Der Herbst kam und mit ihm der Tod.
Als sich die Blätter in ihrem Farbenwechsel vom Sommer verabschiedeten, die Luft nicht mehr sonnenwarm, sondern windkühl war, trat der Tod aus dem Schatten, in dem er so manches Jahr gewartet hatte.
Er durchschritt den großen Wald und hinter ihm glitt braun das Blattwerk auf den duftig feuchten Boden.
Bald klopfte er hier und da und nahm seine bleiche Kundschaft unter seine niemals wärmende Kutte.
Endlich kam er an das Haus des Schriftstellers und klopfte.
Niemand öffnete, obwohl der Tod darin das Kratzen der Feder auf geduldigem Papier vernehmen konnte.
Er schlug erneut gegen die Tür, kräftiger nun. Im Haus erklang ein Husten, dann schlurfte jemand zum Eingang, öffnete aber nicht.
„Wer ist dort?“, fragte die zittrige Stimme des Schreiberlings.
„Ich bin es, der Tod. Öffne mir. Ich bin gekommen, dich unter meinen Mantel zu betten“, rief da der Tod.
„Ich habe dich nicht erwartet. Nicht so früh“, warf die zitternde Stimme hinter der Tür ein.
„Wer erwartet mich schon? Dennoch hast du gewusst, dass dieser Moment kommt. In ihm seid ihr Menschen alle gleich“, erwiderte der Tod sanft.
„Bitte, Herr Tod, gebt mir noch etwas Zeit, diese meine letzte Geschichte zu schreiben“, bettelte der Schriftsteller.
Der Tod mochte an diesem Tag die schönen Künste und so sprach er: „Diese eine Geschichte noch, Mensch. Wenn ihr letztes Wort geschrieben ist, bist du mein.“
Und der Tod ging fort.
Ein weiteres Jahr verstrich und es wurde wieder Herbst, ohne dass die Geschichte des Schriftstellers zu einem Ende gelangt wäre.
Der Tod, dessen Arbeit nie ruhte und dessen Zeitplan knapp bemessen war, erschien am Morgen eines kalten Herbsttages. Raureif schimmerte auf dem verlebten Laub, während die Sonne müde am Horizont erschien.
„Deine Zeit ist um!“ rief er, als er an der Tür stand und laut dagegen schlug.
Der Schreiberling blickte mit trüben Augen aus dem Fenster, den weißen Vorhang wie ein Leichenhemd über der eingefallenen Brust. Er antwortete: „Aber nicht doch, Herr Tod. Ihr verspracht mir mein Leben, solange ich an dieser Geschichte schreibe.“
„Du schreibst nun schon sehr lange daran, Mensch“, erwiderte der Tod.
„Fertig bin ich dennoch nicht“, gab der Schriftsteller zurück.
Der Tod seufzte ganz leise und ging davon, um im folgenden Jahr wiederzukommen.
Auch dieses Mal war die Geschichte nicht beendet und der Schreiber erinnerte den Gevatter wiederum an dessen Versprechen: „Ihr dürft mich nicht holen, solange ich an diesen Zeilen arbeite!“
„So versprach ich es. Aber höre Mensch: Der Tod verschont niemanden. Er lässt sich vielleicht auf ein Jahr oder auch mehr vertrösten, aber er kennt keine Gnade. Darum sollst du nur noch leben, solange du die Feder über das Papier führst. Solange du wirklich schreibst. Wenn deine Feder nicht mehr das Papier benetzt, ist deine Zeit gekommen“, sagte der Tod und trat ein.
Der Schriftsteller flehte und bettelte, aber der Tod wies stumm auf den Schreibtisch.
Mit zitternden Fingern ergriff der Mensch sein Schreibgerät und schrieb.
Er schrieb Wort um Wort, Zeile um Zeile, Seite um Seite. Er füllte das leere Papier mit seinem Leben, tränkte es mit seinen Erinnerungen, mit seinen Hoffnungen.
Wurden seine Bewegungen langsamer, beugte der Tod sich vor und blies ihm seinen kalten Atem entgegen.
Weiter und weiter schrieb der Schriftsteller.
Neigte sich die Tinte zur Neige, keimte in ihm die Hoffnung, die Monotonie des Schreibens für einen Moment unterbrechen zu können, aber wie durch Geisterhand füllte sich das Tintenfässchen wieder. War bald das letzte Blatt Papier unter seiner Feder gefüllt, wollte er sich schon zum Atemschöpfen zurücklehnen, aber da lag plötzlich ein neuer, jungfräulicher Stoß neben ihm.
Der Tod beobachtete still.
Bald schmerzte dem Schriftsteller die Hand und er wechselte die Feder in die andere. Dann tränten seine Augen und er kritzelte blind Worte danieder. Die einst schwungvollen Schnörkel seiner Handschrift waren bald nur noch zitternde Linien. Aus dem Stolz des Schreibers wurde Furcht und schließlich blankes Entsetzen, je langsamer und zäher die Worte zu finden waren.
Er schrieb in Schmerz und Angst, jedes Wort eine Verlängerung seines Lebens.
Bald war das Zimmer übersät mit beschriebenen Seiten. Sie fielen um ihn herum zu Boden wie das leise raschelnde Laub im nun dunklen Wald vor seinem Haus.
Das Kratzen der Feder schmerzte in seinen Ohren, wurde laut und lauter, bis sein Herz in dessen bröckelnden Rhythmus schlug.
Die Worte stachen in seine Augen und zernarbtem ihm die Sicht.
Doch er schrieb.
Tage und Nächte zogen vorüber, aber alles, was es für ihn gab, waren die Zeilen auf dem Papier.
Und immer weiter, immer fort.
Schließlich verloren erst die Sätze, dann die Worte und bald auch die Buchstaben ihre Bedeutung und tanzten im Irrsinn durch seinen pochenden Schädel.
Er musste seinem Körper jedes Wort einzeln herauspressen, jeden Letter seinem Blut entringend. Sie mühsam, schmerzhaft zittrig auf das wartende Papier bannen.
Jeder Buchstabe ein Lebenshauch, jeder Federstrich ein Lebensmoment.
Und dabei blickte der Tod über seine zitternde Schulter.
Noch ein Wort.
Und noch eins.
Einen Buchstaben. Einen weiteren hinzu.
So, ja, ... ein Wort.
Nur eines noch.
Als die Feder schließlich schwieg, beugte sich der Tod vor, ergriff sie und fügte ein letztes, endgültiges Wort zur Geschichte des Schriftstellers hinzu:
Ende





