In der Zeit hatte ich ein bisschen was über die Strukturen hier erfahren, vermutlich mehr als die meisten anderen dort draußen.

"Nein, ich habe einen Auftrag und bin an einer interessanten Sache dran. Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich dir gerne ein paar Namen nennen und sehen, ob du damit etwas anfangen kannst."

Er sah mich ohne große Neugier an, nickte aber: "Lass mal hören."

"Es sind drei - Theodore Chips, Jorge Cabezón Alegre und Jill Clauberg."

Seiner Miene war nicht abzulesen, ob ich getroffen hatte, doch er würde sich auch in tausend Jahren nichts anmerken lassen. "Alegre?"

"Genau."

"Warte einen Moment, Roger, ich bin gleich wieder da." Malcom erhob sich und ging aus dem Raum. Ich blieb allein mit den Artefakten im Nacken. Auch wenn ich versuchte, mich auf den Fall zu konzentrieren, spürte ich ihre Präsenz. Fast war es, als läge ein Flüstern in der Luft. Eine vage vertraute Stimme, die Versprechungen machte, die ich noch nicht ganz verstand. Zumindest solange ich mich nicht umdrehte. Was wohl jemand wie Malcom hören musste, für den es keine Versprechen und Träume gab? Vielleicht vernahm er gar nichts oder die Einflüsterungen amüsierten ihn.

Es dauerte nicht lange, da wurde die Stahltür von der Innenseite aus geöffnet und er kam heraus, hinter ihm sah ich kurz eine weitere Mitarbeiterin, dann schloss er das Archiv auch schon wieder. In der Hand hielt er drei Akten, die er auf den Tisch fallen ließ, als er Platz nahm. Statt Namen waren nur Zahlencodes auf die Ordner geklebt, aber ich wusste dennoch, zu wem sie gehörten.

"Woher hast du diese Namen?" In seinem Ton lag etwas Forderndes, auch wenn er nach außen entspannt wirkte.

"Sie stehen auf eurer Liste, nicht wahr?"

"Woher hast du sie? Diese Informationen sind streng vertraulich!"

Es machte wenig Sinn, ihn im Unklaren zu lassen. Wie es aussah, brauchte ich seine Unterstützung, also erzählte ich ihm in knappen Worten von Jills Tod und dem der beiden anderen. Emma, die Fotos und Anna erwähnte ich nicht.

Malcom hörte zu, ohne Fragen zu stellen, dann dachte er einige Zeit nach. "Warum kommst du gerade zu uns?" Es war schwierig, etwas aus seinem maskenhaften Gesicht abzulesen. Womöglich war es auch nur eine Maske, um unter den Toten nicht weiter aufzufallen. Trotzdem … er wirkte beunruhigt.

"Alle drei führten einen Lebensstil, der förmlich danach schrie, die Aufmerksamkeit des Büros auf sich zu ziehen. Auf ihre Art im Frieden mit sich und dem Totenreich, bereit, den Weg weiterzugehen. Gegebenenfalls euren Weg." Worin auch immer der bestand. Ich hatte nie wirklich erfahren können, was das Büro mit seinen Klienten anfing. Die meisten kamen hierher, besuchten Seminare, führten Gespräche mit den Mitarbeitern, ließen sich erleuchten, um dann … zu verschwinden. Ins Paradies oder wohin auch immer. Niemand redete darüber. Niemand kehrte hierher zurück. "Deshalb habe ich gemutmaßt, dass es zwischen den Opfern eine Verbindung gibt - euch. Und wie gesagt, es würde mich nicht überraschen, wenn sie auf eurer Liste stehen."

"Dann sei nicht überrascht. Roger, diese Information ist absolut vertraulich, verstanden? Niemand außerhalb dieses Gebäudes weiß, wen wir in unserer Kartei führen. Nicht einmal jeder Mitarbeiter besitzt Einblick in die komplette Auflistung."

"In Ordnung."

"Alle drei waren Klienten von uns und befanden sich auf einem sehr guten Weg. Ihr Tod ist ein großer Verlust für uns."

"Wann habt ihr sie zuletzt gesehen?"

Er blätterte in den Akten. "Clauberg und Alegre waren zu einem Seminar hier, aber das liegt eine Weile zurück … vier Wochen. Chips hatte um diese Zeit Besuch von einem unserer Außendienstler."

"Irgendetwas Auffälliges?"

"Nichts, wie gesagt sah es für alle drei gut aus." Malcom beugte sich vor: "Was weißt du darüber, Roger? Wer steckt dahinter?"

"Ich weiß es nicht, Malcom. Meine Ermittlungen stehen noch ganz am Anfang."

"Meinst du, es war die Konkurrenz?"

Ich spreizte die Finger: "Die Frage ist erst einmal, warum gerade diese drei? Sie haben eine Gemeinsamkeit, okay, aber woher wusste der Mörder davon? Reiner Zufall? Reicht das überhaupt als Mordmotiv?"

Er lehnte sich weit zurück und schaute in die blendende Helligkeit zwischen den Lamellen der Jalousie. "Angenommen, es war die Konkurrenz, dann wäre es mit Sicherheit ein Motiv. Die Leute waren nicht weit davon entfernt, zu uns zu kommen."

"Aber dreht sich das Spiel nicht vielmehr darum, potentielle Kunden zur Umkehr zu bewegen, sie davon zu überzeugen, den anderen Weg einzuschlagen?"

"Wie ich dir schon sagte, die Zeiten ändern sich. Möglich ist alles."

Ich beließ es vorerst dabei. Was die Verbrechen anging, konnten sie auch von einem Psychopathen begangen worden sein. Auf die andere Frage würde Malcom nicht ganz so bereitwillig antworten: "Wie könnte der Killer eure Klienten ausfindig gemacht haben?"

Seine kräftigen Hände falteten sich zusammen und ich fragte mich einen Moment, ob die Mitarbeiter des Büros beteten. "Mit dem nötigen Gespür, wie wir sie manchmal auch finden. Aber zumeist kommen die Leute zu uns. Vielleicht ist ihnen jemand gefolgt, oder einem unserer Außendienstler, auch wenn ich letzteres beinahe ausschließe."

"Was bleibt dann noch?"

Er bleckte die Zähne: "Du gibst nicht auf. Sag es mir."

"Jemand könnte Einsicht in die Listen genommen haben."

"Unmöglich."

"Oder entsprechende Hinweise bekommen haben."

"Ungeheuerlich, Roger. Du weißt, was du unterstellst?"

Ich zuckte die Schultern. Roger Cross war tot, das war schon ungeheuerlich genug. "Eine undichte Stelle."

Malcom fuhr blitzschnell herum, seine Fäuste krachten so heftig auf den Schreibtisch, dass es ein knirschendes Geräusch verursachte. "Du sprichst von Korruption! In meinem Büro! Im Büro der Erleuchtung!" Plötzlich schien sich das Licht zu einer grellen Linie um ihn herum zusammenzuziehen. Seine lebende Präsenz wurde schier unerträglich. Das Loch in meiner Brust begann zu brennen, aber ich biss die Zähne zusammen und blieb unbeweglich.

Einen Moment später hatte Malcom sich wieder völlig unter Kontrolle. Womöglich hatte er diese nicht eine Sekunde verloren, sondern wollte mich nur in die Schranken weisen. Langsam sank er in seinen Sessel zurück. "Nur du bist kaputt genug, um so etwas auszusprechen."

"Einer muss es ja tun."

Das Lächeln kehrte zurück, aber es blieb kalt. "Vielleicht gut, dass du nicht aus dem Totenreich fort willst. Leute wie du können selbst das Paradies beflecken."

Ich überging das Lob. "Was meinst du also, Malcom?"

Er schüttelte den Kopf: "Es gibt nur die Leute, die unsere komplette Liste kennen. Keiner von denen kommt in Frage."

"Was ist mit einem Außendienstler?"

"Die Klienten gehörten zu unterschiedlichen Kollegen."

"Kann ich mit Jills sprechen?"

"Ich werde sehen, was ich tun kann, aber ich bezweifle, dass es dir hilft."

"Schaden kann es auch nicht."

"Wer weiß das schon. Ich werde ihn zu dir in die Agentur schicken, morgen Vormittag."

"Danke."

"Erwarte nicht zu viel, Jill Clauberg brauchte wenig Betreuung."

"Und von den dreien, die die Liste …"

Malcom winkte ab: "Über jeden Zweifel erhaben. Bitte, Roger, du verstehst zu wenig von dem, was wir sind, um Mutmaßungen über uns anzustellen."

"Ist die Wahrheit nicht für alle gleich?" Ich erwartete keine Antwort darauf und bekam auch keine.

"Wenn du mich fragst, war es jemand von der Gegenseite. Nur kann ich dir in dieser Richtung gar nicht weiterhelfen. Oder du hast es mit einem Irren zu tun."

"Was ist, wenn Jill nicht das letzte Opfer war?"

Malcom sah mich durchdringend an: "Immer der Schwarzseher. Ich werde die Außendienstler anhalten, häufiger nach unseren Klienten zu schauen und jede Auffälligkeit sofort an mich weiterzugeben."

"Danke. Wenn dir noch etwas einfällt, du weißt, wo du mich finden kannst." Ich stand auf, mit den Gedanken schon beim nächsten Schritt.

"Natürlich. Du findest allein raus? Ich will mich gleich um diese Sache kümmern."

Wir schüttelten uns zum Abschied die Hand und auch wenn er seine Aura heruntergeschraubt hatte, prickelte meine Haut noch eine Weile danach.

In der Lobby standen die Frau aus dem Archiv und die Rezeptionistin Ruth beieinander und musterten mich mit ihren harten Blicken, als wäre ich nur ein elender Klinkenputzer. Sie bewegten zwar kaum die Lippen, aber ich war sicher, dass sie über mich redeten. Vielleicht hatten sie an der Tür zu Malcoms Büro gelauscht.

Ich war heilfroh, als ich all die Antisepsis und Helligkeit hinter mir ließ. Mein nächster Programmpunkt würde das genaue Gegenteil davon sein.


Sea View - obwohl es der Name suggerierte, gab es hier weit und breit kein Meer, sondern nur aschgraue Klippen und unzählige, abstoßende Teergruben. Vielleicht hatte man in der Lebendwelt von der Terrasse neben dem altehrwürdigen Gebäude einen erholsamen Ausblick auf das Meer gehabt. Jetzt war das Panorama so trostlos wie ein Blick in mein Auftragsbuch. Die Metallstühle waren verwaist und sämtliches Laub der abgestorbenen Bäume lag auf den Steinplatten und dem kränklichen Gras. Den Pavillon im parkähnlichen Garten hatte ein Blitzschlag zerstört und die verkohlten Überreste mahnten an die Mächte von oben. Die halbhohe Mauer, an der ich entlang ging, bröckelte vor sich hin, die Gitterstäbe waren verrostet. Das verschnörkelte Eingangstor quietschte erbärmlich und ließ sich nicht mehr komplett schließen. Ich wanderte den Weg entlang, darauf bedacht, mir nicht die Füße auf dem unebenen Pflaster zu brechen. Es war wie ausgestorben, niemand war im Garten unterwegs, vermutlich gab es keinen Freigang.

Das Haus selbst war ein weitläufiges Backsteinmonument mit drei Flügeln und einer Menge vergitterter Fenster. An mehreren Stellen hatte man an- und umgebaut, ganze Wandteile waren aus hellerem Stein. Das Dach des südlichen Traktes war großteils eingebrochen und mit völlig anderen Schindeln neu gedeckt worden. Der Wind trug diese entnervende Mischung aus Flüstern, Klagen und irrem Kichern in sich. Hinter einigen Fenstern glaubte ich fahle Gesichter zu sehen, die meine Ankunft beobachteten. Ich zog den Hut tiefer in die Stirn.

Die doppelflüglige Eingangstür war nicht abgeschlossen und gerade als ich sie öffnen wollte, trat ein Mann heraus. Dünn wie ein Brecheisen, mit ebenso harten Gesichtszügen. Er lächelte zurückhaltend und ließ mich mit einem gemurmelten Gruß vorbei. Sein grauer Anzug schlotterte an ihm wie eine Trauerweide, die Schiebermütze wurde nur von den Ohren gehalten. Aber er schritt beschwingt aus und schwenkte einen zerkratzten Vertreterkoffer dabei. Ich sah ihm nach, bis er die Einfahrt hinunter verschwunden war. Er konnte ein Handelsreisender oder ein Serienmörder sein. Der Geruch von Seife und Bittermandeln, den er hinterließ, ließ mich befürchten, dass er beides war.

"Kann ich Ihnen helfen?" Die Stimme ließ mich zusammenzucken, obwohl dazu wirklich kein Grund bestand, denn sie gehörte einer kleinen, blutleeren, aber niedlichen Krankenschwester. Ihre weißen Uniformärmel kaschierten die Bandagen um ihre Handgelenke nur schlecht.

"Ich war in Gedanken. Der Mann da gerade kam mir vage vertraut vor."

Sie musterte mich aus klaren Augen: "Sind Sie ein Opfer?"

"Vermutlich nicht seins, es sei denn, er benutzt 9mm-Patronen als Arbeitsmittel."

"Chloroform und eine Garotte."

"Kein Gift? Ich dachte wegen der Bittermandeln."

"Selbstmord."

"Ich verzichte auf die weitere Bekanntschaft. Mein Name ist Roger Cross, ich würde gerne den Doktor sprechen."

"Als Patient?"

"Rein beruflich." Ich reichte ihr eine meiner Visitenkarten.

"Wenn es um einen seiner Patienten geht, wird er nicht mit Ihnen sprechen wollen." Sie steckte die Karte langsam in die Tasche über ihrer Brust.

"Wird er, wir sind alte Geschäftspartner." In der Tat war der gute Doktor mir äußerst dankbar, seit ich ihm einen aufdringlichen Patienten vom Hals geschafft hatte. Normalerweise fiel er nicht ins Raster seiner Gäste, aber in diesem Fall hatte es sich ein junger Psychopath in den Kopf gesetzt, dem guten Mann das Unleben zur Hölle zu machen. Zumindest, bis ich seinen Blickwinkel wieder etwas gerade gerückt hatte.

"Dann kommen Sie mal mit, Herr Privatdetektiv."

"Gerne, Fräulein Krankenschwester." Ich folgte ihr über schwarzweiße Karofliesen, vorbei an schweren Holztüren, hinter denen Versammlungsräume und ein Vorlesungssaal lagen. Über jeder Tür war ein steinernes Gesicht angebracht, das an eine griechische Gottheit erinnerte. Es roch seltsam, nach Äther und Seeluft.

Auf einer Bank lag eine dicke Frau im Blümchenkleid, die mit verdrehten Augen an die Decke starrte, ob sie Täterin oder Opfer war, konnte ich nicht erraten. Es gab von beiden zu viele hier drüben. Etliche von ihnen zog es ins Sea View, nicht so sehr zur Behandlung, sondern weil sie schon einmal in einem Krankenhaus, einer Anstalt oder Gefängniszelle Zeit verbracht hatten. Oder dort gestorben waren. Sein Besitzer enthielt sich jeglicher moralischer Beurteilung und hatte für jeden ein Zimmerchen.

Statt vor seinem Büro hielten wir vor einer Zelle, neben der ein Riese von Krankenpfleger stand.

"Sag dem Boss, dass hier ein Privatdetektiv namens Roger Cross ist."

"Hallo, Lenny." Ich nickte dem narbengesichtigen Hünen zu.

"Hi, Cross." Er war kurz angebunden, aber ganz in Ordnung und dem Doktor gegenüber loyal. Ich hatte ihm den Job als Leibwächter und Pfleger während der Sache mit dem Psychopathen beschafft und er war geblieben. Musste die entspannte Arbeitsatmosphäre an diesem Ort sein.

Die kleine Krankenschwester schaute beleidigt zwischen uns beiden hin und her, als Lenny die Tür aufzog und den Kopf in die Zelle steckte. Ich war nicht mehr ihr ganz privater Freund. "Boss, hier ist Besuch für Sie. Roger Cross, Sie wissen schon."

Eine kleine Weile später kam der Doktor heraus. Ich erhaschte einen Blick auf einen kleinen Raum, dessen Wände jemand über und über mit den Worten Das Fleisch gefallener Engel beschmiert hatte. Der Urheber saß zusammengekauert in einer Ecke und war im Halbdunkel nicht zu erkennen.

"Mr. Cross, was für ein unerwartetes Vergnügen." Er sprach mit osteuropäischem Akzent, der tief aus seinem runden Bauch aufstieg. Von der gleichen Form waren auch sein kahler Kopf, die starke Nickelbrille und die Finger seine Hand, die ich schüttelte. Auf dem weißen Kittel fanden sich ein paar karmesinrote Spritzer.

"Dr. Fleischer, schön Sie weiterhin bei der Arbeit zu sehen."

Er lächelte geschmeichelt und schickte die Krankenschwester mit einem Nicken fort: "Danke, Milli. Kommen Sie in mein Büro, Cross." Wir gingen den Korridor entlang, während Lenard die Zellentür schloss, aber nicht verriegelte und uns in kurzem Abstand folgte.

"Wie geht es Ihnen? Noch immer im gleichen Sektor tätig?"

"Wir können es beide nicht lassen, was?"

Fleischer klopfte sich auf den tonnenförmigen Bauch. "Schuster, bleib bei deinen Leisten. Arzt, bleib bei deinen Patienten." Der Doktor war wirklich eine treue Seele, obwohl ihn einer seiner Patienten ins Jenseits befördert hatte. Mit einer Bohrmaschine. Die Wunden davon trug Fleischer an Schläfe, Hals und Bauch.

Er stieß die Tür zu seinem Allerheiligsten auf, das so frisch daher kam wie Sigmund Freuds Arbeitszimmer. Die Einrichtung stammte aus der gleichen Zeit. "Setzen Sie sich. Oder wollen Sie sich lieber hinlegen? Ich habe Ihnen damals versprochen, Sie jederzeit zu behandeln, wenn Sie es wollen."

"Mir ist nicht zu helfen." Ich nahm den geschnitzten Stuhl. "Wenigstens nicht in dieser Richtung."

"Das Angebot bleibt natürlich weiterhin erhalten." Er ließ sich schwer in einen protestierenden Ledersessel fallen.

"Sie können mir auf andere Weise behilflich sein."

"Gerne doch. Darf ich Ihnen einen Brandy anbieten?" Er zog einen hölzernen Globus heran, klappte ihn auf und entnahm eine Karaffe samt zwei Gläsern, die er zur Hälfte füllte. "Es geht doch nichts über kleine Gewohnheiten, nicht wahr? Die halten uns davon ab, verrückt zu werden." Wir stießen an. Im Augenblick des vorgetäuschten Trinkens drangen wieder das Flüstern und Klagen durch das geöffnete Fenster. Der gute Doktor musste viele Gläschen füllen, um nicht den Verstand zu verlieren.

Mein Blick schweifte über die Fotografien an den Wänden - Fleischer hatte die Konterfeis berüchtigter Serienmörder gerahmt. Aufnahmen aus der Verbrecherkartei, Phantombilder, unscharfe Zeitungsausschnitte. Ich hatte ihn nie gefragt, ob es sich dabei um reine Sammelleidenschaft handelte, oder um Patienten. "Ich bin gerade an einem Fall dran, der womöglich in Ihrem Spezialgebiet liegt."

Er rieb sich zwar nicht die Hände, aber seine runden Äuglein fingen an zu strahlen. "Nur heraus damit!" Sein Akzent trat deutlicher hervor, wenn er von etwas angetan oder beunruhigt war. Bei unserer ersten Begegnung hatte ich Mühe, überhaupt ein Wort zu verstehen.

"Die Details sind vertraulich, Doktor. Drei Tote wurden ermordet. Und ich meine ermordet. Ihre Seele unwiederbringlich verloren. Dabei wurden sie auf bestialische Weise umgebracht, förmlich zerrissen."

Er schob sich die Brille auf der Nase zurecht: "Irgendwelche Hinweise?"

"Eine mögliche Verbindung zwischen den Opfern besteht, sie alle führten ein, auf ihre Art, geläutertes Dasein."

"Sie meinen eine Existenz reinen Herzens?"

"So weit würde ich hier drüben nicht gehen, aber so ungefähr."

"Ich hatte mal einen Patienten - ich darf keine Namen nennen, aber Sie würden ihn kennen, der war in der Lebendwelt ein wirklich problematischer Fall. Nach seinem Ableben aber war er wie ausgewechselt, wirklich verblüffend. Wir haben einige Gespräche geführt, aber er hatte keinerlei Bedarf nach Führung oder Hilfe."

"Ich suche eher das Gegenteil, jemanden, der sich nach seinem Tod nicht sonderlich gewandelt hat."

"Wir haben ein paar davon hier. Doch nach meiner Einschätzung ist keiner davon zu dem fähig, was Sie beschrieben haben. Wenn sie töten, dann ist es ein quasi symbolischer Akt. Hier sind doch bereits alle tot."

Fleischer untertrieb maßlos - nicht umsonst hielt sich hartnäckig das Gerücht, unter dem Sanatorium gäbe es einen direkten Abstieg zur Hölle. "Ich meine nicht unbedingt einen Ihrer Patienten. Aber vielleicht haben Sie oder einer der Gäste von jemandem gehört, der dazu fähig wäre?"

Auf der kahlen Stirn bildete sich eine einzige, dicke Falte. "Habe ich nicht, Mr. Cross. So gerne ich Ihnen helfen würde, aber es liegt mir fern, einen der meinen in Misskredit zu bringen für etwas, das er nicht getan hat."

Der Doktor war schon immer übertrieben beschützend im Bezug auf seine durch und durch schwarzen Schafe. "Mir ebenfalls. Wenn es nun aber kein Sea View-Patient ist? Vielleicht können Sie bei Ihren Sitzungen vorsichtig herumfragen? Selbst Serienkiller tratschen."

"Tratschen?" Ich sah ihm an, dass er sich gekränkt fühlte. "Sie tauschen sich in Redekreisen aus, Mr. Cross. In meiner Institution wird nicht getratscht!"

Ich dachte an Milli und war mir sicher, dass sie es nicht bei professionellem Austausch belassen würde. "Von mir aus diskutiert."

Er schüttelte den Kopf, willigte aber ein: "Ich werde mich für Sie umhören."

"Danke. Dann will ich auch nicht länger stören."

Er stemmte sich aus dem Stuhl. "Das tun Sie nicht, Mr. Cross. Ein Mann wie Sie ist hier immer Willkommen."

"Zum Bleiben?", fragte ich im Scherz, aber Fleischer hob nur vage die Schultern und öffnete die Tür.

"Immer Willkommen."

Ich trat an ihm vorbei in den Gang.

Ein Schatten tauchte dicht neben mir auf und eine schrille Stimme schrie mir ins Ohr: "Sie hat ihr Haar rot gefärbt!"

Ich reagiert instinktiv, riss einen Arm hoch und rammte der Gestalt den Ellenborgen gegen die Brust. Sie heulte schrill, als ich sie gegen die Flurwand presste. Nun blickte ich in ein unrasiertes, eingefallenes Gesicht, die Augen geweitet und irrsinnig. Der Oberkörper steckte in einer schmutzigen Zwangsjacke, eine Hose fehlte und offenbarte käsige, behaarte Beine.

"Nicht doch, mein Freund. Nicht doch." Fleischer legte mir eine Hand auf die Schulter. "Er meint es nicht böse. John ist ein guter Junge." An den Irren gewandt: "Nicht wahr, John? Du wirst dich benehmen."

Der Angesprochene entblößte gelbliche Zähne beim Lächeln. "Hihi." Und nickte.

Ich ließ ihn los und trat zurück. "Hau ab!"

"Nun geh in deine Zelle zurück, John. Milli wird gleich noch mal nach dir schauen." Der Doktor schob ihn sanft in die entgegengesetzte Richtung.

"Hihihihi." John hob zum Abschied einen Arm mit dem überlangen Ärmel und winkte. Kaum waren wir drei Schritte gegangen, begann er wild mit den Armen zu wedeln, stimmte ein meckerndes Lachen an und rannte davon.

"Sie sollten ihn wieder verschnüren."

"Er ist harmlos. Solange ihm niemand ein Küchenmesser in die Hand drückt." Fleischer war wirklich kaum aus der Ruhe zu bringen.

"Ihre Verrückten zerren an meinen Nerven, Doc." Ich war froh, dass wir ungehindert zum Eingang zurückkamen.

"Alles eine Sache des Blickwinkels, werter Freund." Er gab der Krankenschwester ein Zeichen: "Milli, sehe Sie doch bitte nach, ob John in seine Zelle zurückgekehrt ist."

"Aber natürlich, Doktor." Sie zwinkerte mir zu, aber ich wusste nicht, ob sie flirten wollte oder sich über den Doktor lustig machte.

Fleischer gab mir die Hand: "Schauen Sie wieder vorbei, mein Freund."

"Werde ich bei Gelegenheit."

"Wenn ich etwas für Sie in Erfahrung bringe, schicke ich Lenny."

"Großartig."

Er sah mir nach, als ich zur Straße zurückschlenderte. In seinem Blick lag ein Anflug von Wehmut. Ich redete mir ein, dass er unsere kultivierten Gespräche vermisste. Nicht, dass er um den Verlust eines Patienten trauerte.


Weiter zu Teil 2.


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Der große Sprung
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Ein böser Spuk
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Die letzte Reise
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