Die geläuterte Tote

- Schwarze Serie -

Teil 2

Mit einem unguten Gefühl in meinem Einschussloch fuhr ich über die einsame Straße zurück. Langsam setzte die Dunkelheit ein und die trostlose Landschaft verlor noch das letzte Bisschen an Reiz. Zu meiner Rechten fiel das Gelände unmittelbar ab und weit unten, am Fuß der Klippen, blubberten die Teergruben vor sich hin. Pechschwarz, groß wie Seen und tückisch wie Treibsand. An einigen Stellen hatten sich die aufsteigenden Gase entzündet und verbreiteten einen flackernden, grünlichen Schein. Um die Stadt herum gab es ebenfalls einige dieser Gruben, vermutlich gluckerte hier die ganze Verkommenheit der Totenwelt an die Oberfläche. Ein guter Ort, um unliebsame Mitmenschen loszuwerden. Doktor Fleischer sollte seine Patienten zum Schwimmen hierher schicken.

Anfangs glaubte ich, meine Anspannung würde von meinem Besuch im Sea View herrühren, aber nach einer Weile war ich mir da gar nicht mehr so sicher. Klar, diese Irren waren nicht nur ein wenig verrückt, sonder psychopathische Killer. Zu wissen, dass ihre Konzentration in Fleischers Sanatorium besonders hoch war, beruhigte nicht unbedingt die Nerven. Aber tatsächlich war es mehr der Wagen, der mich nervös machte. Er hatte sich nach meiner Abfahrt hinter mich gesetzt. In einigem Abstand, ohne Licht, in der Dämmerung erst auszumachen, als er sich stetig näherte. Hier draußen war nicht gerade ein Verkehrsknotenpunkt, wenn ich es recht bedachte, waren es weit und breit die einzigen Fahrzeuge, die sich die kurvige Straße entlang quälten. Ich gab ein bisschen mehr Gas, doch der Abstand verringerte sich dennoch. Mein alter Packard war ein treues Stück, das für die Verhältnisse hier drüben einigermaßen pannenfrei durchhielt. Ich ging pfleglich damit um und brachte ihn nur selten auf Touren. Jetzt war so ein Moment gekommen und auf einer Geraden trat ich das Pedal durch. Der Motor heulte auf, irgendwo begann etwas zu rappeln, das sich bisher mit Stillschweigen begnügt hatte, aber die Tachonadel schnellte in die Höhe. Der Strahl meiner Scheinwerfer huschte über den Klippenrand und die kaum vorhandene Straßenmarkierung. Ich warf einen Blick in den Rückspiegel und hatte schon ein Lächeln parat, als ich den anderen Wagen im Zwielicht entdeckte. Für einen Augenblick war er zurückgefallen, aber jetzt hing er viel dichter hinter mir. Und kam näher. Ich bretterte um die nächste Kurve und trat gleich darauf in die Eisen, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Der Packard bockte, das rechte Hinterrad ratterte über den Seitenstreifen, dann hatte ich ihn wieder im Griff.

Vielleicht sollte ich auch einfach nur anhalten und ein wenig plauschen. Unter dem Beifahrersitz klemmte eine 32er für die richtigen Anekdoten. Mein Verfolger nahm mir die Entscheidung ab. Plötzlich blendete er auf und während ich noch in den Rückspiegel blinzelte, schoss er heran. Wer immer es war, er fuhr wie ein verdammter Stuntman. Ich beschleunigte wieder und kam mit quietschenden Reifen um die nächste Biegung. Kaum auf der nächsten Geraden, rammte mich der Kerl. Das Rappeln verwandelte sich in ein konstantes Knirschen und der Packard machte einen Satz nach vorne. Mein Pedal stieß auf den Boden. Im nächsten Kurvenabschnitt konnte mich so ein Ruck über die Klippen katapultieren. Mit einem dünnen Vorsprung und verzweifeltem Kurbeln am Lenkrad blieb ich vor ihm. Unsere Stoßstangen streiften sich erneut.

Ich biss die Zähne zusammen. Wenn ich vom Gas ging, würde es im Totalschaden enden. Nicht das Schlimmste für einen Toten, solange es dabei nicht rechter Hand abwärts ging. Die Chancen dafür standen allerdings nicht schlecht. Abschütteln konnte ich ihn auch nicht. Blieb nur der Weg in die Felder auf der anderen Straßenseite. Ich überlegte einen Augenblick, ob ich eine günstige Stelle abpassen sollte, aber dort drüben sah alles gleich uneben und gefährlich aus. Ich fluchte und machte mich bereit.

Schwarze Serie - Die geläuterte ToteSchwarze Serie - Die geläuterte Tote

In dem Moment scherte der Wagen hinter mir aus, das gleißende Licht verschwand aus dem Rückspiegel, als er mit röhrendem Motor neben mich wechselte. Der Kerl konnte Gedanken lesen. Hastig riss ich das Steuer herum, aber meine Reaktion kam zu spät. Der Packard knallte in seinen Kotflügel, für eine Sekunde schlenkerte das andere Auto - vielleicht ein dunkler Buick, so genau konnte ich das nicht erkennen, dann steuerte der Fahrer gegen und schob mich zurück auf meine Spur. Mein Wagen gab sein Bestes, aber der Motor klang, als würde er nicht mehr lange durchhalten.

Wir waren nun gleichauf, ein Blick zur Seite ließ mich jedoch nur abgedunkelte Scheiben sehen. Dann zog er nach rechts und krachte gegen mich. Der Außenspiegel verabschiedete sich knirschend, mit den rechten Rädern kam ich wieder auf den Seitenstreifen. Neben mir waren es nicht mal mehr zwei Meter bis zum Rand. Ich zog weiter nach rechts, nutzte den kostbaren Platz so weit ich konnte und kam frei.

Doch ich kam nicht fort von meinem Verfolger, statt noch mal Gas zu geben, musste ich den Packard in der Spur halten. Vielleicht konnte ich ihn mit einer Vollbremsung überrumpeln. Wenn mir der Wagen dabei nicht unter dem Hintern wegflog.

Den ersten Begrenzungspfahl säbelte ich mit einem Höllenlärm um. Dabei zertrümmerte er den linken Scheinwerfer und polterte am Kotflügel vorbei. Im zuckenden Licht des verbliebenen Strahlers sah ich mehr der Pfähle vor mir und dahinter die Kurve. Verzweifelt versuchte ich mich wieder auf die Straße zu schieben, aber mein Kontrahent sah seine Chance gekommen und kam mir entgegen. Der Packard zitterte und brach nach rechts aus, zwei weitere Begrenzungspfosten gaben der Frontscheibe den Rest. Ich hatte kaum Zeit, die frische Nachtluft zu genießen. Der Buick versetzte mir einen weiteren Stoß und plötzlich verloren meine Räder die Bodenhaftung. Für einen nicht vorhandenen Herzschlag schlidderte ich mit dem Unterbau über den Klippenrand, dann kippte ich zur Seite.

Der Wagen überschlug sich zweimal, Glas splitterte, Metall knirschte. Mein Kopf schlug gegen die Seitentür, eine Scherbe bohrte sich in meine Schulter. Der Lärm war ohrenbetäubend. Dann polterte der Packard auf der Seite liegend abwärts, ein Fels schlitzte einen Teil des Daches auf, prallte gegen einen Vorsprung und segelte weiter in die Tiefe. Ich verlor die Orientierung, glaubte für einen Moment im luftleeren Raum zu schweben, ehe ich krachend landete. Die Wucht schleuderte mich nach vorne, mein Fuß verkantete sich schmerzhaft am Lenkrad und kam plötzlich mit einem Knacken frei, dann flog ich durch die Reste der Frontscheibe in die Dunkelheit hinaus.

Als ich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, der sich erst mühsam durch Schmerz und Schock kämpfen musste, lag ich auf dem harten Untergrund. Hinter mir ertönte ein klatschendes Geräusch, als mein Packard auf der Teergrube aufschlug. Zuckendes, grünes Licht flammte auf wie ein krankes Höllenfeuer. Ich konnte mich kaum bewegen, aber immerhin gelang es mir, den Kopf zu heben. Ich starrte die Steilwand hinauf, die vielleicht dreißig Meter vor mir aufragte, und von dem Vorsprung unterbrochen war, auf dem ich lag, ehe es endgültig abwärts ging. Mein Blick war getrübt, alles verschwamm um mich herum. Die Qualen in meinem Fuß waren momentan nicht auszuhalten. Aber dennoch nahm ich alles wahr, wie in einer beängstigenden Klarheit. Den Rand dort oben, den Wagen mit den brennenden Scheinwerfern und die Gestalt in ihrer grellen Helligkeit, die zu mir nach unten schaute. Es war kein Toter! Vorgebeugt stand er da, ein Schatten, dessen Umriss nicht deutlich war. Als bestünde die Figur aus schwarzem Nebel, der sie monströs verformte. Wie aus dem Nichts verspürte ich ein heftiges Grauen. Mein Körper fing an zu zittern, das Loch in meiner Brust schien zu brennen. Ich presste mich gegen den kalten Stein, unfähig den Blick abzuwenden. Das Wesen sah lange Zeit in die Tiefe, witterte nach mir. Als wäre es unschlüssig, ob es herabsteigen sollte. Hinter mir stieg wieder ein grüner Flammenball auf und ich hoffte inständig, dass das Grau meines Mantels sich nicht vom Felsboden abhob.

Dann hörte ich das Geräusch, ein tiefes Dröhnen, wandte den Kopf und sah in einiger Entfernung Licht näher kommen. Ein Lastwagen oder etwas in der Art. Auch mein Verfolger wurde darauf aufmerksam, verließ seinen Posten und stieg zurück in den Buick. Einen Moment später heulte der Motor auf und er schoss davon.

Ich schloss die Augen und ließ meine Stirn auf den Felsen sinken. Der Schmerz ebbte bereits zu einem dumpfen Ziehen ab. Irgendetwas stimmte mit meinem Fuß nicht, vermutlich gebrochen. Gesicht und Schulter schmerzten, der Ärmel meines Jacketts war durchnässt. Nichts, was nicht wieder in Ordnung kommen würde. Aber einen Meter weiter, oder wäre ich nicht aus dem Wagen geschleudert worden, hätte es mich in die ungewisse Dunkelheit einer Teergrube gezogen. Der Schreck saß noch tief.

Aber da war noch etwas anderes, etwas das an den Rändern meiner Schusswunde nagte. Ein Ziehen und Brennen, die Ahnung von Unheil. Es war dasselbe Gefühl, das ich in Jills Wohnung gehabt hatte.


Der Scheibenwischer des antiquierten Pickups war kaputt und kratzte in regelmäßigen Abständen mit einem entnervenden Quietschen über das Glas. Aus dem Radio mischten sich Fetzen von Musik und alten Sketchen dazu, das Lachen aus der Konserve gab mir fast den Rest. Ich lehnte zusammengesunken im Beifahrersitz und starrte abwechselnd in die Nacht hinaus und auf meinen gebrochnen Fuß. Irgendwann war ich die Klippe hinaufgekommen, ich wusste nicht mal mehr genau wie. Nachdem ich eine Weile auf dem Seitenstreifen gelegen hatte, entschied ich mich, doch lieber in die Stadt zurückzuhumpeln. Es war eine mühsame und schmerzhafte Angelegenheit und als der Wagen aus der Dunkelheit kam, war ich erleichtert. Er fuhr in meine Richtung und ich ging nicht davon aus, dass der Mörder in einem Bogen zurückgekommen war. Also winkte ich und der Pickup hielt tatsächlich. Drinnen saß ein stämmiger Mann in Latzhose und Holzfällerhemd, dessen Hirn sie über die Polster verteilt hatten. Wenigstens erzählte er mir das, als ich mich ins Innere zog. Irgendjemand hatte ihn in seinem Wagen erschossen und in einem Teich versenkt. Jeff, so hieß mein Fahrer, vermutete den Liebhaber seiner Frau dahinter. Wie es klang, war es ein Hinterwäldlerliebesdrama, aber so genau hörte ich nicht mehr zu. Nach einigen Meilen hatte er seine Geschichte erzählt und stellte mir ein paar Fragen, die ich mürrisch beantwortete, bis er nur noch auf seiner Unterlippe herumkaute. Von Zeit zu Zeit bohrte er unbewusst in dem Loch an seinem Hinterkopf.

Ich dämmerte dahin, bis wir die ersten Vororte erreichten. Es war nach Mitternacht und ihr Eindruck machte dem Totenreich alle Ehre - völlig ausgestorben. Auf die Frage, wo er mich absetzen sollte, hatte ich mittlerweile eine Antwort gefunden und ließ ihn einen Schlenker durch die belgische Kolonie fahren. Ein Viertel, das sich belgische Emigranten zu Eigen gemacht hatten. Es war eine kleine, verträumte Welt, denn die Anwohner hatten mit viel Liebe, Ausdauer und Schwarzmarktkontakten versucht, ihren europäischen Baustil nachzuahmen. Es sah ein wenig aufgesetzt und kitschig aus, in der Dunkelheit jedoch heimelig und vor allem friedlich. Wir hielten vor einem Einfamilienhaus mit ramponierten Gartenzwergen auf dem Rasen.

Ich dankte Jeff, der es eilig hatte, zum Hafen zu kommen, um zu sehen, was die Kutter an Treibgut aufgegriffen hatten. Statt Fische zu fangen, fuhr die Flotte über den Fluss raus aufs Meer und suchte nach Dingen, die aus der Lebendwelt herübergespült worden waren. Ein gefährlicher Job, da die besten Stücke in der Nähe der Strudel auftauchten. Aber die Leute rissen sich förmlich um die Fundsachen, bei Tagesanbruch war der Fischmarkt das reinste Volksfest. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, den Fisch aus dem Namen zu streichen und durch Müll zu ersetzen. Ich wünschte ihm Glück und sah dem Pickup nach, wie er mit quietschenden Scheibenwischern davonfuhr.

Die Gartenzwerge sahen mich mitleidig an, als ich mich den Weg zum Haus entlang quälte. Sie waren allesamt reichlich mitgenommen, aber immer noch besser in Schuss als ich.

Im Arbeitszimmer brannte Licht, also hatte ich kein schlechtes Gewissen, als ich den Türklopfer betätigte. Wout war eine ruhelose Seele, der wenig schlief und rund um die Uhr arbeitete. Vor seinem Tod als Chirurg, danach einige Zeit im Zentralkrankenhaus, wo wir uns kennen gelernt hatten. Dort fing seine Besessenheit an. Anfangs war es ein Interesse für die Zusammensetzung des toten Körpers. Biochemische Analysen und Experimente folgten, die nach einer Weile so weit gingen, dass die Verwaltung die Zusammenarbeit beendete. Wout war getrieben vom Wunsch, die Essenz der Toten zu entschlüsseln, losgelöst von deren Seele. Um dann vielleicht einen Weg aus dem Totenreich zu finden, als Wiedererwecker oder Erlöser. Abgesehen von diesem Spleen war er ein zuverlässiger Freund und Knochenflicker.

Die Tür öffnete jedoch Elise, seine Frau und Forschungskollegin. Zwar nicht zu Lebzeiten miteinander verheiratet, lebten die beiden nun schon etliche Jahre zusammen. Wer von beiden getriebener war, das Zwischenreich zu verlassen, mochte ich nicht sagen. Für ihn war es mehr die wissenschaftliche Herausforderung, für sie eindeutig die Besessenheit wieder zu leben. Sie trug einen dünnen, blassroten Hausmantel über dem knappen Seidenpyjama, der ausgefüllt genug war, selbst einen fanatischen Wissenschaftler von der Arbeit abzuhalten. Ihr Haar war rot und lockig, an den Wurzeln kam jedoch der braune Ansatz durch.

"Roger, du meine Güte." Elise war nicht unbedingt eine empfindsame Seele und ließ sich kaum aus der Ruhe bringen. Im Leben war sie vielleicht Löwenbändigerin oder Auftragskillerin gewesen.

Zugegeben, der Türrahmen stützte mich mehr, als dass ich stand, aber für einen saloppen Gruß reichte es noch. Bis ich bemerkte, dass ich meinen Hut bei dem Unfall verloren hatte. Ich ließ die Hand sinken. "Hallo, Süße. Ist Wout da?"

Sie griff mir unter den Arm und bugsierte mich zu einem Kanapee. Das Haus war sehr sorgfältig eingerichtet, so genau sie es an ihre Vergangenheit annähern konnte. Gegenüber stand ein hoher Spiegel und als ich mich darin sah, konnte ich Elise nur zustimmen. Ein wenig Güte konnte mir nicht schaden. Verwunderlich, dass Jeff mich überhaupt mitgenommen hatte. Ich sah aus wie etwas, das selbst die Fischereiflotte nicht aus dem Meer gezogen hätte. Mein Gesicht war mit Prellungen und Schnitten übersät, der linke Ärmel zerfetzt und blutgetränkt, der Rest von mir zerrissen und schmutzig bis hinunter zum Fuß, der eine merkliche Unebenheit aufwies.

"Ist er, ob dir allerdings zu helfen ist, weiß nur Gott."

Mit einem Seufzen lehnte ich mich zurück. "Den lassen wir lieber aus dem Spiel."

Sie ging hinüber ins Arbeitszimmer um ihren Mann zu holen. Ihre Rückenansicht war ebenso gut wie die Front. Wout war zu beneiden, vor allem, wenn er es irgendwann mit ihr zusammen zurück in die Lebendwelt schaffte.

Der Doktor war in meinem Alter, ein schlanker Mann, grau an den Schläfen, mit markanten Gesichtszügen. Auf seiner Nase saß eine dünne Nickelbrille, die ihm etwas Komisches verlieh und von den ausgezehrten Zügen ablenkte. Ein Tumor hatte seine Eingeweide zersetzt. Als Gegenstück zu seiner Frau trug er einen karierten Pyjama und darüber einen karmesinroten Morgenrock samt Monogramm. "Roger, was für eine Überraschung!" Sein Akzent konnte als der eines Belgiers durchgehen.

"Je später die Gäste, desto toter sind sie. Es muss weit nach Mitternacht sein, so leblos wie ich mich fühle."

Er besah mich kritisch: "Kriegen wir schon wieder hin. Komm, ich helfe dir nach neben an. Liebling, sei so gut und hol meine Arzttasche."

Auf seine Schulter gestützt gelangte ich in das ehemalige Wohnzimmer, in dem nun Regale und Tische standen. Die meisten voller Bücher und seltsamer Apparaturen, dazwischen bauchige Gläser mit konservierten, menschlichen Extremitäten. In der Mitte war ein altmodisches Labor aufgebaut mit Reagenzgläsern, Erlenmeyerkolben und Bunsenbrennern. Es roch eigenartig säuerlich und war unangenehm warm. Immerhin gab es einen freien OP-Tisch, auf den ich mich legte, nachdem ich mich aus Mantel und Jackett gequält hatte.

Wenn Wout jetzt das Licht dämpfte und ein Gewitter aufzog, wäre das Interieur dem eines Frankensteins würdig gewesen. "Wie läuft die Forschung?" Seine Frau kam mit einer ledernen Tasche zurück und während sie sein Arztbesteck ausbreitete, fing er an zu schwatzen. Es tat gut, seiner Stimme zu lauschen und dabei zu Elise hinüberzusehen, während er mir die Reste meines Hemdes vom Leib schnitt. Von dem was er sagte, verstand ich kaum etwas.

Wie sich herausstellte, steckte ein Stück Glas in meiner Schulter und ein gebrochener Knöchel in meinem Schuh. Beides war schmerzhaft, aber nach einem kurzen Eingriff seinerseits nur noch Verletzungen wie andere auch im Totenreich. Nicht lange und sie würden verschwunden sein. Theoretisch brauchte ich dazu nicht einmal einen Arzt, aber so kam die Regeneration schneller in Gang. Zudem sah ich wieder einigermaßen vorzeigbar aus, nachdem die großen und die kleinen Wunden gereinigt, bandagiert und der Fuß geschient worden waren.

"Was ist passiert?", fragte Wout, als er mit der Arbeit fertig war.

"Ein Unfall, mein Wagen ist eine Klippe hinuntergestürzt."

"Ein Dasein voller Risiken."

"Voller Mordanschläge." Ich zog eines seiner Hemden und eine seiner Hosen an. Elise ließ mich dabei nicht aus den Augen. Ich fühlte mich zwar nicht gerade wie neugeboren, aber es musste reichen.

"Für dich ist es vielleicht sogar von Vorteil, tot zu sein. In der Lebendwelt hättest du diesen Körper schon völlig ruiniert." Er sortierte das unbenutzte Besteck wieder ein.

"Es ist wie es ist. Bei all deiner Auseinandersetzung mit dem Dasein als Toter, beantworte mir eine Frage: Was passiert mit jemandem, der hier stirbt?"

Wout runzelte die Stirn: "Die Begrifflichkeit ist schon einmal falsch, denn du lebst im biologischen Sinne nicht. Dein Ektoplasma erweckt zwar die Illusion eines lebendigen Körpers, aber in den Zellen selbst existiert kein Leben. Wenigstens keins, wie wir es klassischerweise definieren."

"Wenn also der Ektoplasmaleib völlig ausgelöscht wird, was passiert dann?"

"Du hörst auf zu existieren."

"Und was ist mit der Seele?"

Er lachte: "Ein reines Hirngespinst. Wenn du mich fragst, existiert sie weder in der Lebendwelt, noch im Totenreich. Du bist nur eine Ansammlung biochemischer Reaktionen, die im komplexen Verbund ein Bewusstsein entwickeln."

"Aber doch nicht hier."

"Durchaus, die Konsistenz ist nur eine andere. Dein Ektoplasmakörper ist eine exakte Kopie deines einstigen Leibes. Vielleicht Erinnerungen, nach denen sich die neuen Zellen ausrichten. Und Erinnerungen sind wiederum auch nur biochemische Abhängigkeiten. Das würde erklären, warum du nach zwei Tagen nicht einmal eine Narbe von deiner Schulterverletzung behalten wirst, die Zellen richten sich erneut nach dem alten Schema aus. Immer und immer wieder. Denn im Gegensatz zur Lebendwelt, kennt das Ektoplasma keinen Alterungsprozess. Wenigstens konnte ich noch keinen nachweisen."

"Du meinst also, man hört einfach auf zu existieren? Keine Hölle, keinen Himmel, keine Verdammnis?"

"Ausschließen will ich das nicht völlig, aber auch das wäre nur eine Neuausrichtung der Zellen. Erinnerungen in neuer, biochemischer Umgebung."

Ich glaubte nicht, dass dieser Ansatz Jills Schicksal in irgendeiner Form den Schrecken nehmen konnte. "Das gilt auch für eure Bemühungen, in die Lebendwelt zurückzukehren?"

"Grob gesagt, ja. Man muss unseren Zellen nur die Richtung vorgeben, statt tot nun lebendig."

"Damit wärt ihr aber noch lange nicht aus dem Totenreich raus."

Elise lächelte und strich über meinen Rücken. "Es gibt genügend Wege, man muss sie bloß finden. Aber dafür haben wir ja dich, wenn es soweit ist."

"Natürlich, wen auch sonst. Bietet mir bloß nicht an, auch meine Zellen neu zu justieren. Ich hatte in der letzten Zeit genügend fragwürdige Angebote."

"Warte nur ab, bis du uns lebend siehst." In ihrem Blick lag etwas … Mit Sicherheit sollte ich vor allem sie sehen, nicht ihren Mann.

Ich war etwas wackelig auf den Beinen, aber wenigstens fiel ich nicht gleich wieder um. "Bis dahin mache ich einfach weiter meine Arbeit. Ihr wisst, wo ihr mich dann finden könnt." Ich klopfte Wout auf die Schulter: "Danke für deine Hilfe."

"Soll ich dich nach Hause fahren?"

"Macht euch keine Umstände, ich nehme ein Taxi."

Sie brachten mich zur Tür, Arm in Arm, und schauten mir nach, als ich in den Morgen davon humpelte. Sie waren ein seltsames Paar. Ich hoffte, dass sie ihren Traum irgendwann einmal erfüllen konnten.


Ich wartete bis Mittag, ehe ich mein Büro verließ und mit meinem Gehstock runter in den Drugstore an der Ecke ging. Ein kleiner Laden mit zwei Telefonzellen im hinteren Teil. Die Luft roch noch immer nach dem Staub, den der Abriss des alten Gebäudes aufgewirbelt hatte. Die Uhr über dem Tresen war bei Viertel nach Sechs stehen geblieben, der hagere Verkäufer bei pickeligen fünfzehn Jahren. Er starrte mit offenem Mund aus dem Fenster, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und schenkte dem trägen Treiben um ihn herum keine Beachtung.

Einer der beiden Apparate war außer Betrieb. Ich ließ mich mit der entsprechenden Nummer verbinden und beinahe sofort nahm jemand ab. "Büro der Erleuchtung, wie können wir Ihnen helfen?" Ruths Stimme klang wie das Zwitschern einer Nachtigall.

"Cross hier, ist Mr. Joubert im Haus?"

Das Vogelstimmchen verwandelte sich in ein Rasiermesser. Ich musste ganz schön Eindruck machen in der Welt. "Er hat leider viel zu tun. Möchten Sie einen Termin ausmachen?"

"Wann haben Sie denn was frei?"

"Wie wäre es mit übermorgen?"

"Hören Sie, Schwester, sparen wir uns doch das Geplänkel. Ich will mit dem Boss sprechen und er mit Sicherheit mit mir. Also schwingen Sie mal die Flügel." Nicht unbedingt der diplomatischste Weg, aber Ruth hatte man vergangene Nacht auch nicht von der Straße gedrängt.

Einen Moment herrschte Stille, dann erwiderte sie: "Ich werde nachfragen."

Währenddessen schaute ich aus der stickigen Zelle. Der Junge stand noch immer an der gleichen Stelle und interessierte sich null für das Geschehen um ihn herum. Vermutlich war er noch verwundert über sein Ableben.

Es knackte in der Leitung, dann hatte ich Malcom am Apparat: "Roger?"

"Wer denn sonst?"

Sein Ton war ebenfalls kühl, vielleicht stand Ruth neben ihm. "Hast du was Neues?"

"Nein, außer, dass man letzte Nacht versucht hat, mich umzubringen."

"Wer?"

"Das weiß ich noch nicht."

"Irgendwelche Anhaltspunkte?"

Ich überlegte einen Augenblick, ihm von der Verfolgungsjagd und dem bedrohlichen Schatten zu erzählen, ließ es jedoch bleiben. Malcom würde darin ganz deutlich die Konkurrenz sehen und mit Sicherheit Konsequenzen ziehen. "Keine, aber ich arbeite daran. Was mich zum eigentlichen Grund meines Anrufs bringt - was ist mit dem Außendienstler, den du vorbeischicken wolltest?"

"In der Unruhe, die du hier verbreitet hast, ist mir das total entfallen."

"Jetzt fängt der Himmel auch noch an zu vergessen …"

"Er ist gerade zur Terminabstimmung hier, ich kann ihn in einer Stunde zu dir rausschicken."

"Wenigstens etwas."

"Es wird dir nur nichts bringen."

"Müsst ihr nicht diejenigen sein, die Optimismus verbreiten?"

"Wie kommst du denn darauf?" Er klang ganz sachlich bei der Gegenfrage.

"Muss da wohl was falsch verstanden haben. Ich warte auf deinen Mann. Und noch eins: die Angelegenheit ist wirklich ernst, deine Leute sollen Augen und Ohren offen halten."

"Ich habe sie bereits instruiert."

"Diese Informationen sind klassifiziert."

"Malcom, ich will euch helfen. Vielleicht kann ich das in diesem Fall besser als jemand von intern."

"Sprich erst einmal mit dem Mitarbeiter, ich werde darüber nachdenken."

"Nicht zu lange, ich befürchte, dass es noch nicht vorbei ist."

"Machs gut, Roger." Er legte auf und ich lauschte dem Tuten des Hörers. Dahinter lag ein Rauschen, das nach verzerrtem Gerede klang. Vielleicht die Stimmen aus dem Jenseits, die mit ihren Hinterbliebenen redeten. Besonders erbauliche Sachen hatten sie bestimmt nicht zu berichten.

Nachdem ich mich eine Weile an einen der Tische gesetzt und in einem alten Modemagazin geblättert hatte, humpelte ich zurück in mein Büro. Trinkgeld gab es keins für den pickligen Knaben.

Einstellkriterium für den Außendienst war sicherlich passgenaue Pünktlichkeit, denn ziemlich exakt eine Stunde nach meinem Anruf klopfte es an der Tür. Auf meine Aufforderung hin trat ein junger Mann in teurem Anzug, blassrosa Hemd und polierte Schuhen ein. Seine Gesichtszüge waren hell und ebenmäßig, das Haar blond und zurückgekämmt. An ihm gab es nichts auszusetzen, nicht von Schwiegermutter, Ehefrau oder dem besten Kumpel. Schon gar nicht von Toten, denen er das Paradies versprach. Wir mochten uns auf den ersten Blick nicht. Vielleicht war es mein schäbiges Büro, mein offensichtliches Desinteresse für seine Arbeit oder meine Person an sich. Wenigstens überspielte er seine Abneigung mit einem Lächeln, das jeden Gebrauchtwagenhändler vor Neid erblassen ließ. "Duncan Lord vom Büro der Erleuchtung." Seine Stimme war glatt wie Samt.

"Roger Cross vom Büro der Ermittlungen, setzen Sie sich." Sogar sein Name passte zum Job. Der Mann war ein Rundum-Sorglos-Paket.

Er nahm Platz, schlug die Beine übereinander und gab sich ganz locker. "Mr. Joubert bat mich, Sie kurzfristig aufzusuchen. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, werde ich unser Treffen kurz halten, ich habe noch Klientenbesuche vor mir."

"Warum nicht. Dann komme ich direkt zur Sache. Über Jill Clauberg sind Sie im Bilde?"

Duncans Gesicht verdunkelte sich: "Ich wurde darüber informiert, Mr. Cross. Sehr, sehr betrüblich. Eine so wunderbare Seele auf dem Weg zur Erlösung zu verlieren ist äußerst schmerzhaft." Er schüttelte den Kopf. Jills Tod betrübte ihn, ob aus wirklicher Betroffenheit oder wegen des verlorenen Abschlusses, blieb unklar.

"Ja. Meine Frage ist, ob Ihnen in letzter Zeit etwas aufgefallen war im Bezug auf das Mädchen? In ihrem Verhalten oder Umfeld?"

Duncan bemühte sich redlich, auf seiner schönen Stirn erschienen sogar ein paar Falten. "Nein, bedaure. Ms. Clauberg war eine sehr ausgeglichene Persönlichkeit."

"Keine Probleme, keine Zweifel?"

"Wirklich nicht. Im Gegenteil, wir hatten die besten Hoffnungen für sie."

"Was fehlte ihr denn noch für den Weg in die Freiheit?"

Er zögerte: "Sie verstehen, Mr. Cross, dass wir die Anliegen unserer Klienten sehr sorgfältig schützen."

"Aber es gab etwas?" Ich wollte wissen, ob das Büro von Anna wusste. Es war stark anzunehmen.

Nach einem Augenblick des Nachdenkens: "Ja, da gab es etwas. Aber ich bin mir sicher, dass es nichts mit ihrem gewaltsamen Tod zu tun hat. Bitte fragen Sie nicht weiter." Also war ihnen die Zwillingsschwester bekannt. Aber wenigstens darüber waren wir uns einig, dass Anna nichts mit dem Mord zu tun hatte.

"In Ordnung." Trotzdem mussten sie ja nicht wissen, dass ich Jills Vergangenheit kannte. "Sonst irgendetwas? Vielleicht bei Ihnen?"

Für einen Moment entgleisten seine Gesichtszüge: "Was meinen Sie?!"

"Gab es bei Ihnen Auffälligkeiten, nachdem oder bevor Sie Jill aufgesucht haben? Das Gefühl, beobachtet zu werden? Verdächtige Personen?"

Duncan entspannte sich: "Mr. Joubert hat uns angehalten, die Augen offen zu halten. Sie meinen, ob mir jemand gefolgt sein könnte, nicht wahr? Ich halte es für ausgeschlossen."

"Auch niemand von der Gegenseite?"

Das brachte ihm wieder die Falten auf die Stirn: "Zugegeben, ganz auszuschließen ist es nicht. Aber selbst wenn es jemand vom Club gewesen sein sollte … wir bringen uns unsere Klienten nicht gegenseitig um."

"Auch nicht, um zu verhindern, dass Ihre Seite einen Strich mehr auf der Liste machen könnte?"

Lord schüttelte den Kopf: "So funktioniert das ganze nicht, Mr. Cross."

"Da mir niemand sagen wird, wie es das tut, stochere ich eben herum. Ihr Boss schließt die Gegenseite nicht aus."

Er zögerte: "Tatsächlich hat der Wettbewerb in den letzten Jahren … angezogen."

"Orientierungslose Zeiten."

Duncan sah mich missbilligend an, er mochte es nicht, unterbrochen zu werden. "Verschärfte Bedingungen, es gibt solche Phasen."

"Käme ansonsten jemand in Frage, drei Ihrer Kandidaten auszulöschen?"

"Ich weiß es nicht, Mr. Cross." In seinem Gesicht fand sich keine Antwort. "Und wenn ich ehrlich sein darf, ich halte wenig davon, wenn sich Außenstehende in unsere Angelegenheiten einmischen."

"Nehmen Sie es mir nicht übel, Mr. Lord, aber aus meiner Sicht sind Sie die Außenstehenden. Eine Tote ist ermordet worden, keine Angestellte des Büros."

"Wie Sie meinen. Folglich gibt es wohl keine weiteren Punkte zu klären?"

"Nicht, dass ich wüsste."

"Dann auf Wiedersehen, Mr. Cross." Duncan stand auf, nickte mir förmlich zu und verließ mein Büro. Er musste nicht mal seine Hose zurechtzupfen, so perfekt war alles an ihm. Typen wie er riefen in mir das Verlangen wach, ihn einmal durch die dreckigsten Viertel der Stadt zu schleifen, um ihn von seinem hohen Ross zu holen. Aber der Schmutz würde nur an ihm abperlen. Vielleicht war es beizeiten dennoch einen Versuch wert.

Lords Besuch hatte mir nicht weitergeholfen. Aus Mangel an Alternativen und Gewohnheit, gab es für das Büro nur eine Inkarnation allen Übels - die Hellfire Association. Fähig waren die Jungs und Mädchen zu allem, von daher durfte ich sie nicht außer Acht lassen. Vermutlich lag es nur an der Sache von damals, dass ich hoffte, mit der Bande nichts zu tun haben zu müssen.

In der untersten Schublade lag meine Pistole und in einem Geheimfach dahinter eine Schachtel mit Spezialmunition. Handgefertigte Patronen, deren Metall seltsam schimmerte. Ich fischte drei davon heraus, wog sie nachdenklich und glaubte bei der Berührung ein sachtes Seufzen zu hören. Dann schob ich sie ins Magazin.

Die Vergangenheit neigte dazu, einen einzuholen. Ich würde ihr ein Stück weit entgegen kommen.


Ich nahm ein Taxi rüber nach Dead End, einem abgestorbenem Industrieareal zwischen Fluss und Veteranenviertel. Hier hatten sich im Lauf der Zeit zahllose Fabrikgebäude und Lagerhallen angesammelt, die einen Querschnitt durch jegliche Form wirtschaftlichen Bankrotts bildeten. Niedergebrannt, abgerissen, zerbombt, vernagelt, geschlossen. Im nachlassenden Tag flossen die Gebäude zu schwarzen Umrissen zusammen, Licht oder Aktivitäten suchte man hier vergebens. Oder wenigstens beinahe. Nur selten hatte jemand Nutzen für eine Lagerhalle oder Anlage und dann zumeist einen moralisch fragwürdigen. Mein Fahrer war nicht sonderlich begeistert von unserer kleinen Spritztour, man hörte allerlei üble Geschichten über die Gegend. Das meiste davon entsprang den Hirngespinsten gelangweilter Toter, aber bei der einen oder anderen Schauermär war Vorsicht geboten. Das Nine Rings spielte in den meisten davon eine Rolle.

Ich stieg vor einer chemischen Fabrik aus, die man nach einem Unfall aufgegeben hatte, und ließ mich von ihrem ätzenden Gestank eine Weile begleiten. Immer wieder fand ich die Ziffer 9, die auf der Seite lag, und mit ihrem Kringel den Weg wies. Gesprayt an Hauswände und Straßenschilder, in den Beton geritzt. Sie führte mich in eine breite Sackgasse, die beinahe völlig im Dunkeln lag. Links und rechts die Backsteinmauern eines alten Motorenwerks und am Ende ein zweistöckiger Kasten, die Fenster zugemauert, die Fassade schwarz gestrichen. Ein Wall aus absoluter Finsternis. Wäre da nicht die Neonröhre in Form einer Neun, die unter dem Vordach des Eingangs hing, in ihrem Kopf sieben Ringe, um sie herum ein weiterer. Die neun Kreise. Sie leuchteten abwechselnd in blau und rot, verheißungsvoll wie auf dem Broadway. Das Stück, das drinnen gespielt wurde, war ein Dauerbrenner: Im Fegefeuer.

Niemand war zu sehen und ich hoffte, nicht der einzige Besucher zu sein, normalerweise herrschte drinnen zu jeder Tageszeit Betrieb. Seit damals, als ich einen der ihren in Notwehr zurück in die Hölle geschickt hatte, war der Kontakt zu den Mitgliedern der Vereinigung reichlich belastet. Zwar gab es keine offizielle Liste, die mich ganz oben führte, aber ein paar Anfeindungen und Drohungen hatte es gegeben. Und in ihrer Art konnten sie sehr lange sehr nachtragend sein. Womöglich warteten sie nur einen günstigen Moment ab, um mich zu holen. Jetzt nahm ich ihnen die Mühe ab.

Aber ein paar dünne Verbindungen waren über die Jahre geblieben. Gerade dick genug, um ein paar Informationen einzuziehen. Hoffte ich wenigstens.

Auf mein Klopfen hin schnappte eine Luke in der Tür auf und ein dunkles Augenpaar musterte mich. Ich blieb ruhig unter der blinkenden Neun stehen und ließ die Inspektion über mich ergehen. "Ihre Sehnsucht?", fragte mich der Türsteher, der seinen Job vermutlich schon seit einer Ewigkeit machte.

"Voyeurismus." Gedankenlesen konnte der Knabe nicht, aber seinem brennenden Blick entging nichts. Wenn die Antwort eines Kunden nicht zu seinen … inneren Werten passte, blieb der Zutritt verwehrt. Früher war ich damit hereingekommen, an mir hatte sich seitdem nichts Nennenswertes verändert.

Die Luke ging zu und er öffnete. Ein untersetzter Kerl mit Drachentätowierung auf der Glatze und unterschiedlich hohen Schultern. Drinnen war es dunkel und als er die Tür hinter mir schloss, konnte ich ihn beinahe nicht mehr erkennen.

"Zur Tanzfläche geht es geradeaus, zu den Sehnsuchtsräumen den Rundgang nehmen."

"Ich weiß."

Kaum war ich zwei Schritte gegangen, da wurde neben mir eine Wand zur Seite gezogen und rötliches Licht enthüllte eine Garderobe. "Ihren Hut und Mantel, bitte." Ein Mädchen mit Pagenschnitt und schwarzer Korsage lächelte mich an. Bleich und hübsch, abgesehen vom linken Ohr, das tiefer als das andere saß. Mit der körperlichen Symmetrie hatte es keiner der Mitglieder. Ich reichte ihr den neuen Trenchcoat und meinen Ersatzhut. Das Schulterholster unter dem Jackett konnte man nicht sehen. Selbst wenn, störte es hier niemanden, falls jemand Amok laufen wollte. Eher im Gegenteil. "Einen angenehmen Aufenthalt im Nine Rings. Wenn Sie etwas benötigen, fragen Sie einfach."

"Danke."

Sie zwinkerte mir zu und ließ die Öffnung wieder zugleiten. Die Dunkelheit war nicht mehr ganz so intensiv, ein wenig Licht zeichnete die Konturen der Gänge nach. Das Innere war angelegt wie eine Arena - außen herum verlief ein Kreis, von dem aus einzelne Kammern zu erreichen waren. In der Mitte lag die Tanzfläche. Eine Etage darüber war eine Balustrade mit etlichen Séparées. Das waren zwei der Ringe, die restlichen lagen unterirdisch und dorthin hatte ich noch keinen Fuß gesetzt und auch nicht vor, dies zu tun.

Das ganze war eine Mischung aus Tanzbar, Stundenhotel und Geisterbahn, nur leider begnügten sich die Betreiber nicht mit ein paar Geldscheinen. Alles war kostenlos, oberflächlich betrachtet. Aber wenn man einmal auf den Geschmack gekommen war …

Ich bog im Uhrzeigersinn ab und passierte die ersten Kammern. Es waren kleine Räume, abgetrennt durch eine Glasscheibe, hinter denen das geboten wurde, was hier als Sehnsüchte galt. Sobald jemand daran vorbeikam, wurde das Innere dezent illuminiert, wenn man weiterging, versank es wieder in Dunkelheit. Halb erwartete ich, darin schlecht gekleidete, animatronische Figuren zu finden, die auf Knopfdruck anrüchige Posen einnahmen. Aber es fehlten der Knopf und zumeist die Kleidung. Die Leute allerdings wirkten wie Puppen.

Die angebotenen Szenen befriedigten die Grundbedürfnisse simpler Gemüter - Sex, Macht, Reichtum und andere Perversitäten. In einem Büro quälte ein toter Chef seine masochistisch veranlagte Sekretärin. Dann wieder gab es ein breites Bett, über das ein junger Mann Eimer voller Geld auskippte. Die Verstorbene darin wandte sich exstatisch in den Laken. In einem kitschigen Orientzimmer genoss eine andere Tote die Vorzüge eines Männerharems. Nicht alle Räume waren belegt, in manchen führten die Wartenden eine kleine Scharade auf, um potentielle Kunden zu animieren. Man konnte hier wunderbar der Eintönigkeit seiner leblosen Existenz entfliehen.

Nach etwa der Hälfte des Rundgangs fand ich Lady Rose. Ihre massige Figur war umgeben von Rosen - auf der Stofftapete, dem Bettbezug, in Vasen, als Einlegearbeiten im Holz, selbst im Teppichmuster. Natürlich auch auf ihrer eng geschnürten Korsage, einer Maßanfertigung, um ihre unterschiedlich großen Brüste einzufangen. Dazu trug sie Lackstiefel, ein Stachelhalsband und etliche Ringe in Nase und Ohren, vermutlich neun. Das blonde Haar war eng zurückgebunden. Auf dem Tisch neben ihr lag eine kleine Peitsche mit Dornen daran. Lady Rose schaute hart und auffordernd zu mir heraus, als sie aus der Dunkelheit auftauchte.

Ich presste die Stirn gegen das warme, leicht getönte Glas und starrte zu ihr hinein. Wir hatten uns lange nicht gesehen und vermutlich wirkte ich auf sie nur wie einer ihrer unzähligen Kunden. Rose griff bereits nach der Peitsche, um ihrem Auftritt Effekt zu verleihen, als sie mich erkannte. Ein Stirnrunzeln huschte über ihr Gesicht, gefolgt von Unglaube und schließlich einem breiten Lächeln. Sie war hier eine der wenigen, die sich freuten, mich zu sehen. Dennoch traute ich ihr nur so weit ich sie werfen konnte. Und ob jemand aus der Vereinigung etwas anderes als Schadenfreude empfinden konnte, war eine andere Frage.

Rose erhob sich und winkte mich in den Tanzbereich hinüber, eine Tür aus ihrer Kammer führte unmittelbar dorthin. Ich nickte und wandte mich ab, worauf das Licht darin sofort erlosch. Rose und ihresgleichen konnten dennoch ausgezeichnet sehen.

An der nächsten Kreuzung verließ ich den Gang und begab mich in den inneren Kreis. Von der Balustrade schauten ein paar Leute dem Treiben zu, aber es war noch zur früh, um wirklich voll zu sein. Die Grüppchen auf der Tanzfläche, an den Tischen und den beiden Theken bestanden aus Toten und Vertretern der Vereinigung. Niemand darunter, den ich persönlich kannte, dennoch ließ sich eine leichte Paranoia nicht abschütteln. Etliche Asymmetrische blickten mich zu prüfend an. Hoffentlich gab es in ihren Rückzugsräumen keine Steckbriefe.

Rose erwartete mich bereits und streckte die Arme nach mir aus. "Roger! Hol mich der Teufel!" Statt mir die Hand zu schütteln, presste sie mich heftig an sich. Meine Knochen knackten und ich fühlte mich an meinem Sturz die Klippe hinab erinnert. Auch ihre Berührung löste ein Prickeln aus, ähnlich wie bei Malcom. Dazu verströmte sie einen eigenartigen Duft, nicht nach faulen Eiern, sondern süßlich, lockend.

Ich kam wieder frei. "Hallo, Rose!" Ihr Ausbruch hatte keine besondere Aufmerksamkeit erregt, hier passierte zu Hochzeiten weitaus mehr.

"Lady Rose." Sie kniff mich mit Kraft in den Arm, nicht viel, und sie hätte ihn abgerissen. "Komm, setzen wir uns." Ich ließ mich zu einem Tisch samt Hockern ziehen. "Willst du was trinken?" Sie winkte nach dem Barmann.

"Ich bin schon verrückt genug, hierher zu kommen. Euer Gift schütte ich nicht auch noch in mich hinein."

"Sei doch nicht so. Du hast keine Ahnung, was dir entgeht. Wann hast du das letzte Mal etwas mit wirklichem Geschmack zu dir genommen?"

"Bevor mir jemand in den Rücken geschossen hat. Seit damals ist mir der Appetit vergangen."

Rose sah mich spöttisch an, nahm das Longdrinkglas entgegen und schwenkte es vor mir, so dass sich das orange Licht darin fing. Es war eine trübe Flüssigkeit irgendwo zwischen grau und gelb, deren Schlieren ein Eigenleben zu führen schienen. "Auf dein Wohl, Roger." Sie nahm einen tiefen Schluck. "Noch immer dabei in der schmutzigen Wäsche anderer Leute zu wühlen?"

"Ich fühle mich wohl dabei. Und du, noch immer dabei, die Wäsche anderer Leute noch schmutziger zu machen?"

Rose lachte, ein fröhlicher, sanfter Laut, der weder zu ihrer Figur, noch zu ihrem Outfit oder ihrer Herkunft passte. Einer der Punkte, die ich an ihr mochte. "Ich mag sie lieber ohne Wäsche. Was erwartest du von mir, Liebling? Dass ich mich vom Pfad der Untugend abwende und Bürodienst schiebe?"

"Du kannst vermutlich nicht mit zehn Fingern tippen."

"Mit der Zunge, aber mit der kann ich noch viel mehr." Sie sah mich herausfordernd an. "Du weißt, was du alles mit mir erleben könntest?"

"Die Hölle."

Sie verdrehte die Augen. "Du bist ein biederer Kleingeist, Roger. Was willst du also dann?"

"Ich bin nur nicht daran interessiert, von jedem, dem ich begegne, ein fragwürdiges Angebot zu bekommen."

"So ist es nun mal, Schätzchen, du bist beliebt."

"Von wegen." Ich blickte an ihr vorbei zu drei Vertretern der Vereinigung, die neben der Tanzfläche standen und finster zu mir hinüberschauten.

"Ach, die … Stammen aus dem Wurf von der Kleinen, der du das Hirn rausgepustet hast. Die mögen dich wirklich nicht."

Meine Schusswunde fing an zu brennen. Hierher gekommen zu sein wurde immer weniger zu einer guten Idee. "Großartig, ich liebe Hunde."

"Solange du unter meiner Knute stehst, werden sie dich nicht anrühren."

Es wurde Zeit, meine Fragen zu stellen und dann abzuhauen. "Stimmt es, dass die Geschäfte schlecht laufen?"

"Du willst über Interna plaudern, Roger? Das kann ziemlich gefährlich werden für dein kleines Köpfchen."

"Keine Betriebsgeheimnisse, nur ein paar Informationen über den Stand der Dinge. Dem Hörensagen nach rennen euch die Leute nicht gerade die Bude ein. Auch hier war schon mal mehr los."

"Bist du besorgt um unser Wohlergehen?"

"Natürlich, wer würde die Toten ansonsten ins Fegefeuer ziehen?"

"Ach, Liebling, deine Vorstellungen sind so altmodisch und schlichtweg falsch."

"Ihr korrumpiert keine Leute?"

"Wir zeigen ihnen ihr Extrem, die Seite, die sie nie gewagt haben auszukosten. Wirklich und wahrhaftig auszukosten. Wohin sie führt … muss jeder selbst herausfinden. Du musst es herausfinden."

"Ich bin nur ein Durchschnittstyp, Rose. Extreme liegen mir nicht. Wie sieht es also aus?"

Sie leerte ihren Drink und winkte nach einem weiteren. "Wir werden immer Zulauf haben, mal mehr, mal weniger."

"Gerade viel weniger?"

"Es ist ruhig."

"Ruhig genug, um das Klientel der Gegenseite umzubringen?"

"Daher weht der Wind! Roger, ich dachte, du verständest ein wenig mehr von den Dingen. Niemand wird jemanden umbringen, auch wenn er auf dem falschen Weg läuft."

"Ihr wisst also davon?"

Sie zuckte die Schultern: "Wir haben überall … Freunde, auch im Polizeiapparat."

"Wisst ihr, was genau passiert ist?"

Rose nickte: "Nichts, was jemanden ereilen sollte. Uns liegt so etwas fern."

"Die anderen können aber keinen Abschluss verbuchen."

"Mag sein, aber wir auch nicht. Alles dreht sich darum, denjenigen zur Umkehr zu bewegen. Nicht, ihn auszulöschen."

"Das sieht die Konkurrenz womöglich anders."

Rose schüttelte den Kopf.

Die drei Asymmetrischen waren verschwunden, doch bestimmt nicht aus Langeweile. Ich sah mich unruhig um, aber keine Spur von ihnen. Vielleicht hatten sie Kundschaft. "In Ordnung, ihr wart es nicht. Aber wer oder was käme ansonsten für so etwas in Betracht?"

"Ich bin keine Hellseherin, Roger. Wir sind in diesem Fall wirklich unschuldig, was aber nicht heißt, dass wir uns viel um die Aufklärung scheren."

"Ihr habt bisher niemanden auf diese Art verloren?"

"Nein."

Scheinbar kam ich von einer Sackgasse in die nächste. Natürlich durfte ich den Club nicht wirklich ausschließen, Lügen lagen in ihrer Natur. "Versuchen wir es anders." Ich erzählte Rose, was ich über mir auf der Klippe gesehen hatte. "Die Furcht, die es verbreitet hat, war ziemlich exakt die panische Atmosphäre, die ich am Tatort empfunden habe."

Sie schürzte die Lippen. "Das kann alles Mögliche gewesen sein."

"Bestimmt kein Toter. Komm schon, Rose, wenn ein Killer unterwegs ist, dessen Opfer kurz vor der Vollendung ihres Weges stehen, dann kann das früher oder später auch euch treffen."

"Es kann einer von uns gewesen sein, es kann genauso gut einer vom Büro gewesen sein. Die wahre Form eines Agenten sagt nicht zwangsläufig etwas über seine Zugehörigkeit aus."

"Soll das heißen, Schattenwesen und Höllenhunde sind nicht euer Hausrecht?"

"Nur, weil dir ein Köter beinahe den Kopf abgebissen hat, sind wir noch lange nicht alle Vierbeiner. Möchtest du meine wahre Gestalt sehen, Roger."

"Lieber nicht."

"Vielleicht würde sie dir gefallen."

"Das bedeutet, was immer es war, könnte ein Agent gewesen sein, egal für welche Seite?"

"Nicht auszuschließen. In was immer du dich einmischt, Roger, du bringst deine tote Seele in Gefahr."

"Erzähl mir mal was Neues. Apropos, gibt es hier einen Hinterausgang? Ich befürchte, die drei Kläffer von vorhin haben Blut geleckt."

"Natürlich, aber einer von ihnen wird dort warten."

Beiläufig berührte ich die Waffe unter dem Jackett. "Dann sollte ich wohl den Hundefänger anrufen."

Auf ihre Lippen stahl sich ein Lächeln. "Viel Glück. Aber es gibt noch einen anderen Ausgang, einen, den sie nicht beobachten."

"Wo ist der Haken?"

"Kein Haken, Roger. Du musst mir nur nach unten folgen, von dort aus kann ich dich sicher nach draußen bringen."

"Keine Chance, Rose. Ich werde keinen Schritt in die tieferen Kreise setzen." Dabei wurde ich das Gefühl nicht los, dass sie selbst das Trio auf mich aufmerksam gemacht hatte.

Das Amüsement in ihrem Gesicht blieb: "Dann kann ich dir nicht weiterhelfen, Roger."

Da war wieder das Ziehen um mein Einschussloch und für einen Moment hatte ich das Gefühl, der komplette Club schaute mich aus lodernden Augen an.

So ähnlich musste sich ein Diplomat im Feindesland fühlen, dessen Immunität gerade aufgehoben worden war. Ich schüttelte das Unbehagen ab, die Leute hier waren zu sehr in ihre Abartigkeiten vertieft. "Gut, dann zeig mir wenigstens den Hinterausgang." Ich glitt vom Hocker, auf Hut und Mantel konnte ich verzichten.

"Du bist ein Sturkopf." Rose zuckte die Schultern, leerte ihr Glas und winkte mich, ihr zu folgen. Hinter einem der Durchgänge erreichten wir die Toiletten, die höchstens von den Angestellten benutzt wurden, wenn überhaupt. Die Toten hatten dafür keine Verwendung mehr. Das tat dem Gestank hier jedoch keinen Abbruch. Eine Mischung aus vergorenen Abfällen und Chemie, genug, selbst meine Augen tränen zu lassen.

"Was ist das hier, ein direkter Zugang zur Unterwelt?"

"Würde es dich überraschen? Das wäre übrigens auch ein Weg hier raus. Da sind wir." Sie zeigte auf eine Metalltür nach draußen, reichlich verbeult, als hätte jemand verzweifelt versucht, sie aufzubekommen. Ich konnte die Empfindung nachvollziehen. "Du kommst direkt in eine Gasse, der du nach links folgen musst."

"In Ordnung." Konnte ich ihr trauen, oder spielte sie nur mit mir?

"Lass dich mal wieder blicken." Rose presste mich noch einmal an sich, ich passte auf, dass sie mir nicht noch die 32er aus dem Holster zog. "Keine Bange, ich will dich nicht entmannen."

"Da bin ich beruhigt. Warte einen Moment." Ich hastete zur Damentoilette zurück und stieß die Tür auf. Dort gab es Fenster zur Gasse hin. "Okay, zähl bis dreißig und dann mach die Hintertür mit einem Ruck auf." Rose nickte und ich warf ihr eine Kusshand zu. Dann stürmte ich zurück, eine Hand vor dem Mund. Der Gestank hier war kaum auszuhalten und kam aus den Kloschüsseln, zusammen mit einem rötlichen Glühen. Ich vermied den Blick hinein, klappte den Deckel zu und hoffte, dass er nicht unter meinem Gewicht zerbrach.

Das Fenster war schmal, aber ich passte hindurch. Rose durfte so bei zwanzig sein. Ich nahm die Waffe in die Linke, mit der anderen umfasste ich den Griff. Er ließ sich drehen, blieb zu hoffen, dass es nicht klemmte. Jetzt! Hinter mir hörte ich, wie die Tür so heftig aufgerissen wurde, dass sie gegen die Wand krachte. Ich bekam das Fenster mit einem Ruck auf und lehnte mich vor, um zu sehen, ob der Boden frei war, dann schwang ich mich hinaus. Bei der Landung schoss sengender Schmerz durch meinen verletzten Knöchel, aber ich biss die Zähne aufeinander, rappelte mich auf und begann zu rennen. Die Gasse war schmal, ich schrammte an der schmutzigen Wand entlang, trat in eine Pfütze und wäre beinahe über eine Kiste auf dem Weg gestolpert. Und hörte den Lärm hinter mir. Es waren ein dumpfes, animalisches Grollen und das Kratzen von Klauen auf dem Asphalt. Wenigstens konnte ich in der Dunkelheit nichts weiter erkennen, aber aus meiner Erinnerung stieg das Bild eines monströsen Hundes auf, mit geiferndem Maul und enormen Reißzähnen.

Die 32er in der Hand stürzte ich weiter. Ich hatte nur eine ungefähre Ahnung, wo ich mich befand, meine Verfolger hatten eindeutig einen Reviervorteil. Wenn ich es heil aus der Gasse schaffte, war ich noch lange nicht in Sicherheit.

Als das Vieh hinter mir anfing zu rennen, hörte es sich an, als würden die Krallen den Boden aufreißen.

Ich prallte gegen einen Müllcontainer, genau mit der verletzten Schulter, taumelte daran vorbei. Bei dem Krach, den ich veranstaltete, würden auch die anderen beiden wissen, wo die Beute zu holen war. Dahinter gab es eine enge Abzweigung, links hoher Zaun, rechts Mauer. Ein wenig Licht aus einem einsamen Lagerhaus. Besser als die Schwärze geradeaus.

Kaum hatte ich die ersten Meter hinter mich gebracht, sprang das Wesen auf den Container, der unter seinem Gewicht erbärmlich knirschte. Und es begann zu heulen, ein roher, aggressiver Laut. Ich warf einen Blick zurück und sah den Schatten, der sich in die Gasse zwängte. Das Ding war zu massig und kam nur mühsam vorwärts, indem es den Zaun zerfetzte. Und zu blöd, um mir auf der anderen Seite davon nachzusetzen, oder in seiner menschlichen Gestalt aufzuholen.

Der Durchgang endete abrupt auf einer Kreuzung. Mondlicht stahl sich durch die Wolkendecke. Das Wrack eines Greyhound-Busses stand auf der Straße, auf dem Areal dahinter erstreckte sich etwas, das in der Dunkelheit wie ein Klärwerk aussah. Keine Menschenseele war unterwegs, das einzige, das die Schergen der Vereinigung zur Räson gebracht hätte. Schlechte Publicity sprach zwar für sie, aber Leute auf offener Straße anzufallen, mochte die potentielle Kundschaft irritieren. Wenn ich es nur in einen belebten Teil schaffte … Indem ich in einem Bogen nach links lief, musste ich wieder auf die Hauptstraße gelangen und von dort aus Dead End hinaus. Viel Zeit für eine Entscheidung blieb ohnehin nicht, also setze ich mich in Bewegung.

Es fiel vom Himmel. Oder sprang von einem Fabrikdach. Jedenfalls schlug es plötzlich ein paar Meter vor mir auf. Die schiere Wucht und die Krallen ließen den Asphalt reißen. Eine Masse aus Muskeln, drahtigem Fell, Fangzähnen und lodernden Augen.

Mir rutschte das Einschussloch in die Hose, die Dinger waren seit damals keinen Deut niedlicher geworden. Wir standen uns einige Sekunden gegenüber, starrten uns an, dann stieß der Höllenhund ein markerschütterndes Brüllen aus. Fauliger Atem und Geifer strichen über mich hinweg. Die Reißzähne hatten die Länge meiner Hand und fluoreszierten gelblich. Ein Blick in das aufgerissene Maul war ein Vorgeschmack auf den Höllenschlund. Eine Klaue stieß in die Höhe, um mir im nächsten Moment den Leib aufzuschlitzen.

Ich schoss, ohne richtig zielen zu können. Hielt einfach auf die Bestie drauf. Spürte den Rückstoss, der Knall war gegen das Brüllen kaum zu hören. Der Hieb fuhr neben mir nieder, als das Ungetüm vorwärts kippte. Kein tödlicher Treffer, das Ding zuckte und schrie. Ich war nicht sicher, was die Patrone bewirkte, aber es sah aus wie immense Schmerzen. Höllenqualen, falls der Hund so etwas empfinden konnte.

Ein paar Augenblicke stand ich wie gebannt da und starrte auf den sich windenden Koloss, dann vernahm ich den Lärm aus der Gasse. Ohne mich umzusehen, fing ich an zu rennen. Die Straße entlang, so schnell ich konnte. Angst trieb mich an. Die Meute musste nun richtig sauer sein. Eine vor langer Zeit getötet, ein anderer mit einer mystischen Kugel im Leib, geschmiedet aus der Seele eines Unglücklichen. Die Köter wussten die Ironie wohl kaum zu schätzen.

An der nächsten Kreuzung blieb ich stehen und blickte zurück. Niemand folgte mir. Wie es aussah, stand eine humanoide Gestalt neben dem gefällten Monster. Ehe ihre Anteilnahme nachließ und sie Ursachenforschung betreiben konnte, setzte ich mich ab.


Mein Knöchel war noch nicht wirklich wieder in Ordnung, die Rennerei der vergangenen Nacht nistete noch darin. Grund genug, den Fuß ein wenig hochzulegen, der geeignete Ort dafür war das Diner. Eine dampfende Tasse Spülwasser, eine Zeitung aus dem letzten Jahr und Veras Fürsorge. Was brauchte man mehr?

"Muss ja ein wildes Date gewesen sein, ich hoffe, die Dame lebt noch."

"Seien wir lieber froh, dass ich noch existiere."

"Klingt nach der großen Liebe. Es gibt bestimmt ein Wiedersehen."

"Die Dame war doch nicht mein Geschmack, viel zu viele Haare."

"Als Privatdetektiv sollten Sie nicht nach Äußerlichkeiten gehen. Geben Sie ihr eine zweite Chance."

"Dann wäre hier in Zukunft ein Tisch frei." Ich sah mir ihre Äußerlichkeiten an. "Keine Haare an der falschen Stelle, mit uns könnte es vielleicht was geben."

"Langsam, langsam. Ist das ein Angebot?"

"Wir müssten uns natürlich noch über innere Werte einig werden."

"Müssten wir das?" Unsere Blicke begegneten sich, als das Telefon schrillte. "Ich muss da dran gehen."

"Ich warte hier."

Vera nickte: "Gut." Dann eilte sie zum Apparat hinüber, nur um mir direkt zuzuwinken. "Dringend!"

Die Magie des Augenblicks war dahin, Vera musste sich ohnehin um neue Gäste kümmern.

"Cross hier, was gibt es?"

Die Verbindung war schlecht, aber die Stimme dennoch unverkennbar. Ihr konnte der Zerfall des Totenreichs nichts anhaben. "Ecke Gallow und Deep Burrow, Nummer 27. Die Frau heißt Sophie Carpenter."

"Was ist mit ihr, Malcom?"

"Steht ganz oben auf unserer Liste."

"Irgendetwas Auffälliges?"

"Nichts. Trotzdem möchte ich, dass du ein Auge auf sie hast."

"Ich werde mich darum kümmern. Wie sieht sie aus?"

"Ende Zwanzig, Rubensmodell, rote Haare. Hast du etwas aus dem Gespräch mit meinem Außendienstler ziehen können?"

Als ob Duncan ihm nicht schon alles erzählt hätte. "Nein. Und wenn ich meinen Quellen trauen kann, hat die Vereinigung auch nichts damit zu tun."

Es entstand eine scharfe, kleine Pause. "Solchen Quellen kannst du nie trauen."

Wem konnte ich schon trauen? Nur mir selbst. Hoffte ich wenigstens. "Werdet ihr etwas unternehmen?"

"Nicht mehr, als wir bereits tun."

Also wurde eine undichte Stelle im Büro weiterhin ausgeschlossen. Oder mit mir als Außenstehendem nicht besprochen. "Ich werde gleich zu der Carpenter rüberfahren."

"Sprich mit ihr, such nach Ungewöhnlichem, aber nichts von den Morden, verstehst du?"

"Wenn es sie schützt …"

"Dafür bist du da. Alles andere würde nur ihren Weg erschweren."

Wieder die Frage, um was es dem Büro eigentlich ging? Das Individuum an sich schien nicht zu zählen, nur der letztendliche Abschluss. "Ich habe bereits einen Klienten."

"Dann hast du nun zwei. Außerdem hängt das doch alles zusammen."

"In Ordnung. Falls ich etwas finde, melde ich mich. Soll ich das Büro erwähnen?"

"Nicht unbedingt. Aber mach, wie du es für richtig hältst. Danke, Roger. Bis dahin."

Ich hängte ein und starrte eine Weile aus dem Fenster, ohne wirklich etwas zu sehen. Mir war nicht klar, wie ich Sophie vor etwas wie dem Ding auf der Klippe beschützen sollte. Da würde ich wohl improvisieren müssen.

"Wie sieht es nun aus mit den inneren Werten, Herr Detektiv? Irgendetwas gefunden?"

"Reichlich, das ist mein Job." Ich sah sie an: "Die müssen wir jedoch zu einem späteren Zeitpunkt ans Licht holen."

"Wieder eine holde Maid in Nöten?" Schwang da ein Anflug von Eifersucht mit?

"Hoffentlich nicht. Meine Rüstung ist völlig verbeult. Ich schaue bald wieder vorbei, Vera." Wir lächelten uns zum Abschied an, ehe ich mir Hut und Mantel schnappte und den Laden verließ.

Mein Weg führte mich runter zum Hafen und den Fluss entlang. Ein paar Kähne dümpelten auf der grünen Brühe, die Ladekräne ragten verlassen in den Himmel. Vor den Lagerhallen herrschte nur wenig Betrieb. Alte Holzkisten und Fischernetze gammelten vor sich hin, Reihen verrosteter Container stapelten sich daneben. Gelegentlich tutete eines der Tang verseuchten Schiffe. Flussaufwärts lag der eigentliche Hafen mit seinen großen Frachtern und Passagierschiffen, die meisten davon Wracks, die nur der gute Wille über Wasser hielt.

In die andere Richtung wurde das Treiben auf dem Fluss beschaulicher, dorthin wollte ich. Vorbei an der Hebebrücke, deren eine Hälfte sich auf Gedeih und Verderb nicht mehr absenken ließ.

Ich stieg zur Six Feet Station hinauf und wartete auf die nächste Hochbahn. Die Bänke hatte man geklaut oder es hatte sie hier drüben nie gegeben. An den Wänden klebten Schichten uralter Plakate, ihre Motive so verblasst wie die Passagiere davor. War die neu gebaute Linie ins Vista Resort das Sahnehäubchen der städtischen Infrastruktur, befand ich mich hier im ungenießbaren Bodensatz. Die ganze Station zitterte bedenklich, als der nächste Zug einfuhr.

Die Hochbahn rumpelte in einer Schleife durch die Viertel neben dem Fluss, sammelte verlorene Seelen ein und spuckte sie wieder aus. Manchmal zog sie es auch vor, den Dienst zu versagen. Seltener brach ein maroder Teil der Schienen ein und riss einen Schwung Fahrgäste in die Tiefe.

Mit ihrem Rattern und Kreischen verlieh sie dem Stadtteil Charakter, einer, der labil war wie der eines Psychopathen. Ich sah aus dem Fenster, ließ die Tristesse aus Grau und Braun auf mich wirken. Mehrstöckige Wohnhäuser, eine Mall, brachliegende Grundstücke. Ecke Gallow stieg ich aus und lief ein kurzes Stück zwischen den Pfeilern der Hochbahn entlang. Haus Nummer 27 lag unmittelbar daneben, aus den oberen Stockwerken konnte man die Fenster der Waggons putzen. Erleuchtung hatte wohl nichts mit meditativer Ruhe an idyllischen Plätzchen zu tun.

Laut Türschild wohnte Sophie mit direktem Blick auf die Gleise. Ich klingelte, aber niemand reagierte. Die Haustür hatte sich völlig verzogen und schloss nicht, also ließ ich mich mit einem freundlichen Tritt selbst ein. Falls sie wirklich nicht da war, konnte ich einen kurzen Blick riskieren. Vielleicht hätte Malcom mir ein wenig mehr über Miss Carpenter erzählen sollen. Aber vermutlich plauderte er einfach nicht über Interna.

Der Flur war sauberer, als die Umgebung vermuten ließ, die meisten der Wohnungen waren bewohnt. Im dritten Stock war alles ruhig, abgesehen von der Hochbahn, die vorbeidonnerte. Das ganze Haus begann zu vibrieren, die Scheiben klirrten. Das Gebäude stand so dicht an den Gleisen, dass ich die Gesichter der Passagiere an mir vorbeiziehen sah. Dann war der Spuk auch schon vorbei. Wenigstens für die nächste Viertelstunde. Die Mieten hier mussten zu Lebzeiten spottbillig gewesen sein.

Ich brauchte nicht zu klopfen, um zu wissen, dass Sophie mir nicht aufmachen würde. Das Gefühl des Grauens strömte mir bereits entgegen, noch ehe ich auf dem Fußabtreter stand.

Einen Moment horchte ich reglos, aber es blieb still. Langsam zog ich die Automatik hervor, nach der Nacht im Nine Rings hatte ich die verbliebenen zwei Spezialpatronen nicht aus dem Magazin genommen. Meine Hand legte sich auf den Knauf, drückte die Tür auf. Sie war nur angelehnt. Das Brennen in meiner Brust war sofort da.

Vor mir lag ein enger Flur, links das Bad, rechts Schuhregal und Wandspiegel. Die Tür zum Wohnraum hing schief in den Angeln. Ich ging darauf zu, bis zum Zerreißen gespannt. Hielt inne, als meine Fußspitze etwas berührte. Ich war in eine kleine Pfütze Schleim getreten, der blaurosa Fäden zog. Nicht gut.

Mein Hals war wie zugeschnürt, obwohl ich nicht gehängt worden war. Die nächsten Schritte führten mich in einen Alptraum. Wände und Boden waren bespritzt mit Ektoplasma, große Klumpen davon auf Teppich und Sofa. Das, was von Sophie übrig geblieben war. Ihre Ermordung konnte noch nicht lange zurückliegen. Der Kampf war ähnlich brutal verlaufen wie bei Jill. Die Einrichtung lag in Trümmern, das Sofa war zerfetzt, ein Schrank umgestoßen. Unter meinen Sohlen knirschte Glas. Ich hatte das Gefühl, als würde der Raum rapide schrumpfen. Die Panik war so immens, dass ich mich zum Weitergehen zwingen musste. Die Tür zum Schlafzimmer stand offen. Was, wenn der Killer noch hier war? Ich biss die Zähne zusammen und hob die 32er. Die grauenerregende Atmosphäre war beinahe physisch, kratzte über meine Haut.

Mit einem Schritt war ich im Nachbarzimmer, ließ meinen Blick dem Kreisen der Waffe folgen. Nichts. Das Bett war zerwühlt, ein Schrank stand offen, das Fenster ging zu den Schienen. Eine Wand war voll geklebt mit bunten Bildern des Universums.

Blieb noch die Küche, nur zur Sicherheit. Das Ektoplasma löste sich wie im Zeitraffer auf und hinterließ nur leichte Verfärbungen auf dem Untergrund. Niemand hier, eine lauwarme Kaffeekanne stand auf dem Herd.

Ich spritze mir das Gesicht mit kaltem Wasser ab, das nur widerwillig aus dem ächzenden Rohr kam. Zuckte erschreckt hoch, als der nächste Zug vorbeidonnerte.

Müde lehnte ich mich gegen den Kühlschrank, hier drin war es nicht ganz so schlimm. Ich würde Feldon anrufen, damit er ein paar seiner Kumpels von der Mordkommission rüberschickte. Danach Malcom, um ihn über das vorzeitige Ende meines Jobs zu unterrichten.

Unbewusst rieb ich mir über die Brust, nicht viel und ich würde das Röhren der Luger hören. Zeit, zu verschwinden.

Wenn es in dem mörderischen Durcheinander Spuren gab, sollten sich die Cops darum kümmern. Mir war nichts aufgefallen und mehr sich zersetzenden Schleim brauchte ich für heute nicht. Wie Sophie wohl ihren Weg beschritten hatte, von dem man sie mit brutaler Gewalt gezerrt hatte? Vielleicht Transzendentale Meditation.

Die Wohnungstür kam mir vor wie das Portal zurück ins Leben. Und kaum stand ich im Türrahmen, schnitt jemand die Nabelschnur ab. Fast zwei Meter groß, aus wabernden Schatten, wie aus dem Nichts aufgetaucht. Dem Ding fehlte jedwedes Detail, es war nur ein humanoider Umriss - kein Gesicht, kein Kleidung, nur Schwärze. Das Grauen aus dem Zimmer verdichtete sich darin.

Mir blieb keine Zeit zu reagieren, der Schrecken saß viel zu tief. Das Wesen holte aus und traf mich an Schulter und Brust. Haut und Fleisch wurden weggefetzt, ehe mich die schiere Wucht zurückschleuderte. Ich prallte gegen die Wohnzimmertür und riss sie vollends aus den Angeln, als ich zu Boden ging. Der Schmerz in meinem Oberkörper ließ mich aufschreien. Die Wunde brannte wie die Hölle, aus den tiefen Kratzern quoll Blut auf meinen Mantel. Anders gezielt, hätte mir der Schlag den Kopf abgerissen. Aber es wollte mich nicht sofort töten.

Mühsam stützte ich mich auf die Ellenbogen, mein rechter Arm war kaum einsatzfähig. Der Angreifer wartete eine Sekunde, fast als begutachtete er den angerichteten Schaden, dann trat er in den Flur.

Ich robbte von ihm fort, unfähig, auf die Füße zu gelangen. Das Ektoplasma unter mir war nicht mal eingetrocknet, bevor meins dazu kommen sollte. Ich stieß gegen den umgekippten Sessel und schob mich daran in die Höhe. Mit der Linken zog ich die Automatik aus dem Holster. Zwei Geisterstopper, von denen ich nur hoffen konnte, dass sie auch gegen Schattenwesen halfen.

Das Ding ließ sich nicht einschüchtern, sondern stapfte einfach näher. Ich feuerte und sah das Holz des Türrahmens splittern. Eine Chance noch, ansonsten konnte ich antesten, ob es die Verdammnis wirklich gab. Ich visierte den Kopf an und drückte ab, die 32er tanzte in meiner Hand.

Ich sah die Patrone zwischen Hals und Schulter eindringen, aber es gab keine Wunde, nichts. Das Wesen wankte nicht einmal, holte einfach aus und hieb mir die Waffe aus der Hand. Etwas Scharfes schnitt mir dabei den Unterarm auf.

Abrupt stieß ich mich ab und ließ mich nach hinten über den Sessel fallen. Landete unsanft, kam aber diesmal gleich wieder auf die Beine und stolperte in Richtung Schlafzimmer. Im offenen Kampf hatte ich keine Chance, Flucht war durchaus legitim. Hinter mir krachte der Sessel gegen den Türrahmen. Ich erreichte das Fenster und zerrte es in die Höhe. Das verdammte Ding klemmte, wie es sich für ein Fenster im Totenreich gehörte. Das Geräusch, als die Klauen den Sessel zerfetzten, verlieh mir die nötige Kraft, es dennoch aufzustemmen.

Vom Fensterbrett aus sprang ich den halben Meter zu den Schienen hinüber. Die Richtung war mir gleich, ich rannte einfach. Oder besser, ich versuchte es, ohne mir die Füße zu brechen. Neben mir ging es acht Meter in die Tiefe. Mit meinem ramponierten Knöchel war ein Sprung nur der letzte Ausweg.

Ich hatte etwas Boden gutgemacht, als hinter mir das Fenster barst. In einem Regen aus Glas und Holz katapultierte sich der Schatten auf die Gleise. Ich geriet ins Straucheln, schlug hart auf und kam nur mühsam wieder hoch. Irgendwie musste ich die nächste Haltestelle erreichen.

Aber mein Verfolger rückte stetig näher. Unter mir spürte ich plötzlich das Vibrieren eines nahenden Zuges und als ich aufblickte, kam die Lok bereits um eine Kurve auf mich zu. Sah verdammt viel größer aus als vom Bahnsteig aus. Hastig blickte ich über die Schulter zurück, das Wesen war vielleicht zehn Meter hinter mir. Ich biss die Zähne zusammen und lief weiter, geradewegs auf die Hochbahn zu. Der Lokführer klebte wie ein Gespenst hinter der Scheibe. Noch ein Stück weiter. Ich riskierte einen weiteren Blick, das Monster war ein Stück näher gekommen. Mehr ging nicht. Mit aller Kraft stieß ich mich ab und sprang auf das Nebengleis, ehe mich die Bahn überrollen konnte. Der Zugverkehr hierzulande war nicht gerade bekannt dafür, wegen Personen auf den Gleisen die schlecht funktionierenden Bremsen zu ziehen. Die Waggons donnerten vorbei, der Fahrtwind zerrte an meinem Mantel. Im nächsten Moment rappelte ich mich schon wieder auf. Das Ding hatte ebenfalls einen Gleiswechsel vorgenommen, anstatt unter die Räder zu geraten. Ich fluchte. Die Luft hier oben würde dünn, bis zur nächsten Station würde ich es nicht schaffen.

Über dem nächsten Stahlpfeiler ging ich in die Hocke und ließ mich an der Seite hinab. In meinem Zustand war es ausgeschlossen, vor meinem Verfolger unten anzukommen. Abgesehen vom freien Fall. Wenn ich mich jedoch auf den Fahrplan verlassen konnte und es mir gelang, Schattenköpfchens Aufmerksamkeit ein paar Minuten zu fesseln, während er dort oben saß …

Schon auf der ersten Querstrebe rutschte ich ab und baumelte einen Moment an meinem gesunden Arm, ehe meine Füße wieder Halt fanden. Als Köder machte ich mich nicht schlecht. Ich durfte nicht zu weit hinabsteigen, um ihn nicht von den Gleisen zu locken. Als ich nach oben blickte, war das Ding schon da! In seinem Kopf wirbelten schwarze Schlieren umher. Eine Klaue streifte meinen Hut, etwas Hartes traf mich am Hinterkopf. Ich rutschte unfreiwillig ein Stück abwärts, außerhalb seiner Reichweite. Es fasste noch zweimal erfolglos nach mir, dann schob es ein Bein über den Rand.

Wo blieb dieser verfluchte Zug? Mit zusammengebissenen Zähnen hangelte ich mich um den Pfeiler herum, unter den Gleisen entlang. Das Wesen zögerte, beobachtete mich durch die Schwellen hindurch.

Das Metall unter meinen Finger fing an zu zittern. Jetzt musste ich ihn ablenken. Am besten, in dem er mich kriegen konnte. Auf der anderen Seite machte ich mich daran, nach oben zu klettern. Und er wechselte die Seite, beugte sich hinab. Die Klaue kam näher, aber ich duckte mich weg. Das Herandonnern des Zuges war nun deutlich zu spüren, ich hörte bereits das Kreischen der Räder.

Das Vieh sah sich danach um. Just in diesem Moment verkeilte ich mich mit der lädierten Schulter zwischen zwei Streben und griff mit der gesunden Hand nach seinem Arm. Die Berührung brannte auf meiner Haut. Ich schrie auf, ließ aber nicht los, sondern zog mit aller Kraft.

Für eine Sekunde wankte es, verlor aber nicht die Balance. Stattdessen packte mich die Klaue am Arm und versuchte mich in die Höhe zu reißen. Ein Ruck ging durch meinen Körper, aber ich blieb wo ich war. Die Schmerzen waren kaum auszuhalten. Der Lärm über mir ebenfalls nicht. Die Bremsen kreischten, Funken regneten über mich herab. Dann war die Hochbahn da. Raste in das Schattenwesen hinein. Ich spürte den Aufprall. Spürte, wie es fortgerissen wurde. Einen Moment glaubte ich, es wollte meinen Arm mitnehmen, anstatt loszulassen. Meine Knochen knirschten erbärmlich.

Dann war ich frei, klammerte mich verzweifelt fest, während die Waggons über mich hinwegrumpelten.

Es dauerte eine Weile, bis ich bemerkte, dass die Bahn fort und nur das Klingeln in meinen Ohren geblieben war. Wenn das überhaupt ging, war ich noch ein Stück toter als ohnehin schon. Wenigstens fühlte es sich so an. Was noch von mir übrig war, kletterte mühsam zur Straße hinunter.


Die rote Neonreklame des Hotels flackerte im ewig gleichen Rhythmus in das schäbige Hotelzimmer. Egal, ob ich die Augen schloss oder an die Decke mit dem Ventilator starrte, das Licht tanzte in meinem Hirn. Ich lag auf dem quietschenden Bett, das nichts zu quietschen hatte, da ich mich nicht rührte. Neben mir stand eine halb leere Flasche Bourbon, der zwar nicht wirkte, aber wenigstens die Erinnerung daran beschwor.

Ich hatte mich in eine miese Absteige verkrochen, in der sich niemand um irgendetwas scherte. Hier blieb ich allein mit dem Schmerz und den um sich selbst kreisenden Gedanken. Zwei, drei Tage einfach nur warten, bis die Verletzungen weitgehend ausgeheilt waren. Prellungen, Kratzer und die Klauenspuren. Und die Schnittwunde an meinem Unterarm. Sie ließ mir keine Ruhe und nachdem der Verband ab war, betrachtete ich die verschorfte, kurze Linie. Vor meinem inneren Auge spielte ich die Szene immer und immer wieder ab. Auf den Sessel gestützt, die 32er im Anschlag, der Fehlschuss, dann der Treffer. Aber keine Reaktion des Schattenwesens. Dann die Klauenhand, die meine Waffe weg schlug. Es war die rechte gewesen. Ich sah die Automatik davon segeln, spürte den kurzen Schmerz, als die Klaue mich streifte. Von links nach rechts, also mit dem Handrücken. Ein sauberer, tiefer Schnitt. Keine aufgerissene Haut wie an meiner Schulter. Seltsam. Meine Gedanken zirkelten um diesen Umstand und ich ließ sie, auch wenn ich beunruhigt darüber war, wo sie mich hinführten.

Ich teilte niemandem mit, wohin ich mich verzogen hatte, denn ich hielt den Killer trotz der Begegnung mit der Hochbahn nicht für ausgeschaltet. Er war zwar kein Toter, den man beliebig überfahren konnte, aber zu zäh, um sich ein Ticket in die Verdammnis zu ziehen. Nicht mal der Geisterstopper hatte ihm etwas angehabt. Er war noch irgendwo da draußen. Auf der Jagd nach beinahe Erleuchteten. Auf der Jagd nach mir.

Ich schwang die Beine aus dem Bett und lief unruhig auf und ab. Durch die Jalousien sah ich auf die Straße mit ihren Geschäften, Bistros und Kneipen. Alles war heruntergekommen, deprimierend. Die Passanten ließen sich nicht davon beeindrucken, sondern gingen dem nach, was sie vor ihrem Tod schon getan hatten. Es war nichts Auffälliges zu bemerken, dennoch konnte ich das Gefühl nicht abschütteln, beobachtet zu werden.

Ich musste was tun. Mir Schuhe, Hemd und Jackett anziehen war ein Anfang. Dann dem schäbigen Zimmer Adieu sagen und über das muffige Treppenhaus nach unten gehen. Im Vorzimmer hing ein Telefon, das noch Graham Bell aufgestellt haben musste. Aber es funktionierte. Ich ließ mich mit dem Büro der Erleuchtung verbinden und von Ruth direkt zu Malcom durchstellen.

"Roger? Wo zum … Wo hast du gesteckt? Sophie Carpenter ist tot! Tot, hörst du? Du solltest auf sie aufpassen! Und von dir die ganze Zeit keine Spur, kein Sterbenswörtchen."

"Ich weiß, Malcom. Ich war in Sophies Wohnung, kurz nachdem sie ermordet worden ist."

"Und du sagst mir nicht Bescheid?" Malcom hatte Mühe, seine Stimme unter Kontrolle zu halten. "Als ich nichts von dir gehört habe, musste ich einen meiner Außendienstler dorthin schicken."

"Duncan Lord?"

"Nein, eine andere Mitarbeiterin. Was war los?"

"Ich war nicht allein bei Sophie. Der Killer war ebenfalls dort. Sah fast so aus, als hätte er auf mich gewartet, ich konnte ihm gerade noch entkommen. Eine Hochbahn hat ihn angefahren, aber ich bin sicher, dass er es überlebt hat." Ziemlich sicher. "Leider musste ich nach der Begegnung erst einmal wieder auf die Beine kommen."

Malcom schwieg eine Weile. "Und jetzt? Wo bist du?"

"Bis eben noch in einem Hotel, aber ich glaube, ich habe eine Spur."

"Wirklich? Rück schon raus damit!"

"Vorher muss ich etwas überprüfen. Können wir uns später treffen?"

"Natürlich. Wann und wo?"

"In deinem Büro, sagen wir gegen sieben Uhr."

"In Ordnung, ich warte auf dich."

"Bis dahin." Ich hängte ein. Vielleicht bildete ich es mir ein, aber Malcom klang erleichtert.

Ich war noch nicht fertig und rief Feldon an. Er war unterwegs, aber ich ließ ihm ausrichten, mich verdammt dringend in meinem Büro aufzusuchen.


Selbst die Nacht strengte sich an, nicht allzu bedrohlich über Paradise View hereinzubrechen, und legte sich wie ein seidenes Leichentuch über die Villen und Gärten. Unter den Falten konnten es sich die Reichen und Mächtigen gemütlich machen, um nicht zu viel über den Tod nachdenken zu müssen. Ich hingegen trampelte darüber und hinterließ schmutzige Abdrücke auf dem Stoff.

Der Flachbau lag verlassen da, die Beleuchtung war dezent genug angebracht, um auch zur Straße hin eine sphärische Stimmung zu vermitteln. Malcom hatte mich über die Gegensprechanlage hereingeordert, niemand kam, um mich abzuholen. Ich ging über den frisch gemähten Rasen zum Haus hinauf, ohne es eilig zu haben. Das Golfwägelchen parkte vor dem Eingang.

Die Tür war nicht abgeschlossen und ich trat in den Empfangsraum. Kein blendendes Licht, nur eine Lampe hinter der Rezeption. Von Ruth keine Spur, oder von sonst irgendwem, es war totenstill. Meine Schritte hallten vom polierten Boden wieder.

"Roger, komm herein." Malcom hatte mich durch die geschlossene Tür hindurch gehört.

Ich schob sie auf und betrat sein Büro. Ohne die gleißende Helligkeit wirkte es beinahe normal, abgesehen von den Vitrinen mit den höllischen Artefakten. Bestimmt hätte mir Rose zu jedem davon etwas erzählen können. "Hallo, Malcom. Noch so spät bei der Arbeit?"

Er hatte ein paar Akten vor sich auf dem Tisch liegen. "Muss gelegentlich sein, selbst im Himmel gibt es Deadlines." Er deutete auf den Besucherstuhl.

"Alle anderen ausgeflogen?"

"Ja, ich habe sie nach Hause geschickt."

Ich platzierte meinen Hut auf eine der Vitrinen, ohne den Inhalt erneut in Augenschein zu nehmen, und setzte mich. "Außerhalb der religiösen Feiertage?"

"Manchmal." Er schloss den Ordner und legte ihn zur Seite. Unter dem weißen Jackett trug er einen dunkelroten Rollkragenpullover. Beides saß perfekt. Im weichen Licht wirkte seine Haut dunkler als gewöhnlich. "Dich gibt es also noch."

"Du weißt, wie es ist."

"Zu dickköpfig um zu sterben." Er lächelte.

"Einmal genügt." Ich schaute an ihm vorbei durch die hohe Fensterfront. Im Garten war es stockdunkel, nur im Hintergrund zeichnete sich das fahle Scheinen der Stadt ab.

"Was hast du also?"

"Vier Morde, einen nicht toten Killer, eine Schnittwunde und kein Motiv."

"Und eine Lösung?" Wir sahen uns in die Augen.

"Vielleicht. Die Toten waren allesamt geläutert. Standen auf eurer Liste, waren kurz davor, Erlösung zu finden."

"Erleuchtung. Das weiß ich alles."

"Wie auch immer. Erst einmal nahe liegend, die Konkurrenz zu verdächtigen. Nur entspricht das nicht ihren Methoden. Sie wollen die Toten bekehren, nicht umbringen. Selbst wenn, ist das Ermorden von Leuten eine Publicity, die sie nicht haben wollen. Zudem haben sie Hemmungen, sich in ihrer wahren Gestalt in der Öffentlichkeit zu zeigen. Auch die Verstorbenen fühlen sich von Höllenhunden, Dämonen und was sonst noch nicht gerade angezogen. Wenn sie dazu noch im Ruf stehen, brutale Mörder zu sein, können sie das Nine Rings gleich schließen. Ihr Herangehen wäre folglich subtiler."

"Überschätze sie nicht."

Ich ignorierte Malcoms Bemerkung. "Wenden wir uns einem anderen Personenkreis zu, der es mit Morden tatsächlich nicht so genau nimmt. Die Handschrift des Täters könnte durchaus auf einen Serienkiller im klassischen Sinne hinweisen, fixiert auf diese spezielle Opfergruppe. Gibt fürwahr genügend davon hier drüben. Aber zum einen sind es üblicherweise Tote, keine Schattenmonster, zum anderen dürfte es für ihn ziemlich schwierig gewesen sein, Carpenter, Clauberg und die anderen überhaupt ausfindig zu machen. Sie alle lebten mehr oder minder zurückgezogen, zumindest aber unauffällig. Sicherlich auch, weil ihr sie dazu angehalten habt, um nicht in den Fokus der Konkurrenz zu geraten. Der Mörder hätte euch observieren können, aber dann müsste er schon verdammt gut gewesen sein. Mitarbeiter wie Duncan Lord sind darauf geschult, Klientenbesuche diskret ablaufen zu lassen."

"Bist du nicht von einer undichten Stelle im Büro ausgegangen? Das wäre eine Möglichkeit, wie der Killer an die Informationen gelangt sein könnte."

"Anfangs ja. Tatsächlich ist das Wissen um die Geläuterten jedoch nie nach außen gedrungen."

"Ist es nicht?" Seinem Gesicht war keinerlei Regung abzulesen. Es war nur eine Maske.

"Nein. Es blieb im Haus, wenn du so willst."

"Das ist eine weitaus größere Unterstellung, als nur ein Mitarbeiter, der Interna verraten hat." Malcoms Blick brannte sich in mich, fast wie seine Berührung.

"Ich weiß. Aber ich wäre nicht hier, wenn ich mir nicht sicher wäre. Der Mörder kommt aus euren Reihen, nur das Motiv ist mir schleierhaft. Womöglich möchte jemand euren Schnitt versauen, sägt an deinem Stuhl."

"Du denkst zu menschlich, Roger."

"Vermutlich. Deshalb habe ich die Theorie nach meiner letzten Begegnung mit dem Wesen wieder fallen lassen."

"Warum das?"

Ich krempelte den Ärmel hoch und zeigte die dünne Verschorfung. "Sagen wir, ich hatte ein einschneidendes Erlebnis. Die stammt von meinem Angreifer, aber nicht von einer Klaue." Ich deutete auf den auffälligen Ring an seiner Hand. "Zudem war die Taktung zu eng. Die Carpenter tot, gerade als ich dort auftauchte und der Killer noch in der Nähe. Nicht zufällig, sondern um auf mich zu warten. Nur einer wusste, dass ich dort aufschlagen würde." Langsam zog ich den Ärmel herunter. "Wie fühlt es sich an, von einem Zug überfahren zu werden?"

"Nicht der Rede wert." Er saß noch immer unbeweglich da.

"Und die Kugel in deiner Schulter, hat die wenigstens weh getan? Der Kragen verdeckt die Wunde." Meine Hand glitt beiläufig zur Manteltasche.

"Eine Unstimmigkeit, man ist nicht gegen alle Überraschungen gefeit. Doch keine Sorge, deine kleine Spielerei hat keine tödlichen Auswirkungen."

"Bedauerlich, aber ich habe so etwas schon vermutet."

Er zog eine Braue hoch: "Dennoch bist du hergekommen?"

"Wer sonst könnte mir das Motiv hinter den Morden offen legen? Warum, Malcom? Warum vernichtest du die geläuterten Seelen? Warum zerstörst du eure Arbeit?" Ich umfasste den Griff der 32er. "Willst du einen Krieg mit der Konkurrenz provozieren? Oder hast du dich durch deine Sammlung für ihre Seite beeinflussen lassen?"

"Nichts davon, Roger. Die Gegenseite ist bedeutungslos."

"Was dann?"

Er zuckte die Schultern: "Was verstehst du schon von dem, was wir sind? Nichts. Woher wir kommen, warum wir hier sind. Wie es ist unter euch Toten. Euch Menschen. Umgeben von eurer Schwäche, eurer Bedeutungslosigkeit, eurem Starrsinn. Von dieser Welt aus ewigem Zerfall und Korruption. Ihr seid fern vom Leben, aber klammert euch panisch daran."

"Frustration?"

"Was für ein unzureichendes Wort, Roger."

"Wir suchen es uns nicht aus, hier zu sein."

"Nein, aber ihr seid der Grund, dass es das überhaupt gibt. Oder es ist, wie es ist. Und dann begleiten wir euch aus diesem, eurem Dreck hinaus, während wir darin zurückbleiben."

"Das ist dein Motiv dafür zu töten?"

"Nur die Spitze des Eisberges."

"Du bist verrückt, das ist alles. Vielleicht ist der Druck, den du hier empfindest, enorm. Vielleicht sind wir Verstorbene wie wir sind. Vielleicht ist dir das Totenreich aus all diesen Gründen zu wider. War es das, was deinem Vorgänger damals passiert ist? Ist er durchgedreht?"

"Sie mussten sterben für das, was sie waren."

Ich schüttelte den Kopf: "Ich hoffe, du schmorst dafür in der Hölle, Malcom."

"Das ist etwas, das für euch reserviert ist. Für dich …"

Ich sprang auf und zog gleichzeitig die Automatik hervor. "Deine Zeit hier ist abgelaufen, so oder so." Die Mündung war direkt auf seine Stirn gerichtet. "Das Büro selbst wird dir früher oder später auf die Schliche kommen."

Malcom erhob sich langsam. Er tat nichts mehr, um seine Aura zu dämpfen, ich spürte ein unangenehmes Prickeln auf der Haut. "Lass das meine Sorge sein, Roger. Du solltest dir vielmehr um dich Gedanken machen, damit kannst du mich nicht aufhalten."

Ich kniff die Augen zusammen, denn seine Konturen fingen an zu verschwimmen. Wie ein Hitzeflimmern, wenn die Sonne Schlieren auf den Asphalt warf. Mein Finger spannte sich um den Abzug. "Wir werden sehen, wie viele Kugeln du verträgst. Vor allem aber werden die Leute draußen von dir erfahren. Und deine Mitarbeiter."

Die Schatten nahmen wie im Zeitraffer von ihm Besitz. Dunkle Flecken tauchten in ihm auf, überdeckten mehr und mehr die Struktur seines Körpers. Zugleich drängte sich auch das Grauen in den Raum. "Du wirst niemandem davon erzählen können, Roger."

"Darum habe ich Vorsorge getroffen. Ich weiß doch, wie sehr du Publicity liebst. Und Augenzeugen." Ich zog die Waffe ein Stück zur Seite und feuerte. Zwei Schuss, Patronen, die keine Geisterstopper waren. Aber das Glas zerbarst nicht. Kugelsicher. Ich richtete die 32er wieder auf Malcom. Die Transformation war beinahe abgeschlossen.

"Beeindruckend." Auch seine Stimme hatte sich verändert, schien zu brodeln wie die Schatten in seinem Inneren.

Ich wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Dann erblickte ich Feldon am Fenster. Zwar hatte er das Gespräch nicht mitbekommen, aber er sah zumindest was vor sich ging. Auch er feuerte vergeblich auf die Scheibe.

Malcom blickte kurz hinüber. "Zwei Seelen, deren Wege heute enden." Und plötzlich sprang er.

Ich drückte ab, war sicher, in den schwarzen Kopf getroffen zu haben, und ließ mich im Schuss fallen.

Die Klaue verfehlte mich, aber er erwischte mich mit der Schulter. Die Wucht stieß mich zurück. Ich prallte gegen eine Vitrine, Glas splitterte und ich rollte mich im Scherbenregen zur Seite. Für einen Moment sah ich Feldon, der sich gegen die Scheibe warf. Ohne Erfolg. Gerade, als er auf die Idee kam, zum Vorereingang zu rennen oder Verstärkung zu holen oder was ein guter Bulle eben tun musste, um einen Schnüffler zu retten, packte mich das Malcom-Wesen am Fuß und riss mich in die Höhe.

Einmal schoss ich daneben, dann schleuderte es mich quer durch den Raum. Ich krachte gegen die Wand, Schmerz explodierte in meiner Brust, Sterne in meinem Schädel. Die Kavallerie musste sich verdammt beeilen. Mühsam wälzte ich mich herum. Das Schattenwesen kam auf mich zu. Die 32er lag einen guten Meter von mir entfernt auf dem Boden.

"Keine Erleuchtung für dich, Roger!" Seine Klaue grub sich in meine Schulter, zerrte mich wieder empor. Die bloße Berührung brannte schon genug, Krallen, die mein Fleisch aufrissen, brauchte ich gar nicht mehr. Ich schlug und trat, aber er schüttelte mich nur. Um mich herum verschwamm alles. Schon spürte ich die nächste Klaue sengend an meinem Hals. Er würde mir einfach den Kopf abreißen. Verzweifelt hob ich die Faust und hieb auf die Stelle zwischen Hals und Schulter, dort wo die Kugel saß. Irgendetwas musste dieses Ding doch spüren. Noch mal und noch mal. Mir schwand die Kraft, in meinem Rückgrat knackte es bedenklich. Dann lief ein Zucken durch seinen Arm und er ließ los. Malcom stieß ein tiefes Heulen aus.

Ich erkämpfte mir ein Lächeln und schlug erneut mit aller Macht zu. Doch statt mich völlig loszulassen, schleuderte er mich durch den halben Raum. Ich krachte mitten hinein in eine der Vitrinen, ging in einem Chaos aus Scherben und Blut zu Boden.

Wo blieb Feldon? Ich versuchte mich aufzurichten, aber meine Beine spielten nicht mit. Aus einer Wunde an der Stirn tropfte es mir in die Augen, ich konnte nur schemenhaft sehen. Aber hören, wie es näher kam, das Glas unter seinem Gewicht knirschte. Ein enormer, wabernder Schatten, der sich zu mir herabbeugte. Eine Klaue, die Stoff und Haut vom Bauch aufwärts aufriss, geradewegs auf die Schusswunde in meiner Brust zu.

Ich spürte die Panik aufwallen, hörte das Echo der Luger über meinen Schmerzensschrei hinweg. Noch ein Stück höher und ich war endgültig erledigt.

Blindlings tastete ich umher, zerschnitt mir an den Scherben die Finger. Versuchte eine große zu fassen, aber sie war zu glitschig vom Blut. Dann packte ich etwas, und die Zeit schien plötzlich still zu stehen. Schmerz, Erschöpfung und Lärm traten zurück, machten einem Lodern Platz, aus dem mich zahllose Stimmen wie ein Sturm anbrüllten. Meine Hand schien in Flammen aufzugehen. Sie riefen meinen Namen, ließen mich alles überstehen. Lockten, versprachen. Alles in mir lief auf dieses Lodern und Schreien zu. Wollte hineingezogen werden. Immer weiter. Bis es zu spät war. Immer, bis es zu spät war. Das war ihr ureigenster Kern. Der Nukleus der Hölle.

Ich konnte beinahe meinen Tod vergessen, den ersten. Und auch den zweiten, der mich jeden Moment erreichen würde. Malcom, Sophie, Jill, Emma … Die alte Dame, die zu mir gekommen war. Mich beauftragt hatte. Beauftragt …

Mit einemmal waren mir Schmerz und Panik wieder gegenwärtig, als wäre ich aus einem Traum hoch geschreckt. Mitten hinein in einen Albtraum. Das Schattenmonster direkt über mir, die Klaue auf meine Brust. Ich sah die wirbelnde Schwärze, spürte, wie das Grauen jede Faser meines Ektoplasmaleibes infizierte. Hob die Faust und stieß zu. Rammte den Federkiel mitten in die Stelle, wo das Gesicht hätte sein sollen.

Das Ding brüllte auf, die Klauen ließen von mir ab und fassten unkoordiniert nach dem Federkiel. Ich winkelte die Beine an, grub meine Finger in die schwarze Masse, ignorierte das Brennen und zerrte das Monster vorwärts. Eine Sekunde lang wankte es, ich befürchtete, nicht mehr genügend Kraft übrig zu haben, dann verlor es den Halt und kippte nach vorne. Halb über mich drüber, krachte frontal auf den Fliesenboden. Ich glaubte, das Knacken zu hören, als der Federkiel sich tiefer hineinbohrte, aber eigentlich war da nur das gequälte Schreien und Zucken.

Ein beißender Gestank erfüllte die Luft, Rauchfäden stiegen aus dem sich windenden Schattenleib, dann brachen Flammenzungen daraus hervor. Ich robbte mühsam fort, während das Ding wie besessen raste.

In dem Moment flog die Tür auf und Feldon stürmte herein, seine Dienstwaffe im Anschlag. Mit entsetzten Mienen starrten wir auf Malcoms Todeskampf. Die Schwärze brannte nun lichterloh, der Gestank zog in öligen Rauchfahnen durch die Tür nach draußen. Erst ließ das Zucken nach, dann das Heulen und schließlich erstarb auch das letzte Wimmern. Der Leib sank mehr und mehr in sich zusammen.

"Was zum Teufel war das?" Joe kam zu mir herüber, ohne die schwelenden Überreste aus den Augen zu lassen, und half mir auf die Beine.

"Danke für die Rettung." Ich fühlte mich, als hätte man mich einmal durch den Fleischwolf gedreht. Und sah auch genauso aus.

"Es war alles abgeschlossen und in diesen Laden einzudringen ist schwieriger, als du denkst. Was war das, Roger?"

"Die Inkarnation eines Scheißkerls." Immerhin konnte ich noch alleine stehen. Ich humpelte zu Malcom hinüber. "Und was für eine." Meine Schuhspitze berührte die verkohlte Klaue und sie zerfiel zu Asche. Ich beugte mich vor und fischte den Ring daraus hervor, ließ ihn in der Hosentasche verschwinden.

Feldon reichte mir meine Automatik. "Und jetzt?"

"Werde ich etwas nachsehen." Auf Joe gestützt, ging ich zum Schreibtisch hinüber. Die unterste Schublade war abgeschlossen. Ich nahm die 32er und zielte auf das Schloss.

"Was machst du?"

"Nachsehen, ob der Schweinehund die Wahrheit gesagt hat."

Neben uns war ein Schleifen zu hören und wir fuhren beide herum, die Waffen schussbereit. "Das würde ich an Ihrer Stelle nicht tun, Mr. Cross." Ruth stand im Durchgang zum Archiv, makellos wie immer. Wir waren ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Ich ließ die Automatik sinken. Dachte für einen Moment an die diamantene Karte in der Schublade. "Vielleicht besser so."

"Wer zum Henker sind Sie?"

"Lass gut sein, Joe. Sie ist vom Büro." Ich schob die Pistole ins Holster zurück. Eine Woge der Erschöpfung ließ mich zittern. "Wie lange stehen Sie schon da, Ruth?"

Sie kam herein, zog die Tür sorgsam zu und ging zu Malcoms Überresten hinüber. "Von Anfang an. Wir hatten ihn schon länger im Verdacht. Nach Ihrem Anruf und dem Umstand, dass er die Mitarbeiter nach Hause geschickt hat, hielt ich es für angebracht, zu bleiben."

"Und Sie haben nicht eingegriffen."

Sie zuckte die Schultern und verteilte die Asche mit der Schuhspitze, ein wenig Rauch stieg noch daraus hervor. "Es war besser, dass ein Außenstehender die … Angelegenheit … auflöst. Wir töten uns nicht gegenseitig."

"Und wenn er mich umgebracht hätte?"

"So weit wäre es nicht gekommen."

"Falls doch, hätte es Ihnen nicht viel ausgemacht, oder? Jemand, der kein Interesse an Ihrem Weg hat, ist zu vernachlässigen."

"Vielleicht, vielleicht auch nicht, Mr. Cross." Sie hielt die Hand auf: "Kann ich den Ring zurückhaben?"

Ich sah ihr direkt in die Augen, die mit dieser irritierenden Energie gefüllt waren, und gleichzeitig mit Kälte. Ob sie hinter der Fassade war wie Malcom? Nur Schatten und Geheimnisse? Oder das Gegenteil aus Licht und Hoffnung? "Bezahlung, immerhin habe ich den Mörder geliefert und für Ihre Organisation aus dem Verkehr gezogen."

Einen Moment sah es so aus, als wollte sie darauf bestehen, aber ich hielt dem Blick stand und schließlich zog sie die Hand zurück. "Ich bitte Sie beide, Stillschweigen über die Geschehnisse zu bewahren. Ich werde die Angelegenheit mit meinen Vorgesetzten durchsprechen, gegebenenfalls wenden wir uns noch einmal an Sie. Aber Ihnen ist ja kein Schaden entstanden."

"Nur kleine Unannehmlichkeiten und ein paar Seelen in der Verdammnis."

"Das tut uns leid."

"Sie hätten es verhindern können, wenigstens bei Sophie Carpenter."

"Mr. Cross, wenn wir hätten eingreifen können, hätten wir das getan. Das ist Ihnen beiden doch wohl klar."

Möglich. Dennoch verspürte ich Wut auf die Gleichgültigkeit des Büros. Aber egal was ich sagen würde, es konnte Jill nicht mehr retten. Und der Mörder hatte immerhin bezahlt. "Lass uns verschwinden, Feldon."

Joe war die ganze Zeit still gewesen und musterte Ruth mit eine Mischung aus Unbehangen und Respekt. Vielleicht rechnete er sich Chancen auf seine Erleuchtung aus. "Wiedersehen, Miss." Er nickte ihr zu.

"Auf Wiedersehen, Mr. Cross."

Ich gab keine Erwiderung, zog meinen Hut tief in die Stirn und den Trenchcoat über meiner zerfetzten Brust zusammen und humpelte nach draußen.


Ein paar Tage später fuhr ich mit einem Leihwagen raus nach Andrew's Field. Unterwegs hielt ich mitten im Nirgendwo und stapfte hinüber zu einer der Stellen, an denen die Gebeine aus der Erde getreten waren. Zahllose Knochen und Schädel, deren Augenhöhlen in den trüben Himmel starrten. Ich kniete davor und versuchte etwas aus ihnen herauszuhören, aber sie hatten nichts zu erzählen und nach einer Weile wusste ich nicht mehr genau, warum ich eigentlich angehalten hatte. Ehe ich auf den Gedanken kam, mich dazu zu legen, ging ich zum Wagen zurück.

Nachbar Tedzlav stand am Wohnzimmerfenster und starrte auf die Grabsteine hinunter. Ich winkte, aber er reagierte nicht, vielleicht hatten alle Dampfmaschinen den Geist aufgegeben.

Die Haustür stand offen und ich ging zu Jills Apartment hinauf. Stand einen Moment davor, die Hände in der Manteltasche vergraben. Das Grauen war noch immer vorhanden.

Nebenan öffnete mir die alte Dame und bugsierte mich voller Neugier auf das knarrende Kanapee. Der Karton mit den Briefen stand vor ihr auf dem Tisch. "Ich habe so auf Ihren Anruf gewartet, Mr. Cross."

"Es ist vorbei, Emma." Ich nahm den Ring aus der Tasche und platzierte ihn neben der Schachtel. Das Metall hinterließ ein Prickeln auf der Haut.

"Wie hübsch." Sie hob ihn auf und ich sah ein sanftes Zittern durch ihren ausgemergelten Körper gehen. "Was ist das?"

"Eine Trophäe. Er gehörte dem Mörder, aber er hat jetzt keine Verwendung mehr dafür."

"Das ist etwas Besonders, nicht wahr?" Sie legte ihn vorsichtig zurück.

"Mag sein. Ich will, dass Sie ihn haben."

"Und die Briefe?"

"Sie gehören Ihnen. Halten Sie Jill in Ehren."

"Das werde ich." Für einen Moment hatte die alte Dame Tränen in den Augen. "Danke."

Wir verabschiedeten uns wortlos und ich zog die Tür hinter mir zu, ließ Emma mit ihren Erinnerungen allein.

Als ich vor die Haustür trat, glaubte ich, Jill an der Straßenecke zu sehen. Aber es war Anna, die sich abwandte, als sich unsere Blicke begegneten.


Ebenfalls erschienen:


Nr. 1
Der große Sprung
Der große Sprung
Nr. 2
Ein böser Spuk
Ein böser Spuk
Nr. 3
Die letzte Reise
Die letzte Reise

© 2012 | Impressum