Sterben

Adrian & Rose


Chicago, 1922

Der Regen prasselte in dicken Tropfen gegen die Fensterscheiben, zog in dichten Schleiern durch die undurchdringliche Nacht. Mit ihm kamen die ersten Vorboten der winterlichen Kälte.

Ich ruhte auf einem ledernen Sofa, obwohl ich schon lange keine Müdigkeit mehr kannte, zumindest keine physische. Innerlich fühlte ich mich ausgelaugt, als hätte ich ein weiteres wichtiges Stück von mir unwiederbringlich verloren.

Sie lag im Nebenzimmer und starb.

Ich hatte ihr angeboten, bei ihr zu bleiben, aber sie wollte es alleine durchstehen. Der Gedanke, jemand könnte sie in diesem bemitleidenswerten Zustand sehen war ihr zuwider. Jetzt hörte ich ihr schmerzhaftes Stöhnen, ihr Erbrechen, wie in einem Todeskampf, den sie schon längst verloren hatte. Ein Übelkeitserregender Gestank drang aus ihrem Zimmer, als sich die Reste ihrer Mahlzeit und der Inhalt ihres Darms aus ihr ergossen. Es dauerte lange, bis der Körper tot war, und noch viel länger, bis es auch die Seele akzeptiert hatte. Ersterer lehnte sich verzweifelt gegen sein bevorstehendes Schicksal auf, letztere drohte in der ewigen Finsternis daran zu zerbrechen. Aber so weit war sie noch lange nicht. Erst einmal musste sie die Schmerzen der Umwandlung überstehen.

Ich hatte sie getötet.

Nicht, das es mir etwas ausmachte. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen, auch wenn sie nicht erahnen konnte, was es bedeutet, zu sterben. Meine Worte konnten nicht beschreiben, wie es war, vom Leben in den Tod zu wechseln, ohne das Leben dabei hinter sich zu lassen.


Rose schwebte in einer Art Delirium, irgendwo zwischen Leben und Tod, zwischen Sein und Nichtsein. Ihr Körper starb, und die Schmerzen dabei waren schrecklicher als alles, was sie jemals erlebt hatte. Sie flehte, dass sie endlich aufhören sollten, schrie nach dem Tod, der bei ihr war, sie aber auf perverse Art und Weise verhöhnte. Warum hatte er ihr nicht gesagt, dass es so schlimm sein würde? In ihrem Innersten rumorte es, irgendetwas brannte alles Leben aus den hintersten Winkeln ihres Körpers. Klauen zerfetzten sie innerlich, während sich etwas ein finsteres Nest in ihr baute. Oder war es nur ein Teil von ihr, der erwachte? Schweißtropfen brannten in ihren Augen, vielleicht war es auch ihr eigenes Blut, das von ihrer Stirn perlte. Ihre Hände krampften sich in das feuchte Bettlaken. Sie fühlte, wie ihr Körper die letzten Reste aus ihrem Magen und Darm abstieß, als wäre es ätzendes Gift. Galle tränkte ihren Mund, während ihr der faulige Gestank ihres eigenen Innersten entgegenstieg. Sie schrie, keuchte, stöhnte und würgte, warf sich im Bett hin und her, stieß mit den Füßen gegen Holz, kratzte sich mit ihren Fingern über den Körper, als könnte sie damit die Qualen in ihr lindern.

Dann sank sie zurück, überschwemmt von einer dumpfen Woge. Ihr war so kalt. So verdammt kalt! Aber auf eine unnatürliche Art, nichts, was sie durch Kleidung oder ein warmes Bad vertreiben konnte. Vor ihren Augen flossen die Bilder wieder zusammen.

Sie hatte mit ihm im Bett gelegen, wie so oft, sich an seine kalte Brust gelehnt und auf seinen Bis gewartet. Dieses Mal wusste sie, dass es anders war. dass die Ekstase nicht enden würde, dass er ihr alles nehmen und dann sein Blut zurückgeben würde. Ihr Herz raste vor Erwartung und sie malte sich die Unsterblichkeit aus. Er war ganz sanft; widerwillig begann er von ihr zu trinken, als würde er sich an kostbarem Nektar aus einem goldenen Kelch laben. Schauder durchliefen ihren Körper, als sie auf die Erregung reagierte, die sie ergriff. Sie lachte leise und schlang ihre Arme um seinen Hals, ehe sie in völliger Verzückung dahintrieb. Es war so wunderbar wie immer, nur das es dieses Mal eine kleine Ewigkeit zu dauern schien. Alles um sie herum verlor an Bedeutung, sie wurden zum Mittelpunkt des Universums. Sie gab sich ihm völlig hin, offenbarte ihm alles. Ihr Blut schenkte ihm Leben. Sie schwebte dahin in einer Welle der Verzückung, einem blutroten, wollüstigen Nebel, in dem sie das Schlagen ihres Herzens hören konnte.

Dann schlich sich noch etwas anderes an, unmerklich mit jedem Tropfen Blut, der ihrem Körper entwich. Es durchdrang den Nebel, fror langsam die Hitze ihres Körpers ein, erstickte die schiere Lust. Kälte; eine unheimliche, dunkle Kälte, die sich in sie hinein fraß, die alles verschlang. Rose schrie auf, als sie den Tod nahen fühlte, aber ihr fehlte die Kraft sich zu lösen, zu stark war die Kälte, die alles erfror. Der eisige Hauch griff nach ihrem Herzen, ihrer Seele und tötete sie. Es war nicht so sehr der körperliche Tod, der sie in Panik versetzte, sondern das innere Absterben. Hilflos musste sie mit ansehen, wie das Leben aus ihr entströmte, wie alles verschwand und einer undurchdringlichen Schwärze wich. Die Wärme des Lebens wurde ihr entrissen und statt ihrer blieb nur Leere und eisige Finsternis.

Es dauerte lange, bis der Tod beinahe greifbar war. Sie spürte, wie das Schlagen ihres Herzens langsamer wurde, aussetzte, sich noch einmal gegen die Endgültigkeit stellte und dann verstummte. Sie trieb in Finsternis dahin, verlassen von ihrer Lebendigkeit, bereit zu sterben, nur um dieser Schwärze und Kälte zu entgehen. Der Tod war wie ein Versprechen, wie ein warmer Kamin, an den sie sich setzen konnte. Sie mühte sich zu ihm zu gelangen, sich in seine Bestimmtheit zu geben. Alles war ihr entrissen worden.

Aber der Tod kam nicht, auch wenn sie ihm nahe war. Da war etwas anderes, das sich in die Kälte drängte und sie vertrieb. Etwas überflutete sie, durchtränkte alles, erstickte alles. Aber es war keine Wärme, wie sie gehofft hatte, nichts, was ihr Leben zurückgegeben konnte. Es war eine alles zerfressende Schwere, ein rasende Hitze, die alles in ihr rot färbte. Sie brach über sie herein und riss alle die Abgründe in ihr auf, verstopfte sie mit ihrer blutigen Zähigkeit. Und der Hunger erwachte.

Er war eine rasende Bestie, die niemals verstummen würde.

Er war eine Verheißung, die niemals erfüllt werden würde.

Er war ein Durst, der niemals gestillt werden würde.

Er war eine Finsternis, die niemals erhellt werden würde.

Das Blut tränkte ihren Mund, lief ihre Kehle hinab, brannte sich seinen Weg durch ihren frierenden Körper. Sie spürte es heiß in ihrem Innersten, wie es die Kälte vertrieb, aber trotzdem keine Linderung verschaffte, weil sie wusste, dass der Hunger so unerfüllbar war, wie die Dunkelheit in ihr tief war. Sie war, aber sie lebte nicht.

So sehr sie sich danach sehnte, der blutige Strom erstarb, die Zunge, aus der er geflossen war, entzog sich ihrem Mund, ließ sie alleine. Sie stürzte in ihre eigene Finsternis, wo niemand ihre Schreie hören konnte, wo sie einsam und verlassen mit sich und ihrem Hunger war. Sie fühlte, wie mit dem Blut etwas in ihr erwacht war, so monströs, dass sie in wilder Panik davor fliehen wollte. Aber es war viel zu sehr Teil von ihr.

Dann begann ihr Körper zu sterben und die Dunkelheit verlor an Bedeutung, nur der Schmerz brannte sich in grellen Wellen einen Weg in ihre Gedanken. Sie war tot.


Ich trat ans Fenster und öffnete es, ließ einen Schwall frischer Luft und Kälte herein. Es war ein schöner Abend, auch wenn dichte Wolken den Sternenhimmel verbargen. Das Wasser gab mir das Gefühl, als würde es alles fortwaschen - Schmutz, Tränen und Blut. Ich stand da, ließ mich durchnässen, klammerte mich an den Sims, dass es knirschte und feiner Staub zwischen meinen Finger hervorquoll, als könnte ich mich daran festhalten, um nicht in die Finsternis hinab zu stürzen. Natürlich war das gelogen, mein Fall hatte schon vor langer Zeit begonnen und in manchen Momenten hatte ich das Gefühl, als gäbe es nichts mehr, an dem ich mich festhalten könnte. Rose' leise Schrei erinnerten mich daran, dass sich die Dunkelheit in uns vielleicht leichter ertragen ließ, wenn man der Unsterblichkeit nicht alleine gegenüberstehen musste. Es war eine trügerische Hoffnung, wie sie einem ein verzweifelter Geist eingab. Aber es war eine Hoffnung.

© 2012 | Impressum